S&P: Wir wussten nichts ...

... das haben wir inzwischen auch gemerkt ...

Aussage eines S&P Menschen heute bei der Anhörung, warum die Ratingagenturen alles falsch geratet haben:
"Virtually no one -- be they homeowners, financial institutions, rating agencies, regulators, or investors -- anticipated what is occurring. "

Wir haben nichts gewusst und alle anderen auch nicht. Cool! Dann können wir euch Ratingagenturen ja abschaffen, schließlich wisst ihr scheinbar auch nur so viel wie alle anderen. Also von Experten, die teuer bezahlt werden und alle mehr als 100K im Jahr verdienen, sollte man schon etwas mehr erwarten können.


Hmmm, nicht die Idee gehabt, dass die Preise ganz am Ende der roten Grafik etwas zu hoch gewesen sein könnten? Dieses Mal ist alles anders?

Schonmal nach Japan auf die Entwicklung der Immobilienpreise zwischen 1990 und 2005 geschaut?

Oder mal ein Papier des internationalen Währungsfonds (aus 2003) gelesen?

"The risk is that housing prices in many countries have increased by more than the threshold for a boom, and booms have been followed by busts about 40 percent of the time."
When Bubbles Burst: World Economic Outlook, International Monetary Fund, April 2003. (PDF)

Das ist von 2003 und da ist von 40% Rückgang die Rede! Das war schonmal da und ist nicht ungewöhnlich!

Wikipedia: Real estate bubble

Nee, haben wir alles nicht gewusst. Das konnte man gar nicht wissen. Immobilienpreise steigen doch immer nur, oder?

Zwei Angestellte hatten wohl ein dumpfes Gefühl:
S&P employee #1: By the way that deal is ridiculous
S&P employee #2: I know, right. That model definitely does not capture half the risk
S&P employee #1: We should not be rating it.
S&P employee #2: We rate every deal. It could be structured by cows and we would rate it.
S&P employee #1: but there’s a lot of risk associated with it - I personally don’t feel comfy signing off as a committee member
Dazu fällt mir dann nichts mehr ein ...

Dealbreaker: This Proves NOTHING
The Big Picture: S&P: We Knew Nothing! Nothing!

Marketwatch: Ratings agencies 'put system at risk,' CEO says

Update (14:44)

Es gibt noch einen weiteren Satz (oben ergänzt):

"Thursday, April 05, 2007 3:59:54 pm EDT Shah, Rahul Dilip (Structured Finance - New York): but there’s a lot of risk associated with it - I personally don’t feel comfy signing off as a committee member"

Die wussten definitiv, was sie tun.

Aber der Konkurrent Moody's war ebenfalls schlimm. In einer internen Präsentation hatte Moody's bereits erkannt, dass die Ratingqualität immer schlechter wurde, weil die Konkurrenten sich gegenseitig mit "kundenfreundlichen" Ratings überboten und damit in qualitativer Hinsicht unterboten haben.

Was war die Conclusion?
"Unchecked, competition on this basis can place the entire financial system at risk."
Das gesamte Finanzsystem! Die wussten es. Nicht nur im Kleinen (Rating), sondern auch im Großen (Gefahr für's Weltfinanzsystem).

Und es waren nicht nur die Ratingagenturen, die es wussten. Auch Investoren wie Pimco, Fortis oder Blackrock wussten, dass die Ratings Schrott sind. Pimco hat sogar auf höchster Ebene (Sachin Gupta) versucht, die Ratings von Moody's auch für Investoren brauchbar zu machen (sie dienten offenbar nur noch den Emittenten). Blackrock hat "verwirrende Trends" in der Ratingqualität schon 2005 bemerkt. Und eine Fondsmanagerin bei Fortis sagte "the only use in ratings is comparing b.s. relative to more b.s." und "If you cant figure out the loss ahead of the fact, whats the use of using your ratings?”.

Jetzt verstehe ich auch, warum sich die Allianz nicht auf externe Ratings verlassen hat. Pimco als Allianz-Tochter war wohl Grund für die Entscheidung. Die Allianz kann zu Recht stolz darauf sein, auf den Rating-Mist nie reingefallen zu sein (Ambac nicht herabgestuft).

FT Alphaville: Rating cows

Update (15:01)

A third reason given was that the RMBS group enjoyed the largest ratings market share among the three major rating agencies (often 92% or better), and improving the model would not add to S&P’s revenues.
S&P hat die Modelle für die Ratings nicht überarbeitet, weil man bereits 90% Marktanteil hatte. Unglaubliche Begründung.

Infectious Greed: More Excerpts from the Credit Rating Testimony

Kommentare :

  1. Die Protokolle erinnern mich fatal an die Enron-Tapes:
    http://www.youtube.com/watch?v=dvLZBv8HsO4

    Ich bin schon gespannt auf die erste detailierte Darstellung der Geschehnisse in Frontline oder im New Yorker. Das ist nur die Spitze des Eisbergs.

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  2. Der Vergleich mit Enron fing bei den SIVs an. Das hatte Enron ähnlich konstruiert.

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  3. Hier ist ein seltsamer Text von 1921,der zu den CDS -Summen und den Ratings merkwürdig passt:
    Er stammt von einem Meistergrübler der zwanziger Jahre, Walter Benjamin:

    „Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken, d.h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen auf die ehemals die sogenannten Religionen Antwort gaben."

    Anstelle eines Nachweises der religiösen Struktur des Kapitalismus schrieb er:

    "Wir können das Netz in dem wir stehen nicht zuziehen. Später wird dies jedoch überblickt werden."

    Und fuhr fort:

    "Drei Züge jedoch sind schon in der Gegenwart an dieser religiösen Struktur des Kapitalismus erkennbar. Erstens ist der Kapitalismus eine reine Kultreligion, vielleicht die extremste, die es je gegeben hat. Es hat in ihm alles nur unmittelbar mit Beziehung auf den Kultus Bedeutung, er kennt keine spezielle Dogmatik, keine Theologie. Der Utilitarismus („alles fürs Glück der Meisten“) gewinnt unter diesem Gesichtspunkt seine religiöse Färbung.

    Mit dieser Konkretion des Kultus hängt ein zweiter Zug des Kapitalismus zusammen: die permanente Dauer des Kultus. […] Es gibt da keinen Wochentag“, keinen Tag der nicht Festtag in dem fürchterlichen Sinne der Entfaltung allen sakralen Pomps, der äußersten Anspannung des Verehrenden wäre.

    Dieser Kultus ist zum dritten verschuldend. Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus. Hierin steht dieses Religionssystem im Sturz einer ungeheuren Bewegung.

    Ein ungeheures Schuldbewusstsein, das sich nicht zu entsühnen weiß, greift zum Kultus, um in ihm diese Schuld nicht zu sühnen, sondern universal zu machen, dem Bewusstsein sie einzuhämmern und endlich und vor allem Gott selbst in diese Schuld einzubegreifen, um endlich ihn selbst an der Entsühnung zu interessieren.

    […]

    Es liegt im Wesen dieser religiösen Bewegung, welche der Kapitalismus ist, das Aushalten bis ans Ende, bis an die endliche völlige Verschuldung Gottes, den erreichten Weltzustand der Verzweiflung, auf die gerade noch gehofft wird.

    Darin liegt das historisch Unerhörte des Kapitalismus, dass Religion nicht mehr Reform des Seins sondern dessen Zertrümmerung ist. Die Ausweitung der Verzweiflung zum religiösen Weltzustand aus dem die Heilung zu erwarten sei. Gottes Transzendenz (Außerweltlichkeit) ist gefallen. Aber er ist nicht tot, er ist ins Menschenschicksal einbezogen.

    Dieser Durchgang des Planeten Mensch durch das Haus der Verzweiflung in der absoluten Einsamkeit seiner Bahn ist das Ethos das Nietzsche bestimmt. Dieser Mensch ist der Übermensch, der erste der die kapitalistische Religion erkennend zu erfüllen beginnt.

    Ihr vierter Zug ist, dass ihr Gott verheimlicht werden muss, erst im Zenit seiner Verschuldung ausgesprochen werden darf. Der Kultus wird vor einer ungereiften Gottheit zelebriert, jede Vorstellung, jeder Gedanke an sie verletzt das Geheimnis ihrer Reife. […]

    Der Gedanke des Übermenschen verlegt den apokalyptischen „Sprung“ nicht in die Umkehr, Sühne, Reinigung, Buße, sondern in die scheinbar stetige, in der letzten Spanne aber sprengende, diskontinuierliche Steigerung. […] Der Übermensch ist der ohne Umkehr angelangte, der durch den Himmel durchgewachsene, historische Mensch. Diese Sprengung des Himmels durch gesteigerte Menschhaftigkeit, die religiös […] Verschuldung ist und bleibt …

    Der Kapitalismus ist eine Religion aus bloßem Kult, ohne Dogma. Der Kapitalismus hat sich […] auf dem Christentum parasitär im Abendland entwickelt, dergestalt, dass zuletzt im Wesentlichen seine Geschichte die seines Parasiten, des Kapitalismus ist." (Ges. Schriften, VI, S. 100, Frankfurt/M., 1991)

    http://mundanestagebuch.blogspot.com/2008/09/glaubenskrisen.html

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  4. Warum nicht die Rating-Agemturen abschaffen? Die sind völlig überflüssig, man braucht auch keinen staatlichen Ersatz (was nun wirklich die absolute Schnapsidee wäre). Sie sind überflüssig. Man kann das getrost dem Martk überlassen. Wer Risiken diverser produkte nicht einschätzen kann, muss die Finger davon lassen - und genau das ist das Ziel.

    Gruss Frank

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