Zahl des Tages (24.08.09): 77.000.000.000

Heute mal Postrecycling ...

"Ich bin ja schon lange skeptisch was das EEG angeht." schrieb ich schon vor knapp 1,5 Jahren (EEG: Subventionen für China). Ich empfehle diesen Artikel zur Lektüre, denn ich will nicht alles wiederholen, was ich damals geschrieben habe (ich schreibe auch sonst nichts mehr heute, ihr habt also Zeit :-) auch für Kommentar übrigens ...).

An meiner Einschätzung hat sich nichts geändert. Vorab: Ich habe nichts gegen ein Energieeinspeisegesetz, das die Vergütung für den regenerativ erzeugten Strom festlegt. Ich habe auch nichts gegen die Idee, den CO2-freien Strom besonders zu fördern, ansonsten hätte diese Energieerzeugung keine Chance. (Mein Strom kommt von Naturstrom, ich rede also nicht nur, ich handle. Ihr könnt euch btw. von mir im Rahmen der "Schenk dem egghat was" Aktion von mir werben lassen. Mail mit Euren Daten trage ich gerne in das Formular bei Naturstrom ein).

Auch wenn ich immer wieder betonen werden, dass die Solarenergie im Verhältnis zur gesparten Menge CO2 verdammt teuer ist. Teurer auf jeden Fall als Energiesparmaßnahmen wie Wärmedämmung oder effizientere Motoren oder Heizungen. Aber das steht schon alles in dem alten Artikel, das möchte ich nicht wiederholen. Heute zu etwas anderem:

Ich halte zwei Aspekte dieses Gesetzes für besonders kritisch.

1) Die angebliche Win-Win-Win-Situation und die verlogene Politikerargumentation dazu:

Das EEG wird als Win-Win-Win verkauft: Wir bekommen

a) jede Menge regenerativen CO2-freien Strom,
b) das kostet das niemanden was und
c) es schafft jede Menge neuer Arbeitsplätze.

Dabei hat das Rheinisch-Westfälische-Institut für Wirtschaftsforschung (1) schon letztes Jahr errechnet, das bei einem weiterem Anstieg der Neuinstallationen die Belastung aus Solarstrom auf über 23 Mrd. Euro steigen wird. Man kann das ja einfach errechnen: Man macht eine Prognose über die Menge der installierten Solaranlagen und die Strommenge, die diese erzeugen werden. Dann braucht man noch den garantierten Preis (steht ja durch das EEG fest) und den Preis für konventionell erzeugten Strom. Dann kann man zu jedem Zeitpunkt errechnen, welche Mengen Solarstrom zu welchem Preise ins Netz eingespeist werden und wie hoch daraus die Mehrbelastung gegenüber konventionell erzeugtem Strom sein wird.

Nachdem die Rechnung des RWI für letztes Jahr diese Mehrbelastung mit gut 23 Mrd. Euro beziffert hat, kommen in der diesjährigen Rechnung für Ende 2013 satte

77.000.000.000 (77 Milliarden) Euro

Mehrbelastung für die Stromkunden heraus. Das RWI nennt das so schön Solarschulden.

77 Milliarden Euro über 20 Jahre verteilt sind mehr Förderung als die Steinkohle in Deutschland bekommen hat. Und man, was hat man auf der rumgehackt! Und auch pro Arbeitsplatz dürfte die Subvention höher sein als bei der Steinkohle. Ganz nebenbei lieferte die deutsche Steinkohle ein Beitrag zu Stromversorgung, der irgendwo im zweistelligen Prozentbereich lag, während die Solarenergie immer noch im Promillebereich herumkrebst ... Aber das nur am Rande, zurück zum Thema:

Warum dieser Anstieg der Solarschulden? Die Prognose für die Fläche von neu installiertem Fotovoltaik-Anlagen wurde massiv erhöht. 2008 wurden aus dem erwarteten 700 Megawatt neuer Fotovoltaikanlagen 1.500 und für 2009 liegt die Prognose sogar bei 3.000 Megawatt. Damit wird mehr Strom erzeugt und dann fließen mehr Subventionen. Warum dieser plötzliche Investitionswahn? Dazu mehr in Punkt 2.

Aber auch Ende 2013 werden in Deutschland wohl kaum mehr als 2% des gesamten Stromverbrauchs aus Fotovoltaik stammen. Wir haben dann also aus CO2-Sicht kaum etwas getan, aber unsere Stromrechnung schon um 77 Milliarden Euro nach oben geschoben. Wie soll die Rechnung denn erst einmal aussehen, wenn wir auf 100% CO2-freien Strom kommen wollen? Das endet dann ja in den Billionen!

2.) Dämliches Anpassungsverfahren für die Höhe der Einspeisevergütung:

Der Grund, warum jetzt auf einmal so viel Fotovoltaik gekauft wird, ist einfach: Die Preise sind komplett eingebrochen. Auslöser sind hier vor allem die Chinesen, die massiv in Fabriken zur Herstellung von Solarzellen investiert haben. Jetzt drücken große Überkapazitäten die Preise nach unten (und ganz nebenbei noch die deutschen Hersteller aus dem Markt). (FAZ: Kein eitel Sonnenschein über Solaraktien,FTD:Neue Horrorzahlen aus der Solarbranche)

Für den Besitzer von Dachflächen bedeutet diese Gemengelage steigende Renditen. Der Preis für die Anschaffung sinkt, die Erlöse bleiben konstant. Es gibt im Moment für den Besitzer von (ungenutzten) Dachflächen wohl keine sinnvollere Kapitalanlage als eine eigene Fotovoltaikanlage (siehe auch: FAZ: Über 7 Prozent Rendite im Jahr).

Aber soll das das Ziel der Fotovoltaik Förderung sein? Risikolose Renditen für Dachbesitzer? Oder sollte man nicht viel mehr erreichen, mehr CO2 zu verhindern? Ich meine letzteres.

Man muss die Förderung also so konstruieren, dass man immer die optimale Menge Fotovoltaikanlagen fördert. Und die optimale Menge heißt nicht, so früh wie möglich so viel wie möglich zu fördern (auch wenn Politiker das gerne meinen, aber was interessieren die sich schon für die für 20 Jahre nach oben getriebene Stromrechnung ...). Man muss immer bedenken, dass die Fotovoltaik-Anlagen im nächsten Jahr wieder etwas preiswerter ist und man mit der gleichen Menge Geld mehr installierte Flächen fördern und mehr CO2 verhindern kann. Gleichzeitig sollte man aber nicht zu wenig fördern, damit die Industrie ins Laufen kommt.

Wenn zu viel gefördert wird, verdient die Industrie sich dämlich und bis zur ersten Hälfte 2008 war das tatsächlich der Fall. Mittelfristig wird der Markt zwar darauf reagieren und Kapazitäten aufbauen. Und wenn das zu kräftig passiert, auch wieder in sich zusammenbrechen. Da sind wir jetzt. Wenn man Pech hat, werden viele der mit teuren Subventionen aufgebauten Kapazitäten in der Krise wieder vernichtet ... Und die Arbeitsplätze ebenfalls.

Dann bleibt vom Win-Win-Win nicht mehr viel übrig ...

FTD: Solarsubventionen sprengen Prognosen
Spiegel: Solarboom lässt Subventionen explodieren

Mein Vorschlag:

Ich habe übrigens auch eine Idee, wie man die Förderung gestalten sollte. Wir haben heute langfristig festgelegte sinkende Vergütungen für den eingespeisten Strom. Diese werden dann deutlich häufiger unglaublich kontrovers diskutiert, aber deutlich seltener dem wirklichen Marktgeschehen angepasst. Jedes Mal wollen die CDU (und die FDP) senken, jedes Mal schreien die Grünen, dass das quasi der Untergang des Abendlandes sei.

Dabei haben wir doch fast alles an Zahlen, was für eine genaue Beurteilung der Lage benötigt wird. Wir kennen die Anzahl der Anlagen und die Installationskosten (weil die meisten Anlagen über die KfW finanziert werden) und wir kennen die Menge des eingespeisten Stroms, da diese über einen eigenen Stromzähler gemessen wird. Daraus lassen sich einfach die Kosten und der Ertrag berechnen.

Jetzt misst man einfach 12 Monate, schaut sich den Ertrag an und rechnet das hoch auf die 20 Jahre. Dann schaut man sich die Anschaffungskosten an und berechnet die Rendite. Davon zieht man einen bestimmten Prozentsatz für die sinkenden Kosten ab, denn man will ja die Technologieverbesserung vorantreiben. Wenn man die Abrechnungen für die Einspeisung monatlich machen würde, könnte man sogar noch zeitnäher und genauer anpassen.

So ein Verfahren hätte IMHO nur Vorteile. Und nur einen Nachteil: Die Politiker würden überflüssig ... Und genau deshalb wird das wohl nicht kommen ... Oder die verstehen das erst gar nicht, die reden ja noch von Win-Win-Win ...

Anmerkung:

(1): Das RWI hat eine gewisse Ähnlichkeit zu einem großen deutschen Energieversorger, sitzt ebenfalls in Essen und ist sicherlich nicht komplett unabhängig. Ich würde die Zahl daher nicht auf die Goldwaage legen. Die kann auch gut und gerne ein paar Milliarden niedriger liegen, aber trotzdem reden wir hier über einen fetten, zweistelligen Milliardenbetrag.

Update (25.08.09):

Es kommt noch doller. Erst Milliarden Subventionen bekommen und trotzdem nicht wettbewerbsfähig sein. Was hilft dann? Der Staat mit Zöllen. Heh, deutlicher kann man eigentlich nicht machen, dass es die Win-Win-Win-Situation nicht gibt. Jetzt wo die Zellen billig aus China kommen, bleibt eigentlich nur ein Win übrig: Wir senken den CO2-Ausstoß. Das kostet aber verdammt viel Geld (Solarschulden) und schafft kaum noch Arbeitsplätze (außer in China).

Handelsblatt: Solarbranche verlangt Schutzzölle

Kommentare :

  1. Der Betrag mag gross sein, aber ist er in Relation zum Preis für konventionellen Strom, der zur gleichen Zeit geliefert wird, auch hoch? Photovoltaik ist Spitzenlaststrom, und der kostet auch an der Energiebörse jetzt schon teils mehr als die Einspeisevergütung. Wenn man also die angeblichen 77 Mrd bewerten will, dann muss man sie in Relation zum Spitzenlaststrompreis stellen, und nicht zum Durchschnittskurs, mit dem Strom gehandelt wird.
    Beim fairen Vergleich dürfte die Photovoltaik schon nicht mehr so schlecht abschneiden.

    Abgesehen davon wäre eine Anpassung der Garantievergütung für Neuanlagen an die Preisentwicklung für die Zellen natürlich sinnvoll.

    AntwortenLöschen
  2. Wieso sollte man mit Spitzenlaststrom vergleichen?

    AntwortenLöschen
  3. Verstehe ich dich richtig - du würdest eine Art "Maximal-Rendite" zulassen? Wie hoch wäre die denn, nachdem Zins/AfA und sonstige Kosten abgedeckt sind?

    ts

    AntwortenLöschen
  4. 1. In der Überschrift fehlt eine Null :-)

    2. Energiesubventionen sind nicht nur unproduktiv sondern im Endeffekt auch teurer, nicht nur wegen der Bürokratie die darum wächst und wächst.

    3. Irgendwann, lange bevor Oel unbezahlbar wird, wird ein genialer Mensch eine geniale Idee haben, wie wir Öl viel effektiver und umweltschonender ersetzen können.
    Alle 5-Jahresnpläne der, ach wie oft sollen unsere Politiker noch ihre Unfähigkeit beweisen, werden überflüssig sein - das ganze wird dem Steuerzahler unzählige Milliarden gekostet haben - für nichts und wieder nichts.

    4. Meine Kinder werden die verrosteten Windparks als ein weiteres Mahnmal der menschlichen Dummheit besichtigen - und sie werden (leider) ähliche Fehler machen.

    AntwortenLöschen
  5. @ts:

    Wie hoch weiss ich auch nicht. IMHO würde es reichen, wenn die Anlage die Kosten (inkl. Finanzierungskosten) durch den Strom in 20 Jahren wieder reinholt (ganz ohne Rendite). Die Rendite komt dann aus der Zeit nachher, denn die Anlagen sollen ja länger als 20 Jahre halten. "Richtig" kann man die Höhe eh nie einstellen, denn dazu ist allein das Wetter schon viel zu unterschiedlich. In Freiburg oder in der Pfalz ist man wahrscheinlich schon blöd, wenn man sich keine Solaranlage auf's Dach klatscht. In einigen anderen Gegenden (München (Nordseite Alpen), Essen (Nordseite Sauerland)) scheint es deutlich seltener. Egal wie hoch man die Förderung macht, irgendwo ist sie immer zu hoch und woanders zu niedrig.

    Das ist aber nur meine Idee zur Neugestaltung des EEG. Man könnte das EEG auch abschaffen und durch eine direkte Subvention beim Kauf der Anlage ersetzen. Das wäre sogar einfacher und transparenter. Aber genau das scheuen die Politiker ja, denn dann würde die Förderung im Bundeshaushalt auftauchen und jeder könnte es sein. Jetzt hingegen erscheinen die Kosten nirgendwo, sondern werden in den Stromrechnungen der nächsten 20 Jahre versteckt. Das ist natürlich Absicht!

    AntwortenLöschen
  6. @PierreSanft:

    1) Danke für den Hinweis. Korrigiert.

    2) Na, die Bürokratie ist IMHO nicht das Problem. Ein Förderantrag, ein Stromzähler. So aufwändig ist das doch gar nicht.

    3) Nein, daran glaube ich ehrlich gesagt nicht. DIE eine wahnsinnige Idee wird nicht kommen. Es wird ein großer Mischmasch aus allen möglichen Maßnahmen werden: Wind, Sonnenwärme, Fotovoltaik, Biodiesel, Biogas (unterschätzt!), Geothermie, etc. pp.

    4) Windparks halten eh nicht ewig. Die ersten Windparks, die jetzt 20 oder 30 jahre alt sind, werden inzwischen abgerissen und neu aufgebaut (repowered). Von daher: Wenn sich die Windkraft in den nächsten 20 Jahren erledigen würde, könnte man die Dinger auch abreissen. Und das wäre auch gar nicht die große Geldvernichtung, nach der es im ersten Moment aussieht. Bis dahin sind die Räder abgeschrieben und können abgerissen werden.

    AntwortenLöschen
  7. @egghat: Man sollte mit Spitzenlaststrom vergleichen, weil Solarstrom Spitzenlaststrom ist. Er wird nicht früh morgens, spät abends oder nachts erzeugt, sondern zur Spitzenlast im Laufe des Tages. Vor allem auch dann, wenn Klimaanlagen das Anwerfen der teuersten aller Kraftwerke erfordern: Ölkraftwerke.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Spitzenlast
    Da insbesondere das zweite Bild mit den gehandelten Kontrakten.
    Vor allem die kleinen orangen Kästchen sind sehr teuer, teils höher als die Einspeisevergütung für Photovoltaik. Und sie fallen genau in die Zeit, in der Photovoltaik Strom erzeugt.

    Wenn man also einen fairen Vergleich ziehen will, dann nimmt man dafür nicht den Durchschnittskurs an der Strombörse. Zur Spitzenlastzeit, wenn Photovoltaik Strom liefert, müssten die Stromanbieter sowieso sehr teuren Strom einkaufen.

    AntwortenLöschen
  8. Die richtig "spitzen Spitzen" sind aber morgens und abends und da laufen die Solaranlagen nur mit verminderter Leistung. Im Winter, wenn spät hell und früh dunkel wird, liefert Fotovoltaik gar keinen sinnvollen Beitrag.

    Außerdem zeichnet sich die extreme Spitzenlast dadurch aus, dass die in wenigen Sekunden hochgefahren werden kann (Pumpkraftwerke aber auch Gas). Dieser Strom ist der teuerste, den man kaufen kann. Fotovoltaik liefert den ganzen Tag einfach durch. Flexibiltät Null (das könnte natürlich durch den Einsatz von Akkus anders werden. Also jedes Haus bekommt einen Akku, der 1 Stunde Stromverbauch dieses Hauses zwischenspeichert. Der Energieversorger kann dann auf die Hälfte zugreifen, um Spitzenlast abzudecken.)

    Daher muss man die Kosten fpr Fotovoltaik irgendwo zwischen Grundlast und Spitzenlast einordnen. Wenn ich die 4,5 Cent an der Strombörse richtig verstanden habe, wird das da auch schon so gemacht, weil es ja ein *Durchschnitts*preis ist. Aber genau weiss ich das nicht. Du?

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für Deinen Kommentar.

Sorry. Es sind leider keine anonymen Kommentare mehr möglich. Ich werde von mehr als 50 Spamkommentaren pro Tag geflutet und habe keine Lust, diese von Hand zu scannen, um darin alle drei Tage einen anonymen Kommentar zu finden, der veröffentlicht werden kann. Meldet Euch bitte an. Sorry für die Umstände.

Related Posts with Thumbnails

egghats Amazonstore