Meine Meinung zum Rettungspaket: Gut, gut, richtig schlecht, totaler Mist

a) Gut, weil man einen Befreiungsschlag braucht. Der Staat hat das Heft des Handels jetzt wieder in der Hand.

b) Gut, weil das Volumen ausreichen kann, wenn man sich gleichzeitig Gedanken über die Stabilisierung des Immobilienmarktes macht. Der Preisverfall am Immobilienmarkt wurde ja nicht durch die Finanzkrise ausgelöst, sondern es war anders herum. Deshalb sorgt ein (mögliches) Ende der Finanzkrise auch nicht für ein Ende der Immobilienkrise. Sollte aber wieder nur ein 150 Mrd. Steuerscheck-Verschwendungs-Programm aufgelegt werden (dass die FTD dann wie üblich wieder loben wird, arggg), wird das 700 Mrd. Programm deutlich entwertet. Siehe auch mein Überlegungen von gestern: Retten die 700 Mrd. das US-Finanzsystem?

c) Schlecht und zwar richtig schlecht: Moral Hazard at its best (besser eigentlich at its worst). Die Verantwortlichen werden rausgerissen. Sie sind nicht haftbar, sie behalten weiter ihren Job und beim Rauswurf gilt ihr (oft millionenschwerer) Goldener Fallschirm weiter. Ich halte das für einen großen Fehler. Wahrscheinlich wäre eine komplette Verstaatlichung (ich fand den "Public Equity"-Deal bei der AIG eine sehr interessante Basis für sowas (Komplett Bailout für AIG)) unter diesem Gesichtspunkt spannender gewesen. Übrigens ist die Verstaatlichung die einzige Möglichkeit; Pleitegehen lassen, geht nicht. Zum Moral Hazard eine sehr negative Meinung: Bronte Capital: Paulson stops thinking, starts acting

d) Schlecht, weil jede Rettungssaktion ohne Flankierung durch eine weitere Rettungsaktion für den Immobilienmarkt wohl verpuffen wird. Und von den anderen Krediten (Auto, Kreditkarte, etc.) will ich erst gar nicht reden. Und von den Schulden der Unternehmen auch nicht. Oder den 600 Billionen OTC-Derivaten ...

Ich möchte auch nochmal betonen, dass ich glaube, dass es IMHO vor ein paar Monaten auch noch möglich gewesen wäre, die Krise über eine Stabilisierung des Immobilienmarkts abzufangen. Das hätte die massiven Wertverluste abgemildert und weniger Abschreibungen bei den Banken verursacht. Aber dazu hätten sich die Entscheidungsträger schon damals die Schwere der Krise eingestehen müssen. Aber das Politiker keine Fehler machen, können die auch keine zugeben und keine beheben. Es sei denn, auch der Blindeste sieht das Problem.

Übrigens klären sich inzwischen ein paar Details zum RTC 2.0. Zum Beispiel was mit ausländischen Banken passieren soll. Wenn diese einen Sitz in den USA haben, gilt das Rückkauf wohl auch für diese (das klang am Anfang anders). Nichtsdestotrotz drängt die US-Regierung das Ausland, ähnliche Rettungspakete zu schnüren. Das ist zwar Moral Hazard zum Quadrat, (man reisst nicht nur die Verantwortlichen raus, sondern auch noch welche, für die man nicht verantwortlich ist, weil man sie nicht kontrollieren konnte), aber es wird trotzdem passieren. Die US-Banken haben nach dem Rettungspaket ja einen riesigen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Banken im Ausland: Eine halbwegs vernünftige Bilanz.

Wir sind in Europa nicht aus dem Schneider. Ich rechne fest damit, dass auch in Europa Banken Probleme bekommen werden. Entweder werden die sichtbar und dann wird das Rettungspaket à la Amerika geschnürt oder man macht das vorher und dann werden die Problem-Assets (wahrscheinlich unter fast völligem Ausschluss der Öffentlichkeit) an den Sicherungsfonds verkauft. Zur Einschätzung Europas siehe auch Nouriel Roubini: The shadow banking system is unravelling.

Das Thema bleibt spannend, abonniert mein Blog ;-)

Zum Beispiel ist mir noch unklar, ob die 700 Mrd. Dollar jetzt komplett zusätzlich sind, oder ob davon auch die Institutionen profitieren können, die bisher schon gerettet (oder nicht gerettet) wurden. Können also z.B. Fannie Mae und Freddie Mac ihren Schrott an die RTC verkaufen? Die AIG? Oder sogar Lehman? Und bekommen die Aktionäre von Lehman dadurch vielleicht doch noch Geld? Weiss das jemand? Ist das jetzt ein (ausschließlich) zusätzliches Paket oder enthält das die bisherigen Rettungspakete und ersetzt diese quasi? Man könnte Fannie und Freddie ja nur über das Abkaufen des Schrotts retten. Und nicht vergessen: Die Fed hat ja bereits jede Menge Schrott als Sicherheit für die Kreditvergabe akzeptiert und in die eigene Bilanz genommen (mehr als 400 Milliarden Dollar); siehe hier: Jetzt wird schon die Fed gestützt ...

Spiegel: US-Regierung drängt ausländische Staaten zu Bankenhilfe

Update (13:08):

Es gibt noch einen weiteren (wichtigen) Kritikpunkt, den ich vergessen habe: Den Gott-Status, den sich Hank Paulson in dieser Rettung genehmigt hat.

"Decisions by the Secretary pursuant to the authority of this Act are non-reviewable and committed to agency discretion, and may not be reviewed by any court of law or any administrative agency."

Geht's noch? Die dürfen 700 Mrd. Dollar ausgeben und unterwerfen sich KEINERLEI KONTROLLE?!? Siehe auch Traders Quest: Henry “Hank” “I am God” Paulson (unten dazu noch mehr)

Und noch ein paar Meinungen, von Leuten, die ich schätze:

1.) Calculated Risk: Some Thoughts on the Bailout

Die interessante Idee darin: Die Assets werden an die RTC übertragen. Als Basis dafür nimmt man einen Mittelwert aus dem Buchwert, mit dem die Anleihen jetzt in den Büchern der Bank stehen und dem Wert, den man mit ein paar Testauktionen ermittelt. Wenn die Assets sich entwickeln, wie von der Bank geplant, passiert nichts. Sollten aber weitere Verluste auflaufen, werden diese Verluste in Eigenkapital der Bank umgetauscht. Je unrealistischer der Wertansatz der Bank ist, desto höher die Verwässerung der Eigenkapitals. Und desto größer der Ärger bei den Aktionären (und umso schneller wird der Vorstand abgesägt).

Auf jeden Fall ein sehr guter Ansatz, um die Bewertungsproblematik in den Griff zu bekommen. Und der Teil mit dem Debt-Equity-Swap ähnelt der Idee von Willem Buiter, die ich gestern schon verlinkt hatte (Willem Buiter: More and different, including a debt-for-equity swap for the financial sector). Vor allem verhindert man so, dass der Steuerzahler zu vielfür die Anleihen bezahlt. Aber darum geht's gar nicht, siehe weiter unter bei Punkt 3).

2.) Paul Krugman: NYT: Thinking the bailout through

Auch Krugman bezweifelt, dass der Plan weit genug geht und befürchtet, dass es daher verpufft.

3.) Naked Capitalism: Why You Should Hate the Treasury Bailout Proposal

Der Titel sagt schon, wie negativ das dort gesehen wird.

Auch dort wird der völlige Ausschluss jeder Art von Kontrolle der RTC heftig kritisiert.

Und ein weiteres Detail, das fast allen (u.a. auch mir) entgangen ist: Die 700 Mrd. Dollar sind nicht die maximale Summe Geld, die die RTC 2.0 halten darf, sondern die maximale BILANZSUMME. Wenn die RTC 2.0 Assets verkauft hat (oder diese fällig wurden und es eine Rückzahlung gab), kann die RTC also erneut Assets kaufen. Und all das zu geheimen Preisen und ohne jede Kontrolle irgendeiner Institution. Das ganze ist aus dieser Sicht ein KLARER SKANDAL. Das ist nicht nur undemokratisch (der Kongress wird massiv unter Druck gesetzt; eine demokratische Meinungsbildung sieht wohl anders aus), sondern man schließt auch direkt die zweite Säule des Staats, die Judikative, aus. In dieser Hinsicht das Guantanamo des Finanzwesen.

Als einer der Gründe für die aktuelle Krise wird oft mangelnde Transparenz genannt. Und die Lösung soll durch eine Institution kommen, die nicht nur so schwer (700 Mrd.) wird wie nie zuvor, sondern auch so intransparent und geheim wie der KGB?

Im Artikel wird auch aus der Sicht eines Insiders das Pricing der eingekauften Assets beschrieben: Es geht nicht (wie es öffentlich dargestellt wird) um eine faire Bewertung, sondern darum, den Banken mehr Geld zu geben als das Zeuch wert ist. Es wird hier (wenig überraschend) nicht mit offenen Karten gespielt. Ex-Goldman Paulson schiebt seinen Ex-Kollegen die Milliarden Steuergelder scheinbar in den Allerwertesten.

Und zum Schluss und als Zusammenfassung der ganze Situation in den USA, die bösen Worte:
We have said more than once that the the US in the same position as Thailand and Indonesia, circa 1996, except we have the reserve currency and nukes. It looks like we will have the opportunity to see how those two assets influence the end game.
Tja, die USA haben die Weltreserve-Währung und Atomwaffen. Das wird den Ausgang der Krise womöglich anders machen als in Thailand oder Indonesien 1996 (wo die Asienkrise begann).

WENN IHR NUR EINEN ARTIKEL LESEN WOLLT, LEST DIESEN!

Und wenn ihr das geschafft habt, dann dürft ihr als Belohnung noch das lesen ;-)

ZUM SCHREIEN KOMISCH.

Die Telefonhotline der Fed:

"Hello! You've reached the United States Treasury's automated bailout hotline. Please listen carefully, because our options have recently changed. If you're too big to fail, press or say 'one.' If not, hang up and dial 1-800-FOR-FEMA.' "

"One."

"Great! You've selected Option One. If you're a bank, press or say 'one.' If you're a brokerage firm, press or say 'two.' If you're an insurance company, press or say 'three.' "

"Three."

"You've selected Option Three, which means you're an insurance firm. Did I get that right?"

"Yes."

[...] weiter hier: Washington Post: For a Bailout, Press 'One' . . .

Update (15:15)

Wer wissen will, wie sich die Banken alle gesundstoßen können und der Staat nur einen Bruchteil der 700 Mrd. einsetzen muss, lese nach bei Weissgarnix.de:

Weissgarnix: Wirkungen und (un)erwünschte Nebenwirkungen

Die Banken sprechen sich einfach alle ab und bieten für ein Paket des Konkurrenten einfach mehr als es wert ist, jedoch weniger als man in der eigenen Bilanz angesetzt hat. Passende Kombinationen von Verkäufern, Paketen und Käufern sollten sich in einem informellen Gespräch bei ein paar Kaffees und Zigarren finden lassen. Dann haben alle Banken Marktpreise, die höher sind als die eigenen Bilanzansätze. Niemand muss mehr abschreiben. Alle können zuschreiben. Und der Staat muss kaum Geld anfassen.

Das Problem löst man so natürlich nicht, denn die Papiere müssen ja irgendwann ausgebucht werden und dann wahrscheinlich mit Verlust. Nur streckt man so die Abschreibungen zeitlich und macht das für die Banken viel leichter verkraftbar. Im Endeffekt ändert man so die Bilanzierungsregeln von "Mark-to-market" auf "held-to-maturity" ändert. Man schreibt also nicht permanent zu und ab, sondern hält die Papiere einfach durch und realisiert und
verbucht den Verlust (oder den Gewinn) erst am Ende. Die Japaner haben das übrigens ähnlich gemacht, um die Verluste nach dem Platzen der Immobilienblase Anfang der 90er zu verkraften ...

1 Kommentar :

  1. Tja, und jetzt sprechen sich die Banken ab und bestimmen den Wert der Papiere nach eigenem Belieben, bevor der Staat sie dann abkauft?

    Und es geht übrigens nicht nur um Immobilienkredite, beim Bailout aller Bailouts wird generalsaniert:
    http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601103&sid=a7iCv1F0kuvQ&refer=news

    Hab den Link zuerst auf telepolis gesehen:
    http://www.heise.de/tp/blogs/8/116295

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