Regulierung: Ja? nein? Wenn ja, wie?

Die Debatte über die zukünftige Regulierung der Finanzmärkte ist in vollem Gange und wird demnächst wohl noch an Tempo aufnehmen.

Ich bin kein wirklicher Freund von mehr Staat und mehr Regulierung, aber ich bin auch kein ideologisch verbrämter Gegner jeder Art von Regulierung. Ich habe z.B. (wie Buffet) früh auf die Gefahren des unregulierten Derivategeschäfts hingewiesen. Allerdings weise ich auch immer wieder die Rolle der Politik hin, die die US-Immobilienblase erst zur endgültigen Größe aufgeblasen hat, um das politische Ziel "Wohneigentum für alle" zu ermöglichen. Ich möchte mit diesen Extremen nur verdeutlichen, dass die Antwort nicht einfach ist. Zu viel Regulierung ist genauso schlecht wie zu wenig. Soviel sollte inzwischen jedem klar sein. Die Frage ist nur noch was genau "zu wenig" und "zu viel" ist ...

Ich möchte am Anfang einen gaaaaanz simplen Vorschlag in die Diskussion werfen und freue mich über Eure Meinung dazu.

Ich brauche nur eine einzelne Regel:

Optionen und Derivate müssen börsennotiert werden. Nur solche Papiere dürfen gehandelt werden. Alle anderen Optionen, Derivate und Absicherungsgeschäfte werden verboten. Ende.

Ist das jetzt radikal oder nicht? (Radikal einfach ist es auf jeden Fall, was einen gewissen Charme hat). Die Antwort ist gar nicht so klar, weil so zwar ein großer Teil des gesamten Derivate-Marktes austrocknet, genauer gesagt der gesamte OTC-Markt. Allerdings wird ein beachtlicher Teil davon aus dem OTC-Handel an eine Börse wandern. Ein Teil wird allerdings nicht überleben.

Aber der Reihe nach:

Ein börsennotierter Handel ist irgendwie natürlich eine gute Voraussetzung für eine Regulierung und Kontrolle. Man muss ja irgendwo ansetzen können. Von daher ist das Ziel ausschließlich börsennotierten Handel zu haben, leicht nachvollziehbar.

Bestimmte Geschäfte wird man in der Zukunft nicht mehr machen können. Weil es keine genügend hohe Standardisierung gibt und daher kein Umsatz in den Absicherungskontrakten entstehen würde. Das schließt aber Absicherungsgeschäfte in Standardprodukten nicht aus. Man wird sich auch in Zukunft gegen Kursverluste bei Aktien, Rohstoffen, Staatsanleihen und selbst hypothekenbesicherten Anleihen (Pfandbriefe) absichern können. Das Produkt muss nur gängig und standardisiert genug sein. (Es geht ja nicht um den Komplettverbot von Verbriefung, weil man IMHO leicht sehen kann, dass der Pfandbrief in Europa funktioniert und die Spezial-MBS in den USA nicht)

Was passiert nun mit den Spezialkontrakten, die nur Partner A mit Partner B genau einmal abschließt? Tja, auf die verzichte ich einfach, weil die Teile nicht an der Börse notiert werden können, weil es nur ein einziges Mal einen Kurs gibt und daher ein Börsenhandel keinen Sinn macht.

Jetzt wird das Argument pro Absicherung lauten, dass man damit ja Risiken absichern kann und das schließlich sinnvoll sei. Stimmt im Prinzip, allerdings würde ich entgegnen, dass bei allen Kontrakten, in denen kein Umsatz (und damit keine Börsennotiz) entsteht, das Volumen dahinter nicht so wahnsinnig groß sein, dass es die Volkswirtschaft gefährdet oder dass es in großem Stil zu Preiserhöhungen führen wird, weil der Unternehmer das Risiko (das er jetzt nicht mehr weiterschieben kann) auf die Preis aufschlägt.

Und: Muss man sich wirklich gegen jedes Teilrisiko individuell und speziell versichern? Diese Versicherei hat doch nur eine Pseudosicherheit vorgetäuscht. Weil man glaubte, Rundumsicherheit eingekauft zu haben. Dabei aber vergessen hat, dass a) die Gegenseite ausfallen kann und b) das Geschäft nicht mehr aufgelöst werden kann, weil es komplett illiquide ist. Ich möchte ein Beispiel wiederholen, das ich letzte Tage schonmal gebracht habe: Es gibt eine Kreditausfallversicherung gegen den Ausfall der USA. Ich frage mich immer noch, wer einen solchen Kontrakt kauft. Wer soll denn die Gegenseite sein, die im Fall der Pleite der USA das Geschäft noch glattstellen kann? Das ist wie eine Versicherung gegen den Weltuntergang ... Kompletter Schwachsinn!

Ganz nebenbei konnte man in den letzten Monaten lernen, dass Risiko einfach weiterzuschieben nicht die Lösung für alles, sondern sogar kontraproduktiv sein kann. Das führt nur dazu, dass man bei der Kreditvergabe das Risiko nicht mehr richtig analysiert. Das ist aber eine der entscheidenden (auch volkswirtschaftlichen) Aufgaben, die eine Bank leisten muss: Kredite vergeben, aber nur, wenn auch die Zurückzahlung erwartet werden kann.

Zusammenfassung:

Derivate nur noch börsennotiert. Liquide Kontrakte werden wie bisher weitergehandelt, illiquide und ausserbörsliche fallen zum großen Teil weg.

Die richtig großen Risiken (Aktien, Rohstoffpreise, Anleihen, vor mir aus auch Wetter, Immobilienpreise, etc.) können weiterhin über Derivate an den Börsen abgesichert werden.

Der ganze Rest kann nicht mehr abgesichert werden und das zieht ein paar negative Effekte (z.B. Preisaufschläge) nach sich. Diese halte ich für begrenzt, weil das Volumen hinter diesen Geschäften und das versicherte Risiko und damit auch die negativen Auswirkungen nicht so groß sein dürften. Außerdem sorgt Risiko, das man nicht mehr weiterschieben kann, auch für einen positiven Effekt: Die Kreditgeber untersucht das Risiko genauer als bisher.

Was meint ihr zu der Idee? Also sicher ist, dass ich den einfachsten Vorschlag gemacht habe ...

Ein Nachtrag: Das Volumen des CDS-Markts ist im letzten Jahr drastisch gesunken (etwa 20%), es ist aber immer noch mehr wert als alle BIPs aller Länder der Welt zusammen, etwa 54.000 Mrd.: FTD: Derivatemarkt schrumpft drastisch

Meinungen zur Regulierung:

FAZ: Dünne Tünche

FAZ: Ökonomen kritisieren Steinbrück: „Regulierung mit dem Holzhammer wenig sinnvoll“
FR: Die Welt nach der Krise (von Robert von Heusinger)

Kommentare :

  1. Prinzipiell finde ich die Idee, die Kontrolle qua geregeltem Markt sicherzustellen sehr gut. Das ist genaugenommen Ordoliberalismus "pur".
    Genauso prinzipiell rollen sich mir aber die Fußnägel auf, wenn ich darüber nachdenke, welchen Eingriff in die Privatautonomie das außerbörsliche Handelsverbot bedeutet. Hier stellst Du einen der Grundpfeiler der offenen Gesellschaft - Koalitions- und Vertragsfreiheit - in Frage. Und - um das auch noch klugscheißerisch anzuhängen - es wird immer jemanden geben, der einen Weg findet, aus Schei*e Geld, aus Versprechungen Umsatzerlöse, aus Luft "Sicherheit" zu generieren, das Ganze zu verbriefen und unter die Leute zu bringen.
    Ein - so denke ich - wesentlich wirksamerer Schritt wäre, Eigenkapitalrichtlinien à la Basel II für alle Arten von Verbindlichkeiten auch im Nichtbankensektor als verbindlich zu erklären. Das hätte den netten Nebeneffekt einer rechtsformunabhängigen Wirkung - adieu, SPV's + Co.!

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  2. Ich gebe zu, dass mein Vorschlag vor allem einen Charme hat: Er ist einfach.

    Und ich bringe, obwohl mir bewusst ist, dass man die Grundidee auch in ein Konstrukt wie Basel II einarbeiten kann, direkt ein übles Gegenbeispiel: Eins der Gründe, warum wir jetzt die Probleme haben, ist die Komplexität von Basel II. Darüber wurde Jahre verhandelt (auch unter dem Einfluss der Lobbyisten) und jetzt braucht man Jahre für die Umsetzung. Und nach der jetzigen Krise muss man die Regeln eigentlich wieder überarbeiten, weil mindestens zwei Sachen klar geworden sein dürften: Der Faktor Liquidität (bzw. Illiquidität) ist nicht ausreichend berücksichtigt und ein AAA Rating ist auch nicht mehr das, was es mal war. Ich habe gestern irgendwo (leider vergessen wo) die Simpel-Forderung zurück zu Basel I gelesen. 12,5% Eigenkapital und aus. Weil man die komplizierten Bewertungsfargen eh nicht gelöst bekommt. Beim Rating wusste keiner, wie hoch das Risiko eigentlich ist und auch heute weiss es noch keiner, deshalb fasst die Papiere weiterhin niemand an. Ich glaube, dass das ein grundsätzliches und kaum lösbares Problem ist.

    Deine Grundidee (Basel II oder auch I auch für Nichtbanken) ist natürlich eine, die ich sofort unterschreiben würde. Es gibt auch keinen Grund, der dagegen spricht.

    Meinen Vorschlag und Basel II kann man natürlich auch integrieren, indem man verlangt, dass die außerbörslichen Geschäften mit doppelt so viel Eigenkapital hinterlegen muss wie vergleichbare, die an der Börse gehandelt werden. Als Risikoaufschlag für die schlechtere Liquidität und die schlechtere Kontrollbarkeit. Das Ergebnis wäre so aber etwa das Gleiche: Viel mehr Liquidität an den Börsen (und damit auch neue Kontrakte, die es bisher an den Börsen nicht gibt) und viel mehr in den "dunklen Märkten".

    Ich bin aber was die Bewertungsfragen angeht, sehr skeptisch. Die Assets von Lehman waren vor der Pleite 640 Mrd. wert, nach der Pleite waren es 100 bis 250 Mrd. weniger. WaMu hatte noch vor zwei Wochen eine ausreichende Eigenkapitalquote und ist jetzt Pleite. Und das haben alles Experten bewertet. Ich sehe da ein wahrscheinlich unlösbares Problem.

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  3. Ich bin aber was die Bewertungsfragen angeht, sehr skeptisch. Die Assets von Lehman waren vor der Pleite 640 Mrd. wert, nach der Pleite waren es 100 bis 250 Mrd. weniger. WaMu hatte noch vor zwei Wochen eine ausreichende Eigenkapitalquote und ist jetzt Pleite. Und das haben alles Experten bewertet. Ich sehe da ein wahrscheinlich unlösbares Problem.

    Das Bewertungsproblem wird man tatsächlich nie - zumindest: nie perfekt - lösen können. Das ist ein systemimmanentes Problem. Schließlich basiert der ganze Wertpapierhandel auf unterschiedlichen Meinungen über die Werthaltigkeit der jeweiligen underlyings.

    Zu diskutieren wäre m.E. nach eher, ob nicht die Wettbewerbsaufsicht das Kriterium der Marktbeherrschung stärker gewichten und restriktiver handhaben sollte. Das hätte den Effekt, dass gar nicht erst monströse Klumpenrisiken entstünden. Das "Bänkchen" von Iwan Herstatt oder aktuell auch die Weserbank konnten ohne große Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft über die Wupper gehen, einer der Global Player (und "Spieler" vor dem Herrn sind das im Wortsinne...) kann das nicht.

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