Konjunkturprogramme vs. Benzinpreis vs. Leitzinsen

Höh, was ist denn das für eine Gegenüberstellung im Titel?

Ich bin kein Fan von Konjunkturprogrammen, auch wenn ich damit komplett neben der aktuellen Denkmode liege (Ich habe es schon immer vorgezogen selber zu denken). Beim Lesen in den letzten Tagen habe ich zwei interessante Zahlen gefunden, die eines zeigen: Wie machtlos und unwichtig das ganze politische Getue um Konjunkturprogramme ist.

a) Die Zinssenkung der englischen Notenbank um 1,5 Prozentpunkte erhöht das verfügbare Einkommen der britischen Haushalte im 1%. Ich finde leider die Quelle nicht wieder. Die Rechnung ist aber relativ einfach: Man schaut sich das Gesamtvolumen der britischen Hypotheken an, nimmt den Anteil der variabel verzinsten Kredite und rechnet davon die 1,5% aus. Das Ganze gilt natürlich nur unter der Annahme, dass die Hypothekenbanken die Zinssenkung auch weitergeben. Da die Hypotheken aber überwiegend an den LIBOR gebunden sind, kommen die Banken daran nicht vorbei. Die Auswirkungen dieser Zinssenkung dürfte schon jetzt größer sein als die eines Konjunkturprogramms. Und die Zinssenkungen sind noch nicht am Ende angekommen. Es wird wohl mindestens nochmal um 1,5 Prozentpunkte nach unten gehen. Damit sind die britischen Haushalte im Schnitt schonmal 2 Prozent entlastet. Dass es eine Steuersenkung in dieser Höhe gibt, erscheint eher zweifelhaft.

Die Rechnung stammt aus dem Wall Sreet Journal: WSJ: Bold Lady of Threadneedle Street

b) Im Marktkommentar von Tiberius Asset Management wird eine weitere spannende Zahl genannt. Die Preissenkungen für Benzin, die durch den Ölpreisrückgang ausgelöst wurden, entlasten die US-Haushalte und Wirtschaft um 1,5 Billionen Dollar(!). Das ist das Doppelte des Volumens, das die US-Regierung für das Rettungspaket zur Verfügung gestellt hat. Und das Zehnfache des Volumens des (nebenbei gesagt völlig verpufften) Konjunkturpakets von Anfang 2008.

(Die USA verbrauchen laut IEA etwa 20,7 Millionen Barrel Öl pro Tag. Mit einem Preisrückgang von 90 Dollar vom Top * 365 Tage ergibt das nach meiner Rechnung eine Entlastung von gut 650 Milliarden Dollar. Ich nehme an, Tiberius hat auch noch Erdgas (und u.U. auch Kohle) als am Ölpreis hängendes Produkt mit in die Rechnung aufgenommen und ist so auf die 1,5 Billionen Dollar gekommen).

Wieso meint eigentlich jemand, dass man mit 150 Milliarden oder ähnlich lächerlichen Summen (über die albernen 10 bis 15 Mrd. Euro in Deutschland will ich erst gar nicht reden), irgendwas bewegen zu können? Die Zinsen und die Ölpreise sind VIEL wichtiger als alles, über das sich die Ökonomen und Politiker den Kopf zerbrechen und bei Will, Illner und Konsorten diskutieren.

Beim Konjunkturprogramm bleibe ich bei meiner flappsigen Meinung, dass es mir ziemlich egal ist, ob eines kommt, wie groß es sein muss, um zu wirken, etc. Es ist IMHO Wurscht. Mich interessiert nur eins: Wofür wird das Geld ausgegeben. Sollen sich die Politiker und Volkswirte (und die Blogosphäre) ruhig die Köpfe heissreden: Das Geld bewirkt eh nichts Entscheidendes. Dem Staat fehlen ausreichende Mittel dafür. Daher ist es mir nur wichtig, dass das Geld sinnvoll investiert wird: in Bildung (Schulen, Unis, berufliche Weiterbildung), in Infrastruktur (Straßen, Schienen, Stromnetz) oder Energiesparmaßnahmen (siehe auch US-BIP und meine Kritik an Konjunkturprogrammen). Und nicht für so einen Schwachsinn wie die Steuerentlastung für Automobile. Das ist nur ein Erfolg für die Autolobby ...

Update (13:42)

Link zum WSJ mit der Berechnung der Auswirkung der Leitzinssenkung ergänzt.

Kommentare :

  1. Ist der Benzinpreisrückgang wirklich eine Entlastung oder nur eine vorübergehende Rücknahme der Belastung?

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  2. Konjunkturprogramme sind auch nur temporäre Zusatzausgaben, von daher ist es egal, ob der Benzinpreis nur temporär sinkt oder für lange Zeit. Die Leitzinsen werden irgendwann auch wieder steigen. Im Moment sinken sie aber.

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  3. Danke Egghat.

    Vielleicht ist Merkel so schlau und weiß um der konjunkturellen Wirkung des fallenden Ölpreises und fallender Hypothekenzinsen. Nur in meinem weiteren Bekanntenkreis gibt es keinen Idioten, der sich ein ein H.darlehen mit variablen Zinssatz hat über das Ohr hauen lassen.

    Ich denke, Merkel betreibt Symbollismus und hofft, dass die von Dir genannten Faktoren wahlkampfstrategisch im Sommer ihre volle konjunkturpolitische Wirkung entfalten. Das ist Timing. Die Merkel ist nicht blöd, aber nur fast!

    Es gibt nämlich noch andere Faktoren, die die Konjunktur im zunehmenden Maße beeinflussen. Man muß den Wirtschaftskreislauf ganzheitlich sehen. Aber, ob dies Merkel weiß. Wenn ja, hätte sie sich vom neoliberalen Zeitgeist verabschiedet. Meine Mediendurchsichtung enthält aber Null Anzeichen davon. Deshalb bleibe ich dabei: Wir marschieren weiter Richtung "Große Depression".

    Ist man (Merkel) nicht Teil der Lösung, ist man Teil des Problems.

    Gruß aus Frankfurt,
    Bernhard

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  4. Naja, wenn man Konjunktur so gut timen könnte, würden die Ökonomen das auch hinbekommen. Dass Merkel jetzt was macht, weil sie weiss, dass es im Sommer eh wieder nach oben geht, bezweifle ich.

    Die glaubt entweder wirklich, dass das was nützt ODER sie glaubt, etwas machen zu müssen (obwohl sie weiss, dass es wahrscheinlich sinnlos ist). Es werden permanent irgendwelche Gesetze gemacht, die eigentlich schwachsinnig sind. Aber es gibt halt einen Anlass, alle schreien Skandal und Politiker reagieren dann. Auch wenn sie wissen, dass die vorhandenen Gesetze eigentlich reichen und das neue Gesetz daher überflüssig ist. Man muss halt dem Wähler und sich selbst beweisen, dass man als Politiker wichtig ist.

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