Zahl des Tages (13.10.09): 13

Schade, dass mir niemand solche Studien zuspielt;-)

Heute gab es mal wieder eine der sagenumwobenen Studien der EU-Komission. Darin gab es auch schonmal äußerst üble Schätzungen über die Verluste, die den europäischen Banken noch drohen. Mehr als Gerüchte waren das aber nie. Alles wurde dementiert, etc. pp. Die Studie, um die es hier geht, wird aber morgen veröffentlicht. So geheim ist die also nicht ...

Bereits heute berichtet die FTD über diese Studie, in der untersucht wurde, wie solide die Haushalte in den europäischen Ländern sind. Und auch wenn sie es nicht so direkt sagt, geht es auch darum, ob die Länder den Hebel nochmal umlegen können ...

Danach gehören fast die Hälfte der 27 EU-Staaten zur Hochrisikoklasse, gekennzeichnet durch zu hohe Staatsverschuldung UND zu hohe Neuverschuldung.

Die Liste der

13

Staaten:

Spanien,
Niederlande,
Griechenland,
Irland,
Slowakei,
Slowenien,
Malta,
Zypern
und die Nicht-Euro-Mitglieder
Großbritannien,
Rumänien,
Tschechien,
Lettland und
Litauen.

Da sind aus meiner Sicht viele erwartete bei (Spanien, Großbritannien, Irland, Litauen, Lettland), aber auch ein paar, die ich nicht unbedingt erwartet hätte (u.a Niederlande, Malta, Tschechien, Slowenien).

Die großen G7-Mitglieder Deutschland und Italien liegen in der Gruppe mit mittlerem Risiko. Als nahezu ungefährdet gelten Schweden und Finnland.

Ob Schweden angesichts des starken Engagements in Lettland noch lange auf dieser Liste steht, darf man durchaus bezweifeln.

Die Kommission erwartet bis 2014 einen Schuldengesamtstand über die gesamte EU von 100% des BIPs. In Irland und Großbritannien könnten die Schuldenstände auch bis auf 200% des BIPs steigen.

Und da hätte ich jetzt mal 'ne Frage: Gibt es in der Geschichte einen Staat, der sich - ohne die Pleite zu erklären wie Argentinien oder Megainflation - aus so einer Situation gerettet hat? Also von 200% Staatsverschuldung wieder runter auf einen "normalen" Stand von 50% oder weniger?

Ich argumentiere immer dagegen, wenn behauptet wird, dass die USA bei 80% Pleite sind und den Point of no return bereits überschritten haben. Denn die USA hatten nach dem 2. Weltkrieg schon deutlich über 100% Staatsverschuldung. Und auch Belgien lag am Anfang der Eurozone im dreistelligen Bereich. Das geht also.

Aber von 200% nochmal zurück auf normal?

Update (14.10.09)

Es ist übrigens auch ein Land nicht auf der Hochrisikoliste, das ich dort eigentlich erwartet hätte: Belgien. Die sind nur mit Hängen und Würgen in die Eurozone gekommen (zu hohe Staatsverschuldung) und haben überdies noch einen ziemlich großen Finanzsektor, der bereits massive staatliche Rettungsaktionen benötigte (u.a Fortis).
Das kann man durchaus als positives Zeichen werten: a) Konsolidierung ist möglich und b) Rettungsaktionen müssen den Staat nicht überfordern. Es kann sich aber auch schlicht um eine Fehleinschätzung der EU Kommission handeln.

Update 2 (14.10.09):

Es war zu befürchten. Die FTD macht aus der "13" die im Onlinejournalismus scheinbar unvermeidbare Klickstrecke: 13 nichtssagende Bilder aus den 13 Ländern. Daneben Texte wie "Zypern. Blick auf den Hafen von Paphos im griechischen Teil Zyperns: Die Insel wird als Hochrisikostaat eingestuft, obwohl sie zu den Euro-Ländern gehört, die noch die Bedingungen des Stabilitäts- und Wachstumspaktes einhält."
Jetzt würde mich natürlich interessieren, warum Zypern trotzdem auf der Liste steht. Die Antwort bleiben die Profijournalisten aber leider schuldig.

FTD: Die Hochrisikoländer

Update (14.10.09):

Danke an den anonymen Tippgeber. Sowohl Großbritannien als auch Frankreich hatten nach dem 2. Weltkrieg eine Schuldenlast von über 200% und haben sich wieder erholt:


UK Deficit (als Chart) oder inkl. Frankreich in Tabellenform als PDF: Stockholm Reconstructed (PDF)

Update (15.10.09):

Das Handelsblatt bringt noch ein paar andere Zahlen aus der Studie. Ohne Änderung in Deutschland steigt der Schuldenstand bis 2030 auf 102% und bis 2040 auf 152%. In Großbritannien bis 2030 auf 270% und 2080(!) auf 780%.

Handelsblatt: EU warnt vor schwerer Schuldenkrise

Kommentare :

  1. Wenn die Zinsen weiterhin künstlich so niedrig gehalten werden könnten, könnte auch die Entschuldung funktionieren. Ich glaube aber nicht, dass man diese Menge an Geld wieder dem Kreislauf entziehen kann, ohne böse Nebenwirkungen zu riskieren. Man unterwirft ja auch keinen Alkoholiker einer Blutwäsche, um den Alkohol wieder zurückzugewinnen.

    AntwortenLöschen
  2. Ich finde, dass der Vergleich USA anno 1945/USA anno 2009, gewaltig hinkt. Damals gab es ganze andere Rahmenbedingungen wie z.B. es gab noch nicht Länder, die billiger produzieren konnten. Die USA wandeln sich doch immer mehr und mehr zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Mich würde mal sehr interessieren wie viel Anteil, das produzierende Gewerbe, am BIP hatte und jetzt.

    Ich sehe jetzt auch nicht die Gefahr, dass die USA kurzfristig Zahlungsunfähig werden, weil sie den Dollar haben, der durch Öl bzw. Rohstoffe gedeckt ist, aber ich will nicht wissen, was passieren könnte, wenn einpaar Länder bei der Bezahlung von Öl den Dollar nicht mehr akzeptieren.

    AntwortenLöschen
  3. @m106:

    Der Vergleich hinkt wie jeder Vergleich.

    Er hinkt auch aus einer anderen Sicht: Damals hatte der Staat noch viel Vermögen (Staatsbetriebe), heute kaum noch. Einfach mal Sachen verkauft, geht nicht mehr.

    Außerdem war das Sozialsystem damals wenigr ausgebaut als heute. Es war mehr Einsparpotenzial da.

    Und es kann sein, dass damals auch die Leidensfähigkeit der Bevölkerung eine andere war. Damals ging es darum, den wahrscheinlich mächtigstbösen Menschen der Welt zu besiegen. Heute geht es um einen Bailout für die Wallstreet (zumindest sehen das einige so und zum Teil ist es ja auch richtig). In WWII konnte man die Bevölkerung motivieren. Ob das heute auch klappt, wage ich zu bezweifeln ...

    Und dein Punkt ist natürlich auch sehr valide.

    AntwortenLöschen
  4. @Wilf: Ich weiss nicht, ob der Schuss mit den niedrigen Zinsen nach hinten los geht: Wenn Geld nichts kostet, leiht man sich schnell noch mehr ...

    Und der Drogensüchtigen-Vergleich ist natürlich korrekt. Die USA bekämpfen gerade zu viel Schulden mit noch mehr Schulden. Das geht irgendwann nicht mehr gut ...

    AntwortenLöschen
  5. Mich nerven diese Fotostrecken, was mich aber mehr nervt, dass Artikel auf mehrere Seite verteilt werden, damit schön Klicks generiert werden. Da hilft es nur auf "Drucken" zu klicken, dann sieht man alles auf einer Seite.

    AntwortenLöschen
  6. "Und da hätte ich jetzt mal 'ne Frage: Gibt es in der Geschichte einen Staat, der sich - ohne die Pleite zu erklären wie Argentinien oder Megainflation - aus so einer Situation gerettet hat? Also von 200% Staatsverschuldung wieder runter auf einen "normalen" Stand von 50% oder weniger?"

    Ja, das gab es. Beispielsweise UK:

    http://www.ukpublicspending.co.uk/downchart_ukgs.php?year=1945_2010&view=1&expand=&units=p&fy=2009&chart=G0-total&bar=0&stack=1&size=m&color=c&title=UK%20National%20Debt%20As%20Pct%20GDP

    In Frankreich sah es auch nicht besser aus:

    http://www2.wiwi.hu-berlin.de/wg/ritschl/pdf_files/Stockholm_reconstructed.pdf


    Danke für deinen Blog.

    AntwortenLöschen
  7. @Anonym:

    Danke für die Links, habe ich im Artikel ergänzt.

    Bitte für das Blog.

    AntwortenLöschen
  8. für GB war das kein Problem 1945, die kannten sich mit sowas aus, nach 1815 nem Vierteljahrhundert Weltkrieg gegen Napoleon hatten sie 2,5x BIP als Schulden und sind zur Werkbank der Welt geworden...und das galt damals auch für andere hochverschuldete Staaten...allerdings gabs durch die Sparpolitik Europaweit in den darauffolgenden Jahrzehnten starke wirtschaftliche und gesellschaftliche Verwerfungen und ein paar Revolutionen.

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für Deinen Kommentar.

Sorry. Es sind leider keine anonymen Kommentare mehr möglich. Ich werde von mehr als 50 Spamkommentaren pro Tag geflutet und habe keine Lust, diese von Hand zu scannen, um darin alle drei Tage einen anonymen Kommentar zu finden, der veröffentlicht werden kann. Meldet Euch bitte an. Sorry für die Umstände.

Related Posts with Thumbnails

egghats Amazonstore