Sind die USA alleine am Kreditdesaster schuld?

Interessanter Artikel bei telepolis, der auf die wirtschaftliche Macht der USA hinweist, die vor allem auf der Weltleitwährung Dollar beruht.

Der Artikel beschreibt manche Sachen richtig, allerdings geht mir die Kritik an den USA dann an manchen Stellen doch zu weit. Daher habe ich dort auch einen Kommentar hinterlassen, den ich an dieser Stelle noch leicht überarbeitet, auch einfüge.

Aber erstmal bitte den Artikel lesen:

Telepolis: USA sanieren sich auf Kosten der Hartwährungsländer

Dann mein Senf:

Hmmm, also die USA sind nicht das einzige Problem ...
2002egghat (mehr als 1000 Beiträge seit 08.11.02)

Erstens: Es wird ja gerne so getan als seien die USA alleine Schuld (Antiamerikanismus ist in Mode) aber einen total überhitzten Immobilienmarkt hatten auch die Briten und die Spanier. Beide sind jetzt, welche Überraschung, auf der Liste der Rezessionsländer im EU Raum weit vorne ... Das kann man schwerlich den Amis in die Schuhe schieben.

Zweitens: In die Berechnung des BIPs muss man IMMER die Bevölkerungszahl einbeziehen. Die Bevölkerung in den USA wächst deutlich kräftiger als z.B. in Deutschland (vor allem durch Einwanderung). Wenn man das BIP pro Kopf von Deutschland und den USA vergleicht, ist das Wachstumswunder USA schnell auf Nachkommastellen geschrumpft. Die genauen Zahlen habe ich nicht im Kopf, aber es DEUTLICH weniger als das was die 1,x in Deutschland gegen die 3,x% Wachstum in den USA auf den ersten Blick an Vorsprung andeuten. 2% Wachstum sind in Deutschland gut, in den USA hingegen schlecht.

Drittens: Dass die USA harmlos durch die Krise kommen, mag sein. Ich gebe auf die Wirtschaftsindikatoren aber wenig. Als ich in meinem Blog die Rezessionswette angeboten habe, hatte KEINER der 50 vom Wall Street Journal befragten Analysten auch nur ein einziges Quartal im Minus (ich habe direkt auf zwei gewettet). Im Schnitt stand bei den Schätzungen sogar eine 2 vor dem Komma. Auch wenn ich die Wette verloren habe, war ich doch näher dran ...

Viertens: Die Krise ist noch lange nicht vorbei. Der US-Staat hat gerade die Garantien für 5 Billionen Dollar Immobilienkredite von Fannie und Freddie übernommen. Hier sieht man offiziell höchstens die Spitze des Eisbergs. Merrill Lynch hat vor kurzem ein Kreditpaket für defakto 5% des Nennwerts weiterverkauft. Nach 95%(!) Abschreibung. Da sind alle anderen Banken noch weit von entfernt, auch Fannie und Freddie. Ja, die 95% waren auf eine Spezialkreditkonstruktion, aber wenn Freddie und Fannie bei Abschreibungen im niedrigen einstelligen Prozentbereich verharren, ist auch klar, dass das angesichts von 20% Preisverfall bei Immobilien nicht die ganze Wahrheit sein kann (Und der Preisverfall ist ja auch noch nicht zu Ende). Ich schätze, dass bei Freddie und Fannie mindestens nochmal Kosten in der Größenordnung eines Jahres Irakkriegs anfallen werden, vielleicht auch mehrere Jahre ...

Fünftens: Dass die USA nicht bluten, mag auf den ersten Blick so aussehen. Aber wenn man nach der Krise auf die Wall Street schauen wird, wird dort mehr als eine altehrwürdige Bank sein, die nicht mehr amerikanisch ist, sondern von Singapur, Dubai oder China kontrolliert
wird.

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War ich mit meiner Kritik zu hart?

Kommentare :

  1. Wenn Du schon um Feedback bittest... Zu"hart" finde ich Deine Ausführungen nicht, auch nicht unbedingt als Kritik, sondern mehr als eine Vervollständigung/Abrundung.

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  2. Die offiziellen Statistiken der USA, die der Offentlichkeit und somit der Propaganda dienen, sind allesamt BULLSHIT! Die einzigen verläßlichen Zahlen liefert John Williams mit seiner Shadow Governmnet Statistics Seite. Und danach befindet sich die USA seit Ende 2006 in der Rezession. Aktuelle Arbeitslosenquote 14,3% und Inflationsrate 12,6%.
    Warum dieser offizielle Statistik-Müll so kritiklos hingenommen wird kann ich nicht nachvollziehen.

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  3. @anonym 1 (wieso meldet ihr euch nicht an, bzw. schreibt wenigstens einen Alias drunter?):

    Gut, so sollte es auch klingen. Denn der Artikel bei tp ist ja nicht grundverkehrt.

    @anonym2:

    Ich bringe allen Statistiken ein gerütteltes Maß an Skepsis entgegen. Auch den von SGS. Du findest die offenbar toll, aber lies dir mal die Anpassungen durch, die seitdem gemacht wurden. Die haben zum größten Teil schon Hand und Fuß. Das ist zum großen Teil plausibel und nachvollziehbar. Kurz: Ich halte die Statistiken damals (die SGS jetzt nachbildet) für genauso falsch wie die von heute. Aber ohne diese Diskussion in Details zerfaseln zu lassen: Was natürlich komplett falsch ist, ist es die Zahlen von heute und von damals zu vergleichen. Und zu sagen, dass wir 1975 10% Inflation hatten und das total schlimm war und heute nur 4% und deshalb alles nur halb so schlimm sei. Man kann die 10% nämlich nicht mit den 4% von heute vergleichen, weil sie komplett unterschiedlich berechnet wurden ...

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