Verlierer des Jahres 2008

So um mit einem Jahr abzuschließen, muss man das Schlechte auch mal rauslassen ... Der Loser des Jahres ist natürlich ein ganz guter Anlass dazu.

Das Problem ist nur, dass die einzige Top-Ten-Liste, die dieses Jahr einfach gewesen wäre, die Liste der Loser ist. Wobei sich auch 10 beschränken zu müssen, so einfach auch nicht ist. Genauso ist die Wahl der Nummer 1 nicht ganz einfach.

Mir gingen viele Namen durch den Kopf, die auch in diesem Blog ihre Spuren hinterlassen haben. Aber ich möchte zwei ausschließen, die in vielen anderen Listen auftauchten:

1) Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank.

Er steht als Chef der größten deutschen Bank naturgemäß besonders im Mittelpunkt des Medieninteresses. Spätestens seit er mit seinem Victory Zeichen vor Gericht für Furore gesorgt hat. Aber er hat bisher eine durchaus respektable Arbeit abgeliefert und musste nicht in den Rettungstopf greifen.

Nicht falsch verstehen: Ich möchte Ackermann nicht auf die Liste der Gewinner setzen, aber auf die Top-Position der Verlierer gehört er IMHO auch nicht.

2.) Dick Fuld, Chef von Lehman Brothers

OK, Lehman ist Pleite. Der Unterschied zwischen Lehman und all den anderen ist aber nur einer: Die anderen wurden gerettet (AIG, Washington Mutual, Fannie Mae, Freddie Mac, ...), Lehman wurde fallen gelassen.

Dabei hat Fuld bei Lehman wie keine andere Bank die Bilanz bereinigt und den Hebel von etwa 40 auf fast 20 reduziert. Und Fuld hat auch einen IMHO durchaus plausiblen Restrukturierungsplan vorgelegt. Er wollte über Verkäufe (nicht einmal mit Staatsgeldern!) 5 Mrd. erlösen und diese Erlöse als Eigenkapital einer Bad Bank zur Verfügung stellen. Mit 5 Mrd. Eigenkapital hätte Lehman locker 25 bis 30 Mrd. an schlechten Assets auslagern können, mit 5 Mrd. zusätzlichen Staatsgeldern leicht das Doppelte. Danach hätte Bilanz von Lehman wahrscheinlich eine höhere Qualität besessen als die vieler Konkurrenten.

Auch Fuld gehört (klarer als Ackermann) natürlich nicht auf die Liste der Gewinner, aber ich bin mir nicht sicher, ob Fuld wirklich auf Platz 1 der Verlierer gehört. IMHO ist bei Fannie, Freddie, Madoff, etc. mehr Mist passiert. Vielleicht ist Lehman auch genau wegen der Risikoreduzierung Pleite gegangen. Man hat die Auswirkungen wohl für beherrschbar gehalten. Aber das habe ich alles schonmal geschrieben:
Fehler des Jahres

Tja, und wen habe ich mir ausgesucht?

Georg Funke, Ex-CEO der HypoRealEstate

OK, ich gebe zu, bei der Wahl ist der Home Bias schon mitentscheidend. Denn in den USA haben Manager vergleichbar schlecht gemanagt und fehlinformiert. Aber diese Krise ist so global, da muss man nicht unbedingt über den Teich schauen, um das "Größte" zu finden.

Was mich an Funke so fasziniert?

a) Eine solche große Nummer im vergleichsweise kleinen Deutschland hinzubekommen.
b) Die unglaubliche Aneinanderreihung von (Fehl-)Aussagen, bei denen man sich heute erschreckt bis belustig krümmt.

Grund für Platz Eins war also nicht ein One-Hit-Wonder, sondern eine Ausdauerleistung.

Es fing schon im November 2007 an. Damals gab es bei der Vorlage der Geschäftszahlen noch große Töne: Die Bank sei gestärkt aus der Krise hervorgegangen. Man sei von der Krise nicht berührt. Etc. pp. Die Börse traute den Beteuerungen von Funke nicht, blieb extrem skeptisch und setzte den Kurs der HRE immer weiter runter.

Zwei Monate später musste die (angeblich) von der US- Immobilienkrise nicht berührte Bank 390 Millionen auf Wertpapiere auf US-Hypotheken abschreiben. Dabei war weniger die absolute Summe schlimm, sondern mehr die Tatsache, dass Funke immer betont hatte, genau mit diesen Papieren nichts zu tun zu haben ... Die Aktie legte den größten Tagesverlust aller DAX-Werte aller Zeiten hin.

Schon damals gab es Gerüchte um mögliche Insidergeschäfte.

Richtig spitzte sich die Lage aber über die erst im Sommer 2007 gekaufte irische Tochter Depfa zu. Diese hatte sich auf der Finanzierungsseite sehr stark auf kurzfristige Darlehen verlassen und damit die langfristigen Ausleihungen finanziert. Dadurch gab es einen permanenten Refinanzierungsbedarf, den die HypoRealEstate nicht durch Kündigung abfangen konnte.

Als Lehman dann Pleite war, brach der Markt für diese kurzfristigen Schulden komplett zusammen. Und die Finanzierung der Depfa auch.

Auch aus dem Hause Depfa kamen im Vorfeld der Krise unglaubliche Aussagen wie "Wir machen nur Geschäft, das auch entsprechend refinanziert werden kann".
(35 Milliarden Unterstützung für HRE? Und 3/4 davon vom Staat!)

Es wurde ein Rettungspaket geschnürt, das 35 Milliarden Euro schwer sein sollte. Funke sprach von (festhalten): "einem innovativen Ansatz, mit dem wir unsere Finanzierungsstruktur anpassen können". Als sich Staat, Banken und Sparkassen noch über die Verteilung der Lasten aus dem HRE.Rettungspaket unterhielten, gab eine (schnelle) Buchprüfung in Irland das Ergebnis, dass die 35 Mrd. Euro auch nicht reichen werden.

Das Rettungspaket wurde aufgeschnürt und komplett neu verhandelt. Am Ende kam ein Umfang von 50 Mrd. Euro heraus, der Großteil natürlich zu Lasten der Steuerzahler.

Hilfspaket für Hypo Real Estate gescheitert!

HRE gerettet. 15 Mrd. Aufstockung auf 50 Mrd.

An dieser Rettungsaktion faszinierend war auch die Rolle der Regierung und der Bundesbank. Schließlich fand der Bloggerkollege Weissgarnix schon damals durch ein simples Studium der Bilanz heraus, dass der Refinanzierungsbedarf der HRE in den nächsten 12 Monaten bei deutlich über 100 Milliarden lag. Die 35 Mrd. konnten als nie und nimmer reichen.
Zwei Lesehinweise auf Blogs, die ich sehr schätze

Dann war das Maß endgültig voll und Georg Funke musste zurücktreten. Mich hat damals schon gewundert, dass er das erste Rettungspaket überlebt hatte.

Wenig überraschend für Leser hier (und natürlich von weissgarnix), aber scheinbar für den Rest der Welt wurde das Rettungspaket noch einige Male aufgestockt und hat inzwischen 80 Mrd. Euro Umfang erreicht. Und das wird nicht das Ende sein, der Refinanzierungsbedarf ist noch um einiges größer und freiwillig gibt der HRE niemand mehr Geld, also wird der Staat den kompletten Refinanzierungsbedarf der HRE abdecken müssen.

Dass jetzt in der Woche vor Weihnachten noch die HRE und Räume von (Ex-)-HRE-Vorständen von der Staatsanwaltschaft durchsucht wurden, setzt der ganzen Geschichte nur noch die Krone auf. Grund ist der Verdacht auf Fehlinformation der Aktionäre.

Sueddeutsche.de: Besuch von der Staatsanwaltschaft

Und dass der Verdacht auf Insidergeschäfte, der schon im Januar die Runde machte, jetzt auch wieder aufgewärmt wird, ist nachvollziehbar. Schon damals haben Aktionäre Klage gegen die HRE eingereicht. Zumindest Ansatzpunkte für Ermittlungen haben die Ermittler wohl gefunden, ansonsten würden sie wohl nicht so lange ermitteln.

Tagesschau.de: Verdacht auf Insider-Geschäfte bei HRE

Ich finde, Georg Funke hat den Titel "Verlierer des Jahres" wirklich verdient. Die Kombination aus Mismanagement, Fehlinformation, Vertuschung und (möglichen) Insidergeschäften und eine Gesamtsumme von 80 Milliarden Euro reichen. Glückwunsch!

(oder hättet ihr jemand anderen genommen? Die Ratingagenturen wären übrigens mein zweiter Kandidat gewesen).

1 Kommentar :

  1. „Ich habe mich verliebt in Russland“. Frau Sonja Kohn, die Vorsitzende der Bank „Medici“, in Moskau zu Gast.
    http://www.ruvr.ru/main.php?lng=ger&q=1819&cid=136&p=04.06.2008

    Frau Kohn hat auch noch einen Tipp. Sie rät jedem erfolgreichen Geschäftsmann zu diversifizieren...etwa so wie ihre Bank Medici in Madoff-Ponzi-Schemes? Aber selbst ein Herr Markowitz soll sich nie an seine Portfoliodiversifikation gehalten haben.

    AntwortenLöschen

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