Die Linken zitieren Stiglitz ja ziemlich häufig, weil die auch nicht allzuviel wissenschaftlich Klingendes aus dem Munde eines Nobelpreisträgers zu zitieren haben, was als Unterstützung für die eigenen Argumente taugt ...
Stiglitz ist wie immer lesenswert und unterhaltsam und in seiner Kritik eines ungezügelten Neoliberalismus (ich lasse den Begriff jetzt stehen, obwohl er eigentlich grundfalsch ist) stimme ich ihm auch zu. Denn wenn eine Thatcher versucht, ein Monopol (wie das Schienennetz) zu privatisieren und dann hofft, dass dadurch irgendwas besser wird, ist das dumm und naiv. Denn Kapitalismus oder privates Wirtschaften ist nicht per se besser, sondern wird es nur durch Wettbewerb, sprich Druck. Nur dann wird verbessert und optimiert, nur dann kann die Firma nicht einfach die Preise erhöhen. Damit ist im Endeffekt alles, was mit Infrastruktur zu tun hat, nicht privatisierbar.
Aber zum Stiglitz-Artikel:
Er hat es (wie ich als Betrachter der Immobilienkrise auch, obwohl ich früh gewarnt habe) jetzt im Nachhinein natürlich einfach, das Wirtschaften zu kritisieren. Hätte er die Immobilienblase 2006 kritisiert, Respekt! Jetzt zählt das nicht mehr zu den Sachen, mit denen man noch besonders klug klingt.
Wenn die jetzige Blase kritisiert wird und gesagt wird, dass beim Platzen riesige Werte vernichtet würden: Klar, damit hat er Recht. Die entscheidende Frage müsste aber sein: Hat man in der Blase vorher nicht vielleicht sogar mehr Wert geschaffen? Es gibt Leute, die das behaupten und auch wissenschaftlich durch Untersuchung der alten Blasen belegen.
Man mag zurückschauen auf die Internetblase 1999/2000. Damals wurden auch unglaubliche Summen in Internetklitschen gesteckt, die das Papier nicht wert waren, auf dem das Geschäftsmodell stand (sofern es überhaupt eins gab ...). Aber genau die gleiche Blase hat dazu geführt, dass Yahoo oder ebay Geld an der Börse bekommen haben und auch Firmen wie Google das Startkapital einsammeln konnten. Das Problem ist nur, dass niemand vorhersagen konnte, wer denn erfolgreich ist (siehe vorne) und wer nicht (siehe die lange Liste der gescheiterten). Immerhin hat dieses Blasengeld dazu geführt, dass es zwei der Blasengeld-Profiteure unter die größten 100 Firmen im S&P 500 geschafft haben. Wenn man sich die wahnsinnigen Summen anschaut, die beim Platzen der Blase verdampft sind, wirken die doch schon um einiges weniger bedrückend, wenn man bedenkt, dass allein 200 Milliarden Wert bei nur drei Firmen geschaffen wurde.
Aber es kommen noch einige andere komische Stellen im Stiglitz Artikel:
Ebenso wenig haben uns die Märkte auf rasant steigende Öl- und Lebensmittelpreise vorbereitet
Das ist geradezu metaphysisch. Ich wusste gar nicht, dass Märkte dazu da sind, irgendjemanden auf irgendwas vorzubereiten. Und selbst wenn sie das könnten: Sobald die Märkte einen Preisanstieg für die Zukunft anzeigen (wie eben jetzt für Lebensmittel und Energie) schimpfen alle auf die Spekulanten, die die Preise nach oben treiben, obwohl es doch gar keine Knappheit gibt. Ja was denn jetzt? Hätten wir irgendwas davon gehabt, wenn die Ölmärkte uns schon 2002 mit 140 Dollar je Barrel gequält hätten, nur weil dann der Preis 2008 richtig vorhergesagt worden wäre? Hier verstehe ich echt nur noch Bahnhof, Herr Stiglitz.
Die im folgenden Absatz vorgebrachte Kritik an der marktwirtschaftlichen Rhetorik bei gleichzeitig gelebter Agrarsubventionsplanwirtschaft kann ich nur 100% unterschreiben. Das ist einer der wenigen relevanten Punkte ...
Auf der zweiten Seite folgt dann (die übliche) Spekulantenkritik.
Und [die Spekulanten] finden heraus - etwas zu spät, um in diesem Jahr noch groß etwas gegen das Problem zu unternehmen -, dass Knappheit herrscht.
Die Gegenfrage sei: Hat das irgendjemand anderes besser und früher vorhergesagt? Kann das überhaupt jemand? Ich kann das auf jeden Fall nicht und traue das auch niemand anderem zu. Ja, der Markt ist weit davon entfernt, perfekt zu sein. Was besseres fällt mir aber nicht ein und Stiglitz auch nicht, sonst würde er das wohl vorschlagen. Er bleibt aber auffällig unkonkret.
Was sich im folgenden Abschnitt dann fortsetzt ...
Sie [die Bauern] könnten ja vielleicht mehr verdienen, wenn sie einen kleinen Teil ihres Getreides heute im Lager behalten, um es zu einem späteren Zeitpunkt zu verkaufen
Also erstens unterstellt Stiglitz hier das spekulative Element auf einmal den Bauern (also nicht mehr den bösen Spekulanten an der Wall Street), obwohl niemand weiss, ob irgendein Bauer wirklich mehr Getreide einlagert als im Jahr zuvor. Und zweitens fällt mir die Kritik zunehmend schwer, weil sie wirklich an den Grundfesten von freiem Handeln ansetzt ... Sollen die Bauern gezwungen werden, ihre Produkte sofort zu verkaufen? Zu jedem Preis? Mir ist völlig unklar, welche Alternative Stiglitz hier vorschlagen möchte ... Planwirtschaft?
Dann springt der Artikel wieder zurück zur Immobilienkrise (wie er sowieso wirr hier und her springt und deshalb für Stiglitz-Verhältnisse schwach ist).
Verteidiger des Marktfundamentalismus möchten die Schuld vom Marktversagen auf Regierungsversagen lenken. [xy sagt] dass das Problem die US-amerikanische Regierung sei, die ihren einkommensschwachen Bürgern bei ihren Immobilienproblemen stärker hätte unter die Arme greifen sollen. Dem stimme ich zu.
Dem stimme ich - und zwar ausrücklich - NICHT zu, denn Fannie und Freddie sind genau aus diesem Grund geschaffen worden: Um einkommensschwachen Familien beim Immobilienerwerb zu helfen. Beide haben (mit politischer Unterstützung) Familien mit zu niedrigem Einkommen geholfen, viel zu teure Wohnungen zu kaufen. Die Lösung dafür soll jetzt laut Stiglitz sein, dass man diesen Familien noch mehr helfen müsse?!? Etwas längerfristiger gedacht heisst das nichts anderes, als immer weiter Geld in die Blase zu pumpen. Damit diese bloß nicht platzt. Aber das soll doch nicht ernsthaft die Lösung sein?!? Nein, das Problem war, dass mit staatlicher Unterstützung (Fannie + Freddie + niedrigen Zinsen durch die Fed) zu viel Geld in den Immobilienmarkt geflossen ist.
Zusammenfassend finde ich den Artikel geradezu klischeehaft links. Ja, man findet die Wunden. Ja, man legt den Finger in die richtigen Wunden. Aber nein, man hat für keines der genannten Probleme einen sinnvollen Lösungsvorschlag. In intellektuellen Kreisen lässt man die Lösungsvorschläge weg (wie Stiglitz; eigentlich sollte man von einem Nobelpreisträger mehr erwarten), dann kann man auch weiterhin schlau daherreden, in weniger intellektuellen Kreisen fordert man die Abschaffung des Kapitalismus (Oskar und seine Linken). Ich fürchte nur, das löst auch kein Problem. Naja, es löst schon viele, schafft aber viel mehr neue ...
Die Marktwirtschaft verhält es sich wie mit der Demokratie im Churchill'schen Sinn:
Marktwirtschaft ist eine schlechte Wirtschaftsform, aber ich kenne keine Bessere.
(wobei übrigens unklar ist, ob Churchill das Demokratie Zitat wirklich gesagt hat ... Auch das mit der Statistikfälschung hat er wohl nie gesagt ... Wurscht aber eigentlich auch)
FTD: Joseph Stiglitz: Das war's, NeoliberalismusIch bin mir bewusst, dass einige meiner Leser diesen Artikel nicht mögen werden, aber das hier ist egghat's SENF, nicht egghat's Honig-Um-Den-Mund-Schmier-Blog ;-)
Update (17:44):
Weil es gerade auch passt (auch wenn es etwas allgemeiner ist) und weil es nicht egghat ist, sondern mit Vernon Smith auch ein Nobelpreisträger
FAZ: „Sozialismus erscheint vielen noch immer attraktiv“
Die Linken zitieren Stiglitz ja ziemlich häufig, weil die auch nicht allzuviel wissenschaftlich Klingendes aus dem Munde eines Nobelpreisträgers zu zitieren haben, was als Unterstützung für die eigenen Argumente taugt ...
Stiglitz ist wie immer lesenswert und unterhaltsam und in seiner Kritik eines ungezügelten Neoliberalismus (ich lasse den Begriff jetzt stehen, obwohl er eigentlich grundfalsch ist) stimme ich ihm auch zu. Denn wenn eine Thatcher versucht, ein Monopol (wie das Schienennetz) zu privatisieren und dann hofft, dass dadurch irgendwas besser wird, ist das dumm und naiv. Denn Kapitalismus oder privates Wirtschaften ist nicht per se besser, sondern wird es nur durch Wettbewerb, sprich Druck. Nur dann wird verbessert und optimiert, nur dann kann die Firma nicht einfach die Preise erhöhen. Damit ist im Endeffekt alles, was mit Infrastruktur zu tun hat, nicht privatisierbar.
Aber zum Stiglitz-Artikel:
Er hat es (wie ich als Betrachter der Immobilienkrise auch, obwohl ich früh gewarnt habe) jetzt im Nachhinein natürlich einfach, das Wirtschaften zu kritisieren. Hätte er die Immobilienblase 2006 kritisiert, Respekt! Jetzt zählt das nicht mehr zu den Sachen, mit denen man noch besonders klug klingt.
Wenn die jetzige Blase kritisiert wird und gesagt wird, dass beim Platzen riesige Werte vernichtet würden: Klar, damit hat er Recht. Die entscheidende Frage müsste aber sein: Hat man in der Blase vorher nicht vielleicht sogar mehr Wert geschaffen? Es gibt Leute, die das behaupten und auch wissenschaftlich durch Untersuchung der alten Blasen belegen.
Man mag zurückschauen auf die Internetblase 1999/2000. Damals wurden auch unglaubliche Summen in Internetklitschen gesteckt, die das Papier nicht wert waren, auf dem das Geschäftsmodell stand (sofern es überhaupt eins gab ...). Aber genau die gleiche Blase hat dazu geführt, dass Yahoo oder ebay Geld an der Börse bekommen haben und auch Firmen wie Google das Startkapital einsammeln konnten. Das Problem ist nur, dass niemand vorhersagen konnte, wer denn erfolgreich ist (siehe vorne) und wer nicht (siehe die lange Liste der gescheiterten). Immerhin hat dieses Blasengeld dazu geführt, dass es zwei der Blasengeld-Profiteure unter die größten 100 Firmen im S&P 500 geschafft haben. Wenn man sich die wahnsinnigen Summen anschaut, die beim Platzen der Blase verdampft sind, wirken die doch schon um einiges weniger bedrückend, wenn man bedenkt, dass allein 200 Milliarden Wert bei nur drei Firmen geschaffen wurde.
Aber es kommen noch einige andere komische Stellen im Stiglitz Artikel:
Ebenso wenig haben uns die Märkte auf rasant steigende Öl- und Lebensmittelpreise vorbereitet
Das ist geradezu metaphysisch. Ich wusste gar nicht, dass Märkte dazu da sind, irgendjemanden auf irgendwas vorzubereiten. Und selbst wenn sie das könnten: Sobald die Märkte einen Preisanstieg für die Zukunft anzeigen (wie eben jetzt für Lebensmittel und Energie) schimpfen alle auf die Spekulanten, die die Preise nach oben treiben, obwohl es doch gar keine Knappheit gibt. Ja was denn jetzt? Hätten wir irgendwas davon gehabt, wenn die Ölmärkte uns schon 2002 mit 140 Dollar je Barrel gequält hätten, nur weil dann der Preis 2008 richtig vorhergesagt worden wäre? Hier verstehe ich echt nur noch Bahnhof, Herr Stiglitz.
Die im folgenden Absatz vorgebrachte Kritik an der marktwirtschaftlichen Rhetorik bei gleichzeitig gelebter Agrarsubventionsplanwirtschaft kann ich nur 100% unterschreiben. Das ist einer der wenigen relevanten Punkte ...
Auf der zweiten Seite folgt dann (die übliche) Spekulantenkritik.
Und [die Spekulanten] finden heraus - etwas zu spät, um in diesem Jahr noch groß etwas gegen das Problem zu unternehmen -, dass Knappheit herrscht.
Die Gegenfrage sei: Hat das irgendjemand anderes besser und früher vorhergesagt? Kann das überhaupt jemand? Ich kann das auf jeden Fall nicht und traue das auch niemand anderem zu. Ja, der Markt ist weit davon entfernt, perfekt zu sein. Was besseres fällt mir aber nicht ein und Stiglitz auch nicht, sonst würde er das wohl vorschlagen. Er bleibt aber auffällig unkonkret.
Was sich im folgenden Abschnitt dann fortsetzt ...
Sie [die Bauern] könnten ja vielleicht mehr verdienen, wenn sie einen kleinen Teil ihres Getreides heute im Lager behalten, um es zu einem späteren Zeitpunkt zu verkaufen
Also erstens unterstellt Stiglitz hier das spekulative Element auf einmal den Bauern (also nicht mehr den bösen Spekulanten an der Wall Street), obwohl niemand weiss, ob irgendein Bauer wirklich mehr Getreide einlagert als im Jahr zuvor. Und zweitens fällt mir die Kritik zunehmend schwer, weil sie wirklich an den Grundfesten von freiem Handeln ansetzt ... Sollen die Bauern gezwungen werden, ihre Produkte sofort zu verkaufen? Zu jedem Preis? Mir ist völlig unklar, welche Alternative Stiglitz hier vorschlagen möchte ... Planwirtschaft?
Dann springt der Artikel wieder zurück zur Immobilienkrise (wie er sowieso wirr hier und her springt und deshalb für Stiglitz-Verhältnisse schwach ist).
Verteidiger des Marktfundamentalismus möchten die Schuld vom Marktversagen auf Regierungsversagen lenken. [xy sagt] dass das Problem die US-amerikanische Regierung sei, die ihren einkommensschwachen Bürgern bei ihren Immobilienproblemen stärker hätte unter die Arme greifen sollen. Dem stimme ich zu.
Dem stimme ich - und zwar ausrücklich - NICHT zu, denn Fannie und Freddie sind genau aus diesem Grund geschaffen worden: Um einkommensschwachen Familien beim Immobilienerwerb zu helfen. Beide haben (mit politischer Unterstützung) Familien mit zu niedrigem Einkommen geholfen, viel zu teure Wohnungen zu kaufen. Die Lösung dafür soll jetzt laut Stiglitz sein, dass man diesen Familien noch mehr helfen müsse?!? Etwas längerfristiger gedacht heisst das nichts anderes, als immer weiter Geld in die Blase zu pumpen. Damit diese bloß nicht platzt. Aber das soll doch nicht ernsthaft die Lösung sein?!? Nein, das Problem war, dass mit staatlicher Unterstützung (Fannie + Freddie + niedrigen Zinsen durch die Fed) zu viel Geld in den Immobilienmarkt geflossen ist.
Zusammenfassend finde ich den Artikel geradezu klischeehaft links. Ja, man findet die Wunden. Ja, man legt den Finger in die richtigen Wunden. Aber nein, man hat für keines der genannten Probleme einen sinnvollen Lösungsvorschlag. In intellektuellen Kreisen lässt man die Lösungsvorschläge weg (wie Stiglitz; eigentlich sollte man von einem Nobelpreisträger mehr erwarten), dann kann man auch weiterhin schlau daherreden, in weniger intellektuellen Kreisen fordert man die Abschaffung des Kapitalismus (Oskar und seine Linken). Ich fürchte nur, das löst auch kein Problem. Naja, es löst schon viele, schafft aber viel mehr neue ...
Die Marktwirtschaft verhält es sich wie mit der Demokratie im Churchill'schen Sinn:
Marktwirtschaft ist eine schlechte Wirtschaftsform, aber ich kenne keine Bessere.
(wobei übrigens unklar ist, ob Churchill das Demokratie Zitat wirklich gesagt hat ... Auch das mit der Statistikfälschung hat er wohl nie gesagt ... Wurscht aber eigentlich auch)
FTD: Joseph Stiglitz: Das war's, NeoliberalismusIch bin mir bewusst, dass einige meiner Leser diesen Artikel nicht mögen werden, aber das hier ist egghat's SENF, nicht egghat's Honig-Um-Den-Mund-Schmier-Blog ;-)
Update (17:44):
Weil es gerade auch passt (auch wenn es etwas allgemeiner ist) und weil es nicht egghat ist, sondern mit Vernon Smith auch ein Nobelpreisträger
FAZ: „Sozialismus erscheint vielen noch immer attraktiv“
Der Vorzeigelinke Stiglitz meldet sich zu Wort