Inflation - Welche Zahl nehmen?

Zweimal im Moment gibt es neue Inflationszahlen für die Verbraucherpreise und die Produzentenpreise. In beiden Fällen gibt es zwei Zahlen: Einmal die Kernrate und einmal die Gesamtzahl. Die Kernrate ist um die stark schwankenden Energie- und Lebensmittelpreise bereinigt. Wenn in einem Monat die Benzinpreise um 5 Cent steigen und im nächsten wieder um 5 Cent fallen, hat das auf die Kernrate keinen Einfluss. Auf das Portmonee des Verbrauchers (und auf meins) allerdings schon.

Da stellt sich doch die Frage, warum alle inzwischen nur noch auf die Kernrate schauen (auch die Notenbanken), wenn es der Realität nicht entspricht. Denn das, was vor ein paar Jahren nach als "zu stark schwankend, um relevant zu sein" aus der Kernrate rausgenommen wurde, ist im Trend in den letzten 9 Jahren gestiegen. Kann man diese Komponenten dann einfach weiter unter den Tisch fallen lassen? Ich meine Nein.

Die Preise für Energie beeinflussen fast alle anderen Preise. Und spätestens seit der Diskussion über Biodiesel und Ethanol hängen die Preise für viele Lebensmittel (Getreide, Zucker, Soja) auch an den Energiepreisen. Denn scheinbar lohnt es sich beim aktuellen Ölpreis den Mais oder den Zucker zu Ethanol oder den Raps oder Soja zu Biodiesel zu machen. Also steigt der Preis für das überbleibende Getreide, das zur Ernährung dient. Auch Fleisch wird teurer, weil das Futtermittel Soja teurer geworden ist. Und all das sehen wir in der Kernrate der Verbraucherpreise nicht mehr.

Die Grafik im verlinkten Artikel zeigt diesen Fehler ziemlich eindeutig. Seit 2000 wird er kontinuierlich größer.

Big Picture: Inflation Errors (Part II).

Übrigens halte ich als Orientierungsgröße den Preisdeflator im BIP immer für einen sehr guten Indikator. Dieser misst nämlich den Preisanstieg, der bei der Berechnung des BIPs zu Grunde gelegt wird. Damit hat er zwei gaaaanz große Vorteile:

a) So wie sich die Wirtschaftsleistung (sprich das BIP) zusammensetzt, ist auch der Deflator gewichtet. Kaufen die Leute viele Computer, sind die Computer wichtiger, kaufen die Leute mehr Benzin, wird das Benzin wichtiger. Daran kann (zumindest auf dieser Ebene) nichts angepasst, bereinigt oder manipuliert werden.

b) Die Zahl beobachten nur Insider. Das bedeutet, dass es auch keinen großen Grund zur Manipulation gibt.

Der große Nachteil: Den Preisdeflator gibt es nur quartalsweise.

Trotzdem bleibt die Tatsache festzuhalten, dass immer wenn die Kernrate unterhalb des Deflators liegt, man davon ausgehen kann, dass die Kernrate die wirkliche Inflation unterschätzt.

Übrigens: Wer (wie ich) glaubt, dass man den offiziellen Zahlen nicht zu viel glauben sollte, sollte sich mal Shadowstats anschauen. Dort wird die Inflation und die Arbeitslosenquote der USA so berechnet wie noch Anfang der 90er. Die Inflation liegt mit dieser Berechnungsmethode eher bei 6 als bei 3 Prozent. Auch die Arbeitslosigkeit ist wesentlich höher. Ich habe keine Ahnung, wie glaubwürdig das ganze ist, allerdings ist es schon auffällig, wie einfach man deutlich höhere Zahlen errechnen kann.

Zuletzt bei der Euro-Umstellung hatte ein ganz überwiegender Teil der Bevölkerung das Gefühl, dass die offiziellen Inflationszahlen die wahren Preissteigerungen nicht korrekt abgebildet haben. Ich bezweifle, dass sich da alle geirrt haben.

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