Die Hoffnung stirbt zuletzt ...

... aber jetzt ist sie gestorben!

Sagt zumindest Prof. Nouriel Roubini. Und bringt dann direkt 20 Gründe, warum die Lage so hoffnungslos ist. Wie Naked Capitalism anmerkt, sind zwar ein paar Doppler dabei und daher sind das eher ein Dutzend Gründe. Aber wir wollen mal nicht so pingelig sein, jetzt wo die Hoffnung gestorben ist und wir alle trauern ... Ist ja auch November ...

Naked Capitalism: Roubini's Latest "Why Things Are Hopeless" List Hits New Record, 20 Items!

Ich übersetze die 20 Gründe von Roubini mal ins Deutsche:
· Der US Verbraucher ist "shopped-out", weil er die letzten Jahr über seine Verhältnisse gelebt hat.

· Der US Verbraucher ist "spar-los" nachdem die bereits niedrige Sparquote vom Anfang des Jahrzehnts bis 2006 auf bzw. leicht unter Null gefallen ist. Die Sparrate muss wieder auf ein nachhaltigeres Niveau steigen.
· Der US Verbraucher ächzt unter seiner Schuldenlast, die von 70% des verfügbaren Einkommens Anfang der 90er auf 100% in 2000 und 140% in 2008 gestiegen ist.

· Nicht nur die absoluten Schuldenhöhe ist gestiegen, auch die monatliche Belastung ist von 11% auf 15% der verfügbaren Einkommen gestiegen, u.a. weil die Zinsen gestiegen sind.

· Der Wert des Immobilienvermögens ist beim aktuellen Minus der Hauspreise von 30% um 6 Billionen Dollar gefallen. In 2010 wird der Preisverfall wohl an die 40% betragen. Der Vermögenseffekt durch diesen Rückgang wird 12 bis 14% der Haushaltsvermögen ausmachen und damit deutlich mehr als die Rückgänge in der Vergangenheit die nur 5 bis 7% im Durchschnitt betrugen.

· Mortgage equity withdrawal (MEW=Erhöhung der Hypothek für Konsumzwecke) ist von 700 Milliarden Dollar im Jahr 2005 auf weniger als 20 Milliarden Dollar im 2. Quartal 2008 eingebrochen. Bei weiter sinkenden Immobilienpreisen fällt dieser Faktor aus.

· Der Wert der Aktienanlagen der US-Haushalte hat sich nahezu halbiert. Auch das wird den Konsum bremsen.

· Die Kreditklemme wird schlimmer, wie die "Flow of Funds"-Daten und die Bankenumfrage der Fed bestätigen. Die Kreditklemme begann bei Krediten niedrigster Qualität und frisst sich immer höher. Zuerst waren Risiko-Hypothekenkrediten betroffem, dann auch Hypotheken besserer Qualität und schlussendlich auch Kreditkarten-Kredite, Autofinanzierungen und Studentenkredite. Kredite werden knapper UND teurer.

· Das Verbrauchervertrauen ist auf Werte wie in den Rezessionen 1973-75 oder 1980-1982 gefallen.

· Die Reallöhne und -einkommen der breiten Bevölkerung stagnierten in den letzten Jahren. Zuwächse gab es nur bei den Besserverdienenden. Jetzt wo das BIP und die Realeinkommen fallen, wird der reale Verbrauch scharf zurückgehen.

· Die Fed wird die Nullgrenze bei den Leitzinsen erreichen, weil sich die Wirtschaft einer Deflation nähert. Darauf deuten die Gütermärkte, die Arbeitsmärkte und die Rohstoffmärkte hin. Deflation bedeutet, dass die Preise sinken und Verbraucher die Ausgaben in die Zukunft verschieben, weil alles immer billiger wird, weil die Zinsen höher als die (negative) Preissteigerung sind (sich sparen also lohnt) und weil der reale Wert der Schulden steigt.

· Die Beschäftigung ist die letzten 10 Monate in Folge gefallen und die Geschwindigkeit, mit der die Arbeitsplätze wegfallen, steigt. Im aktuellen Zyklus sind erst rund 1 Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen, die Bedingungen am Arbeitsmarkt haben sich aber laut allen verfügbaren Frühindikatoren massiv verschlechtert. Massive Arbeitsplatzverluste und die Angst davor werden die aktuellen und zukünftigen Lohnzuwächse dämpfen und den Verbrauch weiter senken.

· Die Steuergutscheine im Gesamtwert von mehr als 100 Milliarden Dollar vom Anfang des Jahres haben nichts genützt. Nur 25% davon wurden ausgegeben, weil die Verbraucher Angst vor dem Arbeitsplatzverlust hatten und das Geld lieber zur Schuldentilgung von Hypotheken und Kreditkartenschulden benutzt haben. Eine weitere Steuergutschrift würde genauso verpuffen wie die erste.

· Die Rezession 1990/91 und 2001 hatten kein weltweites Ausmaß. Dieses Mal erwartet der IWF aber genau das.

· Die Inflation, die sich erst in den letzten Monate beruhigt hat, hat die verfügbaren Einkommen der Wenigverdiener überproportional gesenkt, da diese einen prozentual größeren Teil ihres Einkommens für Benzin, Energie und Lebensmittel ausgeben. Der Preisverfall der letzten Monate wird diese Haushalte zwar um etwa 150 Mrd. Dollar entlasten, aber die Einkommensverluste und der sinkende Konsum werden viel größer und damit entscheidender sein.

· Der handelsgewichtete Außenwert des US-Dollars hat sich seit 2002 verschlechtert und so die Handelsbilanz verschlechtert und die Kaufkraft der US-Verbraucher für Importe geschmälert.

· Der Konsum sorgt für 71% der gesamten Wirtschaftsleistung der USA. Ein deutlicher und nachhaltiger Rückgang des Konsums bis (mindestens) zum vierten Quartal 2009 legt eine stärkere Rezession nahe als normal. Ein Rückgang der Konsumausgaben gab es in der Rezession 2001 gar nicht und man muss bis zur Rezession 1990/91 zurückschauen, um ein negatives Quartal zu finden.

· Geldpolitische Maßnahmen (sprich Leitzinssenkungen) werden den Kauf von langfristigen Konsumgütern und Häusern nicht beleben, weil diese Güter in Massen verfügbar sind und daher die Zinsen keine Rollen mehr spielen, sondern nur die deflationär sinkenden Preise. Zinssenkungen sind dann so wirksam wie der Versuch einen "Faden zu schieben". In der letzten Rezession senkte die Fed die Leitzinsen von 6,5% auf 1% und die langfristigen Zinsen sanken um 2 Prozentpunkte. Trotzdem sanken die Investitionen um eine Summe, die 4% des BIPs entspricht, weil es vorher eine Flut von Investitionen gab, die abgebaut werden mussten (kurz: Niemand investierte mehr, weil im Aufschwung vorher viel zu viel investiert wurde). Aktuell gibt es viel zu viele Immobilien, langlebige Verbrauchsgüter und Autos. Es wird Jahre dauern, bis diese Schwemme abgebaut ist.

· Auch wenn die Leitzinsen fallen, steigen die wirklichen Zinsen wegen der erhöhten Risikoaufschläge defakto eher. Zusammen mit der eingeschränkten Verfügbarkeit dämpft das nachhaltig die Fähigkeit der Haushalte Kredit aufzunehmen und zu konsumieren.

· Um die Sparrate der Haushalte zurück auf das Niveau des letzten Jahrzehnts zu bringen (6% des BIPs), muss der Konsum um fast eine Billionen Dollar sinken. Wenn dieser Rückgang innerhalb von 12 Monaten stattfinden sollte, würde das BIP allein durch direkte Effekte um 7% sinken. Mit den üblichen Zweiteffekten (weniger Umsätze, weniger Mitarbeiter im Einzelhandel, die dann wiederum weniger Geld haben), kann das BIP leicht um 10% sinken. Dieser Rückgang des BIPs durch erhöhte Sparquoten hat Keynes als "Spar-Paradox" bezeichnet. Würde diese Anpassung über zwei Jahre ablaufen, gäbe es zwei Jahre mit jeweils 5% Minus (Anmerkung: In der schwersten Rezession in der Nachkriegsgeschichte 1957/58 sank das BIP nur um 3,7% vom Hoch). Man kann nur hoffen, dass diese Anpassung noch länger gestreckt wird. Bei einer Anpassung über 4 Jahre würde das BIP um 4 bis 5% sinken, würde damit aber immer noch die tiefste Rezession seit dem zweiten Weltkrieg darstellen. In der Rezession 2001 gab es nur einen Gesamtrückgang um 0,4%, in der Rezession 1990/91 um 1,3%. Die jetzige Rezession könnte also gut dreimal so lang und dreimal so tief werden wie die letzten beiden Rezessionen und schlimmer als alle anderen Rezessionen seit dem 2. Weltkrieg.
Fast alle Punkte müssten Stammlesern ziemlich bekannt sein, einige wurden sogar schon explizit zu Roubini verlinkt. Einige Punkte sind aber eher ähm Füller. Das Dollar-Argument z. B. ist bei 1,25 nicht mehr sooo stichhaltig.

Was meint ihr? Hat Roubini was vergessen? Oder hat er in einem Punkt sogar Unrecht?

(ich finde übrigens, dass das ein yiggenswerter Artikel ist. Wink mit dem Zaunpfahl und so.)

Kommentare :

  1. Zunächst einmal: fleißige Arbeit egghat und Dank für die Aufstellung.
    Das liest sich grausam. Aber mit welcher Botschaft soll man jetzt weitermachen?

    Ich glaube Roubini unterschätzt die Amerikaner, die gerade in Krisenzeiten zu Hochform auflaufen. Wie das bei den Rahmenbedingungen allerdings funktionieren soll, weiß heute kein Mensch. Wahrscheinlich gibt es irgendwo auch eine Aufstellung mit 20 Gründen, warum alles gut werden wird. Wir müssen halt nur länger danach suchen.

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  2. ja, denke auch, dass die Amerikaner mutig an die Krise herangehen werde, aber das führt ja nicht unmittelbar dazu, dass die verschwindet...

    Mal so ein Gedanke...Wenn Roubini recht hat, und der Dollarzins nun wirklich bei 0 ankommt, was für ein Risiko haben dann eigentlich noch Carry-Trader? Ich mein effektiv kann man den Kredit ja kostenlos immer weiter und weiter laufen lassen und irgendwo anders die Zinsen einstreichen. Wechselkurse sind eigentlich irrelevant, Kredit kost ja so oder so nix. Hört sich für mich nach *der* Gelegenheit des Jahrhunderts an, bzw nach dem Tod des Dollars und damit Amerika...

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  3. Es gibt nur einen Grund, der Hoffnung macht: Die Amerikaner reagieren schnell und das meiste, was sie machen, ist auch nicht so falsch. (Die erste Version des Rettungsplans wwar z.B. Müll (Assets abkaufen), aber die Umsetzung (den Banken Eigenkapital geben) dann schon viel besser). Ansonsten würde ich mich den Warnungen vor der Weltwirtschaftskrise 2 uneingeschränkt anschließen. So besteht noch Hoffnung.

    Aber man muss schon sehen, dass die Schuldensituation der USA eine andere (viel schlechtere) ist als in allen Krisen vorher. Eine Wirtschaft, die zu 70% am Konsum hängt und in der der Verbraucher defakto Null spart und dem die Vermögenswerte wegschmelzen, ist schwierig wieder in Schwung zu bringen.

    Die Lage in den USA wird oft mit der ersten Weltwirtschaftskrise verglichen. Damals haben die USA aber noch gespart, sowohl Verbraucher wie Staat. Allerdings hat die Notenbank damals nicht richtig reagiert.

    Auch beim Vergleich mit Japan fällt auf, dass die wirtschaftliche Situation der Verbraucher Anfang der 90er in Japan VIEL besser war als heute in den USA.

    Ich kenne keine vergleichbare Situation. Ich bin mir aber inzwischen sicher, dass die 700 Mrd. aus dem Rettungspool nicht reichen werden. Ich glaube, dass für alle Stützungsmaßnahmen zusammen (Banken, Automobilindustrie, Immobilienmarkt, Steuersenkungen) locker das Dreifache ausgegeben werden muss.

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  4. @Stefan:

    0% Leitzins heisst ja nicht, dass *du* auch Null Prozent Zinsen zahlst.

    Und die Währung zählt natürlich immer noch, denn auch wenn du keine Zinsen zahlst, musst du doch irgendwann mal tilgen. Und deshalb kosten dich die Währungsverschiebungen schnell mehr als du an Zinsen in der Fremdwährung sparst.

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  5. Ich glaube, ich fange schon mal an über einen Beitrag nachzudenken, wie man Margarinebecher zum Eintuppern verwenden kann und werde auf Selbstgedrehte umsteigen.

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  6. Zitat decoien: "Ich glaube Roubini unterschätzt die Amerikaner, die gerade in Krisenzeiten zu Hochform auflaufen."

    Glaub ich nicht unbedingt, z.B. Anfang der 90er hat Amerika in der Krise ja quasi die Globalisierung erfunden und die asiatischen Staaten (außer Japan, grob gesagt) verstärkt ins Boot der Weltwirtschaft geholt, alles auf Pump versteht sich.

    Ob sich so etwas nochmal wiederholen lässt wage ich mal zu bezweifeln und nur vom verkaufen sauteurer HighTech-Produkte und Werbeflächen bei Google kann man den ausufernden Wohlstand auf Dauer nicht finanzieren.

    Sollte es diesesmal nicht krachen dann halt in der nächsten Krise.

    Überhaupt ist dieses "Neuerfinden" eher eine neue Stimmungslage als tatsächliche Veränderung. Ob sich China und Co. da bis in alle Ewigkeit neue Kredite aus den Rippen leiern lassen um die Neuerfindungspartys in den USA zu bezahlen ist eher unwahrscheinlich und eine weitreichende Korrektur so oder so unvermeidlich.

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