Retten die 700 Mrd. das US-Finanzsystem?

Ich denke, dass das eine der entscheidenden Fragen bei der Beurteilung des BaBs.

Bei der Rettung geht es vor allem um den US-Immobilienmarkt und dabei vor allem um die Hypotheken. Es wird ja nicht der Immobilienbesitzer gerettet, sondern die Bank, die die Hypothek vergeben hat. Wenn der Hausbesitzer die Hypothek nicht bedienen kann, wird die Immobilie genauso gepfändet wie bisher auch. Der Teil des wirtschaftlichen Schadens, der beim (ehemaligen) Immobilienbesitzer anfällt, entsteht also weiterhin. Aber das nur am Rande.

Um zu entscheiden, ob die 700 Milliarden Dollar ausreichen, um das Finanzsystem zu stabilisieren, muss man erst einmal überlegen, wie hoch der Schaden bei den Hypotheken denn werden wird. Und das hängt natürlich ganz massiv von der Entwicklung der Immobilienpreise ab.

Nouriel Roubini schätzt, dass bei einem Preisrückgang der Immobilien um 20% etwa 20% der Hypotheken "unter Wasser" sein werden, also der Wert der Immobilie nicht mehr die volle Höhe der Hypothek absichert. Er schätzt das relativ linear weiter und erwartet bei 40% Preisverfall, dass etwa 40% der Hypotheken unter Wasser sind.

Bei einem Gesamtvolumen von gut 10 Billionen Dollar an Hypotheken entspricht das Rettungsvolumen von 700 Mrd. etwa 7%. Reichen diese 7% aus, um den Markt zu stabilisieren? Womöglich ja ...

Wenn man die "Unter-Wasser"-Linie linear fortführt, kommt man bei 10% Preisverlust auf 10% der Hypotheken, die unter Wasser sind. Die ungedeckte Summe beträgt dann im Durchschnitt 5%. 10% der Hypotheken entsprechen 1000 Mrd., 5% davon sind 50 Milliarden. Sinken jetzt die Preise weiter, sind die ersten 10% von oben nochmal 10% weniger wert, also 1000 Milliarden mal 10% macht 100 Mrd. Dazu kommen die 50 Mrd. aus dem ersten Schritt. Und ausserdem die durchschnittlichen 5% aus der zweiten Tranche, also nochmal 50 Mrd. Insgesamt also 50 + 100 + 50 = 200 Mrd. Dollar. Das kann man so weiterrechnen und man kommt dann bei 30% Wertverlust auf 450 Mrd., bei 40% Wertverlust auf 800 Mrd. Da ist jetzt keine finanzmathematisch korrekte Rechnung, als Überschlag ist das aber OK.

Bei 700 Mrd. Dollar Rettungsvolumen ist man also für einen Preisverfall von gut 35% gewappnet.

Meridith Whitney rechnet aber mit einem Preisverfall von 40 oder 45%: Meridith Whitney (Oppenheimer): US-Immobilienpreise fallen 45%.
Damit wäre man aber bereits in einer Größenordnung von etwa 1 Billionen angelangt, bei 50% Preisverfall würde sogar eine Deckungslücke von 1,2 Billionen Dollar entstehen.

Ich halte die 700 Mrd. Dollar also zwar für großzügig, kann mir aber auch ohne die Einnahme halluzogener Mittelchen vorstellen, dass selbst diese Summe nicht reicht.

Aber entscheidender dürfte sein, dass sich das Programm von Paulson auschließlich auf Hypotheken beschränkt.

Der US-Verbraucher (und auch die Wirtschaft und der Staat) sind bis zur Halskrause verschuldet. Zu den Hypothekenschulden kommen noch normale Verbraucherkredite, Autokredite und Kreditkartenschulden.

Willem Buiter schätzt, dass der Bailout für diese gesamten Schulden noch einmal so groß wird wie der jetzige Hypothekenbailout. Und auch nach einem solchen Bailout wären die Banken noch nicht gerettet, denn die Qualität der Vermögensgegenstände hätte sich zwar deutlich verbessert, das grundlegende Problem, der extrem hohe Hebel der Banken, wäre aber immer noch vorhanden. Daher schlägt Buiter eine Refinanzierung über den Tausch von Schulden gegen Eigenkapital vor. Erst danach hat das Finanzsystem wieder das, was man als die wzei wesentliche Voraussetzungen für Stabilität nennen muss: Einen vertretbaren Hebel und werthaltige Assets.

Willem Buiter: More and different, including a debt-for-equity swap for the financial sector

0 Kommentare :

Kommentar veröffentlichen

Vielen Dank für Deinen Kommentar.

Related Posts with Thumbnails

egghats Amazonstore