Warum Mainstreammedien Kacke sind

Weil die allen Ernstes einen Artikel vom 2419.4.09 wiederkäuen, in dem Felix Salmon behauptet hat, dass Deutschland keine vernünftigen Wirtschaftsblogger (bzw. eine funktionierende Wirtschaftsblogosphäre) hat.

Gut, die Süddeutsche Zeitung, die immerhin scheinbar über eine sehr erfolgreiche Contentverkaufsabteilung verfügt, hat das "econo" aus "econoblogosphere" mal schnell weggelassen und damit die Aussage schon völlig unzulässig generalisiert. Und Salmon arbeitet auch nicht mehr für portfolio.com, die sind nämlich eingestellt worden, sondern inzwischen für Reuters ("(Felix Salmon, 37, betreibt mit portfolio.com einen der erfolgreichsten amerikanischen Blogs, der sich mit Wirtschaft und Finanzen auseinandersetzt)" ist also auch Mist. Das hätte man auch mit einem kurzen Blick in das Adressfeld des Browsers feststellen können. Da steht reuters.com drinne ...

Das "Original":
SZ: Zehn Thesen, warum deutsche Blogs nicht funktionieren

Das originale Original:
Felix Salmon: 10 reasons for the lack of German econobloggers

Und unsere Mainstreammedien sind begeistert:

Spiegel: Warum Deutschland Blog-Hemmung hat
FTD: Zehn Gründe, warum Blogs in Deutschland nicht funktionieren (Klickhuring auf 10 Seiten!)
TAZ: Deutsche Blogs funktionieren nicht

Wahrscheinlich folgen noch ein paar ...

Alle haben einfach übernommen.

Inklusive Fehlern! Ohne Korrektur!
Keine Reflexion. Keine Diskussion.
Nichts ergänzt, nichts in einen Zusammenhang gestellt.
Nicht EIN EINZIGER Bezug auf die deutsche Blogosphäre.
Nicht einmal die Reaktionen in den USA hat man mit eingearbeitet (z.B. diese: Creditwritedowns: The German econblogger space is just fine).
Und dafür waren mehr als 2 Wochen Zeit! (Wieso rege ich mich überhaupt über einen so (k)alten Kaffee auf?)

Dabei war das alles da:

In den USA wurde es diskutiert: Creditwritedowns: The German econblogger space is just fine.

Boersennotizbuch hat es diskutiert (Deutsche Wirtschaftsblogs: Warum so wenig? Sind sie gut?), DieBoersenblogger haben es diskutiert (Boersenblogger: Die Sache mit den deutschen Wirtschaftsbloggern). Ich hab mich zurückgehalten, weil mich diese (introvertierten, blogzentrischen) Diskussionen eigentlich nerven. Das wird den Geruch von "Wir drehen uns nur um uns selbst". Und ehrlich gesagt reicht es mir, wenn die Presse das macht. Den Fehler muss ich als Blogger nicht noch nachmachen ...
Ich habe die Chance genutzt und nicht gejammert, sondern auf einige wirklich gute Blogs hingewiesen: Ein Herz für Blogs. Wenn da noch jemand ernsthaft behauptet, da wäre nichts Interessantes dabei (in den Kommentaren findet man noch ein paar spannende Blogs), verstehe ich es auch nicht.

Wenn man nur eine Quelle zu der von der SZ angezettelten Diskussion lesen will, empfehle ich den folgenden Link. Stefan kann das schöner schreiben und regt sich auch nicht so auf, wie ich gerade ;-)

Niggemeier: Schöner sterben mit dem „SZ-Magazin”

und die ganzen Reaktionen darauf:

Rivva

Mein Fazit: Die deutschen Medien müssen noch viel lernen. Mit einem einfachen Übersetzen von Artikeln kommt man nicht weiter. Die Leute sind heute in der Lage, das englische Original selber zu lesen und auch zu finden. Das ist redundant und dafür zahlt in 2 Jahren niemand mehr einen Cent!

Und wenn jemand wissen will, warum die englischsprachige Blogosphäre funktioniert und die deutsche nicht (wobei ich das letzte noch anzweifeln würde): Weil die englische zitiert wird, auch wenn sie Schwachfug schreibt und die deutsche ignoriert wird, auch wenn sie gute Artikel liefert. Und das liegt nicht an der Blogosphäre, sondern an den Mainstremmedien.

Kommentare :

  1. Servus Egghat,

    dass solche Artikel kommen müssen, ist doch klar wie Kloßbrühe. Wir haben Wahlkampf.

    Und die unabhängigen Blogger sind gefährlich, gefährlich für einen schwarz-gelben Wahlsieg. In dem die kritischen Blogger die originären Aufgaben einer vierten Gewalt übernehmen, entblößen sie den system-unkritischen und manipulativen Charakter der Medienindustrie.

    Anscheinend meinen die bezahlten Schreiberlinge der Medienindustrie mit derartigen Diffamierungen die allgemeine Volksverblödung aufrecht erhalten zu müssen. Oder zu können?

    Gruß
    Bernhard

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  2. Alleine, dass es dort steht "...betreibt mit portfolio.com einen der erfolgreichsten amerikanischen Blogs..." ist ein peinlicher Mangel an Kenntnis über die eigene Branche.

    Portfolio.com ist die Webseite des Portfolio Magazins (Condé Nast), einer US "glossy" Zeitschrift für Geld, Wall Street und Lifestyle (deren Schließung vor wenigen Wochen bekanntgegeben worden ist).

    Portfolio ist schwierig als Blog zu bezeichnen, und bei bestem Willen wird es nicht von Felix Salmon betrieben...

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  3. f.luebberding08 Mai, 2009 19:54

    Das ist mir heute auch aufgefallen. Vor allem muss man zehn Mal klicken, um den Artikel zu lesen. Also in der Hinsicht war er doch hoch professionell.

    Die Kritik, diesen Artikel ohne jeden Kommentar auf die weitere Debatte abgedruckt zu haben, ist zwra berechtigt, ändert aber nichts an der Frage, ob Salmon nicht recht hat. Ich finde, er beschreibt schon sehr gut die kulturellen Differenzen zwischen den USA und Deutschland. Und B. Schülkes Vermutung, dass unabhängige Blogger gefährlich seien, teile ich nicht. Ideen sind gefährlich, aber auch nur dann, wenn sie entsprechend wahrgenommen werden. Etwa bei handelneden Akteuren. Und das geht in Deutschland nicht ohne die Mainstreammedien, weil die Reichweite der blogs schlicht zu gering ist.

    Gruss Frank

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  4. f.luebberding08 Mai, 2009 20:00

    P.S Damit meinte ich die FTD. Dort hatte ich das nämlich heute gelesen. Die anderen Berichte kannte ich bis dahin gar nicht.

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  5. Wie Frank bin ich ja ein Mainstreammedien--Blog-Hybrid. Ich finde die kollektive Aufgeregtheit wegen des Recyclings ehrlich gesagt ein bisschen übertrieben, da gibt es wirklich nennenswertere Versäumnisse in der Medienberichterstattung.

    Ich hab mir die SZ gekauft und finde das Magazin ganz okay, einige Beiträge sind gut, andere hoffnungslos 2005. Was mir sehr fehlt, ist der Hinweis darauf, dass Journalismus auch Kommunikation ist, Kommunikation mit den "Menschen, die früher mal als Publikum bekannt waren". Das ist die große Herausforderung an den Journalismus, endlich mal vom hohen Ross runterzukommen und das Dialogische des Internets auch so zu nutzen.

    Die Herausforderung an uns Blogger, wenn es denn eine gibt, ist, nicht immer nur in diesem Medienkritik-, Gadget- und Metadebattensaft zu schmoren. Genau aus diesem Grund lese ich Dein Blog: Weil Du 2009 bist, während Niggemeier und Co eben noch die Blogosphäre von 2007 repräsentieren.

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  6. f.luebberding08 Mai, 2009 20:35

    Joha

    Was egghat und Niggemeier betrifft, kann ich nur zustimmen.Nur hätte die SZ schon die Peinlichkeit mit Portfolio.com vermeiden können.

    Außerdem ist Mainstream-Blog-Hybrid eine klasse Berufsbezeichnung. Jetzt muss es in Deutschland nur noch eine Ausbildungsordnung dazu geben.

    Dann genießen blogs auch mehr Ansehen.

    Ganz bestimmt.

    Gruss Frank

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  7. Gegen die Klickhurigkeit hilft ein Link auf die URL, die man bei den Artikeln unter "Artikel drucken" findet. Dann bekommst Du den Artikel auf einer Seite, ohne Schnick Schnack wie 3-Spalten-Layout oder Werbung.

    http://www.ftd.de/technik/medien_internet/:Zukunft-des-Journalismus-Zehn-Gr%FCnde-warum-Blogs-in-Deutschland-nicht-funktionieren/510496.html?mode=print

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  8. f.luebberding08 Mai, 2009 22:35

    Olaf

    Danke für den Hinweis. das ist wirklich bei zeitungen einfacher - man blättert einfach um ... .

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  9. @Frank:

    Du schriebst "Und B. Schülkes Vermutung, dass unabhängige Blogger gefährlich seien, teile ich nicht."Jetzt könnten wir einen Gedankenaustausch über den Begriff gefährlich anfangen. Bei einer Patt-Situation, wie wir sie im Augenblick haben, entscheiden die Waagenzünglein. Und damit haben auch Geringreichweiter eine großen Einfluß. Sie könnten das entscheidende Quentchen sein. Das zur Kurzfristbedeutung.

    Längerfristig haben geringreichweitige Blogs die Chance, einen Meinungswandel einzuleiten. Bei entsprechendem Zeitgeist kann man eine heftige Lawine lostreten...

    Gruß
    Bernhard

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  10. @JoHa:

    Das Übernehmen von Artikeln finde ich eigentlich auch nicht so schlimm. Die ungeprüfte Übernahme allerdings schon ... Noch dazu von "kaltem Kaffee".

    Der Artikel ist doch ne tolle Diskussionsbasis, eigentlich eine Steilvorlage. Aber wo findet die Diskussion statt? Hier/Niggemeier, kurz in der Blogosphäre. Das ist natürlich gut für die Blogosphäre. Denn irgendwann bekommen die Leser mit, wo die interessanten Diskussionen stattfinden. Und irgendwann merken die Leser auch, wo der Artikel (inkl. Diskussion) schon vor zwei Wochen zu lesen war.

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  11. Ein weiteres Problem sehe ich insbesondere in Deutschland. Gierige Anwälte mit Abmahnungstick...

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