Lettland vor der Abwertung? Oder sogar mehr?

Die Geschichte entwickelt sich jetzt schon über einige Tage, nur bin ich bisher dazu gekommen, etwas dazu zu schreiben. Komischerweise stand dazu bis gerade eben nichts in den deutschsprachigen Quellen, die ich so lese ...

Über Lettland ziehen sich gerade so dunkle Wolken zusammen, wie sie auch gestern abend hier zu beobachten waren. Nur scheint hier jetzt wider die Sonne und ich fürchte in Lettland nicht. Zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht ...

Bereits am Wochenende gab es ein Geheimtreffen von schwedischen Notenbankern und Politikern mit der lettischen Seite, die sich über die Zukunft Lettlands Gedanken gemacht haben. Lettland stand ja schonmal kurz vor dem Abgrund und konnte nur durch hohe Kredite unter anderem von der schwedischen Notenbank gerettet werden. Die schwedische Notenbank ist in Lettland so engagiert, weil die schwedischen Banken in Lettland so aktiv sind und dort Kredite in Höhe von ca. 13 Mrd. Euro vergeben haben. Damit ist jedes Problem Lettlands auch schnell eines von Schweden. Und dass Lettland Probleme hat, sieht man schon allein am Junk-Rating (Lettland Junk! oder Zahl des Tages (04.06.09): 320% (mit blonden Lettinen inside) oder Suche nach Lettland für die ganze Geschichte).

Jetzt hat das lettische Parlament Einsparungen von 225 Millionen Lat für den Haushalt 2010 vorgeschlagen. Das ist weniger als die ursprünglich angestrebten 275 Millionen und deutlich weniger als die 500 Millionen Lat, die als Einsparung beim Kredit von EU und IWF versprochen wurden. OK, es kommen noch 100 Millionen über Steuererhöhungen, die gegen die 500 Millionen gerechnet werden können. Es bleibt trotzdem eine deutliche Lücke zwischen Versprechen und Umsetzung.

Der IWF könnte damit die Kreditzusage zurückziehen. Und genau darum ging es angeblich im Geheimtreffen: Was würden dann passieren? Würde dann Schweden einspringen?

Creditwritedowns: Sweden prepares for financial collapse in Latvia and major bank losses at home
FT Alphaville: Defcon Latvia, again

Und wie in solch kritischen Zeiten üblich, gibt es komische Gesetzänderungen, u.a. die Idee, für Hypotheken nur noch das Haus haftbar zu machen. Also wie in den USA haftet man als Hauskäufer nur mit dem Haus und nicht mit zukünftigen Einkommen. Wenn man die Hypothek nicht mehr bedienen kann (oder will), gibt man den Schlüssel der Bank und die kann dann sehen, wie sie das Haus zu Geld macht.

Das könnte eine Vorbereitungsaktion für die Abwertung des Lat sein. Denn danach wären ein Großteil der lettischen Hauskäufer, die zu großen Teilen ihre Hypotheken in Auslandswährungen aufgenommen haben, überschuldet. Der Wert der Auslandswährungs-Hypotheken in Lat würde ja entsprechend steigen.

Das Problem für die Schweden: Die Kredite kommen zu großen Teilen von schwedischen Banken. Die Letten würden so allerdings einen Teil ihrer Sorgen los. Auf Kosten der schwedischen Banken ... Eigentlich sind solche nachträglichen Vertragsänderungen ein absolutes No-Go. Schneller und effektiver kann man Vertrauen nicht zerstören.

FT Alphaville: Defcon Latvia, Swedish krona edition

Die BNP sieht die Gefahr einer Lat-Abwertung übrigens geringer und hat die Gewinne durch die steigenden CDS-Kurse erstmal glattgestellt. Die CDS für Lettland kosten übrigens aktuell wieder auf 500 Basispunkte. Und - wenig überraschend - werden die CDS auf die schwedischen Banken ebenfalls ziemlich aktiv gehandelt - bei steigenden Kursen versteht sich.

Gestern spitze sich die Lage dann weiter zu. Lettland wollte neue Staatsanleihen verkaufen und fand nur für etwa 10% des Angebots Käufer. Das ist natürlich ein Desaster und bei weiterem Austrocknen des Refinanzierungsmarkts wäre Lettland ziemlich schnell insolvent.

Marketwatch: Latvia debt auction disappoints amid crisis
Kommentar dazu:
Marketwatch: Latvia on the brink

Die lettische Notenbank hat sich gestern in einer für Notenbanken ziemlich unüblichen Deutlichkeit an die Politik gewandt und betont, dass ein Zusammenbruch der Refinanzierung für Lettland und die Wirtschaft viel kritischer sei als "zu hohe" Einsparungen der Regierung (die ja auch immer eine dämpfende Wirkung auf die Wirtschaft haben). Kurz: Wenn der IWF-Kredit platzen sollte, garantieren wir für nichts mehr.

Marketwatch: Worries over crisis-hit Latvia rise as debt auction disappoints

FT Alphaville: On the matter of renewing confidence in the Latvian economy

Das Handelsblatt hat inzwischen auch einen Artikel zu Lettland (übrigens mit dem netten freudschen Verschreiber "Island" statt "Lettland" im ersten Abschnitt). Mist, hätte ich den Artikel mal gestern abend geschrieben ...

Handelsblatt: Lettlands Spar-Unwille verärgert EU

Der Euro ist vor diesem Hintergrund übrigens überraschend stabil. Die Probleme Europas werden an den Devisenmärkten scheinbar gerade verdrängt. Wobei eine komplette Verdrängung kann's auch nicht sein, denn die schwedische Krone leidet unter den Lettland-Problemen deutlich.

Update (15:15):

Auch bei der BNP Paribas gibt es unterschiedliche Einschätzungen zur Wahrscheinlichkeit der Abwertung des Lats. Hans Redeker hält eine Abwertung für durchaus wahrscheinlich.

FAZ: „Der Dollar wird auf 80 Yen fallen“

Übrigens auch sonst lesenswerte Einschätzungen!

Update (23:16):

Eine Meinung dazu:

Handelsblatt: Mit dem Währungsanker in die Tiefe

Update (09.10.09):

Die Berliner Zeitung wirft - abseits der nüchternen Zahlen - einen Blick auf die konkrete Situation der Menschen in Lettland:

Berliner Zeitung: Renten kürzen, Schulen schließen

Danke an Werner für den Linkhinweis.

Kommentare :

  1. Hallo egghat.

    Sehr gute beschreibung der Zustände in Osteurope.
    Zum Thema Bewertung der Immobilien zum Marktwert : In D läuft der Hase anders herum. Durch die Änderung der AGB´s der Banken erhalten diese das Pfandrecht auf sämtliches veräußerbare Vermogen des Schuldners.

    D.H. Wurde z.B. der Lohn als Sicherheit bei einem Kredit hinterlegt so gilt bei allen Zukünftigen Kreditverträgen auch das gesamte veräußerbare Vermögen, und wenns Omma´s Schrank ist...

    Die Schafe haben´s nicht begriffen...( also in meiner Umgebung..) Auf die Frage warum und wieso und meine Antwort darauf sah ich nur ungläubige Gesichter.. und Achselzucken.

    Verpackt wurde dieses als Umsetzung der EU Verordnung über das Bankenwesen, ist aber eine Ausweitung des Pfandrechts bis zum Tode, da es keinerlei zeitlichen Befristung unterliegt. Hier wird auch das Privatinsolvenzrecht evtl. ausgehebelt, so dass die Forderungen auch nach 7 Jahren noch bestehen bleiben. Ist aber noch zu Prüfen.

    Währe vlt. mal eine Blogartickel wert..

    Gruss

    Curley

    AntwortenLöschen
  2. Ich halte mich nicht befähigt zu den neuen rechtlichen Bedingungen zu sagen. Dafür bräuchte man einen Juristen.

    Ich habe schon mal Hinweise zu den neuen AGBs bekommen. Aber ich verstehe das alles nicht und deshalb schweige ich ...

    AntwortenLöschen
  3. Den AGB-Hinweis kann ich für meine Sparkasse nicht bestätigen, die jüngsten Änderungen stehen im Zusammenhang mit der EU-Zahlungsdienstrichtlinie.

    Die Regelungen zum AGB-Pfandrecht (Nr. 21) blieben indes komplett nverändert (ich habe das Satz für Satz nachgeprüft, eine Version aus dem Jahr 1993 mit der aktuellen)

    AntwortenLöschen
  4. Gewissermaßen "vorgreifend" zu den nüchternen Fakten dieses Beitrags las ich vorgestern in der Berliner Zeitung, , wie sich die Finanzkrise auf die dortige Bevölkerung auswirkt...

    AntwortenLöschen
  5. @Werner:

    Danke für den Hinweis. Habe ich in den Artikel eingebaut.

    AntwortenLöschen
  6. Der Artikel trifft es gut, einen ähnlichen gab es vor einiger Zeit bereits in der Le Monde Diplomatique.

    Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich den Artikel nur rundweg bestätigen. Es wirkt leicht irritierend, wenn man sieht, wie zum Beispiel in den Ministerien den Mitarbeitern die Bürostühle tatsächlich, nicht nur sinnbildlich, vor die Tür gestellt wird.

    Waren es im Herbst noch 10% Stellenabbau (und 15% Gehaltskürzungen) in der öffentlichen Verwaltung, sind es nun 15% Stellenabbau und 20% Gehaltskürzung. Und billig ist Lettland im Vergleich zu Deutschland wahrlich nicht.

    Da wird ein Land gerade mächtig gegen den Baum gefahren.

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für Deinen Kommentar.

Sorry. Es sind leider keine anonymen Kommentare mehr möglich. Ich werde von mehr als 50 Spamkommentaren pro Tag geflutet und habe keine Lust, diese von Hand zu scannen, um darin alle drei Tage einen anonymen Kommentar zu finden, der veröffentlicht werden kann. Meldet Euch bitte an. Sorry für die Umstände.

Related Posts with Thumbnails

egghats Amazonstore