Ich hatte beim ersten Leak der unfertigen Studie der EZB schon kurz was geschrieben und u.a. auf den Vor-Ort-Bericht aus Italien von DonAlphonso hingewiesen:
Die deutsche Armut und die reichen Italiener - Stützen der Gesellschaft - egghat's not so micro blog
Auch der Spiegel hat damals schon eine Relativierung geschrieben, die deutlich besser war, als das was andere unter ihre sensationalistischen Überschriften gepackt haben:
Faktencheck zur Bundesbank-Studie: Private Haushalte und ihre Finanzen - SPIEGEL ONLINE
Heute gab es die endgültige Studie, bei der man sich allerdings fragt, was daran noch geändert wurde ... Denn nahezu alles, was man an der ersten Studie schon anmeckern musste, gilt für diese Version auch noch.
a) Es wurden Vermögen von Haushalten gemessen (und nicht pro Kopf, Haushaltsgröße D: 2,04, I: 2,53 , GR: 2,64). Damit muss man bereinigen, die Vermögen in Südeuropa bleiben aber auch auf Pro-Kopf-Basis höher als die in Deutschland (siehe Spiegel Artikel oder die EZB selber auf Seite 100):
b) Die Erfassungszeiträume sind sehr unterschiedlich (Spaniens Daten stammen z.B. aus 2008, sprich vor dem Platzen der Immo-Blase. Auf Seite 83 der EZB Studie gibt es eine Pro-Forma Berechnung der Haushaltsvermögen auf Basis der Immo-Preise von 2002).
c) Staatliche Versorgungssysteme (Rente, Gesundheit) bleiben unberücksichtigt.
Mark Schieritz jammert nur, dass die Daten nicht vergleichbar sind und dass die FAZ Mist schreibt ...
Wir armen Deutschen « Herdentrieb
Zum Teil zurecht, denn die FAZ macht schon Politik damit (auch wenn hinten im Artikel einige der Details und Probleme richtig beschrieben werden, wird am Anfang die unbrauchbare Zahl doch ziemlich breit getreten ...)
Kommentar: Arme Deutsche - Wirtschaft - FAZ
Etwas mehr Mühe machte sich Jose Javier Olivas hier:
Selective truths and Spanish riches: The Bundesbank’s study on household wealth | Euro Crisis in the Press
Daraus ein schönes Takeaway:
Fast 90% des Bruttovermögens eines spanischen Haushalts steckt in Immobilien. Dumm nur, dass die Häuser seit Erhebung der Daten um ein Viertel im Wert gesunken sein dürften und die Preise weiter fallen. Die Zahlen dürften also komplett unbrauchbar sein.
Zu den Punkten a und b wurde schon einiges Richtiges geschrieben, daher an dieser Stelle etwas mehr zu einem Teil von Punkt c, der Rente:
Die OECD hat 2011 versucht, den Geldwert der Rentenansprüche auszurechnen (Quelle:
http://www.oecd.org/dataoecd/55/26/48997644.pdf). Die Unterschiede sind extrem: In den Niederlanden kommen 1,1 Millionen Euro (Mann) zusammen, in Deutschland 466.000, in Griechenland 528.000 und in der Slowakei nur 82.000. Man sieht, die Unterschiede sind wirklich gewaltig. Wir reden hier über Ansprüche, die höher sind als die Vermögen ...
Aber alles wieder vor den Haircuts und Kürzungen im Süden. Dass Griechenland die 528.000€ noch leisten kann, ist völlig ausgeschlossen. In Deutschland dürfte das hingegen durchaus realistisch sein.
Genau kann man das nicht auseinander klamüsern, weil im Vermögensbericht mit Quintilen und Medianen gearbeitet wird, im OECD Bericht hingegen mit Durchschnitten. Außerdem dürften in der Vermögensberechnung Teile der Altersvorsorge (die private Säule) durchaus enthalten sein.
Kurz: Zu einem wirklich sinnvollen Ergebnis kommt man nicht. Aber nun ja, in diesem Fall IST das ein sinnvolles Ergebnis:
Der Vermögensbericht taugt nichts. Daraus politische Schlussfolgerungen zu ziehen, ist falsch. Weil das alles schon 2014 komplett anders aussehen wird.
Der Artikel von DonAlphonso zeigt exemplarisch, wie sehr die Haushalte in Italien schon an ihre Substanz gehen müssen. Und das wird in Zypern noch schlimmer werden. Finanzsektor weg, Arbeitsplätze im Finanzsektor weg, Einkommen weg, die Touristen aus Russland mit dem Koffer voll Geld weg, die Käufer für die Immobilien weg, und dann am Ende auch die vermeintlich hohen Vermögen weg.
Die Originalstudie:
The Eurosystem Household Finance and consumption Survey - Results From the First Wave
Update (13:28):
Die Süddeutsche hat sich netterweise Mühe gegeben, die sich anbietende reisserische Überschrift zu umgehen (in der URL aber schon nicht mehr ;-)):
EZB-Studie zu Wohlstand in Europa
Update 2 (14:44):
Die Nachdenkseiten dazu:
Arme Deutsche? Wie eine Statistik zur Meinungsmache verbogen wird | NachDenkSeiten – Die kritische Website
Ein wichtiger Aspekt daraus, den ich nicht erwähnt habe: In Deutschland leiden sowohl Durchschnitt als auch Median an einer ziemlich ungleichen Verteilung der Vermögen. Außerdem sieht die Vermögensverteilung zwischen Ost und West auch ziemlich unterschiedlich aus (auch schon im Spiegel Artikel erwähnt).
Update 3 (15:19):
Noch ein wichtiger Punkt, den
Thomas Mach auf G+ in die Diskussion geworfen hat: Die EZB Untersuchung basiert auf einer *Umfrage*. Sprich es ist keine Untersuchung, die auf Steuererklärungen oder halbwegs offiziellen Daten basiert, sondern auf Interviews/Fragebögen. Wie zuverlässig das ist, ist ziemlich unklar ...
Update 4 (20:52):
Sorry FAZ, diese Analyse ist zum größten Teil Murks ...
Kein Wort zu den unterschiedlichen Erhebungszeiträumen. Außerdem ist die Behauptung, dass umlagefinanzierte Renten kein Vermögen darstellen, Quark. Ich hau Euch das nächstes Mal um die Ohren, wenn ihr mir präsentiert, wie hoch die Staatsschulden sind, wenn man Renten- und Gesundheitskosten mit einrechnet, wie es die INSM gerne macht ...
Vermögen: Reiche Zyprer, arme Deutsche - Wirtschaft - FAZ
Update 5 (22:39):
Guter Hinweis, den man bei Diskussionen über allerlei Detail gerne übersieht: Es gibt eine Zahl, die das Nettovermögen einer Volkswirtschaft misst: Sie heißt NIIP (Net International Investment Position). Diese misst Vermögen und Schulden eines ganzen Landes und aller Sektoren (Staat+Unternehmen+Personen) und daran kann man dann erkennen, ob eine Volkswirtschaft als Ganzes gegenüber dem Ausland verschuldet ist oder nicht.
Und da ist die Diagnose eindeutig:
 |
| NIIP in % des BIPs 2011 lt Eurostat |
Holland, Deutschland, Dänemark und Finnland haben Vermögen. Italien bei -20%, Zypern liegt bei -70% des BIPs, Griechenland bei -86%, Spanien bei -92% und Portugal sogar bei -103%.
Quelle:
Eurostat - Tables, Graphs and Maps Interface (TGM) table
Update 6 (11.04.13):
http://www.annotazioni.de/post/1159
Dass Steltzner die Rentenansprüche der Deutschen manchmal als Vermögen sieht und manchmal nicht (je nachdem wie er es gerade für seine Argumentation braucht) hatte ich ja gestern schon vermutet. ( siehe Update 4)
Schön, das bestätigt zu bekommen: den Armutsbericht der Bundesregierung relativiert er (arme haben doch Rentenansprüche und sind gar nicht so arm), im Vermögensbericht hingegen macht er jeden, der auf die Rentenansprüche als Vermögen hinweist, zum Deppen.
Toller Fund.
Update 7:
Mark Schieritz hat jetzt doch (zum Glück) noch etwas mehr zum Vermögensbericht geschrieben als das Gejammer im ersten Kurzartikel:
Wie arm sind wir eigentlich? « Herdentrieb
Update 8:
Der Hinweis auf die NIIP als bester Gradmesser für das Vermögen einer Volkswirtschaft geht auf einen Artikel von Norbert Häring im Handelsblatt zurück, den André Kühnlenz zum Glück der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt hat:
weitwinkelsubjektiv: Noch ein guter Kommentar von Norbert Häring
Habe ich eigentlich heute schon das Buch
Markt und Macht von Häring empfohlen? U.a. die Vollgeld-Ideen darin sind lesenswert (und gut verständlich)
Ein weiterer Artikel, der die Bedeutung der NIIP betont, ist bei der Berliner Zeitung (und der FR) erschienen. Robert von Heusinger verweist auch darauf, dass die Statistik für die politische Aussage nicht taugt:
EZB-Vermögensbericht: Traue keiner Statistik... | Wirtschaft - Berliner Zeitung
Danke an Frank
@luebberding für die beiden Hinweise.
Bei der FR noch ein weiterer Artikel mit dem selben Tenor:
EZB-Vermögensbericht: Der Reichtum der Deutschen | Wirtschaft - Frankfurter Rundschau
Update 9:Update 9 (16.04.13):
Bei VoxEU gibt es einen weiteren Versuch von Paul De Grauwe und Yuemei Ji, auf Basis einer anderen Statistik zu erklären, dass Deutschland nicht arm ist und Zypern nicht reich. Zuerst wird auf die extrem ungleiche Verteilung der Vermögen in Deutschland hingewiesen (beim Durchschnitt liegt Deutschland im Mittelfeld, beim Median am Ende der Tabelle). Den Punkt hatten wir aber schon.
Spannender ist der zweite Punkt: es wird eine Vermögensstatistik auf Basis der
Kapitalstocks errechnet. Darunter versteht man das Anlagevermögen einer Volkswirtschaft. Also Immobilien, Autos, Maschinen, ... kurz alles was Rendite abwirft. Je höher der Kapitalstock, desto höher die zukünftigen Renditen und desto höher die Fähigkeit, Schulden zu bedienen.
Dazu wird jetzt die
NIIP addiert, weil Häuser und Maschinen, die über Kredite aus dem Ausland finanziert wurden, kaum als Vermögen der Inländer zählen können. In Deutschland erhöht das das Vermögen um knapp 10.000 Euro pro Kopf (alle Statistiken in diesem Papier sind pro Kopf und pro Haushalt), Griechenland sinkt es um etwa 20.000 Euro.
Als Endergebnis kommt (natürlich) heraus, dass Deutschland viel reicher ist als Griechenland.
voxeu: Are Germans really poorer than Spaniards, Italians and Greeks?
Update 10:
Eine weitere Vermögensstatistik gibt es bei der Weltbank. Leider sind diese Zahlen (wie bei weltweiten Zahlen üblich) ziemlich alt, in diesem Fall von 2005.
Diese Statistik versucht Vermögensgegenstände einer Volkswirtschaft zusammenzurechnen, also im Gegensatz zu de Grauwe auch Land, Bodenschätze, etc. Darauf wird versucht, die Rendite zu errechnen, die man in den nächsten 25 Jahren nachhaltig aus diesen Vermögen erwarten kann ("Total wealth is present value of future consumption that is sustainable, discounted at a rate of time preference of 1.5 percent, over 25 years"). Das geht in eine ähnliche Richtung des Kapitalstocks wie ihn de Grauwe benutzt, bewertet aber anders. Ob das eine bessere Zahl ist, sei dahin gestellt, aber es gibt immerhin einen weiteren Hinweis.
Zahlen für Zypern fehlen, aber die für einige andere Länder sind da (wie bei de Grauwe pro Kopf und für alle Sektoren minus der NIIP):
Portugal: 305.000 $
Griechenland: 392.000 $
Spanien: 408.000 $
Italien: 498.000 $
Deutschland: 547.000 $
Niederlande: 594.000 $
Weltbank: The Changing Wealth of Nations | Data
Update 11:
Spanische Immobilien, die einem Deutschen gehören, zählen in der EZB-Vermögensstatistik als Vermögen von Spaniern?!?
Wenn das jetzt nicht der Straubhaar schreiben würde, wäre das für mich gleich eine Story aus dem Märchenland. Aber wenn der es schreibt ....
"Die EZB verwendet nämlich das Wohnsitzlandprinzip des BIP. Damit werden die Ferienhäuser vermögender Deutscher auf Mallorca dem spanischen, nicht jedoch dem deutschen Vermögen zugerechnet."
Genau das, was die NIIP macht (nämlich diese Verrechnung von Schulden und Vermögen an den Grenzen), findet nicht statt. Die Zahlen werden komplett falsch erhoben.
Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob das bei Unternehmensanteilen analog gilt. Also wird der Wert von spanischen Unternehmen, die sich (teilweise) im Besitz von Ausländern befinden, auch komplett Spanien zugeschrieben? (Update: Vergesst diese Frage, die Studie der EZB untersucht ja nur den Privatsektor, die Abgrenzung wem ein Unternehmen gehört, stellt sich da nicht)
Dann wäre es kein Wunder, warum Deutschland trotz hoher Auslandsvermögen in der EZB Vermögensstatistik als "arm" gilt.
DIE WELT: Vermögensstudie - Wie die EZB die Deutschen arm gerechnet hat
Update 12:
Die Straubhaar Analyse ist u.U. falsch. Wie Jopa in meinem Zweitblog
anmerkte, stammen die Daten für die Statistik aus einer Befragung und bei dieser wäre es relativ ungewöhnlich, wenn dabei auch Ausländer befragt worden sind.
Würde am liebsten eine Anfrage an die EZB stellen, um herauszubekommen, ob es die Straubhaar'sche Verzerrung gibt ...
Es ist allerdings auch denkbar, dass zwar keine Ausländer befragt wurden, aber die Anzahl der Immobilien hochgerechnet wurde. Weil man irgendwoher weiss, wie viele Immobilien in Spanien sind. Dann befragt man 10.000 Familien, von denen 8.000 eine Immobilien haben. Außerdem weiss man, dass es in Spanien 20 MIllionen Immobilien gibt und dann rechnet man diese auf die Bevölkerung um. Es ist IMHO denkbar, dass die Umfrageergebnisse so bereinigt wurden, auch wenn ich das nicht erwarten würde.
Ich hatte beim ersten Leak der unfertigen Studie der EZB schon kurz was geschrieben und u.a. auf den Vor-Ort-Bericht aus Italien von DonAlphonso hingewiesen:
Die deutsche Armut und die reichen Italiener - Stützen der Gesellschaft - egghat's not so micro blog
Auch der Spiegel hat damals schon eine Relativierung geschrieben, die deutlich besser war, als das was andere unter ihre sensationalistischen Überschriften gepackt haben:
Faktencheck zur Bundesbank-Studie: Private Haushalte und ihre Finanzen - SPIEGEL ONLINE
Heute gab es die endgültige Studie, bei der man sich allerdings fragt, was daran noch geändert wurde ... Denn nahezu alles, was man an der ersten Studie schon anmeckern musste, gilt für diese Version auch noch.
a) Es wurden Vermögen von Haushalten gemessen (und nicht pro Kopf, Haushaltsgröße D: 2,04, I: 2,53 , GR: 2,64). Damit muss man bereinigen, die Vermögen in Südeuropa bleiben aber auch auf Pro-Kopf-Basis höher als die in Deutschland (siehe Spiegel Artikel oder die EZB selber auf Seite 100):
b) Die Erfassungszeiträume sind sehr unterschiedlich (Spaniens Daten stammen z.B. aus 2008, sprich vor dem Platzen der Immo-Blase. Auf Seite 83 der EZB Studie gibt es eine Pro-Forma Berechnung der Haushaltsvermögen auf Basis der Immo-Preise von 2002).
c) Staatliche Versorgungssysteme (Rente, Gesundheit) bleiben unberücksichtigt.
Mark Schieritz jammert nur, dass die Daten nicht vergleichbar sind und dass die FAZ Mist schreibt ...
Wir armen Deutschen « Herdentrieb
Zum Teil zurecht, denn die FAZ macht schon Politik damit (auch wenn hinten im Artikel einige der Details und Probleme richtig beschrieben werden, wird am Anfang die unbrauchbare Zahl doch ziemlich breit getreten ...)
Kommentar: Arme Deutsche - Wirtschaft - FAZ
Etwas mehr Mühe machte sich Jose Javier Olivas hier:
Selective truths and Spanish riches: The Bundesbank’s study on household wealth | Euro Crisis in the Press
Daraus ein schönes Takeaway:
Fast 90% des Bruttovermögens eines spanischen Haushalts steckt in Immobilien. Dumm nur, dass die Häuser seit Erhebung der Daten um ein Viertel im Wert gesunken sein dürften und die Preise weiter fallen. Die Zahlen dürften also komplett unbrauchbar sein.
Zu den Punkten a und b wurde schon einiges Richtiges geschrieben, daher an dieser Stelle etwas mehr zu einem Teil von Punkt c, der Rente:
Die OECD hat 2011 versucht, den Geldwert der Rentenansprüche auszurechnen (Quelle:
http://www.oecd.org/dataoecd/55/26/48997644.pdf). Die Unterschiede sind extrem: In den Niederlanden kommen 1,1 Millionen Euro (Mann) zusammen, in Deutschland 466.000, in Griechenland 528.000 und in der Slowakei nur 82.000. Man sieht, die Unterschiede sind wirklich gewaltig. Wir reden hier über Ansprüche, die höher sind als die Vermögen ...
Aber alles wieder vor den Haircuts und Kürzungen im Süden. Dass Griechenland die 528.000€ noch leisten kann, ist völlig ausgeschlossen. In Deutschland dürfte das hingegen durchaus realistisch sein.
Genau kann man das nicht auseinander klamüsern, weil im Vermögensbericht mit Quintilen und Medianen gearbeitet wird, im OECD Bericht hingegen mit Durchschnitten. Außerdem dürften in der Vermögensberechnung Teile der Altersvorsorge (die private Säule) durchaus enthalten sein.
Kurz: Zu einem wirklich sinnvollen Ergebnis kommt man nicht. Aber nun ja, in diesem Fall IST das ein sinnvolles Ergebnis:
Der Vermögensbericht taugt nichts. Daraus politische Schlussfolgerungen zu ziehen, ist falsch. Weil das alles schon 2014 komplett anders aussehen wird.
Der Artikel von DonAlphonso zeigt exemplarisch, wie sehr die Haushalte in Italien schon an ihre Substanz gehen müssen. Und das wird in Zypern noch schlimmer werden. Finanzsektor weg, Arbeitsplätze im Finanzsektor weg, Einkommen weg, die Touristen aus Russland mit dem Koffer voll Geld weg, die Käufer für die Immobilien weg, und dann am Ende auch die vermeintlich hohen Vermögen weg.
Die Originalstudie:
The Eurosystem Household Finance and consumption Survey - Results From the First Wave
Update (13:28):
Die Süddeutsche hat sich netterweise Mühe gegeben, die sich anbietende reisserische Überschrift zu umgehen (in der URL aber schon nicht mehr ;-)):
EZB-Studie zu Wohlstand in Europa
Update 2 (14:44):
Die Nachdenkseiten dazu:
Arme Deutsche? Wie eine Statistik zur Meinungsmache verbogen wird | NachDenkSeiten – Die kritische Website
Ein wichtiger Aspekt daraus, den ich nicht erwähnt habe: In Deutschland leiden sowohl Durchschnitt als auch Median an einer ziemlich ungleichen Verteilung der Vermögen. Außerdem sieht die Vermögensverteilung zwischen Ost und West auch ziemlich unterschiedlich aus (auch schon im Spiegel Artikel erwähnt).
Update 3 (15:19):
Noch ein wichtiger Punkt, den
Thomas Mach auf G+ in die Diskussion geworfen hat: Die EZB Untersuchung basiert auf einer *Umfrage*. Sprich es ist keine Untersuchung, die auf Steuererklärungen oder halbwegs offiziellen Daten basiert, sondern auf Interviews/Fragebögen. Wie zuverlässig das ist, ist ziemlich unklar ...
Update 4 (20:52):
Sorry FAZ, diese Analyse ist zum größten Teil Murks ...
Kein Wort zu den unterschiedlichen Erhebungszeiträumen. Außerdem ist die Behauptung, dass umlagefinanzierte Renten kein Vermögen darstellen, Quark. Ich hau Euch das nächstes Mal um die Ohren, wenn ihr mir präsentiert, wie hoch die Staatsschulden sind, wenn man Renten- und Gesundheitskosten mit einrechnet, wie es die INSM gerne macht ...
Vermögen: Reiche Zyprer, arme Deutsche - Wirtschaft - FAZ
Update 5 (22:39):
Guter Hinweis, den man bei Diskussionen über allerlei Detail gerne übersieht: Es gibt eine Zahl, die das Nettovermögen einer Volkswirtschaft misst: Sie heißt NIIP (Net International Investment Position). Diese misst Vermögen und Schulden eines ganzen Landes und aller Sektoren (Staat+Unternehmen+Personen) und daran kann man dann erkennen, ob eine Volkswirtschaft als Ganzes gegenüber dem Ausland verschuldet ist oder nicht.
Und da ist die Diagnose eindeutig:
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| NIIP in % des BIPs 2011 lt Eurostat |
Holland, Deutschland, Dänemark und Finnland haben Vermögen. Italien bei -20%, Zypern liegt bei -70% des BIPs, Griechenland bei -86%, Spanien bei -92% und Portugal sogar bei -103%.
Quelle:
Eurostat - Tables, Graphs and Maps Interface (TGM) table
Update 6 (11.04.13):
http://www.annotazioni.de/post/1159
Dass Steltzner die Rentenansprüche der Deutschen manchmal als Vermögen sieht und manchmal nicht (je nachdem wie er es gerade für seine Argumentation braucht) hatte ich ja gestern schon vermutet. ( siehe Update 4)
Schön, das bestätigt zu bekommen: den Armutsbericht der Bundesregierung relativiert er (arme haben doch Rentenansprüche und sind gar nicht so arm), im Vermögensbericht hingegen macht er jeden, der auf die Rentenansprüche als Vermögen hinweist, zum Deppen.
Toller Fund.
Update 7:
Mark Schieritz hat jetzt doch (zum Glück) noch etwas mehr zum Vermögensbericht geschrieben als das Gejammer im ersten Kurzartikel:
Wie arm sind wir eigentlich? « Herdentrieb
Update 8:
Der Hinweis auf die NIIP als bester Gradmesser für das Vermögen einer Volkswirtschaft geht auf einen Artikel von Norbert Häring im Handelsblatt zurück, den André Kühnlenz zum Glück der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt hat:
weitwinkelsubjektiv: Noch ein guter Kommentar von Norbert Häring
Habe ich eigentlich heute schon das Buch
Markt und Macht von Häring empfohlen? U.a. die Vollgeld-Ideen darin sind lesenswert (und gut verständlich)
Ein weiterer Artikel, der die Bedeutung der NIIP betont, ist bei der Berliner Zeitung (und der FR) erschienen. Robert von Heusinger verweist auch darauf, dass die Statistik für die politische Aussage nicht taugt:
EZB-Vermögensbericht: Traue keiner Statistik... | Wirtschaft - Berliner Zeitung
Danke an Frank
@luebberding für die beiden Hinweise.
Bei der FR noch ein weiterer Artikel mit dem selben Tenor:
EZB-Vermögensbericht: Der Reichtum der Deutschen | Wirtschaft - Frankfurter Rundschau
Update 9:Update 9 (16.04.13):
Bei VoxEU gibt es einen weiteren Versuch von Paul De Grauwe und Yuemei Ji, auf Basis einer anderen Statistik zu erklären, dass Deutschland nicht arm ist und Zypern nicht reich. Zuerst wird auf die extrem ungleiche Verteilung der Vermögen in Deutschland hingewiesen (beim Durchschnitt liegt Deutschland im Mittelfeld, beim Median am Ende der Tabelle). Den Punkt hatten wir aber schon.
Spannender ist der zweite Punkt: es wird eine Vermögensstatistik auf Basis der
Kapitalstocks errechnet. Darunter versteht man das Anlagevermögen einer Volkswirtschaft. Also Immobilien, Autos, Maschinen, ... kurz alles was Rendite abwirft. Je höher der Kapitalstock, desto höher die zukünftigen Renditen und desto höher die Fähigkeit, Schulden zu bedienen.
Dazu wird jetzt die
NIIP addiert, weil Häuser und Maschinen, die über Kredite aus dem Ausland finanziert wurden, kaum als Vermögen der Inländer zählen können. In Deutschland erhöht das das Vermögen um knapp 10.000 Euro pro Kopf (alle Statistiken in diesem Papier sind pro Kopf und pro Haushalt), Griechenland sinkt es um etwa 20.000 Euro.
Als Endergebnis kommt (natürlich) heraus, dass Deutschland viel reicher ist als Griechenland.
voxeu: Are Germans really poorer than Spaniards, Italians and Greeks?
Update 10:
Eine weitere Vermögensstatistik gibt es bei der Weltbank. Leider sind diese Zahlen (wie bei weltweiten Zahlen üblich) ziemlich alt, in diesem Fall von 2005.
Diese Statistik versucht Vermögensgegenstände einer Volkswirtschaft zusammenzurechnen, also im Gegensatz zu de Grauwe auch Land, Bodenschätze, etc. Darauf wird versucht, die Rendite zu errechnen, die man in den nächsten 25 Jahren nachhaltig aus diesen Vermögen erwarten kann ("Total wealth is present value of future consumption that is sustainable, discounted at a rate of time preference of 1.5 percent, over 25 years"). Das geht in eine ähnliche Richtung des Kapitalstocks wie ihn de Grauwe benutzt, bewertet aber anders. Ob das eine bessere Zahl ist, sei dahin gestellt, aber es gibt immerhin einen weiteren Hinweis.
Zahlen für Zypern fehlen, aber die für einige andere Länder sind da (wie bei de Grauwe pro Kopf und für alle Sektoren minus der NIIP):
Portugal: 305.000 $
Griechenland: 392.000 $
Spanien: 408.000 $
Italien: 498.000 $
Deutschland: 547.000 $
Niederlande: 594.000 $
Weltbank: The Changing Wealth of Nations | Data
Update 11:
Spanische Immobilien, die einem Deutschen gehören, zählen in der EZB-Vermögensstatistik als Vermögen von Spaniern?!?
Wenn das jetzt nicht der Straubhaar schreiben würde, wäre das für mich gleich eine Story aus dem Märchenland. Aber wenn der es schreibt ....
"Die EZB verwendet nämlich das Wohnsitzlandprinzip des BIP. Damit werden die Ferienhäuser vermögender Deutscher auf Mallorca dem spanischen, nicht jedoch dem deutschen Vermögen zugerechnet."
Genau das, was die NIIP macht (nämlich diese Verrechnung von Schulden und Vermögen an den Grenzen), findet nicht statt. Die Zahlen werden komplett falsch erhoben.
Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob das bei Unternehmensanteilen analog gilt. Also wird der Wert von spanischen Unternehmen, die sich (teilweise) im Besitz von Ausländern befinden, auch komplett Spanien zugeschrieben? (Update: Vergesst diese Frage, die Studie der EZB untersucht ja nur den Privatsektor, die Abgrenzung wem ein Unternehmen gehört, stellt sich da nicht)
Dann wäre es kein Wunder, warum Deutschland trotz hoher Auslandsvermögen in der EZB Vermögensstatistik als "arm" gilt.
DIE WELT: Vermögensstudie - Wie die EZB die Deutschen arm gerechnet hat
Update 12:
Die Straubhaar Analyse ist u.U. falsch. Wie Jopa in meinem Zweitblog
anmerkte, stammen die Daten für die Statistik aus einer Befragung und bei dieser wäre es relativ ungewöhnlich, wenn dabei auch Ausländer befragt worden sind.
Würde am liebsten eine Anfrage an die EZB stellen, um herauszubekommen, ob es die Straubhaar'sche Verzerrung gibt ...
Es ist allerdings auch denkbar, dass zwar keine Ausländer befragt wurden, aber die Anzahl der Immobilien hochgerechnet wurde. Weil man irgendwoher weiss, wie viele Immobilien in Spanien sind. Dann befragt man 10.000 Familien, von denen 8.000 eine Immobilien haben. Außerdem weiss man, dass es in Spanien 20 MIllionen Immobilien gibt und dann rechnet man diese auf die Bevölkerung um. Es ist IMHO denkbar, dass die Umfrageergebnisse so bereinigt wurden, auch wenn ich das nicht erwarten würde.
Sind wir Deutschen jetzt arm? Oder nicht?