US-Arbeitslosenstatistik: Was hat wirklich Aussagekraft?

Die Stammleser und -leserinnnen (gibt es welche, ich habe noch nie einen Kommentar von einer Frau bekommen, zumindest keinen, der als "weiblich" zu erkennen war) wissen es: Ich halte von den meisten Statistiken wenig, insbesondere die wichtigen (= die von der Öffentlichkeit beachteten) sind inzwischen so weit manipuliert, dass die Aussagekraft langsam gegen Null geht. Vor allem in den USA ist manche Wirtschaftszahl kaum mehr aussagekräftig.

Welche Zahlen werden am meisten "optimiert"?

Vor allem die Arbeitslosenstatistik und die Inflationszahlen.

Bei den Inflationszahlen ist die Methode der Berechnung inzwischen so "frisiert" worden, dass die heutige Zahl nur etwa ein Drittel von dem beträgt, was nach der alten Methode (Beginn der 80er Jahre) ausgewiesen worden wäre. Durch hedonistische Anpassungen und Substitution von Produkten gehen bestimmte Preiserhöhungen nicht oder nur teilweise in die offizielle Inflationszahl ein. Auch die fragwürdige Berechnung der "kalkulatorischen Miete", über die ich schonmal gebloggt habe, erhöht mein Vertrauen in die Zahl nicht. Und die komischen Effekte, die die Saisonbereinigung manchmal produziert, ebenfalls nicht. Genauso verwirrend ist die hohe Anzahl von Inflationszahlen. Die monatlichen Verbraucherpreise kommen schon in mehreren Varianten (Consumer Price Index und Personal Consumption Index) und zusätzlich gibt es noch mehrere Preisdeflatoren für die Berechnung des BIPs. Das BIP ist übrigens auch der Grund, warum die Politiker an der Zahl drehen wollen: Je niedriger die Inflation ist, desto höher fällt das BIP-Wachstum aus. Alle meine Artikel zu diesem leidlichen Thema finden sich beim Klick auf den Tag Inflation.

Auch bei der Arbeitslosenstatistik passieren komische Sachen, über die ich schon ein paar mal gebloggt habe (siehe: Arbeitsmarkt). Auch diese wäre nach den alten Berechnungsmethoden deutlich höher. Hier kann man solch lustige Sachen einbauen wie "wer sich x Wochen lang nicht beim Arbeitsamt meldet, ist nicht mehr arbeitslos=arbeitssuchend" (man senke x), "wer mindestens x-Stunden arbeitet" ist nicht arbeitslos (man senke x), etc. pp. Es gibt auch noch eine Birth-Death-Anpassung, mit der die Anzahl der Arbeitsplätze korrigiert wird, die in neuen bzw. geschlossenen Firmen entstanden bzw. verloren gegangen sind (Da man die ganze Statistik nur über den Vergleich des aktuellen Monats mit dem Vormonat bei existierenden Firmen macht, braucht man diese Anpassung). Diese Anpassung hat im letzten Jahr zu etwa 80% der neuen Stellen geführt. Wenn man diese Stellen jetzt Phantomstellen nennt, liegt man (glaube ich) nicht komplett neben der Spur.

In den USA ist die Statistikerfassung zum Arbeitsmarkt mangels schwächer ausgeprägtem Sozialsystem logischerweise auch schlechter - Wer nichts bekommt, meldet sich auch nicht. Daher ist die Zahl der Lohnempfänger (wie in Deutschland auch) eigentlich die bessere Zahl. Nicht dass diese Zahl alles sauber erfassen würde, aber immerhin kann man manchmal Fehler in der Arbeitslosenquote erkennen. Nämlich dann, wenn die Arbeitslosenquote sinkt, aber die Zahl der Arbeitsplätze nicht steigt.

Ein weiterer Aspekt, den ich auch schonmal angesprochen habe, kommt jetzt auch nochmal bei The Big Picture. In den USA gibt es jede Woche die Zahl der neu gestellten Anträge auf Arbeitslosengeld. Das ist eine (für die Börse) wichtige Zahl, obwohl die Zahl wöchentlich kräftig schwankt und daher oft mit einem Vier-Wochen-Durchschnitt geglättet wird. Außerdem wird die Zahl häufig stark korrigiert (und zwar so: erst eine niedrige Zahl veröffentlichen, diese in der nächsten Woche nach oben korrigieren, für die Woche darauf wieder eine niedrige Zahl veröffentlichen und von der nach oben korrigierten Zahl ausgehend ein Wochenminus verkünden. So kann man jede Woche ein Minus verkünden ohne dass die Zahl sinkt). Trotz aller Mängel interessiert sich die Öffentlichkeit stark für diese Zahl. Keine Ahnung warum. Denn neben diesen (eher technischen) Problemen hat die Zahl noch ein schwerwiegendes inhaltliches Problem: Sie sagt überhaupt nichts darüber aus, wieviele Leute einen neuen Job gefunden haben.

Spannender ist daher die Zahl der fortgeführten Anträge auf Arbeitslosenunterstützung. Diese Zahl muss man auch nicht aufwändig glätten, denn die schwankt wegen der absoluten Höhe (es geht um Millionen, nicht um ein paar Hunderttausend) deutlich weniger. Außerdem ist das Zahl umfassender, denn es werden Zu- und Abgänge gezählt. Methodisch hat allerdings auch diese Zahl das Problem, dass sich Leute, die keinen Anspruch mehr auf Arbeitslosengeld haben und sich daher nicht (mehr) melden, nicht mehr gezählt werden.

Bei The Big Picture gibt es jetzt eine schöne Grafik, die beide Zahlen (Neuanträge zu fortgeführten Anträgen) in Beziehung setzt und dabei auch noch die Rezessionen einzeichnet. Man kann sehr schön erkennen, dass ein Anstieg der fortgeführten Anträge zum Arbeitslosengeld um mehr als 10% im Jahresvergleich bisher immer eine Rezession nach sich gezogen hat. Der Anstieg aktuell: +19,5%.

Schau'n mer mal ...

The Big Picture: Continuing Unemployment Insurance Claims Say "Recession"

Update (29.5.08):

Die Tagesschau hat eine Zusammenfassung der Tricks in der deutschen Arbeitslosenstatistik gemacht:

Stimmen die Arbeitslosenzahlen?

Kommentare :

  1. Ist es hier in Deutschland anders?

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  2. Hmmmm, nicht *viel* besser, aber besser.

    Man muss immer bedenken, dass die letzte Anpassung vor Gerhard Schröder die Zahl auf fast 5 Millionen getrieben hat, wovon etwa 1 Millionen ein rein statistischer Effekt waren.

    Ich finde die Zahlen der OECD nicht schlecht, die versucht, die Zahlen vergleichbar zu machen. Daran kann man dann schon ganz gut ablesen, wer tendenziell zu wenig und wer zu viel Arbeitslosigkeit ausweist.

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