Zahl des Tages (15.09.09): 90.000.000.000

Hab's mir überlegt. Schreibe heute nichts zu Lehman. Das Thema wird ja an allen Stellen breitgetreten. Mit Bilder-Klickstrecke. Mit der Einschätzung, dass man aus der Pleite nichts gelernt. Oder der Einschätzung, dass das Jahr seit der Pleite nicht umsonst war. Die Palette der Meinungen ist groß.

Daher muss ich vorab auch noch eben meinen Senf dazugeben: Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass jemand so blöd sein kann, eine der Bank nicht zu retten, die die Bank of England als "too big to fail" bezeichnet hat. (Too Big to Fail? Lehman war's angeblich - We will see ...). OK, die Amerikaner haben es versucht, viele Bankenhasser haben gejubelt (was haben Lafontaine/Westerwelle/etc damals eigentlich gesagt? Update: Steinbrück sagte, dass es keine Rettung mit Steuergeldern in Deutschland geben würde. Daraufhin Applaus  im Bundestag.), es ging schief. Die anschließenden Rettungsmaßnahmen kosteten ein Vielfaches von dem, was die Rettung von Lehman gekostet hätte.

Und was sind die Lehren, die gezogen wurden? IMHO wenige bis gar keine. Es zeichnen sich zwar strengere Anforderungen für das Eigenkapital von Banken an, aber viel zu viel wird auch über nutzlose Maßnahmen wie die Begrenzung der Boni diskutiert. Wesentlich schlimmer aber, dass man mit den vielen Zwangszusammenschlüssen von Banken (JP Morgan kauft Bear Stearns, Merrill Lynch tatsächlich von Bank of America gekauft, Commerzbank kauft Dresdner Bank) aus Banken, die schon zu groß zum Pleite gehen waren, jetzt Banken gemacht hat, die viel zu groß sind, um Pleite zu gehen.

Also wenn ihr die Beurteilungen der Pleite lest: Ich glaube weder, dass viel gelernt wurde, noch glaube ich, dass die Krise vorbei ist, noch glaube ich, dass das System jetzt stabiler ist als vor der Krise ...

Und wenn ich mich weigere, genau ein Jahr zurückzuschauen, was nehme ich denn dann als Zahl des Tages? Wie wär es mit einer Zahl, die in ihren Gründen noch älter ist, aber trotzdem passt, weil es am Ende der Auslöser für die Krise war und IMHO auch gut der Grund sein kann, warum die Krise noch nicht vorbei ist: Die geplatzte Immobilienblase.

Heute mal am Beispiel Irland:

Morgen gibt die NAMA, eine staatliche irische Behörde bekannt, wie viel sie für Hypotheken im Nominalwert von

90.000.000.000 (90 Milliarden) Euro

bezahlen will.

Damit will Irland diese Schrotthypotheken aus den Bilanzen der irischen Banken tilgen, damit die Banken wieder Luft zum Leben bekommen.

Das Problem dabei ist natürlich die Bewertung: Zahlt man zu wenig, saniert man die Banken nicht. Zahlt man zu viel, saniert man zwar die Banken, aber schadet dem Steuerzahler. Wenn man mal ganz pragmatisch diese Entscheidung betrachtet, wird es auf die zweite Möglichkeit hinauslaufen. Der Steuerzahler heißt ja nicht umsonst "Zahler" ... Und über die Einlagensicherung, die der irische Staat für die Banken übernommen hat, haftet der Steuerzahler sowieso schon ...

Es wird mit Abschlägen im Bereich von 20 bis 25% gerechnet. Die genaue Zahl reiche ich als Update nach.

Weil die 90 Milliarden Euro nicht sooo sonderlich beeindruckend sind, hilft ein Vergleich, um die Bedeutung für das doch recht kleine Land Irland zu betonen: Die Summe entspricht etwa der Hälfte des irischen Bruttoinlandsprodukts. Auf Deutschland hochgerechnet wären das gut 1,2 Billionen Euro.

Bloomberg: Ghost Towns May Haunt Ireland in Property Loan Gamble (Update2) 
gefunden über Calculated Risk: Ghost Towns in Ireland


Irland ist damit eines der Länder, das am heftigsten von der Blase nach oben gespült wurde und jetzt unter dem Platzen auch am meisten leidet. Wie schrieb mal jemand: Der Unterschied zwischen dem (so gut wie insolventen) Island und Irland ist nur ein Buchstabe ...

Kommentare :

  1. Im nachhinein ist man immer schlauer... Nur denke ich dass man keine Bank mit Staatsknete hätte retten dürfen. Kapitalismus funktioniert ohne Verlierer, Insolvenzen, Bereinigung etc nicht. Das will nur keiner wahr haben. Was soll denn am Ende rauskommen? Regime-Switching zwischen Kapitalismus und Sozialismus je nach dem wie die Zahlen gerade aussehen? Schöne neue Welt.

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  2. Die Rettung der Banken war völlig in Ordnung. Die Lehman Pleite hat gezeigt, dass Nichtretten viel teurer ist.

    Man hätte die Banken erst gar nicht so groß werden lassen dürfen. Das war der Fehler ... Dummerweise sind die Banken jetzt *noch* größer ...

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  3. Da muß ich mal schnell eine Korinteh ausscheiden bzgl.: "Wesentlich schlimmer aber, dass man mit den vielen Zwangszusammenschlüssen von Banken ... aus Banken, die schon zu groß zum Pleite gehen waren, jetzt Banken gemacht hat, die viel zu groß sind, um Pleite zu gehen."

    Pleite gehen geht immer. Es müßte imho besser heißen: "Zu groß, um sie retten zu können." - Wenn man allein schon die Bilanzsumme einiger Banken ins Verhältnis zu den Heimat-BIPs setzt.

    Also brauchen wir vllt nicht doch ein Regularium, wie eine Bank geregelt abgewickelt wird ohne Banken Run und so? Quasi zeitlich befristetets Rüberziehen der Girokonten zur Aufrechterhaltung des Zahlunsgverkehrs und Schutz der Otto-Normal-Guthaben und dann sucht sich der Bürger innhalb X Tage eine neue Bank und zieht dahin um? Gleiches für Nichtbankenkonten. Rest geht zum Richter... - Ginge das nicht, wenn ZUVOR das Regularium rechtlich verankert wäre?

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  4. Die Konten der Privatleute sind doch nicht das Problem. Das Problem sind die Finanzierungen der Banken. Am Tag vor der Lehman-Pleite (oder wars kurz danach) kam ein Kredit in Höhe von (grob aus dem Kopf) 150 Mrd. Dollar von JP Morgan oder Merrill Lynch an Lehman ans Licht. *Das* ist das Problem: Macht einer Pleite, machen die anderen auch alle Pleite. Die Bank of England ist nicht umsonst auf den Begriff "too big to fail" gekommen. Etwas genauer müsste es heißen "too interconnected to fail", zu verknüpft um pleite zu gehen.

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  5. Wieso? Lehman wurde doch ruckzuck von den Banken zerfleischt. Es wurden die Derivatepositionen glattgestellt und dann war von der Lehman-Aktiva nichts mehr übrig. Die ganzen Insolvenzverwalter sind doch nur noch zum Rechnungen schreiben da.

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  6. Nochmal "ich": "Die Konten der Privatleute sind doch nicht das Problem."

    Meine Frage war eigentlich: wenn 1. die Konten der Nichtbanken (Privatleute, Realwirtschaft) nei Insolvenz von Amts wegen an die Zentralbank gezogen würden (von wo aus sie dann wieder zu einer Bank ihrer Wahl wechseln könnten) und 2. das Regularium für eine Insolvenz klar wäre, könnten sich dann nicht eine Reihe von Banken endgültig legen? Sicher würden dadurch große Vermögen vernichtet, aber das sind doch keine 5% der Weltbevölkerung.

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  7. Also nochmal:

    Wenn eine Bank Pleite geht, gehen alle anderen auch Pleite. Die haben sich gegenseitig Milliarden geliehen. Fehlen diese auf einmal, bricht irgendwo die nächste Bank zusammen. Und daraufhin wieder eine. Dominoeffekt.

    Was nützt ein gesetzlicher Rahmen zur Übernahme und Abwicklung von privaten Konten, wenn keine Bank mehr da ist, die die Konten übernehmen kann?!?

    (Ganz nebenbei: Es geht hier nicht um die Einlagen bei den Banken, vor allem nicht die privaten, sondern es geht um die KREDITE, die die Banken vergeben haben. *DAS* ist das Problem: Niemand bekommt mehr Kredit. Und dann sackt die ganze Wirtschaft in ein Liquiditätsloch.

    Es ist in der Wirtschaft nicht anders: Wenn Opel Pleite macht, gehen da 20.000 Arbeitsplätze verloren, aber dazu kommt nochmal locker die doppelte Anzahl Arbeitsplätze bei den Zulieferern.)

    Wieso eigentlich anonym?

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