Griechenland hat nun einen Primärüberschuss - leider einen nutzlosen

Auf den Primärüberschuss Griechenlands habe ich ja häufig genug hingewiesen. Nicht nur, weil er ein sicheres Zeichen für einen - zumindest rudimentär - ausgeglichenen Staatshaushalt ist. Immerhin sind bei einem ausgeglichenen Primärüberschuss die laufenden Einnahmen hoch genug, um die laufenden Zahlungen wie Rente, Gehälter, Rechnungen ... (allerdings ohne Zinsen und Tilgung auf die Schulden) bezahlen zu können.

Wichtiger am Erreichen eines Primärüberschuss war für mich aber, dass Griechenland damit die Möglichkeit gewinnt, die Zins- und Tilgungszahlungen einfach einzustellen. "Sorry, wir können nicht zahlen" (unter Umständen auch nur als Drohkulisse). Dann muss es Verhandlungen mit den Gläubigern geben, die sich hinziehen können, und am Ende irgendein Schuldenschnitt kommen. Der griechische Staat könnte trotzdem weiter funktionieren (was auch immer man in Griechenland unter "funktionieren" zu verstehen hat). Griechenland hätte (ich bin geneigt zu sagen "endlich mal") Zeit, Verhandlungen in Ruhe und nicht unter dem Druck, dass morgen das Geld ausgeht, zu führen …

Gut, bei der Einschätzung der Bedeutung des Primärüberschusses habe ich mich geirrt. Denn inzwischen bestehen die Risiken durch einen Zahlungsstopp bei den Griechenbonds nicht mehr in der Zahlungsunfähigkeit des Staats (ausgelöst durch ausbleibendes Geld aus dem Ausland), sondern im sofortigen Zusammenbruch des gesamten griechischen Bankensektors. Trotz des Schuldenschnitts für die privaten Gläubiger, durch den die Bestände an griechischen Staatsanleihen bei den griechischen Banken deutlich geschrumpft sind, halten die griechischen Banken noch ein spürbares Volumen. Sollte der Schuldenschnitt kommen, wird die EZB die griechischen Staatsanleihen nicht mehr als Sicherheit akzeptieren (können). Damit sind die griechischen Banken von der Refinanzierung defakto vollständig abgeschnitten und sofort zahlungsunfähig. In der Folge würde die Kreditvergabe und am Ende die gesamte Wirtschaft zusammenbrechen. Und aus dem eh schon desaströsen BIP-Einbruch von 25% würde einer von 40 oder 50% …

Ob meine frühere Überlegung jemals hätte aufgehen können, ist schwierig zu sagen. Es ist aber auch müßig, denn der Bank-Run, der nach einigen Monaten Ruhe im Dezember wieder eingesetzt hat (und schneller fortschreitet als jemals zuvor), dürfte die griechischen Banken inzwischen weitere 40 bis 50 Milliarden Euro Einlagen gekostet haben.


Damit ist es nun völlig utopisch, dass die griechischen Banken ein Schuldenmoratorium überleben könnten. Die 80-90 Milliarden Emergency Liquidity Assistence der EZB deutet das nicht nur an ...

Kurz: Vergesst den Primärüberschuss. Griechenland hat nun zwar einen Primärüberschuss, bleibt aber genauso abhängig vom Ausland (in diesem Fall konkret der EZB), und es ändert sich für die Verhandlungsposition Griechenlands absolut nichts. (Ein Primärüberschuss könnte zwar die Basis für einen Neustart Griechenland darstellen (siehe Buiter), aber nur im Einverständnis mit den Gläubigern. Und davon ist weiterhin nichts zu sehen.

Worüber man eventuell mal nachdenken könnte: Schuldenmoratorium durch Griechenland + Einführung einer Parallelwährung (die durchaus 1:1 an den Euro gekoppelt sein könnte). Das könnte bei einem Schuldenmoratorium eventuell gut gehen ... Ist aber ein ganz neues Thema ...

Der oben dargestellte Gedanke wird hier nochmal ganz sauber herausgearbeitet:
WaPo Wonkblog: Europe is destroying Greece’s economy for no reason at all.

Dass der Bankrun die Achillesferse für Griechenland ist, war übrigens schon Ende März zu lesen:
The Troika’s Leverage Over Greece: The Ongoing Bank Run.

Der Wonkblog Artikel lohnt sich unabhängig davon aber auf jeden Fall ...

Zum Schluss noch ein Hinweis auf einen Artikel in meinem Zweitblog, in dem ich (und geschätzte Verlinkte) den aktuellen Kompromissvorschlag zwischen Troika und Griechenland analysieren. Und irgendwie nicht verstehen, wie Tsipras darauf eingehen kann … Entweder ist es Wahnsinn, die totale Aufgabe (weil GR akzeptiert hat, dass seine Verhandlungsmacht extrem eingeschränkt ist) oder es gibt irgendeine Gegenleistung der EU, die wir noch nicht kennen (Investitionsprogramm, Schuldenschnitt oder auch nur ein Ausscheiden des IWF aus der Troika, was der IWF ziemlich offensichtlich anstrebt).

Griechenland: Ergibt das Sinn, Herr Tsipras?

P.S. Ich hoffe, wird klar, wie wichtig der Bank-Run für Griechenland ist und wie extrem die Verhandlungsposition von Griechenland dadurch geschwächt wurde. Und dann würde es sich auch noch mal lohnen, ob und wie die EZB dieses Spiel orchestriert hat ("unklar, ob griechische Banken am Montag noch öffnen") und wie (geradezu gierig) die deutschen Medien diese Gerüchte verbreitet und befeuert haben. Bis hin zu Kamerateams vor den Geldautomaten und Banken, die die Schlangen einfangen sollten, war alles vorbereitet.



Von der selbstauferlegten Zurückhaltung, an die sich die deutschen Medien gehalten haben, als unter anderem die Commerzbank 2009 mit dem Rücken zur Wand stand, war nichts mehr zu sehen. Im Gegenteil: Die Medien haben es bevorzugt noch zusätzlich Öl ins Feuer gekippt. Ich könnte jetzt pathetische Worte wählen und schreiben, dass sich die Medien sich an der europäischen Idee versündigt haben, aber ich neige ja nicht zu pathetischen … Ok, ich lass es stehen ...

(Vielleicht hätte ich den Medienaspekt nicht im P.S verstecken wollen, Medienkritik bringt oft die meisten Retweets, Artikelempfehlungen und Flattrs …)

Griechenland ist ein Fass ohne Boden. Oder vielleicht doch nicht?

Griechenland ist nicht wettbewerbsfähig: Habt ihr hundertmal gelesen und stimmte auch lange. Stimmt aber nicht mehr.

Wie komme ich darauf, wo doch alle wahlweise mehr Reformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit oder - die die aufgegeben haben - den Rauswurf aus dem Euro wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit fordern? Naja, Eurostat und einfach mal in die Zahlen schauen.

Was nimmt man dann am besten? Die Leistungsbilanz. Diese besteht im wesentlichen aus drei großen Posten

a) Handelsbilanz (Export von Gütern (Maschinen, Autos, Computers, Öl, Kohle, Lebensmittel, …) MINUS Import von Gütern)
b) Dienstleistungsbilanz (Export von Dienstleistungen (Gesundheit, Pflege, Online-Dienste, Beratung, Medien, Anzeigen, Tourismus (von Ausländern im Inland) …} MINUS Import von Dienstleistungen (u.a. Griechen, die im Ausland Urlaub machen)) (NB: Wikipedia hat im Rechenbeispiel Zinsen drin, die aber aber nicht in die Dienstleistungsbilanz fallen; das dürfte ein Fehler sein)
c) Kapitalbilanz (Import von Geld und Kapital (Kauf inländischer Aktien/Wertpapiere/Immobilien/Unternehmen, … durch Ausländer) MINUS Export von Geld und Kapital (Kauf ausländischer Aktien/etc durch Inländer; auch direkte Kreditvergabe ins Ausland) (Achtung, tricky, hier dreht sich die Import/Export-Logik um; kein Wunder, irgendwie müssen die Bilanzen oben ja wieder ins Lot gebracht werden. Länder mit positiver Handels- und Dienstleistungsbilanz haben meistens eine negative Kapitalbilanz)
d) Übertragungsbilanz, Änderung der Devisen- und Goldreserven (den Punkt ignoriere ich im folgenden)

Rechnet man die a,b und c (und d) zusammen, bekommt man die Leistungsbilanz. Diese sagt: Stimmte, Griechenland war nicht wettbewerbsfähig und/oder hat zu viel importiert. Das Interessante aber: Das stimmt inzwischen nicht mehr:


Quelle: Eurostat

Aus dem desaströsen Minus in der Leistungsbilanz von fast 15% des BIPs ist inzwischen ein kleines Plus geworden! Griechenland steht damit nicht schlechter da als Spanien und Italien.

Zu den Details: Die Handelsbilanz ist weiterhin negativ, aber nicht mehr so schlimm wie 2010. Dabei hat sich vor allem die Importseite verbessert (sprich ist dank des Monster-Sparprogramms geschrumpft). Man kann natürlich -wenn man Griechenland schlecht reden will - rein auf die Handelsbilanz schauen, diese ist aber nicht aussagekräftig, weil sie in Griechenland noch NIE im Plus war, nicht einmal annähernd. Der Ausgleich in Griechenland kam IMMER über den Tourismus, über den Geld ins Land floss. Das landet aber in der Dienstleistungsbilanz. Hier war immer der einzige Hebel für Griechenland; ich habe eine Zeitlang sogar auf die Ankünfte an den Flughäfen geschaut, weil diese einen Frühindikator für die Tourismusbranche liefern.

Zugegeben: Ein Teil der Verbesserung der Leistungsbilanz kam über die Verbesserung der Kapitalbilanz und da spielten die EU-Hilfen eine Rolle: In der Kapitalbilanz haben die Rettungsprogramme Griechenland geholfen, weil dadurch deutlich weniger Zinsen anfallen als 2010. Der Großteil der Schulden liegt nun bei EU und EZB. An diese muss Griechenland spürbar niedrigere Zinsen bezahlen als am Kapitalmarkt, teilweise ist die Zinszahlung sogar vollständig ausgesetzt. (Wohlgemerkt hat sich auch Deutschland zu solchen extrem niedrigen Zinssätzen finanziert, teilweise sogar zu noch niedrigeren als Griechenland).

Ich finde es extrem seltsam, dass der Punkt Leistungsbilanz, der die Diskussion von 2010, 2011 und 2012 bestimmte, inzwischen kaum noch erwähnt wird. War das dicke Minus in der Leistungsbilanz nicht DAS große, grundlegende Problem der griechischen Volkswirtschaft? War die Normalisierung der Leistungsbilanz nicht immer eines der großen Ziele der Troika? Warum spricht nun niemand mehr darüber?

Warum sind die Schritte, die zu diesem (es sei betont) sinnvollen Ziel führen sollten (wie Liberalisierung des Arbeitsmarkts, Senkung des Mindestlohns, …), allesamt noch auf der Agenda, auch wenn das Ziel mehr oder weniger erreicht wurde?

Daher gehen Artikel wie Griechenland muss mehr exportieren – aber was? auch leicht am Ziel vorbei. Es wäre natürlich langfristig gut, wenn Griechenland mehr exportieren würde, kurzfristig aber ist führen alle Maßnahmen, die die Wettbewerbsfähigkeit steigern, dummerweise zu niedrigeren Löhnen und weniger Inlandsnachfrage. (Btw: spätestens in der Grafik mit Exportanteil/BIP, in der Griechenland VOR Japan steht, das nun wahrlich nicht als exportschwache Nation gilt, hätte der Autor stutzig werden müssen … Da hätte einem auffallen können, dass man nicht einfach alle Länder über einen Kamm scheren kann).

Ich werde jetzt mal polemisch (aber das sind andere auch): Braucht man nun eine andere Story, um die Griechen nieder zu machen? Zum Beispiel so:

Deren Finanzämter funktionieren ja gar nicht (wenn die Griechen allerdings Beamte einstellen, blähen die Griechen den Staatsapparat auf).
Linksradikales, nicht vertrauenswürdige Kommunisten-Rocker! Die reden sogar mit Putin (wir hingegen kaufen da nur kühl kalkulierend unser Gas …)
Die Rentenausgaben sind von 11,7%/BIPs auf 16,2%/BIPs gestiegen. Die sparen ja gar nicht die Griechen, die geben sogar noch mehr aus (Dumm nur, dass allein ein Einbruch des BIPs um 25% schon dazu führt, dass aus 11,7%/BIP --> 15,6%/BIP werden. Dazu noch erzwungener Vorruhestand durch Arbeitsplatzverlust oder vorzeitige Pensionierung und Zack ist der vermeintliche Anstieg erklärt. Gastbeitrag von Alexis Tsipras: Deutsche zahlen nicht für Griechen.
Der Grieche geht mit 56 in Rente, der Deutsche mit 64 (OK, stimmt nicht, siehe dazu: Bild: Wenn die Zahlen nicht passen, werden sie passend gemacht ….
Die griechische Regierung bewegt sich nicht, wir (Europäer) haben uns massiv bewegt (siehe dazu: Griechische Regierung bewegt sich nicht? Bullshit!)
Die Grieche spart gar nicht (Unfug; griechische Staatsausgaben 2009: 124,7 Mrd. Euro, 2014: 86,2 Mrd. Euro; das ist ein Minus von fast 31%!)
Griechenland ist ein Fass ohne Boden. Ach nee, das ist ja oben widerlegt.

Was Griechenland jetzt braucht, ist Stabilität und ein Ende der Verunsicherung und Angst. Dann kämen unter anderem die Bauinvestitionen im Privatsektor (es sind ja nicht alle arbeitslos) und der Tourismusbranche wieder in Gang. Die Bauinvestitionen sind auf ein Viertel des Vorkrisenniveaus eingebrochen. Allein in diesem Sektor liegt jede Menge Potenzial für eine Aufholbewegung. Dazu benötigt Griechenland nicht einmal einen Marshallplan und ein Investitionsprogramm von außen … Es reicht die Zusicherung, dass Europa das Land nicht vor die Wand fahren lässt … Es wäre übrigens für Europa ein leichtes, die (nicht vergessen: sinkenden!!!) Defizite Griechenlands übergangsweise zu finanzieren … (siehe dazu auch Griechenland so: Haste mal 'nen Euro? Europa: Nöh, geh arbeiten!

Update (18:20):

Frank Lübberding hat sich auch so seine Gedanken über die Debatte zu Griechenland gemacht, die sich zunehmend von den Fakten entkoppelt und immer absurder wird ...

Debatte um Griechenland ein Rätsel, ökonomisch betrachtet

Update (22.06.15):

Noch zwei Links, die sich über das Wochenende angesammelt haben:

Vor allem der, weil es mal um einen konkreten Plan zur Griechenland-Umschuldung inkl. Zukunft geht:

Willem Buiter mit Plan für Griechenlandrettung

Und der zeigt ganz gut, wieso Griechenland sich stabilisiert hat. Und warum diese Stabilisierung noch nicht in eine breite Aufschwungbewegung übergegangen ist:

BÖRSE ONLINE: "Griechische Tourismusbranche: Unternehmen halten Investitionen zurück"

Warum (Staats-) Schulden weniger gefährlich sind als gedacht

oder Es geht nicht darum, wieviel Geld der Staat ausgibt, sondern wofür.

Es gibt, ganz anders als Reinhardt/Rogoff vor ein paar Jahren (übrigens fehlerhaft) errechnet haben, keine feste Grenze, ab der Staatsschulden gefährlich werden. Und auch nicht unbedingt eine, ab der das Wachstum schwächer wird.

Die Behauptung von Rogoff krankte schon immer daran, dass mit der Höhe der Staatsschulen nur ein Teil der Volkswirtschaft (neben Wirtschaft und Privaten) betrachtet wurde und noch viel schlimmer, nur eine Seite der Bilanz des Staates. Die andere Seite, nämlich das Vermögen, geht in diese Rechnung gar nicht ein. Und es macht natürlich einen Unterschied, ob Infrastruktur wie Wasser, (Auto-), Bahn etc. dem Staat oder der Wirtschaft gehört. Genauso ist es auf der Schuldenseite wichtig, wer die Schulden hält. Liegen diese im Inland (wie in Japan), sind die Staatsschulden wesentlich unkritischer als in Griechenland, wo die Schulden zu signifikanten Teilen im Ausland liegen. (Die Inländer kann man (relativ) einfach besteuern, die Ausländer nicht). Ein besserer Indikator für die Schuldenhöhe ist die NIIP (Net International Investment Position), die die Schulden der gesamten Volkswirtschaft berücksichtigt. Hier sieht man deutlicher, ob einem Land als Ganzes Überschuldung droht (Ein wenig Diskussion dazu hier). Diese ganzen Logiken werden übrigens in den Länderratings von S&P, Moodys & Co berücksichtigt, der damalige (?) Chef-Volkswirt des IWF Rogoff hatte diese wichtigen Zusammenhänge ignoriert. Das ist inzwischen relativ weit bekannt, aber sicherlich noch nicht weit genug.

Daher schadet eine neue Studie aus Deutschland zum Thema sicherlich nicht: SZ: Staatsschulden: Ursachen, Wirkungen und Grenzen (PDF!). Darin wird mit dem Mythos einer festen Grenze, ab der Staatsschulden gefährlich werden, aufgeräumt. Das finde ich aber - weil es in interessierten Kreisen schon relativ breit diskutiert wurde - gar nicht so spannend. Spannender ist dass ein anderer Punkt, auf dem ich auch gerne rumreite, ins Bewusstsein eines größeren Teils der herrschenden Klasse kommt: Es geht nicht ausschließlich um den Punkt wie viel Geld der Staat ausgibt, sondern auch wofür der Staat das Geld ausgibt:

"Für wesentlicher als die nackte Schuldenhöhe halten die Wissenschaftler etwas ganz anderes: Wofür der Staat sein Geld ausgibt - ob für Konsumtives wie Sozialausgaben oder Beamtengehälter oder für Investitionen. Sie sehen den Rückgang der staatlichen Investitionen in vielen Industriestaaten seit Beginn der 70er Jahre als wahre Gefahr für die finanzielle Lage vieler Staaten. In Deutschland wird seit einer Weile diskutiert, dass die öffentliche Infrastruktur wie Straßen und Schulen verfällt."

Leider sieht die Bilanz Deutschlands in dieser Hinsicht wirklich nicht gut aus ... Dazu vielleicht später mal etwas mehr ... Für's erste: Spread the news :)

Dank massiver Subventionen ist jedes fünfte Auto in Norwegen ein Elektro-Auto. Ist das gut?

Technology Review: E-Autos auf dem Weg zur Normalität

tl;dr des TR Artikels: Marktanteil von Elektroautos in Norwegen: 20%. Credo: Seht her, es geht.

Der Artikel lässt leider unter den Tisch fallen, wie massiv Norwegen E-Autos fördert.

a) Keine Mehrwertsteuer auf Elektroautos (ich glaube, Norwegen hat sogar noch eine Luxussteuer für teurer Autos, die ebenfalls wegfällt).
b) Keine Maut für Elektroautos (in Oslo gibt es eine Citymaut, die für Pendler 1.000 Euro im Jahr übersteigen kann).
c) kostenlose Fähren für E-Autos (für die vielen Bewohner der Inseln noch wesentlich teurer als die City-Maut).
d) vergünstigter (wohl teilweise sogar kostenloser) Strom für E-Autos.

Dazu kommen noch nicht-monetäre Anreize wie gesonderte Fahrspuren für E-Autos, Extra-Parkplätze, etc. pp.

Das Problem an vielen dieser Maßnahmen: Es sind klare Subventionen (dem Staat entgehen Steuereinnahmen). Noch wichtiger: es ist unklar, wie es weiter gehen soll, wenn erst einmal 50% oder 80% der Autos mit Strom fahren. Verzichtet der Staat dann weiterhin auf die Mehrwertsteuer auf Autos? Auf die Mauteinnahmen? Wer finanziert die Fähren, wenn nur noch 20% der Autos auf den Fähren bezahlen müssen?

Das wird wohl alles nicht passieren, denn der Staat braucht ja die Steuern,  die Mautgesellschaft die Maut, und Fährgesellschaften und  Stromkonzerne zahlende Kunden. Eine solch massive Förderung wie in Norwegen kann also nur aufrecht erhalten werden, so lange nur ein relativ kleiner Teil der Bevölkerung die Vorteile nutzt. Wird der Marktanteil der E-Autos zu hoch, werden Maut, Steuern, etc. irgendwann wieder erhoben werden müssen. Und dann stellt sich die entscheidende Frage: Sind die Preise für die E-Autos in der Zwischenzeit so weit gesunken, dass die E-Autos dann - ohne Förderung! - mit den Verbrennern mithalten können? Oder muss man auf alle Ewigkeit weiter subventionieren? Oder die Verbrenner auf alle Ewigkeit weiter bestrafen? Oder vielleicht sogar beides? Und/oder hat man am Ende das Autofahren nur noch einmal massiv verteuert?

Anders gesagt: Es sollte bei solchen Subventionen eigentlich nur darum gehen, eine neue Technologie wettbewerbsfähig zu machen. Also darum, eine alte Technologie abzulösen und durch eine bessere (aber im besten Fall nicht teurere) Technologie zu ersetzen. Um die Subventionen dann wieder einstellen zu können.

Das hat Deutschland im Fall der Photovoltaiksubventionen "vergessen" und mir scheint, Norwegen macht den gleichen Fehler gerade bei E-Autos. Wohlgemerkt, ich will nicht sagen, dass diese beiden Ziele falsch ist, ich schätze nur, dass man in beiden Fällen mit zu massiver Förderung zu früh in eine noch unreife Technologie eingestiegen ist. Gut, Norwegen kann sich das dank der Ölmilliarden aus der Nordsee locker erlauben. Die Frage muss allerdings erlaubt sein, ob es nicht etwas schizophren ist, wenn man durch die Förderung von CO2-Öl sein eigenes gutes Gewissen finanziert ... (Man könnte das Öl schließlich auch einfach in der Nordsee liegen lassen, das ergäbe es auch eine spürbare CO2-Einsparung).

Die Re-Investition der Ölmilliarden für die Förderung der E-Mobilität ist natürlich (aus weltweiter Sicht) sofort sinnvoll, wenn es gelänge, mit einem überschaubaren Einsatz von (norwegischem) Geld die Elektro-Autos so viel besser und billiger zu machen, dass sie auch in vielen anderen Ländern (ohne große Subventionen) wettbewerbsfähig werden. Dann hätte diese Investition einen Hebel entfaltet und Sinn ergeben. Ich befürchte nur, dass Norwegen und seine Politiker mehr an das gute Gewissen und den Wohlfühlfaktor denken als an den "Hebel" und die mittelfristige Markttauglichkeit der Produkte ...

Damit mir jetzt keine zu große Skepsis in Bezug auf E-Mobilität unterstellt wird, möchte ich auch noch kurz skizzieren, wie man sinnvoller fördern könnte. E-Autos sind mit der beschränkten Reichweite, den hohen Kosten für die Akkus, und der eingeschränkten Lebensdauer der Akkus entscheidenden Einschränkungen unterworfen (zumindest so lange das Aufladen noch länger als ein paar Minuten dauert). Man will (auch aus Gewichtsgründen) keine Autos mit Akkus für 600 Kilometer Reichweite bauen, wenn die Akkus 800 Kilos wiegen und 40.000 Euro kosten (und man die hohe Reichweite nur zweimal im Jahr benötigt). Ein Auto mit einem Akkusatz für 60 Kilometer Reichweite und 4.000 Euro kommt für die meisten Leute ebenfalls nicht in Frage, weil die Reichweite zu klein ist. Um eine möglichst hohe CO2-Ersparnis zu erreichen, sollte der Akku möglichst gleichmäßig und häufig genutzt werden.

Was man also suchen sollte, sind Autos, die jeden Tag (und zwar das ganze Jahr ohne Ausnahme) die gleiche Reichweite benötigen. Das kann der Zweitwagen für Pendler sein (für lange Strecken wird dann weiter das Erst-Auto mit Verbrenner genutzt), das kann das Car-Sharing Auto sein, das nur innerstädtisch genutzt wird, das kann aber auch (und hier würde ich ansetzen) der Lieferwagen des Paketdiensts sein.

Die Fahrwege von Lieferwagen sind jeden Tag die selben, die Wagen stehen jeden Tag (genauer jede Nacht) an der gleichen Stelle (dahin baut man die Ladesäule), das Auto ist ausreichend groß auch für größere Akkusätze und aus dem Einsatz der Elektroautos könnte man noch eine nette Werbekampagne machen (das Modell Elektro-Lieferwagen muss sich nicht allein aus monetärer Sicht komplett rechnen, der Imageeffekt aus dem E-Lieferwagen kommt hinzu; Privatleute können sich vom Imagegewinn übrigens nichts kaufen).

Okay, als Erster hatte ich die Idee nicht: Streetscooter, ein Spin-Off der TH Aachen bemüht sich genau darum: Elektro-Lieferwagen bauen. Und wurde Ende letzten Jahres von DHL gekauft. Ihr könntet also möglicherweise bald per DHL-Stromer beliefert werden. Wenn die Politik mitgeholfen hätte, wäre das vielleicht schon zwei, drei oder vier Jahre früher passiert. Diese "gute" Subvention und gezielte Marktanschieberei hat unsere Politik also mal wieder grandios verpennt (außer sie schiebt jetzt doch noch was nach). Wahrscheinlich bekommen wir stattdessen aber wieder einmal eine Subvention mit der Gießkanne. Es wird  einen Haufen Geld auf ein Problem gekippt. Und wenn das nichts bewirkt, kippen wir einfach noch mehr Geld darauf. Die grundsätzliche Denke "lass uns einen Teilmarkt suchen, wo wir mit so wenig Geld wie möglich möglichst viel Wirkung erreichen" scheint der Politik zu fehlen, zumindest kann ich mich spontan an keine Subvention erinnern, die mich in dieser Hinsicht überzeugt hätte.

Der zweite Markt, den ich nach guten Erfahrungen mit den E-Lieferwagen anschieben würde, wäre das Elektro-Auto-Carsharing; das könnte man auch unter Posten "ÖPNV Zuschuss" verbuchen. Und erst danach würde ich über PKWs für Privatleute nachdenken. Aber auch da nicht per Gießkanne, sondern ganz gezielt den Elektro-Zweitwagen mit geringer Reichweite (von mir aus am Anfang nur mit 50km Reichweite) für Pendler adressieren. Das sollten dann (aus Kosten-, Gewichts- und Innovationsgründen) Autos ganz ohne Verbrenner sein. Sinken die Kosten und steigt die Leistungsfähigkeit der Akkus dann wie gewünscht, kann die Politik nach und nach auch größere Reichweiten (eventuell dann auch Hybrids) in die Förderung aufnehmen.

So würde ich es machen. Was meint ihr?

Jemand hat die Diät/Medien-Industrie geprankt. Grandios.

Ich streue ja schon seit einiger Zeit einige Rants über diese ganzen Diät- und Gesund-durch-Ernährungs-Heinis ein. Wobei ich nicht sagen möchte, dass es kein gesundes und ungesundes Essen gibt. Natürlich soll man nicht literweise Cola, Kaffee und Alkohol trinken und Berge frittierter Sachen und Süßigkram essen. Nur hinter Versprechen wie "Iss diese Beeren oder dieses Gemüse, dann wirst du gesund" sind hirnrissig. Es mag ja wirklich sein, dass es so eine Wunderernährung gibt, nur gibt es quasi keine Möglichkeit, das in einem seriösen Versuchsaufbau (der wissenschaftlichen Kriterien standhält) herauszufinden bzw. nachzuweisen. Dazu fehlt allein schon das Geld für einen großen Versuchsaufbau mit ausreichend vielen Teilnehmern. Wobei selbst dann noch fraglich ist, ob man Ernährung überhaupt sinnvoll erfassen kann. Halten sich die Versuchsteilnehmer an die Ernährungshinweise oder essen sie doch heimlich etwas Verbotenes? Protokollieren sie den Versuch richtig? Ändern sich nicht während des Versuchs zig der anderen Parameter für Gesundheit (mehr/weniger Bewegung, ...).

In der Praxis führt das dazu, dass es unfassbare viele schlechte bis gruslige Studien gibt, die trotz viel zu geringer Teilnehmerzahl und zu unsicherer Ergebnisse von den Medien gierig aufgegriffen werden. Es vergeht quasi kein Tag, an dem nicht irgendein "Salz ist gut, Salz ist schlecht. Süßstoff ist gut, Süßstoff ist schlecht. Brokkoli macht dich gesund."-Artikel in der Zeitung steht. Und wenn man in den Zeitschriftenmarkt schaut, gibt es eine Menge Frauen- und zunehmend Männermagazine, die scheinbar zur Gänze aus Artikeln bestehen, die aus solchen substanzlosen Studien zwei Seiten-Artikeln machen ... Und dabei natürlich jede Recherche über die Hintergründe (z. B. zu den Geldgebern der Studie) unterlassen. (Empfehle zur Finanzierproblematik z.B. das hier: The Scotsman: Sweet firms’ links to nutrition studies probed; tl;dr: 250.000 Pfund von Nestlé, Coca-Cola, Mars, etc. für "Ernährungswissenschaftler", die u.a. die Regierung beraten)).

Ich verweise dazu auch auf zwei ältere Postings von mir:

Schöner Artikel über Korrelation und wie wenig daraus zu lernen ist.

Scott Adams: Vergesst alles, was ihr über Ernährung und Gesundheit wisst

Nun hat jemand die grandiose Idee gehabt, aus genau diesen ganzen Kritikpunkten einen Medien-Prank zu machen.

Man hat sich also einen Studienaufbau ausgedacht. Man nehme ein paar Versuchsteilnehmer, eine potenziell schlagzeilenkompatible Idee ("Dunkle Schokolade ist gesund") und ein paar Parameter, die man beobachtet. Dann teilt man die Versuchsteilnehmer in die üblichen Gruppen ein. Eine bekommt Schokolade, die andere nicht. Dann beobachtet man für ein paar Wochen (länger hält es ja eh keiner ohne Schoko aus ;) ) und dann gibt es irgendein Ergebnis.

Dass es ein Ergebnis geben wird, ist nahezu sicher, wenn man ausreichend viele Parameter beobachtet. Denn je mehr Parameter man beobachtet, desto eher wird irgendein Parameter anschlagen. Erhöhen kann man die Wahrscheinlichkeit für einen signifikanten Ausschlag, indem man die Anzahl der Teilnehmer nicht zu hoch macht; so ergibt es irgendwo einen Zufallstreffer. Außerdem wichtig, dass man keine saubere Bereinigung der Daten macht, also z.B. nach Geschlecht und Alter bereinigt. Da kann es schon zu einem Zufallsergebnis kommen, weil in einer Gruppe 60% Frauen sind und in der anderen 40% ... Oder die eine Gruppe im Schnitt 55 und die andere 40 ist.

Im Fall der "dunklen-Schokolade-Studie" war es nun so, dass ein Parameter ein Ergebnis lieferte und sogar ein statistisch signifikantes: Die Gruppe, die mehr dunkle Schokolade gegessen hat, nahm schneller ab. Wohlgemerkt nicht "mehr abgenommen", nur am Anfang schneller. Das ganze klug und prägnant formuliert und raus mit der Pressemitteilung.

(Kleine Nebenbemerkung: Statistisch signifikant bedeutet, dass die Zahlenauswertung ein Ergebnis bringt, das so eindeutig ist, dass Zufall ausgeschlossen werden kann. Das Problem dabei ist aber, dass diese "statistische Signifikanz" für das Gesamtergebnis nur ein Teil der Grundlage darstellt. Wenn die erste Stufe, nämlich die Erhebung der Zahlen nichts taugt, hilft auch eine saubere statistische Aufbereitung nichts. Dazu braucht man beides: Einen sinnvollen Versuchsaufbau (inklusive Messung) und die korrekte statistische Aufbereitung. Sobald in einem der beiden Teile schlampig gearbeitet wird, ist die ganze Studie Müll (Das was ich hier über Ernährung schreibe, gilt übrigens im Bereich der Ökonomie leider auch oft genug)).

Den Medien sind solche Überlegungen natürlich total fremd. Die "Mit-dunkler-Schoko-nimmt-man-schneller-ab"-Studie war einfach zu geil. Das bringen dann alle Medien und kein Journalist fragt mal nach und stellt die essentiellen Fragen (Wie viele Leute haben teilgenommen? Wer hat die Studie durchgeführt (haben die Erfahrung?)) oder zieht einen Experten zurate, der Ahnung hat (dann wäre zum Beispiel aufgefallen, dass das Institut, das die Studie durchgeführt hat, aus kaum mehr als einer Website bestand ...). Okay, die "Forschungskonkurrenz" zu fragen, wäre für die Medien klare Planübererfüllung gewesen, die meisten haben nicht einmal den Studienersteller kontaktiert ... Bloß keine geile Geschichte totrecherchieren ...

Bild brachte als erstes Medium mit signifikanter Reichweite die Story (sogar auf Seite 1). Damit war die Basis für eine weltweite Verteilung der Nachricht gelegt ... Die Geschichte kam danach wirklich nahezu überall.

Der ganze Prank hier schön aufgeschrieben:

I Fooled Millions Into Thinking Chocolate Helps Weight Loss. Here's How.

Ansonsten gilt weiterhin: Haltet Euch von Ernährungs- und Diätquatsch fern und haltet Euch an

“Eat Food, not too much, mostly plants”.

Mehr gibt es bei der Ernährung nicht zu beachten. Der wichtigste Teil fehlt eh noch: Bewegt Euch. Treppen statt Aufzug. Zu Fuß zum Bäcker/Briefkasten. Dann wird es schon.

Zum Schluss noch drei Links (neben dem Scotsman-Artikel oben), die ich schon lange zu Artikeln machen wollte, aber hier jetzt mal einfach verbrate, damit sie nicht ewig in der Schleife rumeiern, und weil sie passen:

Kein Hinweis auf heilende Wirkung: Die Legende vom gesunden Alkohol - Medizin - Technik - Handelsblatt (das solltet ihr natürlich ignorieren, denn kein Alk ist auch keine Lösung ;) )

Und noch spannender:

The Conversation: We’re so indoctrinated that saturated fat is bad that we don’t listen to the science

Nicht einmal der Zusammenhang zwischen der Einnahme von ungesättigtem Fett und Herzinfarkten scheint noch haltbar. Auch ist der langfristige Trend von Fettaufnahme und Übergewicht keiner, der als Beweis gilt. Denn der Anteil von Fett an der Nahrung ist in den letzten 40 Jahren gesunken, das Übergewicht dennoch immer schlimmer geworden. Es scheint eher so, als sei das Mehr an Kalorien viel entscheidender für die Zunahme von Übergewicht als die Zusammensetzung der Kalorien.

Ähnlich ist es inzwischen bei Cholesterin. Hier schlagen die Wissenschaftler, die die US-Gesundheitsbehörde beraten, inzwischen sogar vor, die Warnung vor Cholesterin aus den Ernährungsrichtlinien (die noch 2015 aktualisiert werden) komplett zu streichen. Auch die Warnung vor zu viel Zucker könnte unter Umständen kippen, zumindest wird die Warnung vor Zucker wohl überarbeitet. Es wird nicht mehr vor Zucker gewarnt, sondern vor "hinzugefügtem" Zucker. Und es wird geraten, den Zucker nicht durch Süßstoff zu ersetzen, sondern das zuckerhaltige Getränk (Cola, Limonade) durch Wasser zu ersetzen. Im Extremfall könnte es sein, dass die 2015er-US-Ernährungsrichtlinien aus nichts anderem mehr bestehen als "nicht zu viel Salz und maximal x Kalorien. Und jedes weitere Detail (wie viel Zucker, wie viel Fett, wie viel gesättigtes Fett, wie viel Cholesterin, ...) weggelassen wird. Ok, es ist unwahrscheinlich, dass es so radikal wird; wahrscheinlicher ist: Nur 2.300 mg Natrium (etwa 6 Gramm Salz) pro Tag, maximal 10% der Kalorien aus "added sugar" und maximal 10% der Kalorien aus gesättigten Fettsäuren: Scientific Report of the 2015 Dietary Guidelines Advisory Committee

(Die Cholesterin-Warnung ist übrigens nahezu sicher raus. Mich würde übrigens interessieren, wie lange die Pharmaindustrie, die Milliarden mit Cholesterinsenkern verdient, dagegen gearbeitet hat. Es ist für den Verkauf der Medikamente natürlich hilfreich, wenn Cholesterin generell als gefährlich gilt. Auch wenn zugegebenermaßen zwischen Essen von Cholesterin und Cholesterin im Blut ein großer Unterschied ist; eventuell verkaufen sich die Medikamente genau so gut wie früher ...).

Auch wenn ihr mit Sicherheit in Zukunft in den Medien permanent mit "x essen ist gesund, y essen ist schlecht" genervt werdet: Vergesst es. Achtet auf die Anzahl der Kalorien, auf die Art des Essens (frisch, natürlich) und auf Bewegung. That's it. Sich den Kopf über den Rest zu zerbrechen, hat nur einen extrem zweifelhaften Zusatznutzen.

Update (15:46):

Jetzt auch in der FAZ: Bittere Schokoladenerkenntnis.


Update 2 (20:08):

Sehr gut in Spektrum.de über die grundsätzlichen Probleme der Ernährungsstudien. Es ist dort kaum was nachzuweisen, weil Ernährung kein wichtiger Faktor für die Gesundheit ist. Also zumindest so lange man sich halbwegs vernünftig ernährt. Dann irgendwelche "Wundernahrungsmittel" reißen es mit Garantie nicht raus ...

Meinung: Essen ohne gutes Gewissen

Ein paar Gedanken zum Mann, der alleine aus seinem Keller heraus den Dow um 1.000 Punkte nach unten gejagt haben soll.

Die Story riecht komisch, sehr komisch ... 6% (oder so) Kurseinbruch beim S&P 500, ausgelöst von einem einzigen Trader? Ein (wenn auch nur temporärer) Markteinbruch mit einem Volumen von 600 oder 700 Milliarden Dollar?

Dieser Artikel eiert schon ein paar Tage in der Queue und obwohl sich die Zweifel an der Theorie schon etwas verbreitet haben, schaffen sie es doch - wenn überhaupt - nur an das Ende eines Artikels wie z.B. in der FAZ: Der Mann, der die Wall Street in die Knie zwang. Leider dürfte bei vielen Menschen eher die Überschrift in den Köpfen bleiben und nicht die Zweifel an der Einzeltäter-These. Auch wenn diese mMn ziemlich unplausibel ist.

Zuerst ein kleiner Vorabeinschub: Man sollte aufhören von einem Schaden von mehreren Hundert Milliarden Dollar zu sprechen, denn der Kurseinbruch wurde relativ schnell wieder ausgebügelt.

Zweitens: Kann ein einzelner Trader aus seinem Keller wirklich Marktschwankungen in der entsprechenden Größe auslösen? Was wäre wohl los, wenn der Iran, China oder der SchurkenstaatDesTages™ einen solchen Angriff gegen eine Weltbörse fährt? Was sagt uns das über die "Stabilität der Finanzmärkte"?

Drittes: Warum brauchen die Behörden 5 Jahre, um dem Verursacher "auf die Schliche" zu kommen und kann diesen "plötzlich" präsentieren (auch wenn eine frühere Untersuchung keinen einzelnen Schuldigen finden konnte)?

Bloomberg: How a Mystery Trader With an Algorithm May Have Caused the Flash Crash

Das ist die gängige Darstellung, die aber komisch riecht ... Ich erinnere mich noch sehr genau, dass schon kurz nach dem Flashcrash Tweets eines Accounts herumgereicht wurden und zwar von diesem:

nanexllc

Dort wurde bereits damals erklärt, wie der Flash-Crash mutmaßlich ausgelöst wurde. Das Ganze gibt es sogar als Animation (kann man ruhig 5 Minuten vorspulen, in diesen passiert noch nicht viel):



Die Orders des Traders (Mr. Sarao, 36 Jahre alt, London), der jetzt angeklagt wird, wurden schon damals rot markiert; sie waren also bekannt. In der Animation sieht man vor allem schön, dass der Algorithmus seine Aktivität offenbar schon eingestellt hatte als der Flash-Crash richtig los ging. Wenn Sarao überhaupt verantwortlich war, dann vielleicht für die ersten 10 Punkte des Rückgangs, die restlichen 50 oder 60 Punkte fanden nahezu komplett ohne ihn statt.

Um an diese Daten zu kommen brauchen die Behörden 5 Jahre?!? Das stand doch schon auf Twitter ... Und dann ignorieren die Behörden noch das "Detail", dass der Algorithmus während der Hochphase des Crashs an der Seitenlinie stand?

Ein gute Zusammenfassung dieser Fragen gibt es von Michael Lewis (Autor von Flash Boys", eines der besten Bücher über High Frequency Trading) bei Bloomberg: Crash Boys.

Noch seltsamer wird die Geschichte, wenn man sich das Vorgehen anschaut. Denn das, was der Londoner HFT-Trader gemacht hat, ist im High-Frequency-Trading ZIEMLICH normal. Man versucht entweder mit seinen eigenen Orders schneller zu sein als die anderen (in diesem Zusammenhang gibt es immer wieder Vorwürfe gegen große Banken und Broker, sie würden dieses Spiel spielen, weil sie die großen Kundenorders kennen und das über HFT "vorkaufen") oder man versucht die Gegenseite mit Scheinorders zu verwirren. Man platziert also große Kauf- und Verkaufsorders und täuscht so große Käufe bzw. Verkäufe an. Das soll dann andere Händler dazu bringen, dieser Order vorauszueilen. Diese sollen also auf den per Order "angekündigten" Zug aufspringen. Nur ist der Zug gar keiner, sondern nur eine Fata Morgana, die sich auflöst, sobald der Kurs sich dem Limit nähert. Genau das hat der nun festgesetzte High-Frequency-Trader gemacht und zwar in ziemlich großem Stil. Teilweise soll er für 40% der Volumens in einem speziellen Kontrakt auf den US-Aktienindexes S&P 500 verantwortlich gewesen sein. Auch wenn er damit weit davon entfernt war, 40% des Gesamtmarkts zu beeinflussen, sprangen wohl weitere Algorithmen auf seine Orders an. In bestimmten Marktsituationen konnte er also auf "Verstärker" hoffen, die weitere Trades in die gleiche Richtung starteten. Damit verstärkte sich der Prozess und es konnte zu dem Einbruch kommen. Es ist in diesem Zusammenhang SEHR unwahrscheinlich, dass der Trading-Algorithmus des jetzt verhafteten Traders der einzige war, der innerhalb der breiten Grauzone zwischen "gut" und "böse" agierte. Da dürften einige namhafte Akteure den Preis deutlich mehr beeinflusst haben als der "lonely trader". (Zugegeben: es gibt eine Menge Leute, die das gesamte High-Frequency-Trading in der Grauzone sehen und zwar auf der Skala ganz nahe an "böse" ... Dann müsste man aber auch die Goldman Sachsen und einen Haufen anderer Trader mit in den Knast werfen und nicht nur einen).

The 'Flash crash' trader's alleged fraud is a common market occurrence

Unabhängig von der Frage, wo man die Aktivitäten auf der Skala von "unethisch, aber noch legal" bis "illegal" einordnet, bleibt auch die Frage, ob die Aktivitäten eines einzelnen Traders relevant sein können, umstritten. Einer der Ermittler aus dem ersten Ermittlungsverfahren Andrei Kirilenko, dem auch alle Daten vorlagen, spricht ganz klar davon, dass Saraos Volumen "statistisch nicht signifikant" waren. Kurz: Saraos Trades (bzw. Limits) können eigentlich nicht der Auslöser gewesen sein. Es müssen noch andere Faktoren eine Rolle gespielt haben. Seien es andere HFT-Trader, sei es eine generelle Instabilität des Marktes.

Flash Crash - Investigators Likely Missed Clues

Das Ganze sieht ziemlich nach "die Großen lässt man laufen, die Kleinen hängt man" aus. Oder nach "wir müssen endlich mal Ergebnisse liefern. Lass uns mal jemanden verhaften". Und da wählt am besten jemanden, der keine bestens ausgebildete Rechtsabteilung im Rücken hat. Und auch jemanden, bei dem man an die Daten kommt und nicht einen wie Goldman Sachs, der in ähnlichen Verfahren schon mal seine eigenen Aufzeichnungen "verloren" hat ...

Man kann die jetzt erzählte Geschichte eigentlich kaum glauben ... Die Geschichte, die die Ermittlungsbehörden präsentieren, ist ziemlich unplausibel. Will man hier einfach nur ein (überfälliges) Ergebnis präsentieren, hat aber nicht den Mut, die großen Spieler anzugreifen? Oder will man von den eigentlichen Problemen ablenken, also z.B. davon, dass das gesamte High-Frequency-Trading (inklusive des nicht strafbaren Teils) Probleme verursacht und die Finanzmärkte zunehmend instabiler macht?

P.S.: Ich will die Aktivitäten von Sarao (oder ihn selber) nicht in Schutz nehmen. Verkaufslimits in den Markt zu legen, die man nie ausführen möchte, ist schon manipulativ. Nur war Sarao nicht der Einzige, der so vorgegangen ist. Und er war wohl auch nicht - zumindest nicht alleine - der Auslöser für den Flash-Crash, der ihm jetzt vorgeworfen wird.

P.P.S.: Wenn du den Markt manipulieren willst, dann manipuliere nach oben. Dafür verklagt dich niemand ...


Update (17:03):

Übrigens wäre der Handel mit nur vorgetäuschten Orders sehr schnell einzudämmen. Man müsste das Stornieren nicht einmal verbieten, sondern das Storno "nur" zeitlich leicht verzögern. Das Storno eines Limits würde dann nicht wie unlimitierte Orders sofort wirken, sondern mit einer Sekunde Verzögerung. Damit wäre jeder Hochfrequenzhandel mit "Fake-Orders" tot, weil das Risiko in dieser Sekunde über den Tisch gezogen zu werden zu groß würde. Man ist mit einem Storno quasi eine Sekunde handlungsunfähig, in den Systemen des Hochfrequenzhandels ist das eine Ewigkeit ...

USA: Arbeitslosenquote 02/15: 5,5% (-0,2 Vm, -1,1 Vj), 295.000 neue Jobs. Aber dicke NILF Umbuchung.

Hier (nach der Kurzversion im Januar) mein gewohnter US-Arbeitsmarktbericht:

Für den Februar 2015 veröffentlichte das Bureau of Labor Statistics einen Arbeitsmarktbericht, der unter der Oberfläche nicht so aussieht, wie es die beiden wichtigen Zahlen (die beide gut ausfielen) nahelegen. Die wichtige Zahl aus dem ersten Teil (Arbeitslosenquote aus der Household-Data) verbesserte sich nur durch eine kräftige Umbuchung in die NILFs (not in labor force). Der zweite Teil hingegen fiel durch die Korrekturen der Vormonate sogar noch besser als die wichtige Zahl (Anzahl neuer Arbeitsplätze) andeutet.

Zu den offiziellen Zahlen des Februar 2015:

Household Data, per Umfrage erhoben:

Anzahl der Arbeitslosen: -274.000 auf 8,705 Millionen,
Anzahl der Arbeitenden: +96.000 auf 148,297 Millionen

--> Arbeitslosenquote: 5,5% (-0,2 zum Vormonat; -1,2 zum Vorjahresmonat). Der positive Trend auf Jahresbasis ist weiterhin klar und in vollem Umfang intakt.

Nur relativ wenige neue Arbeitsplätze, dagegen ein deutlicher Rückgang der Zahl der Arbeitslosen. Wenn man weiss, dass die Bevölkerung in den USA wächst, ahnt man schon Böses ... Die gesunkene Arbeitslosenquote und die zurückgehende Zahl der Arbeitslosen ging nämlich nur auf die NILF-Zahl ("not in labor force", suchen keinen Job mehr, aus welchen Gründen auch immer) zurück: 354.000 AmerikanerInnen wurden zusätzlich in die NILF-Schublade umgebucht. Ohne diese Umbuchung wäre sowohl die Anzahl der Arbeitslosen als auch die Arbeitslosenquote gestiegen.

Schwenken wir rüber zur Erwerbstätigenquote (Anzahl Arbeitskräfte gesehen auf die Gesamtbevölkerung), die immer ein guter Check für die Arbeitslosenquote ist. Diese zeigte dann auch keine Verbesserung und blieb im Monatsvergleich unverändert bei 59,3%, was 0,5 Punkte mehr sind als vor einem Jahr. Damit löst sich die Erwerbstätigenquote langsam langsam aber sicher vom Rekordtief von 58,2% aus dem Oktober 2013; der aktuelle Wert bleibt der beste seit August 2009. Die Erholung bleibt in letzter Zeit aber verhalten, seit August kamen nur noch magere 0,3 Prozentpunkte hinzu.

Im Spätsommer hatte ich darauf hingewiesen, dass sich damals die Arbeitslosenquote (-1,4 zum Vorjahr) und die Erwerbstätigenquote (+1,0 zum Vj) endlich halbwegs sauber spiegelbildlich entwickeln. Kaum sprach ich es aus, wurde der Zusammenhang wieder schwächer: im Februar stieg die Erwerbstätigenquote im Jahresvergleich mit +0,5 Prozentpunkten deutlich langsamer als die Arbeitslosenquote mit -1,2 Prozentpunkten im Gegenzug sank. Der Rückgang der Arbeitslosenquote geht als nur zur Hälfte auf eine Verbesserung der Beschäftigungslage zurück, die andere Hälfte entsteht durch das Ausscheiden von Leuten aus dem Arbeitsmarkt.

Langfristig ist dieser (Nicht-) Zusammenhang weiterhin ernüchternd: Die Arbeitslosenquote ist von knapp 10% auf nun 5,5% gefallen, die Erwerbstätigenquote aber gerade einmal um 1,1 Prozentpunkte gestiegen. Das Urteil aus den letzten Berichten stimmt immer noch: Trotz der spürbaren Verbesserung der Arbeitslosenquote verbessert sich der Anteil der Arbeitenden an der Bevölkerung nur zögerlich. Es entstehen zwar neue Arbeitsplätze, aber nur geringfügig mehr als angesichts der wachsenden Bevölkerung nötig wäre, um die Erwerbstätigenquote stabil zu halten.

Establishment Data:

Die Daten aus der Establishment Data, die als genauer gelten, waren im Februar sehr positiv.

Anzahl der Jobs: +295.000 gegenüber dem Vormonat auf 141,126 Millionen. Zum Plus von 288.000 neuen Jobs im privaten Sektor kam ein Zuwachs der Beschäftigung von 7.000 Jobs im öffentlichen Sektor. Das Plus lag deutlich über den Erwartungen der Analysten und auch über dem Durchschnittswert des letzten halben Jahres.

Etwas getrübt wird der Februar-Report durch die Abwärtskorrektur der Zahlen für den Januar. Das Dezember-Plus für die neu geschaffenen Arbeitsplätze blieb bei sehr guten 329.000, das Januar-Plus wurde um 18.000 auf 239.000 nach unten korrigiert. Das sind eher kleine Korrekturen, die keinen wesentlichen Einfluss auf die Einschätzung haben.

Die Anzahl der gearbeiteten Stunden pro Woche blieb bei 34,6 Stunden. Die Zahl der Überstunden sank von 3,5 auf 3,4 Stunden. Beide Werte bleiben damit am oberen Rand der seit gefühlten Ewigkeiten geltenden Spanne von 34,4 bis 34,5 bzw. 3,2 bis 3,5 Stunden. In beiden Zahlen spiegelt sich weiterhin die grobe Tendenz am Arbeitsmarkt wider: Die Beschäftigung wächst zwar, aber ein breiter Boom sieht anders aus.

Immer ein guter Check für die Gesamtverfassung des US-Arbeitsmarkts ist die am breitesten ausgelegte Arbeitslosenquote U-6 (darin stecken z.B. auch alle, die zwar einen Teilzeitjob haben, aber eigentlich Vollzeit arbeiten wollen, etc.). Die U-6 sank im Februar leicht um 0,3 Prozentpunkte auf 11,0%. Gegenüber dem Vorjahresmonat ergibt sich damit ein Rückgang um 1,6 Prozentpunkte. Der Sinkgeschwindigkeit hat sich damit gegenüber dem Dezember wieder erhöht (damals nur -0,9 Prozentpunkte). Damit sinkt die Quote bei der breiter gefassten Arbeitslosigkeit zwar schneller als die Arbeitslosenquote in der engeren Definition, wenn man aber berücksichtigt, dass die Arbeitslosenquote dort doppelt so hoch ist (11,0 vs. 5,5%), sollte die Arbeitslosenquote dort auch etwa doppelt so schnell sinken. Das tut sie aber leider nicht, der Rückgang um 1,6 Prozentpunkte bei U-6 ist nur etwas mehr als die 1,2 Prozentpunkte bei der Arbeitslosigkeit in der engen Definition.

Zusammenfassend: Der Februar-Bericht vom US-Arbeitsmarkt fiel gut aus. Die Household-Data war allerdings nur dank der Umbuchung von gut 350.000 Arbeitnehmer in die NILFs nur an der Oberfläche (Rückgang der Arbeitslosenquote) gut. Unter der Decke steckte eine negative Überraschung. Da die Daten aus der Establishment-Umfrage aber als genauer gelten (und die Abwärtskorrekturen klein blieben), würde ich den überraschend großen Zuwachs an Arbeitsplätzen höher gewichten und dem Job-Report noch ein knappes "Gut" verleihen.

BLS.GOV: THE EMPLOYMENT SITUATION — February 2015  (PDF)

Eine Zahl, die in letzter Zeit leichte Sorgen bereitete : Der durchschnittliche Stundenlohn stieg auf 24,78$. Die Jahresrate liegt bei 2,0%. Das ist noch nicht toll, aber besser als der extrem magere Lohnanstieg von 1,7%, der im Dezember gemeldet wurde. Für eine Entwarnung ist es zu früh, für Jubel erst recht.

IWF Chefin Lagarde zu Griechenland: Sparen allein ist keine Lösung

An die Gläubiger Griechenlands und ihre strikte Verhandlungsposition gerichtet sagte Lagarde: „Ich finde, der Fokus sollte nicht darauf liegen zu sagen: Austerität oder nichts.“ Die Frage sei, so die IWF-Chefin, was man tun müsse, damit „die griechische Wirtschaft und die Menschen in Griechenland Kapital daraus schlagen, dass das Wachstum angekurbelt, die Kreativität erhöht, Innovation geschaffen und die Wirtschaft neu strukturiert“ werde.
Ich kann nur zustimmen. Wie so oft geht es nicht ausschließlich darum, wie viel Geld gespart wird oder wie viel ausgegeben wird, sondern auch darum, wofür das Geld ausgegeben wird. Griechenland würde es heute viel besser gehen, wenn nicht nur gespart worden wäre, sondern wenn man auch dafür gesorgt hätte, dass mehr Geld produktiv ausgeben wird.


Ich wollte das nur mal erwähnen, weil sich die Einstellung des IWFs zur Austerität in Griechenland schon vor einiger Zeit geändert hat. In der Forschungsabteilung gibt es schon einige Papiere, die die eigene Fehleinschätzung des Sparprogramms 2010 eingestehen und hinterfragen, warum man sich so verschätzen konnte.

Als vielleicht wichtigstes Paper kann "IMF Working Paper: Growth Forecast Errors and
Fiscal Multipliers" gelten. Auch wenn es keine offizielle IWF-Politik-Position ist (sondern Forschung), stammt es vom Chefvolkswirt Olivier Blanchard (und Daniel Leigh). Das Paper ist ziemlich technisch; ich verstehe gefühlt keine 10%. Aber die Zusammenfassung hat es in sich (Seite 19): Der Multiplikator für die Staatsausgaben, der vor der Krise auf etwa 0,5 geschätzt wurde, lag (zumindest in den ersten Jahren der Krise) in der Realität klar über 1. Das bedeutet, dass 1 Euro weniger Staatsausgaben zu einem BIP geführt hat, das mehr als einen Euro niedriger lag (und nicht zu einem nur 50 Cent niedrigeren BIP). Praktisch bedeutet das, dass das "Wegsparen" eines Haushaltsdefizits von gut 10% nicht zu einem Einbruch des BIPs von 5% führt (wie man vor der Krise dachte), sondern zu einem Einbruch von deutlich mehr als 10%.
Was das ganze noch schlimmer macht: Durch den hohen Multiplikator von deutlich über 1 erhöht sich die Gefahr einer Abwärtsspirale massiv. Denn ein niedrigeres BIP zieht niedrigere Steuereinnahmen nach sich. Dadurch muss dann noch mehr gespart werden, was dann wiederum für niedrigere Steuereinnahmen sorgt. Bei einem Multiplikator von 0,5% kann man diese Spirale eventuell schnell in den Griff bekommen, bei einem Multiplikator von deutlich über 1 wird das zunehmend unmöglich. Man bekommt dann Griechenland: Das "Wegsparen" von 12% Haushaltsminus führt zu einem BIP-Einbruch von 25%. Und das ist ja immer noch nicht das Ende, das Sparprogramm hat ja immer noch nicht - wie geplant - zu einem ausgeglichenen Haushalt geführt ...


Aus Sicht der Politik ist der vielleicht wichtigste Punkt, dass die Troika Institutionen (TIFKAT - The Institutions Formerly Known As Troika) keinesfalls so unfassbar einheitlich und zu 100% vom Sparprogramm überzeugt sind wie Schäuble und große Teile der deutschen Medien das darstellen. Man sieht - außerhalb der Schäuble-Merkel-Bubble - durchaus intelligentere Alternativen zum bedingungslosen Sparen. Aber vielleicht haben wir mit der neuen Regierung in Griechenland den Zeitpunkt erreicht, wo nicht mehr auf Teufel komm raus gespart wird, sondern auch endlich geschaut wird, wo der Staat sinnvoll Geld ausgeben kann und das (im optimalen Fall schon kurzfristig) Rendite bringt.


IWF-Chefin Christin Lagarde im Interview mit der Huffington Post: „Austerität ist nicht alles"

Tesla will Akku für Hausstrom produzieren. Während Deutschland diesen Zukunftsmarkt verpennt.

Dieser soll ein Haus für eine Woche mit Strom versorgen können. Das sollte reichen, um Leute mit Solaranlagen auf den Dächern in vielen Regionen der Welt unabhängig vom Stromnetz zu machen. In Deutschland wird das im wolkigen, dunklen Winter wohl nicht klappen, am Südrand von Europa dürfte es aber durchaus realistisch sein.

Das ist natürlich spannend, allein schon weil so ein Großakku für den Hausgebrauch endlich mal in die Massenproduktion geht und von einem Hersteller kommt, der gerade die größte Akkufabrik der Welt hochzieht, sprich der gute Preise liefern sollte. Der Preis ist noch unbekannt, aber Tesla wird uns dann in einigen Monaten eine Hausnummer liefern für einen Akku, der ein Haus potenziell vom Stromnetz unabhängig machen kann.

Ein kostengünstiger Akku könnte noch eine Menge anderer spannender Einsatzbereiche finden. Wenn die Stromanbieter darauf Zugriff bekommen könnten, wäre zum Beispiel das Problem der negativen Strompreise gelöst, die es ab und zu tatsächlich gibt (z.B. wenn der Wind zu stark weht und es Nacht ist).

Auch könnte man die Förderung von Solarzellen in Deutschland endlich umstellen und nicht nur die Erzeugung des Solarstroms fördern, sondern auch den Verbrauch vor Ort, ohne dass der Strom erst teuer durchs Netz muss. Die Idee, den Eigenverbrauch zu erhöhen, gab es ja schon mal. Leider hat man sich am Ende für eine massive Kürzung der Preise für Fotovoltaik-Strom entschieden, statt die Förderung durch eine Erhöhung des Eigenverbrauchs auf das IMHO aktuell wichtigste Problem auszuweiten: Wir haben zu geringe Netzkapazitäten und zu geringe Speichermöglichkeiten.

Ein Eigenverbrauch von 50% hätte zur Folge, dass die Besitzer einer Solaranlage nur noch 50% des erzeugten Stroms zum garantierten (hohen) EEG-Preis (sagen wir mal 20 Cent) hätten einspeisen dürfen. Für den Rest gäbe es nur noch den Marktpreis (sagen wir mal 5 Cent), wenn man weniger als 50% des Stroms verbrauchen würde. Damit hätten sich die Besitzer von Solarzellen Gedanken machen müssen, was sie mit dem "überschüssigen" Strom anstellen. Einspeisen zu 5 Cent macht wenig Sinn, die Einnahmen wären ja geringer als die Kosten für jede verbrauchte Kilowattstunde am Abend.

Hier bietet ein Akku tolle Möglichkeiten:

Der Strom könnte später selber verbraucht werden.
Der Strom könnte zur richtigen Zeit intelligent selber verbraucht werden, indem man z.B. die Waschmaschine startet, wenn die Sonne scheint.
Der Strom könnte bei hoher Nachfrage (wenig Wind, abends, Winter) zu einem höheren Preis ins Netz eingespeist werden.

Sowohl die Akkus wie auch der intelligente Verbrauch sind IMHO riesige Zukunftsmärkte, die Deutschland gerade grandios verpennt. Nachdem Deutschland völlig einseitig mit (Hundert?) Milliarden die Fotovoltaik (aber nur die Zellen) gefördert hat, hat sich nun jeder Mut (übrigens auch die Arbeitsplätze in den Solarzellenfabriken) in Luft aufgelöst. Um die kommenden Märkte Smart Home (bei dem "Smart Verbrauch" ein Teil sein wird; tolles IT-Thema!) und Akkus kümmert sich in Deutschland anscheinend niemand mehr (zumindest aus der Politik). Dabei wären beide Technologien auch für die in Deutschland so wichtige Automobilindustrie hochinteressant. Das ist Energiepolitik (Energiewende) und Industriepolitik in einem und es würde nicht einmal viel Geld kosten, zumindest wenn man es mit der (IMHO völlig versemmelten) ersten Stufe der Energiewende vergleicht.

Elon Musk says Tesla will unveil a new kind of battery to power your home | The Verge

USA: Arbeitslosenquote 01/15: 5,7% (+0,1 Vm, -0,9 Vj), 257.000 neue Jobs. Shortie.

Kurzversion, habe nach dem Griechenland-Artikel gerade keine Zeit mehr. Irgendwann muss ich auch mal Geld verdienen ...

Erwartet wurde eine Arbeitslosenquote von 5,5%, der Anstieg der Arbeitsplätze hingegen war ziemlich genau wie erwartet.

Der Anstieg der Arbeitslosenquote geht auf ein Mehr an Arbeitskräften zurück (durch die Jahreskorrektur fast 1.000.000 mehr als im Dezember), davon waren zwar fast 750.000 in Lohn und Brot, etwa 250.000 aber nicht.
Der Anstieg der Arbeitslosenzahl ging dabei mehr als ausschließlich auf den Rückgang der NILFs (-350.000) zurück, sprich Leute, die im Dezember noch nicht dem Arbeitsmarkt zugehörig galten, waren das nach der Jahreskorrektur plötzlich.

Eine Zahl, die im Dezember noch Sorgen machte, war die Lohnentwicklung. Im Dezember sanken die Löhne, im Januar ging es aber wieder nach oben. Auch wenn die Lohnentwicklung verhalten bleibt, ist es doch etwas beruhigend, dass der Dezember wohl nur ein negativer Ausreißer war.

Bei der großen Jahreskorrektur, die einmal im Jahr (im Februar) durchgeführt wird, werden neue Erkenntnisse über die Bevölkerungsanzahl in die Arbeitsmarktstatistik eingearbeitet; diese Zahl wird innerhalb des Jahres von Monat zu Monat nur geschätzt und hochgerechnet. Dazu schreibe ich vielleicht später noch mal was, auf den ersten Blick finde ich darin aber keine so spannenden Details, die ich oben nicht schon genannt hätte.

http://www.bls.gov/news.release/pdf/empsit.pdf

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