US-BIP und meine Kritik an Konjunkturprogrammen

Konjunkturprogramme sind ja gerade in Mode. Nachdem sie lange out waren. Sehr out.

OK, Moden gaben mir noch nie was. Und Konjunkturprogramme auch nicht.

Theoretisch kann ein Konjunkturprogramm etwas bewirken. Wenn es

a) richtig getimed wird und
b) wenn es richtig gestaltet wird und
c) wenn es groß genug ist und
d) wenn es schnell genug kommt und
e) schnell genug wirkt.

Und die vielen "unds" im Satz sind genau das Problem: Das schafft nämlich niemand. Allein das Timing ist schon schwierig. Extrem schwierig. Wer hat im vorletzten September (2007) eine Rezession vorhergesagt? Niemand. Niemand von Relevanz. Ein irrer Blogger hat darauf zwar eine Wette abgeschlosssen (und verloren) aber sonst?

Ich will aber nicht nur palavern (und auf meine geradezu hellseherischen Prognosefähigkeiten hinweisen ;-)), sondern einfach mal auf zwei (wie ich finde hochinteressante) Datenpunkte aus den US-BIP Zahlen hinweisen.
"Current-dollar personal income increased $31.0 billion (1.0 percent) in the third quarter,compared with an increase of $228.4 billion (7.9 percent) in the second. The deceleration primarily reflected a downturn in personal current transfer receipts due to the effects of the second-quarter rebates to individuals who pay no income taxes (or for whom the rebate exceeded the amount of taxes they pay) from the Economic Stimulus Act of 2008.

Personal current taxes increased $133.4 billion in the third quarter, in contrast to a decrease of $180.9 billion in the second. The sharp upturn reflected the second-quarter rebates to individuals with tax liabilities, which were treated as an offset to taxes.

Disposable personal income decreased $102.4 billion (3.7 percent) in the third quarter, in contrast to an increase of $409.3 billion (16.7 percent) in the second. Real disposable personal income decreased 8.7 percent, in contrast to an increase of 11.9 percent."
Pressemitteilung

1.) Im 2. Quartal sind also die Einkommen der US-Bürger um 7,9% gewachsen, im 3. nur um 1%. Das große Plus im 2. Quartal beruhte auf den Geldtransfers an Bürger, die keine Steuern zahlen.

2.) Im 2. Quartal gingen die Steuerzahlungen um 180 Mrd. zurück, im 3. stiegen sie um 133 Mrd. Das lag an den Steuerschecks, die der Staat seinen Bürgern gegeben hat (allen die Steuern zahlen und von 1) nicht getroffen wurden).

3.) Zusammengerechnet ergab das ein Plus bei den Einkommen nach Steuern von satten 11,9% im 2. Quartal und ein Minus von 8,7% im dritten Quartal.

Die Consumption Expenditures (Konsumausgaben) sind dadurch im 2. Quartal auch - trotz bereits kräftig gestiegener Arbeitslosigkeit - noch gestiegen.

Das 150 Mrd. Konjunkturpaket hat also seine Wirkung entfaltet und zwar schnell und massiv. Genau wie es die Befürworter von Konjunkturprogrammen immer fordern. Das schafft dann neue Arbeitsplätze und finanziert sich von selbst. Also alles in Butter, oder?

Im 3. Quartal haben wir nun einen Einbruch der Konsumausgaben um 3,1%. Und damit ist wohl festzuhalten, dass die Wirkung genau 1 Quartal lang gehalten hat und inzwischen komplett verpufft ist.

Und was war noch gleich die Hauptkritik an Konjunkturprogrammen? Dass sie nicht nachhaltig sind? Dass sie nur ein Strohfeuer entfachen?

Mir ist nicht ganz klar, warum jetzt alle wieder hoffen, dass man mit einem Konjunkturprogramm den Tanker herumreissen kann.

Wenn (unter anderem) Dieter Wermuth jetzt ein großes Konjunkturprogramm fordert und darauf hinweist, dass es genügend sinnvolle Bereiche zum Investieren gebe, klar, gibt es. Nur frage ich mich, wieso man diese Bereiche immer in einem Abschwung finden soll? Machen Investitionen in Schulen nur Sinn, wenn eine Rezession droht? Machen Investitionen in Straßen nur Sinn, wenn eine Rezession droht?

Nein, ich bleibe bei meiner Meinung: Es ist nicht wirklich wichtig, wann der Staat wieviel Geld ausgibt, sondern vor allem wofür.

Und bei Konjunkturprogrammen wird Geld erfahrungsgemäß (besonders) schwachsinnig ausgegeben, weil es ja schnell wirken soll. So wie in den USA, wo es einfach einen Scheck gab. Völlig ohne Ziel, völlig blind in den Konsum geschüttet. Oder so wie jetzt in Deutschland, wo es (fast noch dümmer) eine Steuerbefreiung für neue Autos gibt.

Nennt mich "unbeeindruckt".

Herdentrieb: Die Zeit für ein großes Konjunkturprogramm drängt

P.S.: Immerhin kann man es noch dümmer als die USA und Deutschland machen. Prozyklisch sparen (dafür bin ich auch nicht). Aber dann noch an einer Stelle, an der man nicht sparen darf: bei der Bildung. Berlusconi macht's trotzdem.

Spiegel: FUROR IN ITALIEN Ciao, Bildung, ciao

P.P.S. Glos ruft einen "Wettstreit der Ideen" aus. Dabei scheinen mir große Teile des Geldes schon verballert zu sein; das sieht ziemlich nach einer Pseudoveranstaltung aus.

Aber egal, hier meine Idee: Ganztagsgrundschulen bis zur 6. Klasse. Kostenloses Mittagessen für alle Kinder. Die Bauaufträge für den Ausbau der Schulen und der Mensen sollten ein paar Milliarden in die Bauwirtschaft pumpen. Wirkt schnell, ist arbeitsintensiv, bleibt im Lande und ist langfristig sinnvoll.

Auch eine Idee? Kommentar abgeben!

Update (12:35):

Noch ein kleiner satirischer Blick auf das Rettungspaket von Becker+Jünemann bei WDR2 Kabarett (mp3).

Kommentare :

  1. Klar ist Bildung sinnvoll, aber von den Regierenden will das niemand. Ist traurg, aber es ist die Realität.

    Es grüßt ein Elternbeirat aus einem BaWü-Gynasium...

    Markus

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  2. Dass das Bildungssystem reformiert gehört sollte jedem klar sein, die Einführung des G8 hat die ganze Sache eher verschlimmert (Was man so von Gymnasiallehrern hört).
    Eine Ganztagesgrundschule/Schule, halte ich auch für sinnvoll, jedoch sollte man, wenn man die Grundschule bis zur 6. Klasse fordert, die Klassen in Kurse getrennt nach der Leistungsfähigkeit mit individueller Förderung aufteilen.
    In meiner Grundschulklasse besuchten über 2/3 Drittel der Schüler nachfolgend eine Hauptschule, die Lehrerin hat das Unterrichtstempo an die Schlechtesten angepasst, was für alle die schlechteste Wahl war, da das Leistungsbild der Klasse einfach zu sehr diversifizierte.

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  3. Ich bin auch für Bildung. Jedoch denke ich weniger an die Kinder, sondern eher an die Erwachsenenbildung. Die ist nämlich im Moment praktisch nicht existent. Maximal Deutschkurse für Ausländer und selbst dort nicht auf dem Niveau, wie ich es gerne hätte. Dabei kenne ich genügend Inländer, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind.

    Ansonsten müssen die ganzen Arbeitslosenkurse umgekrempelt werden. Das Niveau der Kurse spiegelt einfach nicht das Niveau der Kunden wieder. Es gibt genügend arbeitslose Akademiker und das beste Angebot ist "Englisch für Anfänger". Und in manchen Berufen (z.B. Schweißer) müssen die Wische regelmäßig aktualisiert werden. Obwohl in den unteren Bereich das Angebot auch nicht wirklich ideal ist. So gibt es zum Beispiel keinen ausreichenden Alphabetisierungskurs in NRW.

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  4. @Markus:

    Das sehr ich nicht so skeptisch.

    @yamakazi:

    Wenn sich überhaupt jemand auf die extremen Unterschiede einstellen kann, dann die Grundschule. Die sind das gewöhnt. Klar, da gibt es die altmodischen Frontalunterrichtler, aber die müssen eh raus. Aber das ist eine Diskussion, die jetzt im Rahmen "Konjunkturprogramm" zu weit weg führt (obwohl mich das Thema interessiert). Früher als die Finanzkrise noch nicht meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hat, habe ich dazu auch häufiger was geschrieben

    Label Bildung bei egghat's blog

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  5. @Frostbringer:

    Ja, die Erwachsenenbildung ist auch mau. Das Thema taugt aber für ein kurzfristiges Konjunkturprogramm nicht, weil es durch die Gemengelage (Bund, Land, Stadt (Arges) und Unternehmer) hier zu keiner kurzfristigen Lösung kommen wird.

    Beim Thema lohnt übrigens (wie in der "normalen" Bildung auch) ein Blick nach Skandinavien.

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  6. Das letzte Konjunkturprogramm in den USA aus dem Frühjahr diesen Jahres ist grandios verpufft, weil viele Haushalte das Geld einfach gespart haben.
    Hatte dazu im August mal einen Beitrag in meinem Blog geschrieben unter: http://www.blicklog.com/2008/08/11/neue-enthaltsamkeit-bei-konsumenten-in-den-usa/

    Konjunkturimpulse haben nach meiner Auffassung viel mit Psychologie zu tun. Konkret muss die Unsicherheit über die Zukunftserwartungen reduziert werden. Allerdings ist das auch einfacher hier hingekritzelt als konkretisiert.

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  7. a) Wie soll das gehen (mit den positiven Zukunftserwartungen)? Ich habe da nicht einmal eine neue Idee ...

    b) die Verbraucher haben IMHO nicht so wahnsinnig viel gespart. Die 2,x% gab es zum Beispiel das ganze Jahr 2000 (auf dem Höhepunkt der Internetblase und bei blühender Konjunktur). 2% sind nicht wirklich hoch, siehe Savings Rate.

    Ja, ein Teil des Geldes ist ins Sparschwein gegangen und das Konjunkturprogramm deswegen verpufft. Das meinte ich mit "Timing". Ein Konjunkturprogramm der rollende Lawine "Rezession" entgegenzuwerfen, ist nutzlos. Das ändert NICHTS. Außer den Schuldenstand nach der Rezession.

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  8. Mir würde da noch etwas einfallen: Renovierung und Neubau der Sozialbauten. Zum Teil sind die doch in einen ziemlich erbärmlichen Zustand.

    Außerdem sehe ich in diesen Bereich ein Marktversagen, da es zwar ausreichend private Wohnungen gibt, diese aber leer stehen. Über die Gründe für diesen Wahnsinn möchte ich nicht spekulieren, da weiß Egghat sicher mehr. Aber im Moment machen die Wohnkosten meist >50% des Einkommens aus. Wenn man also will das die breite Bevölkerung mehr Geld in den Taschen hat, würde ich persönlich an dieser Stelle ansetzen.

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  9. Ich weiss nicht ob die Sozialbauten noch zu einem großen Teil im Staatsbesitz sind. Da gab es viele große Transaktionen und ich schätze, dass der Staat aus der Nummer raus ist.

    Außerdem ist fraglich, ob in diese Bauten jemand einziehen will. Es sind doch im Normalfall immer Bauten, in die keiner will. Ich frage mich, ob in vielen Fällen abreissen nicht sinnvoller wäre ...

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  10. Meine Frage ist grundsätzlicher: Was wäre, wenn alle Bemühungen nichts nutzen, was wäre ohne Wirtschaftswachstum? http://www.andere-welten.net/article-32230937.html

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  11. Natürlich ist das Thema Erwachsenenbildung ein wichtiger Faktor. In meinen Augen ist es jedoch auf lange Frist gesehen wichtiger in die reguläre Schulbildung zu investieren. Zum einen wirkt man so dem Mangel an qualifizierten Fachkräften entgegen und zum anderen werden zukünftig weniger Maßnahmen in Sachen Erwachsenenbildung nötig sein.

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