Google und Facebook - Das große Duopol im Online-Anzeigenmarkt wird immer duopoliger …

(Der FT Alphaville Artikel, über den ich das gefunden habe, benötigt leider eine kostenlose Registrierung), aber im Wesentlichen geht der Artikel eh nur auf einen Tweet zurück:


Die Zahlen für 2016:

Umsatzwachstum Gesamtmarkt: 12,9 Mrd. $. (IAB-Zahlen).
Umsatzwachstum Google: 6,3 Mrd. $ (Geschäftsbericht)
Umsatzwachstum Facebook: 5,1 Mrd. $ (Geschäftsbericht)
Bleiben als Umsatzwachstum für den ganzen Rest: 1,4 Mrd. $.

Das heißt, fast 90% des Wachstums gehen an Google und Facebook. Und der Gesamtmarktanteil der beiden Großen ist von 64,1 auf 72,5% gestiegen.

Das hat mit Marktwirtschaft nicht mehr so wahnsinnig viel zu tun …

Eine andere Berechnung eines Analysten von Pivotal Reserach kommt auf einem ähnlichen Weg auf noch krassere Zahlen:



Marktanteil des Duopols 2016 danach sogar 77%. Und satte 99% des 2016er-Wachstums gingen an Facebook und Google.

Das ist nicht gut …

Neue Folge unseres Podcasts - Mikro038 - Chaos (logisch, wir sprechen über Trump, Globuli und die Bahn ;) )

Weil wahrscheinlich noch nicht alle "drüben" abonniert haben, empfehle ich mal wieder kurz eine neue Folge des Mikrooekonomen-Podcasts mit @mh120480 und mir.

Mikro038 Chaos

Es geht um Trumps Vorschläge für den US-Haushalt 2018 und die Ideen zur Neugestaltung des Gesundheitssystem (hier auch verbloggt), die in ihrer Radikalität deutlich schlimmer kommen als ich das gedacht hätte. Es gibt kurz was zu Tesla und einen langen Nachklapp zum Aufreger-Thema "Homöopathie - soll die Krankenkasse das bezahlen?" aus Folge37.

Viel Spaß beim Hören. Empfehlt uns weiter, hinterlasst möglichst viele Sterne in eurem Podcast-Player. Und folgt uns auch auf Twitter: @mikrooekonomen. #projekt100

Trump so far: Mehr Militär, mehr Abhören. Weniger Gesundheit, weniger Soziales, weniger Umwelt, weniger Wissenschaft. Das volle Programm :(



(Grafik via Trump budget cuts: U.S. federal funding 2018 - Washington Post)

Trumps neuer Budget-Vorschlag: Militär und Überwachung/Sicherheit rauf, alles andere runter. Arbeit, Bildung, Umwelt. Was in der prozentualen Grafik oben nicht deutlich wird: Beim Militär geht es um 54 Mrd. Dollar zusätzlich.

Dazu kommt jetzt noch das: Science: NIH, DOE Office of Science face deep cuts in Trump's first budget. Und die Kürzungen greifen wirklich breit, nicht nur in die Klimaforschung, sondern natürlich in "social science", aber auch in die Biotechforschung. In vielen Bereichen geht es um 20% oder mehr der Budgets der entsprechenden Forschungseinrichtungen.

Die Trumpsche Umverteilung endet hiermit natürlich nicht. Der große Brocken "Medicair" steht ja auch an. Und hier wird die Umverteilung noch absurder: Leistungskürzungen und Beitrittserhöhungen, die in den nächsten 10 Jahren 24 Millionen Amerikanern die Mitgliedschaft in einer Krankenversicherung kosten würden (womit dann wohl wieder etwa 20% der US-Bürger unversichert wären gegenüber etwa 10% aktuell). Das ganze spart über 800 Milliarden Dollar über die nächsten 10 Jahre ein, und wird … trommelwirbel … nach einigen Berechnungen fast vollständig an die Gutverdienenden zurückgegeben. So werden zwei "Zusatz"steuern für alle Paare mit Jahreseinkommen von mehr als 250.000 Dollar gestrichen: Eine 3,8%-Steuer auf Kapitaleinkünfte und eine 0,9%-Steuer auf Lohneinkommen. Einnahmen pro Jahr: 27 Mrd. Dollar, über die 10 Jahre 275 Milliarden. Dazu kommen noch einige Steuern, die die Pharma- und Healthcare-Unternehmen zahlen müssen, die dann ebenfalls wegfallen sollen. Dazu noch etwas Kleinkram, und alles zusammen macht dann 594 Mrd. Dollar. Es gibt Berechnungen, die sogar von 800 Milliarden oder mehr ausgehen. Aber auch die knapp 600 Milliarden Dollar sind äußerst bemerkenswert, v.a. wenn man berücksichtigt, dass fast die Hälfte (46%) direkt an Steuererleichterungen für die Top-1,5% der Einkommenspyramide gehen.

Da wird sich ehemalige Stahlarbeiter aus Pittsburgh aber freuen! Vor allem, wenn man die Einzelfälle berücksichtigt. Hier wird es nämlich nicht nur für Reiche preiswerter (wegen weniger Steuern), sondern auch für Arme teurer (weil Zuschüsse wegfallen). Zusätzlich ändert sich noch die Gebührenkalkulation in der Krankenkasse. Für Jüngere wird es preiswerter, für Ältere teurer. Das Handelsblatt nennt den Fall eines 60-Jährigen, der 20.000$ im Jahr verdient. Dieser erhält in Zukunft 5.000 (!!!) Dollar geringere Zuschüsse bei einem eh schon sehr geringen Gehalt. Es ist quasi unmöglich, das irgendwie über Einsparungen auszugleichen, kurz er wird aus der Krankenversicherung fallen.
Handelsblatt: Trumpcare und das Leiden von Millionen

The GOP’s Plan Is Basically a $600 Billion Tax Cut for Rich Americans

Es ist jetzt nun wirklich nicht so, als hätte ich nicht schlechte Dinge von Trump erwartet, aber was jetzt bis hierhin aus Finanzsicht sichtbar ist, übertrifft meine Befürchtungen …

Die einzige Hoffnung: Auch den Republikanern ist das alles viel zu heftig und sie lehnen es ab. Immerhin gibt es in zwei Jahren die Zwischenwahlen und da wollen einige wiedergewählt werden. Und dazu sind ein paar Millionen Menschen ohne Krankenkasse wohl nicht sonderlich hilfreich …

Update (17:32):

Die Zeit hat auch noch was: ZEIT: US-Haushaltsplan: Waffen statt Wohnungen

Update 2 (16.03.2017):

Die einzelnen Posten im US-Haushalt im Überblick mit prozentualer und absoluter Änderung:



Einige weitere interessante Links auch zum Gesundheitssystem hat Marco in die Shownotes zu unserer aktuellen Podcast-Folge eingetragen: Mikro038: Chaos, der hiermit empfohlen sei …

Update 3 (21.03.2017):

Noch zwei Nachklapps:

John Oliver zum Haushalt:



Und ein Blick auf die Kürzungen im Wissenschaftssektor, deren Auswirkungen weltweit zu spüren sein werden:

Motherboard-Vice: Wenn Trumps Haushaltsplan durchkommt, wäre das eine Katastrophe für die Wissenschaft

Und ein kurzes Streitgespräch zwischen zwei Ökonomen bei NPR:



Update 4 (22.03.2017):

Ein Nachklapp noch zum Reformvorschlag von Medicaid, den ich noch ganz wichtig finde: Die Krankenversicherung in den USA ist bekanntlich freiwillig. Man kann sich also auch entscheiden, sich nicht zu versichern. Das macht natürlich nur Sinn, wenn man richtig gut verdient (oder ein großes Vermögen besitzt); und wenn man dann das Glück hat, gesund zu bleiben (eigentlich deckt die Krankenversicherung ein so fundamentales Risiko ab, dass sich diese jeder kaufen sollte; aber gut, das mag man im Land der Freiheit anders sehen). Für alle Armen und Wenig- bis Normalverdiener macht es hingegen gar keinen Sinn auf die Krankenkasse zu verzichten; allerdings sind genau das die Menschen, die zwangsweise wegen zu hoher Beiträge aus der Krankenversicherung ausscheiden. Aus beiden Überlegungen heraus ist daher die reine Anzahl der Unversicherten nicht ganz aussagekräftig. Genau genommen müsste man noch nach den Einkommensklassen unterscheiden aus denen die Unversicherten stammen. Das war übrigens auch einer der wesentlichen Punkte, auf die Obama damals bei der Gestaltung des Affordable Health Care Act (aka Obamacare) explizit geachtet hat: Die Leute in die Krankenversicherung zu bekommen, die es vorher nicht bezahlen konnten. Und genau das will Paul Ryan wieder zurückdrehen. Zuschüsse für die Armen runter (von denen dann welche kündigen müssen), gleichzeitig die Zuschüsse der Größer-250.000-Dollar-Klasse abschaffen. Einige wenige profitieren (die Top 1,5-Prozent), viele zahlen etwas mehr (aber nun gut, es ist vergleichsweise neutral), aber ein paar Millionen müssen richtig leiden.


Gedanke aus dem empfehlenswerten "The Weeds"-Podcast von Vox u.a. mit Ezra Klein:

The Weeds: where does the Republican health plan go from here?.

Was von Cambridge Analyticas Psycho-Profil-basiertem Facebook-Micro-Targetting für Trump und Brexit übrig bleibt: Nix

Witzigerweise heißt der Mann von Cambridge Analytica Mr. Nix …

Das Thema wurde nach dem ursprünglichen Bericht in DasMagazin breit diskutiert, u.a. auch bei uns im Mikrooekonoemen Podcast (u.a. hier: Folge 27, bei der Lage der Nation und in nahezu allen großen Medien. Die drei Behauptungen von Cambridge Analytica waren im wesentlichen:

a) Wir [Cambridge Analytica) können mit ein paar Likes auf Facebook ziemlich viele Dinge über die Person sagen, die diese Likes abgegeben hat. Z.B. über das Geschlecht, über das Alter, über die Bildung, die sexuelle Orientierung, das Einkommen, den Wohnort, aber auch über das psychografische Profil (ängstlich/offen/kommunikativ/…) zum Beispiel die politische Ausrichtung (progressiv/konservativ) ableiten, etc. pp. Wir haben dieses Profil für über 200 Millionen Amerikaner auch bereits erstellt.

b) Mit diesem psychologischen Profil können wir hingehen, und über Facebook die Personen genauer ansprechen als jemals zuvor. Unter anderem, weil wir die Anzeigen, Nachrichten und Botschaften messen und testen können. Wir können maßgeschneiderte Nachrichten schicken, also zum Beispiel ängstliche Personen mit Angst (vor Ausländern, vor Einbrechern, …) ansprechen oder auch progressiven Wählern erzählen, dass Clinton gar nicht progressiv ist.

c) Wir haben das im Wahlkampf für Trump erfolgreich gemacht.

Neben vielen Detailfragen (die wir und andere dann auch diskutiert haben) stellten sich mir einige Fragen, die diese Geschichte im Laufe der Zeit immer unplausibler gemacht haben. Vor allem, weil die Antworten auf die Fragen, die nach dem ersten Bericht aufkamen, eigentlich mehr neue Fragen generierten als an alten Fragen beantwortet wurde.

Meine Hauptfragen waren:

zu a) Wie kommt Cambridge Analytica an die Daten von Facebook? Normal sieht ja nicht jeder alle Likes von jedem. Auch über die Programmierschnittstellen von Facebook nicht. Sicher, Facebook hat die Daten, aber alle draußen sehen nur Likes von "Freunden" und die Reaktionen auf eigene Artikel/Bilder/etc. Dadurch mag zwar bei großen Anbietern durchaus einiges an Daten zusammenkommen, außerdem kann man in den USA dank laschem Datenschutz eine Menge externer Daten einkaufen, für 200 Millionen Profile dürfte das trotzdem nicht ansatzweise reichen.

zu b) Selbst wenn man weiss, welches Profil (welcher Nutzer) welche Eigenschaften hat, kann ich diese Person über die Werbeschnittstellen von Facebook NICHT einzeln ansprechen. Facebook entscheidet nämlich alleine, nach welchen Kriterien gefiltert werden kann. Damit ist zwar viel genaueres Targetting möglich als in klassischen Medien, aber es ist immer noch weit weg von einer Ansprache auf Einzelpersonenebene. D.h selbst wenn ich weiss, dass ich den User 172.234 und 193.274 ansprechen möchte, kann ich das nicht, weil Facebook das nicht zulässt. Ich kann zwar sagen: Ok, 172.234 ist männlich, wohnt in Pittsburgh-Ost und ist 25-34 Jahre alt und progressiv (und ich muss ihn als Wahlkämpfer von Trump von der Stimmabgabe für Clinton abhalten), ich muss aber trotzdem Werbung kaufen, die dann an ALLE Männer in Pittsburg-Ost im Alter von 25-34 geht. Dieses Targetting ist zwar immer noch ein potenziell deutlicher Vorteil gegenüber einem gröberen Targetting, aber WEIT weg von der (Horror-?) Vision, die verbreitet wurde, dass jetzt Big Data Firmen alle Menschen auf Facebook kennen und jede Person einzeln für Werbung ansprechen können.

Und auch bei Punkt c gab es nie eine Bestätigung. Okay, logisch, wenn der Wahlkampf von Trumpf wirklich durch Cambridge Analytica entscheidend verbessert wurde, wäre Trump ziemlich doof, dieses Geheimnis öffentlich bekannt zu geben; es gibt schließlich in vier Jahren den nächstem Wahlkampf.

Bestätigt wurde nur das Engagement von Cambridge Analytica für Ted Cruz, aber das taugte nicht für Erfolgsgeschichte, Cruz verlor im Vorwahlkampf ja gegen Trump. Insbesondere interessant die Information der NYT heute, dass es genau aus dem Grund gestoppt wurde, mit dem Cambridge Analytica hausieren ging: Die Psycho-Profile haben schlichtweg nicht funktioniert, die Hälfte der vermeintlichen Supporter von Cruz wurden falsch identifiziert.

Weiter meldet die NYT unter Berufung auf Ex-Mitarbeiter aus Trumps Wahlkampfteam, dass Trump das Modell von Cambridge Analytica zwar getestet hat, es sich aber als "slightly less effective" als das schon vorhandene Targetting des Republican National Congress entpuppte.

Mitarbeiter von Cambridge Analytica waren wohl im Wahlkampf von Trump eingespannt, aber im Wesentlichen als Lieferant von Know-How, um relativ normales Targetting zu machen, das aber viel näher an dem Targetting von Obama von 1999 (man kennt kritische Wechselwählerbezirke auf Straßenzugebene und wandert von Tür zur Tür) war als an der angepriesenen magischen Kristallkugel mit Einzeltargetting der kritischen Wähler.

Die von Cambridge Analytica erwähnte Rolle für die Social Media Kampagne der Leave-Seite in der Brexit-Abstimmung gab es laut NYT übrigens auch nie.

Zusammengefasst: Alles, was aus den Zutaten Meinungsforschung, Werbetargetting und Big-Data zu einer Suppe gekocht wird: Die wird nie so heiß gegessen wie sie gekocht wird. Vor allem, wenn die Aussagen aus der Marketingabteilung der entsprechenden Firma kommt. Da gibt es dann gerne haltlose Aussagen, die manchmal auch nur äußerst knapp an der Lüge vorbeistreifen … Die Branche war für übergroße Versprechen schon immer anfällig …

NYT: Bold Promises Fade to Doubts for a Trump-Linked Data Firm

Update (09.03.2017):

Zwei Updates, die sich nach einer Diskussion auf Twitter ergeben haben:

Meine Aussage "Normal sieht ja nicht jeder alle Likes von jedem" ist nicht eindeutig. Natürlich kann jeder jeden Artikel und jede Seite (solange sie öffentlich geteilt sind) sehen und damit auch die Likes. Trotzdem ist es meines Wissens nach NICHT erlaubt, diese Informationen zu crawlen, also automatisch über Facebook-Seiten zu surfen und alle Likes einzusammeln. Wenn man Profile für 220 Millionen Amerikaner erstellen will, kommt man mit den Likes auf ein paar Artikel nicht sonderlich weit. Möglicherweise ist es möglich, mit weniger Seiten als ich jetzt denken würde, bereits sinnvolle Profile zu erstellen. Allerdings würde ich erwarten, dass man hier auf das Problem von "Sparse Data", also auf spärliche Daten, stößt, sprich man muss richtig viele Seiten und Posts crawlen, um eine vernünftige Datenbasis zu kommen. (Ob man damit dann sinnvolle psychografische Profile erstellen kann, ist damit noch lange nicht gesagt …). Also: Aussage ungenau, steht im Endeffekt aber noch.

Die zweite Aussage ist hingegen (wohl) falsch. Neben dem von mir beschriebenen Filtern der Zielgruppe auf Facebook, um dann Anzeigen zu schalten, hat Facebook eine neue Targetting-Möglichkeit: Die so genannten Custom Audiences. Das funktioniert so: man lädt seine eigenen Kundendaten hoch, also z.B. Telefonnummern, E-Mail-Adressen, Facebook-Namen, …). Diese Daten liegen übrigens nicht im Klartext vor, sondern werden "gehasht". Facebook sucht jetzt diese gehashten Daten (also z.B gehashte E-Mail-Adresse) in der eigenen Nutzer-Datenbank. Findet Facebook eine Übereinstimmung, wird die dazugehörige Facebook-ID in die "Custom Audience" eingetragen. Wenn man nun Werbung ausspielen will, wählt man als Zielkriterium einfach die passende "Custom Audience" aus und kann damit eine Gruppe ziemlich genau ansprechen. So wäre wohl eine direkte Ansprache möglich, falls Cambridge Analytica denn alle passenden Daten (E-Mail-Adressen, Telefonnummern, Facebook-Namen, …) hat. Da der Datenschutz in den USA aber gering ist und der Handel von personenbezogenen Daten ziemlich ausgeprägt ist, halte ich das für durchaus realistisch. (In Deutschland dürfte das sowohl mit dem Datenschutz Probleme geben (auch wenn das noch nicht endgültig geklärt zu sein scheint) und es dürfte deutlich schwieriger sein, ausreichend personenbezogene Daten einzukaufen (aggregierte Daten reichen ja nicht, darauf kann Facebook nicht matchen).

Zusammengefasst: Aus rein technischer Sicht ist das was Cambridge Analytica angepriesen hat, wohl denkbar. Der mögliche Knackpunkt ist das Crawlen der Daten auf Facebook und auch der Einkauf ausreichend vieler personenbezogener Daten. Das individuelle Targetting hingegen erscheint mir inzwischen möglich. Das ist aber nur die IT-Sicht auf das Problem. Was Cambridge Analytica aber weiterhin nicht bewiesen hat: Dass das psychografische Modell etwas taugt, dass das psychografische Modell überhaupt mit den oben beschriebenen Daten sinnvoll gefüttert werden kann. Und was wohl feststeht: Cambridge Analytica hat weder im Trump-, noch im Brexit-Wahlkampf die angepriesenen Methoden mit den Facebook-Likes und dem psychografischen Modell einen Einfluss, geschweige denn Erfolg vorzuweisen.

Danke an T. Preusse für das hilfreiche Feedback:



Eine weitere Zusammenfassung zum Thema gibt es bei der ZEIT: Die Luftpumpen von Cambridge Analytica

Update 2 (16.03.2017):

Dass die Custom Audiences keine Spinnerei sind, zeigt die ZEIT; wer Russia Today geliked hat, bekommt CSU Wahlwerbung auf Russisch ausgespielt:

Zu manchen spricht die CSU auf Russisch

Topstatistiker Nate Silver und Drew Linzer sagen Clinton Sieg voraus. Und alle Bundesstaaten für die gleiche Seite.

Scheint jetzt final zu sein:

Nate Silver's FiveThirtyEight sagt 71,6% Siegwahrscheinlichkeit für Clinton, 28,4% für Trump.









Lasst Euch nicht kirre machen, es geht allein um diese Staaten, die anderen sind durch:








































Bei Dailykos gibt es die Hochrechnung des Statistikers Drew Linzer, der 2012 und 2014 die beste Prognose hatte:




Dieser Prognose nach sind überhaupt nur acht Bundesstaaten umstritten, sprich gehen nicht mit mehr als 99%er Wahrscheinlichkeit (laut Drew Linzer) an einen der beiden Kandidaten. Eigentlich könnt ihr alle Wahlergebnisse bis auf diese acht Bundesstaaten ignorieren. Würden die Medien dieses Rauschen doch nur mal ausfiltern … (App-Idee: Pushe mir nur die Ergebnisse dieser 8 Bundesstaaten und per Option auch nur, wenn sie von der Prognose abweichen; liegt der Statistiker richtig, gibt es gar keinen Push sondern Schlaf).

Ich wollte das jetzt hier mal einloggen, um zu sehen, wer 2016 von den beiden die bessere Prognose hat, aber interessanterweise unterscheiden sich die beiden Prognosen nur minimal. Die umstrittenen Bundesstaaten sind exakt die gleichen (wenn auch minimal anders sortiert), und alle acht gehen jeweils an die gleiche Seite: New Hampshire (69,7% zu 30,3%), Florida (55,5% zu 44,5%), North Carolina (55,9% zu 41,1%) und Nevada (58% zu 42%) an Clinton; Ohio (35,1% zu 64,9%), Arizona (34,2% zu 65,8%), Georgia (20,6% zu 79,4%) und Iowa (30,6% zu 69,3%) an Trump (in Klammern die Bundesstaatenprognose von FiveThirtyEight; die von Daily Kos steht ja oben)

Daily Kos sagt 319 zu 219 Stimmen für Clinton voraus. Von den umstrittenen Bundesstaaten müssten also Nevada, North Carolina und Florida zu Trump kippen. Das wären 50 Stimmen, dann wäre es exakt ein Gleichstand. North Hampshire zusätzlich und Trump hätte gewonnen. Aber dann müssten alle acht knappen Staaten an Trump gehen und das ist doch einigermaßen unwahrscheinlich. So unwahrscheinlich wie ein Brexit, eigentlich sogar deutlich unwahrscheinlicher …

Ich hatte mich kurz vor der Brexit-Abstimmung gewundert, dass aus den ziemlich knappen Umfragen (die verdammt nahe an 50/50 waren; über die "Klarheit" von 51/49 ging eigentlich niemand hinaus) an den Wettmärkten ziemlich klare Wahrscheinlichkeiten (75 zu 25 pro Bremain) wurden.
Bei der US-Wahl sind die Wettbörsen deutlich zurückhaltener. Die Quoten der Wettmärkte liegen relativ nahe an den offiziellen Quoten: DailyKos gibt Clinton eine Siegchance von 92%, Nate Silver sagt 71,6%. Die fünf großen Wettbörsen liegen zwischen 78,5 und 89%, also ziemlich genau in dem Rahmen, den die Statistiker auch sehen (Quelle: Blicklog)

Dann beobachtet das mal für mich, ich werde mich schön schlafen ;) Die Nummer scheint mir zu klar zu sein …

Update (the morning after):




Update 2 (13:21):

Was man sich übrigens auch komplett knicken kann (wie schon beim Brexit): Das geheime Wissen der Menge. Wisdom of the crowds. Haha. Die Prognosemärkte lagen auch komplett falsch, genauso falsch wie die Demoskopen.

Podcast - Mikro 021 - Spezialfolge "Mikrokredite mit Barbara Bohr"

Es gibt mal wieder eine neue Folge der Mikrooekonomen, ganz ohne Marco (Urlaub), dafür mit Gästin Barbara Bohr.

Es gibt nur das eine Thema Mikrokredite (und Mikrofinanz). Das ist (wie so vieles in unserem noch jungen Podcast) auch ein kleines Experiment, weil wir wegen "ohne-Marco" und "nur ein Thema" von unserem üblichen Schema abweichen. Da ich mit Barbara aber ein in allen Beziehungen (Aufbereitung des Stoffs in den Vorgesprächen, fundiertestes Know-How, freies Sprechen gewöhnt (im Gegensatz zu mir; Mr. ähm)) perfekte Gesprächspartnerin gefunden habe, hat das glaube ich ganz gut geklappt. Vor allem wenn man berücksichtigt, dass es die erste Spezialfolge war.

Trotz (oder wegen) dieses vorsichtigen Eigenlobs freue(n) ich/wir natürlich über jede Kritik, über Anmerkungen, Feedback, Nachfragen, Themenvorschläge, Sternchen bei iTunes und Overcast und besonders über Teilen und Sharen dieser Folge auf dem sozialen Netz eurer Wahl.

Für Feedback bitte hier entlang:

Mikro021 Mikrokredite mit Barbara Bohr

Direkthören (besser natürlich gleich abonnieren):




Ich paste hier mal die gesamten Show-Notes rein.

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Shownotes:

Mikrokredite


Kurzvorstellung Barbara

Mikrokredite - Was ist das, was ich das nicht und worüber wollen wir sprechen
  • Es geht um Entwicklungsländer, es geht um langfristige Kredite für Investitionen, es geht um "unabhängig" machen. Damit geht es z.B. nicht um kurzfristige Überbrückungskredite, nicht um Konsumkredite, also zum Beispiel nicht um "Payday-Loans", wie sie auch in den USA üblich sind. Es geht auch nicht um Crowdfunding, was im Endeffekt auch nichts anderes als eine Vorfinanzierung ist, die in einem Produkt "zurückgezahlt" wird. Die Bereiche gehen an vielen Stellen nahtlos ineinander über, wir wollen uns aber auf den Kern beschränken.
  • Spiegel: Friedensnobelpreis für Muhammad Yunus

Was sollen Mikrokredite bewirken
  • Investitionen anschieben
  • Verdienstmöglichkeiten schaffen
  • Selbstständigkeit ermöglichen
  • Wirtschaftliche Unabhängigkeit

Frauenförderung
  • Besonderer Aspekt liegt auf der Frauenförderung
  • 84% der Kunden sind Frauen (Christoph Pfeiffer - Mikrokredite - Eine ökonomische Analyse)
  • Schönes Beispiel: Mikrokredite in Afrika - Frau Adbenas kleines Wirtschaftswunder
  • Frauen gehen (angeblich?) verantwortungsvoller mit dem Geld um ("kümmern sich um die Zukunft der Familie, Männer versaufen das Geld nur")

Hat die Frauenförderung funktioniert?

Kritik noch etwas breiter

Es geht (auch) um den Aufbau eines Bankensektors
  • Entscheidender Punkt! Im Schlepptau der Mikrokredite kamen auch (andere) Mikrofinanzen in die Fläche. Wichtig, denn funkionierende Volkswirtschaften ohne Bankensektor, ohne Konto, ohne Geldverkehr, kann es nicht geben.

Sind die Zinsen für Mikrokredite zu hoch?
  • Wirkt aus westlicher Sicht häufig so, aber erschreckend klingende Zinshöhen (40% …) relativieren sich
  • Inflation in Entwicklungsländern oftmals deutlich höher, was zählt ist der Nettozins
  • Bearbeitungskosten für die Kreditvergabe und Betreuung bei vielen kleinen Krediten logischerweise hoch

Worauf muss ich Geldanleger achten?
  • Gibt es eine Blase? Es gibt einen Index (MIMOSA), der die Durchdringung eines Markts mit Mikrofinanzangeboten misst
  • Die Recherche vor Ort, wer den Kredit bekommen soll, ist von hier aus kaum zu leisten
  • Selbst die Auswahl einen Mikrofinanzinstituts vor Ort dürfte kaum möglich sein
  • Daher: Wendet euch an bewährte Institute in diesem Markt, auch wenn man so zwei kostenproduzierende Ebenen in die Geldvergabe einzieht: Einerseits der Fonds bzw. die Genossenschaft hier, andererseits das Mikrofinanzinstitut vor Ort.
  • Drei Hinweise
  • Oikokredit (Genossenschaft)
  • GLS Alternative Investments - Mikrofinanzfonds (relativ normaler Investmentfonds (aber längere Kündigungszeit!), der auch Rendite erwirtschaften soll. Streut die Anlagen extrem breit, ist aber viel zu jung, um ein abschließendes Urteil fällen zu können
  • ResponsAbility (für die SchweizerInnen)
  • Wenn ihr trotz der Kritik direkt das Geld vergeben wollt: Kiva
  • Das sind keine konkreten Anlageempfehlungen, sondern nur Stellen, an denen ihr euch weiter informieren könnt und SOLLT!
  • Und Achtung: Es gibt auch in diesem Markt unseriöse Anbieter

Abmoderation

Wir freuen uns wie immer über Feedback, Anmerkungen. Gerade weil wie dieses "Ein-Themen-Special" zum ersten Mal machen. Und nochmal allerherzlichsten Dank an Barbara für die Zeit, die sie sich für den Podcast (und die Vorgespräche!) genommen hat.

Empfehlt uns weiter, teilt die Folge, klickt auf die Herzen und Sterne in eurem Abspielprogramm und iTunes. Und folgt uns auf Twitter: @egghat und @mh120480.

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Intro-Music: Title: “Femme Fatale: 30a”; Composer: Jack Waldenmaier; Publisher: Music Bakery Publishing (BMI)

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Viel Spaß beim Hören!

Podcast Urlaub … Mikro020 (und Ankündigung Mikro 021 mit dem Thema Mikrokredite)


Ich merke gerade, dass ich den Hinweis auf die letzten Podcasts hier ganz vergessen habe … Damit ihr Euch in Marcos Urlaub nicht zu sehr langweilt, reiche ich die mal nach, auch wenn es spät …

Mikro 020:

Es geht um die Deutsche Bank, den Kursverfall und die Pleitegerüchte. Die HSH Nordbank und den Berg von mehr oder weniger wertlosen Schiffskrediten, die jetzt auf den Steuerzahler abgewälzt wurden. Die Türkei ist jetzt Ramsch, die deutsche Konjunkturpolitik auch, die Presse ebenfalls (zumindest manchmal) und mein Bier auch ;)

Am besten hier: Mikro020 Abstiegskampf

Oder zum Direkthören:



Mikro 019:

Wir sprechen mit dem Growney Gründer (siehe Mikro 017) über seine ETF-Sparplan und ETF-Vermögensverwaltung Firma, das (mögliche) Verbot der Bonitätsanleihen durch die BAFin und das übliche Hörerfeedback und etwas Bier:

Mikro019 Vor der BAFin und auf hoher See …

Mikro 018:

Wells Fargo betrügt Kunden (und den eigenen Arbeitgeber) durch die Eröffnung von Scheinkonten und Scheinkreditkarten (um Boni abzusahnen) und kassiert eine saftige Strafe. Dazu noch etwas Interna, Nachrichtenüberblick (korruptes Russland) und Bier.

Mikro018 Wolfgang Schäuble frisst den Mittelstand

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Viel Spaß beim Hören! Wie immer sind wir gespannt auf Euer Feedback, und Eure Anregungen und Themenvorschläge.

P.S. Ich werde in Marcos Urlaub mindestens einen Podcast aufnehmen, vielleicht auch zwei. Das erste Thema steht, es geht um Mikrokredite (immerhin Basis für den Friedensnobelpreis 2006). Input und Fragen wären sehr hilfreich, um das doch sehr große Themengebiet etwas weiter einzugrenzen.

Kommentare bitte gesammelt drüben im Podcast-Blog: Sendungsankündigung Mikro 021: Mikrokredite

Mikro017 - Schöner Sterben mit Hedgefonds


Kurzer Hinweis vor dem Wochenende auf unsere aktuelle Podcast-Episode. Wieder mal knapp anderthalb Stunden lang (irgendwie schaffen wir die ursprünglich mal angestrebte Stunde nicht). Dieses Mal finde ich es aber voll in Ordnung, weil wir nicht lange ziellos rumlabern (nur ein wenig zum Ausklang am Ende), sondern ziemlich kompakt durch eine pickepackevolle Themenliste rauschen.

Der deutschen Bank wird vorgeworfen, 10 Milliarden Dollar aus Russland nach London transferiert zu haben. Wir versuchen zu ergründen, wie das genau ging. Eigentlich sollten solche Summen doch auffallen, vor allem wenn Moskau und London Hand in Hand arbeiten mussten. (Einer der Knaller an der Geschichte ist die Strafe, die in Moskau verhängt wurde …)

Zweitens (ebenfalls sehr schönes) Thema: Todesarbitrage mit Hedgefonds. Interessante Lücke in einem auf dem US-Markt gängigen Wertpapier. Bei diesen gab es eine höher als normal ausfallende Ausschüttung an einen zweiten (üblicherweise LebenspartnerIn), wenn der Besitzer verstirbt. Also quasi eine Kombination aus Wertpapier und Lebensversicherung. Und wenn man nun ausreichend viele Beschäftigte in Krankenhäusern kennt, kann man den unheilbar Kranken ein (unmoralisches?) Angebot machen …

Danach noch ein paar News: Ich zu Apples Steuernachzahlungen, Marco hat was zu Fonds und wir beide noch etwas Senf zu unserem Dauerthema Rocket Internet, wo es eine ziemlich dicke Abschreibung gab, die wohl gleich zwei Dickfische (im Rocket Internet Slang früher "Proven Winners" genannt) getroffen hat: Die Global Fashion Group (war zum Aufnahmezeitpunkt bekannt; Bewertung fast gedrittelt!) und Home 24 (Bewertung fast halbiert, sickerte nachher raus).

Zum Abschluss noch einen Überblick über das Hörerfeedback, am spannendsten dabei wohl der "Regiomat", mit dem Bauern ihre Waren direkt an den Endkunden verkaufen können, ohne Hofladen mit komischen Öffnungszeiten und ohne Personalkosten.

Mikro017 Schöner Sterben mit Hedgefonds

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Apples Steuerstrategie und die EU-Nachforderung - Und warum sich eigentlich die USA aufregen müssten …

Ok, Kurzbeschreibung dessen, was Apple gemacht hat.

Apple hat (scheinbar; Erläuterung folgt) hohe Gewinne in Europa eingefahren. Überschlagen so 120 Milliarden Euro von 2003-2014. Steuern gezahlt hat Apple auf diese Gewinne aber so gut wie keine. Grund: Die Gewinne sind fast komplett bei der irischen Tochter aufgeschlagen. Die Niederlassungen in den anderen europäischen Ländern haben kaum Gewinne erwirtschaftet. Über eine Steuersparkonstruktion, die so nur in Irland (mit Hilfe der Niederlande) möglich ist, wurden diese Gewinne quasi nicht besteuert. In Irland fallen zwar eh schon niedrige Steuern an (12,5%), zusätzlich kann man diese Steuern noch verringern, indem man das Geld über eine Lizenzvergabetochter in eine Steueroase "absaugt".

Die EU sieht das nun als unerlaubte Subvention und verlangt von Irland, die 13 Milliarden Euro zu wenig gezahlter Steuern von Apple zurückzufordern. Apple fühlt sich veräppelt (hehe), unter anderem weil die Forderungen bis 2003 zurückreichen. Und Irland möchte die Steuern auch nicht eintreiben, weil man das eigene Geschäftsmodell Steueroase gefährdet sieht.

Die Details sind nicht so wichtig (die habe ich auch schon mehrfach erläutert), es geht mir um etwas anderes.

Warum sind die Gewinne in Irland angefallen? Weil Apple das wollte. Und wie kann man das erreichen? iPhones werden zu festgelegten Preisen an die Apple-Läden verkauft. In diesem Fall war der Preis, den Apple Europe in Irland verlangt hat, hoch. Die Geräte gingen also für angenommene 500 Euro an den Apple Store nach Oberhausen. Dieser hat das Gerät für 600 Euro (+Umsatzsteuer) an mich weiter verkauft (ich Junkie, ich …). Apple Europe selber hat die Geräte für 200€ von der Apple Zentrale eingekauft. Die Apple Zentrale hat also kaum Geld verdient. Apple Irland jede Menge, der Apple Store Oberhausen als Händler wiederum fast nichts (er muss ja auch noch Personal, Miete, etc. bezahlen).

Warum akzeptieren die Steuerbehörden das? Im Fall der deutschen Steuerbehörden ganz einfach: Der Apple Store Oberhausen ist ein reiner Händler. Händler haben im Durchschnitt ziemlich niedrige Margen. Solange die Einkaufspreise für iPhones, die der Apple Store und sagen wir mal der Media Markt bezahlen, relativ ähnlich sind, kann das Finanzamt nichts machen (was auch richtig ist, das stimmt ja so alles).

Der Knackpunkt am Deal ist der Preis, zu dem Apple Irland die iPhones von der Zentrale einkauft. Hier könnte nämlich auch eine ganz andere Summe stehen. Und wenn Apple nicht will, dass viel Gewinn in Irland anfällt, könnte Apple ganz problemlos die iPhones aus der Apple Zentrale für 500 Euro an den Apple Store Oberhausen verkaufen. Dann wäre der Gewinn, der jetzt in Irland angefallen ist, in den USA entstanden. Und auch dort versteuert worden (wie hoch ist schwierig zu sagen, die USA haben mit Delaware praktischerweise eine Steueroase im eigenen Land). Aber wichtiger als Höhe des Steuersatzes ist die Feststellung, dass der eigentlich Beschissene in der Geschichte nicht Irland, Deutschland oder die EU sind, sondern die USA.

Denn bei einer normalen, natürlich Firmenkonstruktion landet der Hauptteil des Gewinns immer dort, wo der Sitz der Firma ist. Wenn BMW ein Auto in Italien verkauft, gehen die (angenommenen) 25% Marge auch nicht zur Hälfte an den Händler in Italien und zur anderen Hälfte nach München, sondern zu einem großen Teil nach München und nur zu einem Bruchteil nach Italien.

Wenn ihr jetzt das Gefühl habt, dass das internationale Steuersystem ziemlich kaputt ist, liegt ihr damit nicht ganz falsch …

Deutschland als Sitz vieler durchaus profitabler und auch exportorientierter Firmen bekommt bei einer solchen internationalen Steuerberechnung deutlich mehr Steuern ab als wenn man die Gewinne hälftig verteilen würde.

Danke an @DavidSchuppel, der mir die internationale Steuerberechnung gestern auf Twitter noch kurz bestätigt hat (damit ich hier keinen Mist erzähle).

Vielleicht kann man jetzt auch ein wenig nachvollziehen, warum sich Apple veräppelt fühlt. Apple muss jetzt Gewinne in Irland versteuern, die bei "normaler" Verrechnung nie in Irland angefallen wären. Klar, es ist leicht zu sagen: Pech gehabt. Ihr wolltet den Steuerzahler betuppen, dann geschieht euch das recht. Hättet ihr doch einfach in den USA die Steuern bezahlt. Allerdings zeichnet sich ein Staat auch dadurch aus, dass er verlässliche Steuergesetze macht. Und an diesem Grundsatz kratzt die EU gerade gewaltig.

P.S. Ich habe keine Ahnung, ob Apple bei einer normalen Steuerzahlung in den USA mehr Steuern gezahlt hätte. Wahrscheinlich schon, aber mit der Steueroase Delaware kann man auch komische Steuersparkonstruktionen bauen.

P.P.S.: Der Gedanke kommt von oditorium, der auf Twitter auch eine "On-the-Back-of-an-envelope"-Berechnung gemacht hat, die bei einer "natürlichen" Firmenkonstruktion angefallen wäre.

Die geht etwa so (habe die Zahlen etwas angepasst): Gewinn von Apple im Zeitraum, der von der Steuernachzahlung betroffen ist: Etwa 120 Milliarden Euro. Bei der Marge von Apple dürfte das einem Rohumsatz von etwa 200 Milliarden Euro in Europa entsprochen haben. Rechnen wir hier mit einer Marge von 5%, was eher großzügig für einen Händler ist (oditorium rechnet mit 2,5%), macht das 10 Milliarden Euro Gewinn in Europa (siehe oben, der Hauptteil des Gewinn fällt am Hauptsitz in den USA an; in diesem Fall 110 Milliarden Euro). Auf diese 10 Milliarden Euro Gewinn hätte Apple in Irland 12,5% Unternehmenssteuer bezahlen müssen. Macht 1,25 Milliarden Euro. Ziemlich weit weg von den 13 Milliarden (plus 4-6 Mrd. Euro Zinsen), die die EU jetzt haben will. In den USA wären dagegen wohl grob 30 Milliarden Euro Steuern angefallen (die es nun gar nicht gab; es sei denn, Apple holt das Geld aus den Steueroasen in die Heimat zurück, dann müssen die Steuern nämlich in den USA bezahlt werden).

Was bleibt: Die EU fordert 13 Milliarden Euro plus Zinsen, obwohl bei "natürlicher" Konstruktion kaum mehr als 1,25 Milliarden angefallen wären. Und die USA vermissen hingegen etwa 30 Milliarden Euro Steuern, die ihnen über die Steuersparkonstruktion entgangen sind.

Tja, alles nicht so einfach nicht … Schimpfen auf Apple ist leicht. Aber der Staat (v.a. Irland), hat dazu gehörig beigetragen.

Update (05.09.16):

Zwei Nachträge:

Die SZ stellt einen Vorschlag für ein gerechteres Steuersystem vor:
Wie ein gerechteres Steuersystem aussehen könnte.
Dieses basiert darauf, dass man die Verteilung der zu versteuernden Gewinne nicht vorrangig den Firmen überlässt, sondern diese nach Umsatzanteilen auf die Länder verteilt. Es könnten noch weitere Parameter wie die Mitarbeiterzahl zur Feinsteuerung hinzugefügt werden. Auf jeden Fall würden in der Konsequenz die Gewinne und damit auch die Steuern gleichmäßiger über die Länder verteilt. Verlierer bei einem solchen Vorgehen wären die Länder, die viele multinationale Konzerne mit hohen Exporten haben. Also auch Deutschland (Auto, Maschinen, …) oder die USA (Konsum, Pharma, Software, …).

Die FAZ hat die Steuersätze der deutschen Apple Stores recherchiert und (wenig überraschend) sind diese nicht sonderlich hoch.
So viel Steuern zahlen die deutschen Apple-Stores.

Kurzversion: Es gibt zwei Apple-Gesellschaften in Deutschland. Die Apple Stores selber erwirtschaften trotz mehr als 400 Millionen Euro Umsatz so gut wie keinen Gewinn und zahlen daher auch kaum Steuern. Profitabel hingegen ist die Apple GmbH, über die der Verkauf von iPhones, iPads, Macs, etc. abgewickelt wird (zumindest in Teilen). Diese hat bei gut 110 Millionen Euro Umsatz knapp 40 Millionen Euro Gewinn eingefahren und davon gut 12 Millionen Euro Steuern abgeführt. Diese Steuerquote von ungefähr 30% ist völlig im Rahmen dessen, was die Steuergesetze so vorsehen. Fasst man das alles zusammen, ist die Steuerquote von Apple Deutschland (gesamt) höher als das, was ich vermutet hätte. Ich hätte gedacht, dass Apple quasi nur den extrem margenarmen Handelsteil in Deutschland versteuert und den Rest über Irland abwickelt. Aber immerhin fallen für Teile des Handels durchaus signifikante Gewinne an und es werden auch Steuern gezahlt. Über alles gerechnet gibt es auf Umsätze von mehr als 500 Millionen Euro gut 51 Millionen Euro Gewinn (Marge etwa 10%) und darauf werden etwa 14 Millionen Euro Steuern bezahlt (Steuerquote 27,5%). Das ist definitiv nicht außergewöhnlich wenig. Gäbe es die Konstruktion mit Irland nicht und die Apple Stores Deutschland würden die Hardware direkt bei Apple USA einkaufen, wären die Steuereinnahmen in Deutschland wohl kaum höher.

Mikro 016 (und 015): Wirtschaft zum Hören. Mit Robo-Advisor-Kritik, Apple, und unser täglich Brot (Mehl), Milch und Bier. Und wie die Supermärkte Preiserhöhungen verstecken.

Dafür dass unsere Themenliste so kurz war, ist es mal wieder ganz schön lang geworden. Das angekündigte Deutsche Bank Thema mussten wir leider streichen, weil uns nicht 100%ig klar geworden ist, wie /genau/ die Deutsche Bank das Geld von Moskau nach London geschafft hat. Wurden die beiden Aktientransaktionen in Moskau (Kauf) und London (Verkauf) intern auf EIN Depot verbucht und darüber quasi die Aktien von Moskau nach London geschoben? Wenn das jemand weiss, freuen wir uns über einen Kommentar; uns wurde das weder im New Yorker Originalartikel, noch in der Manager Magazin Version klar.

Wir hatten aber auch so genug zu besprechen, kritisieren und zu erklären. Nachdem Marco die Gebührenstruktur und vor allem die Performancedarstellung des N26-Kooperationspartner Vaamo in einer älteren Folge schon kritisiert hat, habe ich einen anderen Robo-Advisor (einen automatisierten Depot-Vermögens-Verwalter gefunden, der mit einer Mindestanlage von NULL Euro und einer monatlichen Mindestsparrate von EINEM Euro an den Markt geht. Uns ist völlig unklar, wie sich das jemals (für den Anbieter) rechnen soll und wieso er solche garantiert unprofitablen Kunden umwirbt. Diese müssen schließlich alle anderen Kunden mitfinanzieren. So wird das nichts mit der Revolution der Anlageberatung, sage ich (obwohl ich das Produkt an sich mag), und Marco beschreibt, was er lieber hätte. Und daran zeigt sich, wer noch immer die Hauptkonkurrenz der Fintechs darstellt: Die Banken, auch wenn sie olle Dinosaurier sein mögen.

Dann gibt es noch gaaanz kurz (echt jetzt!) was zum Niedrigzins. Zu Markt und Milch und wie die Supermärkte und Lebensmittelhersteller versuchen, Preiserhöhungen zu verstecken. Und weil wir da schon bei Lebensmitteln waren, gibt es auch noch etwas zum Lebensmittel Nummer 1:  Bier … (Premiere!)

Und weil ich es unbedingt wollte, lasse ich mich noch etwas über der 13-Milliarden-Steuernachzahlung von Apple an Irland aus …

Dadrüben hören:
Mikro016 Eine wirkliche Revolution im Banking
und abonnieren.

Und wenn's unbedingt sein muss, hier:



Kommentare aber bitte nur drüben, sonst zerfasert das.

Mikro 015 gab es natürlich auch, und wer nicht nur hier liest, sondern drüben abonniert hat (sagte ich schon, dass ihr das tun sollt?), hat das auch bestimmt schon lange weggehört …

Darin haben wir das Thema Negativzins auf Mikro 013 nochmal aufgegriffen (weil es Feedback gab), und Marco regt sich ein wenig über Unister und die Agenda 2010 auf oder besser, was einige Medien zu diesen Themen so schreiben.

--> Mikro015 Negatives Agendasetting beim Zins

Wir freuen uns wie immer über Feedback, Anmerkungen, iTunes-Kritiken, Kommentare, Weiterempfehlungen und nicht zuletzt über Themenvorschläge.
Und noch eine Frage: Nutzt jemand das Soundcloud-Player-Plugin hier oben auf der Seite oder können wir uns das klemmen (kostet nämlich)?

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