Zahl des Tages (05.06.09): 1.053.238.000

Am 30.9.2008 soll das Eigenkapital von Arcandor bei 1.230.238.000 Euro gelegen haben (Geschäftsbericht 2007/2008, Kapitel 3 (PDF, 657 KB) (PDF!). Eine Überprüfung der Bilanz von Arcandor, die die Bundesregierung bei PricewaterhouseCoopers in Auftrag gegeben hat, ergab zum aktuellen Zeitpunkt (ende März) einen Wert von nur noch 177.000.000. Das meldet heute das Handelsblatt.

Damit ist das Eigenkapital in nur 6 Monaten um

1.053.238.000 (1,05 Mrd.) Euro

gesunken.

Arcandor ist bei Umsätzen von knapp 20 Mrd. Euro (gut 10 Mrd. bei Thomas Cook, jeweils gut 4 bei Karstadt und Primondo + etwas sonstiges Gedöns) mit 177 Millionen Eigenkapital somit hoffnungslos unterkapitalisiert.

Die zweite spannende Frage ist, wie man in so kurzer Zeit eine gute Milliarde durch den Schornstein jagen kann. Arcandor verbrennt das Geld ja schneller als die ganze DDR! Das EBIT lag bei -360 Millionen, der Verlust bei gut 600 Millionen.

Die 600 Millionen Verlust erklären den Rückgang aber nicht komplett (auch wenn man das nicht 1:1 durchrechnen kann, aber zumindest Pi-mal-Daumen sollte das hinkommen). Also bleibt nur eines übrig: Die Bilanz (bzw. die Wertansätze) war im September etwas arg optimistisch. Möglicherweise sogar so optimistisch, dass der ehemalige Vorsitzende Thomas "Ich-verlass-den-Laden-nicht-bevor-der-Aktienkurs-bei-40-Euro-ist" Middelhoff in Haftung gerät. Insbesondere die Verbuchung des Immobilienverkaufs (die Warenhäuser gehören Karstadt nicht mehr, die sind nur noch Mieter) scheint umstritten zu sein.

Schandmaennchen.de schreibt dazu heute nur:
Betrachtet man diese Zahlen, kommt man zu dem Ergebnis, dass es offenbar zwei Arcandors geben muss.
Ich schlage vor, wir [der Steuerzahler] behalten den Laden mit den 1,2 Milliarden Eigenkapital.
Im Handelsblatt Artikel stecken noch ein paar nette Zahlen, so zum Beispiel die Information, dass Karstadt schon komplett verpfändet ist und als Wert dafür nur noch gut 200 Millionen Euro angesetzt sind. Das ist nur doppelt so viel wie HSE24, der Shoppingkanal, der mit über 100 Millionen bewertet wird. Karstadt, um das sich die ganze öffentliche Diskussion dreht, ist (wenn man den niedrigen Streubesitz berücksichtigt) gerade mal ein mittelprächtiger SDAX-Wert; die waren vor 10 Jahren noch im DAX! Kürzer kann man den Niedergang dieser Firma nicht zusammenfassen. Und dafür soll die Finanzkrise der letzten paar Monate der Auslöser sein?

Der gesamte Finanzierungsbedarf ist nach dem neuen Gutachten ebenfalls 224 Millionen höher als Arcandor Neu-Chef Eick es errechnet hat und soll 2,1 Milliarden betragen.

Puh.

Kann mir mal jemand sagen, auf welcher wirtschaftlichen Basis jemand fordert, es solle Geld des Steuerzahlers in dieses Fass ohne Boden gesteckt werden? Jaja, 50.000 Arbeitsplätze. Die bekanntlich einfach so wegfallen und für immer weg sind. Denn um Hosen bei H&M, C&A, SinnLeffers, um Fernseher im Mediamarkt, Möbel bei Ikea, Parfüm bei Douglas, etc. pp. zu verkaufen, braucht man bekanntlich keine Verkäufer. Oder vielleicht doch? Könnte es sein, dass jeder Arbeitsplatz, der bei Arcandor gerettet wird, einer ist, der dann bei oben genannten im Gegenzug wegfällt (bzw. nicht entsteht)? Könnte es sein, dass es aus Sicht der Anzahl von Arbeitsplätzen ziemlich Wurscht ist, ob man die Hose in Laden A oder B kauft?

Nee nee. Immer das dumme Gebrabbel von 50.000 gefährdeten Arbeitsplätzen. Ja, gefährdet sind die (was aber nicht neu ist), aber es werden am Ende nicht annähernd so viele wegfallen. Auf jeden Fall nicht mehr als bei Woolworth (Insolvent, u.U. noch mit Chancen), Adesso (insolvent und wird dichtgemacht), SinnLeffers (insolvent, aber wird kleiner fortgeführt) oder Pohland (insolvent, u.U. noch mit Chancen). Aber 50.000 auf einen Schlag sind halt dramatisch. Ein paar Hundert hier und dort sind Wurscht.

Too big to fail.

Auch wenn es das beste wäre, den Laden einfach abzuwickeln. TUI Thomas Cook wird's danach weitergeben, den Versandhandel ebenfalls und einen großen Teil der Warenhäuser wird auch jemand nehmen. Was hat sich der Staat mit unserem Geld in die Nummer einzumischen?

Handelsblatt: Arcandor steht näher am Abgrund als bekannt

Update (15:42):

Die FAZ hat direkt 5 Weg, um Arcandor zu retten. Das Problem: Nur einen der Punkte abzuarbeiten, reicht nicht einmal ansatzweise. Dazu braucht es mindestens 3, wenn nicht gar 4.

FAZ: Fünf Wege aus der Arcandor-Krise

Update (06.06.09):

Laut Spiegel empfiehlt die Justizministerin Zypries, die Immobiliengeschäfte von Middelhoff zu überprüfen ...

Spiegel: Immobiliendeals bringen Ex-Arcandor-Chef in Bedrängnis

Kommentare :

  1. Das sogenannte EK von Arcandor ist sowieso schon länger eine Luftnummer, da es nur aufgrund der Intangible/Goodwill-Assets positiv ist. Der Thomas Cook Goodwill alleine war glaube ich schon 9/08größer als das EK.

    Vielleicht ist das Gutachten zum naheliegenden Schluß gekommen, daß Thomas Cook nicht soviel wert ist, und daß der Goodwill daher abzuschreiben ist.

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  2. Kann gut sein, dass eine Abscheibung auf Thomas Cook den großen Teil des EK-Rückgangs erklärt.

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  3. Habe nochmal in alten Posts gewühlt, und dabei das hier entdeckt:

    http://miscellaneous-economic-ramblings.blogspot.com/2009/04/arcandor-success-story.html

    Mit anderen Worten: Im 2008 Schlußquartal ging das EK um 500 Mio. € runter. Wenn jetzt von 1 Mrd. € für 6 Monate die Rede ist, dann scheint es pro Quartal um "stabile" 500 Mio. € abwärts zu gehen...

    Im damaligen Quartalsbericht war die Rede von Währungseffekten und Derivatekontrakten (ohne daß man diese näher erklärt hätte).

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  4. Also müsste ja schon Ende sein, wenn die 177 Millionen Ende März richtig errechnet sein sollten ...

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  5. He he der Goodwill ist das was jede Firma schön versteckt... Und je länger man die Berichte nach Hinweisen suchen muss und es sich selbst aus gegeben Zahlen zurück konstruieren muss, desto eher ist da was im Busch. Aber wer versucht denn schon Bilanzen zu lesen...

    Der Trick beim Goodwill ist, dass man nur viele Investitionen und Disinvestitionen ständig machen muss, und Hexhex kann man irgendwelche tollen Sachen annehmen, z.B. der Wert einer frisch gekauften Kundenliste eines Hotelressorts, und so weiter.

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  6. http://www.duckhome.de/tb/archives/6660-Arcandors-Absturz-und-die-Folgen-fuer-Gewerbeimmobilien.html

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  7. Danke. Hab ich in den Arcandor Artikel eingebaut (15% blabla)

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