Wie soll man das Bankensystem umbauen?

Ich wollte den Artikel aus der Börse Online schon fast abtippen. Als Beweis dafür, dass manchmal doch ein brauchbarer Artikel in dem Heftchen steht. Es ist natürlich - wie fast immer - ein Interview. Irgendwie ist Börse Online ein Beispiel für meinungsfreien Teflon-Journalismus. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Wenig kontrovers. Irgendwie größtenteils langweilig. Aber manchmal werden wenigstens interessante Leute interviewt, die dann Meinungen vertreten, über die es sich lohnt etwas mehr nachzudenken.

Das Interview ist mit Richard Werner, einem Professor für International Banking an die Universität von Southampton. Werner kritisiert die aktuellen Konstruktion des Bankensektors massiv. Und zwar nicht nur so oberflächliche Dinge wie zu hohe Boni (das ist IMHO nur ein politische Ablekungsmanöver), sondern den Kern: Banken sind gewinnorientierte Unternehmen. Damit haben sie die Aufgabe, Gewinne zu erwirtschaften. Und wenn dieses Gewinnstreben am besten durch Spekulationen an den Finanzmärkten erreicht wird, vernachlässigen die Banken ihre eigentliche volkswirtschaftliche Aufgabe, die Versorgung der Wirtschaft mit Krediten.

Werner schlägt vor, den Banken mit Lizenzentzug zu drohen, wenn sie diese Aufgabe vernachlässigen. Die Banken haben schließlich durch den Staat mit dem exklusiven Zugang zu Notenbankgeld ein Privileg eingeräumt bekommen, für das der Staat auch eine Gegenleistung verlangen kann (und eigentlich muss!).

Börse Online findet die Drohung mit dem Entzug der Lizenz natürlich schon extrem. Ich nicht. Werner auch nicht, im Gegenteil: er findet das aktuelle System extrem.

Ich frage mich allerdings auch, ob man nicht besser auf eine andere Idee zurückgreift. Man trennt das Universalbankensystem wieder auf: Investmentbanken investieren (man kann auch sagen zocken), die Geschäftsbanken sorgen für Kredite. Die USA haben das ja auch versucht. Allerdings wurde die Trennung irgendwann Ende der 90er wieder aufgehoben (massives Lobbying der damaligen Citibank ging voraus, die den Versicherungskonzern Travelers kaufen wollte). Und richtig schlimm wurde es, als die US-Regierung 2004 beschloss, die Eigenkapitalrichtlinien für die Investmentbank abzuschaffen. Damit war der "Way to Desaster" eigentlich vorgezeichnet. Überraschend eigentlich nur, wie schnell es ging ...

Nach der Trennung bekommen die Investmentbanken keinen Zugriff mehr auf das Notenbankgeld, man entzieht ihnen also das Privileg, weil sie ja auch keine volkswirtschaftliche Funktion übernehmen. Die Investmentbanken sind dann eigentlich nur noch Dienstleister für Firmenübernahmen, IPOs, Auflage von Anleihen, Verwaltung von Fonds, etc. pp. Wenn sie spekulieren wollen, müssen sie sich das Geld von Anlegern holen, wie jeder (Hedge-)Fonds auch.

Die Geschäftsbanken hineggen kümmern sich um die normalen Kredite für Unternehmen und Verbraucher, wickeln den Zahlungsverkehr ab, vergeben Hypotheken, etc. Und weil sie das Geld in der Volkswirtschaft verteilen, bekommen sie auch weiterhin Zugriff auf die (preiswerten) Gelder von der Notenbank. Wird dieses Geld nur billig genug, werden die Banken es auch weiterverleihen.

Damit wird zumindest ein großes Problem vermieden: Wenn die Universalbanken entscheiden, dass man das Notenbankgeld lieber an der Börse anlegt, weil es dort mehr Rendite verspricht als bei einem Firmenkredit, kann die Notenbank Geld drucken wie bescheuert: Es kann immer noch die unsägliche Kombination aus Kreditklemme für die Realwirtschaft und Börsenhausse bis Börsenblase geben. Und das ist leider wohl das, was wir aktuell beobachten können ...

Nur zur Klarstellung: Die Trennung ist natürlich als alleiniger Faktor wenig hilfreich. Höhere Eigenkapitalanforderungen und strengere Überwachung muss es trotzdem noch geben.

FTD: "Ein untragbares System"

Oder handelt man sich mit der Trennung neue Probleme ein, die ich übersehe?

Kommentare :

  1. Arbeiten die Geschäftsbanken ebenfalls gewinnorientiert?
    Wenn ja, ist eine Trennung von Investment- und Geschäftsbanken imho nur auf dem Papier möglich.
    Geschäftsbank A bekommt günstiges Notenbankgeld für 1% Zinsen und verleiht dieses an die Investmentbank B, welche das Geld in einen Fonds steckt und 2% Rendite auszahlt.
    Gleiches System wie aktuell nur mit einer formalen Trennung. Oder habe ich einen kapitalen Denkfehler/deinen Vorschlag nicht richtig verstanden?

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  2. Nee, das wäre im Prinzip schon möglich. Nur leihen Banken das Geld nicht zum gleichen Kurs weiter wie sie es bei der Notenbank bekommen. Aktuelle zahlen die Banken 1% an die EZB und achte mal auf deinen Dispozins auf dem nächsten Kontoauszug ...

    Klar, die Investmentbanken würden das Geld billiger bekommen als du und ich, aber immerhin etwas mehr bezahlen als direkt bei der Notenbank.

    Man könnte aber auch radikaler dieses Geschäft ganz verbieten. Also Geschäftsbank darf kein Geld zu Spekulationszwecken weiterverleihen.

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  3. Ganz deine Meinung nur langfristig gesehen auch nur ein mittelmaß der dinge, denn auch für diese investmentbanken braucht es was auf das spekuliert werden kann (u.A. Lebensmittel, Energie, Edelmetalle,...), denn die werden Kunden finden. und da liegt der hase im pfeffer. Der Zins lastet noch immer auf jeden von uns. 1 Mrd. Dollar Schulden der USA aus dem Vietnamkrieg sind heute 8 Mrd und keiner in der Generation 30- denkt im ernst daran, dass er aus diesem finanzchaos noch sowas wie eine rente beziehen kann.

    Fakt: Es wird nicht ohne den verzicht auf lang erworbene rechte gehen können und das geht vom bankaktienbesiter bis zum db-rentner - aber was wir mit dieser situation anstellen werden da hat noch keiner drüber nachgedacht. aber wenn danach wieder über investmentbank und/oder geschäftbank geredet wird hat keiner was aus der situation gelernt.

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  4. Dass die Geschäftsbank die Zinsen bei Weitergabe des Geldes erhöht, ist mir klar, aber selbst wenn die Investmentbank das Geld für 2% bekommt (die Geschäftsbank für 1%), lohnt sich der Deal für die Investmentbank bei jeder Rendite >2%, das Zocken der Investmentbanken wird damit nicht gemindert und dass diese weiterhin günstiges(wenn auch nicht günstigstes) Geld indirekt von der Notenbank beziehen kann m.E. auch nicht.
    Außer man untersagt eine Kreditvergabe von Geschäftsbanken an Investmentbanken (bzw. eine Untersagung der Geldvergabe zwecks Spekulationsgeschäften), was sich aber über Tochtergesellschaften o.Ä. sicher umgehen lässt, bzw. erstmal eine anständige Definition eines Spekulationsgeschäftes braucht. Liegt hier eine Definition vor?

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  5. @Christian:

    Die können von mir aus ruhig spekulieren. Wenn zu viel Geld da ist, werden sie sowieso spekulieren. Anders gesagt ist es in dem Fall auch Wurscht: Ob jetzt 1 Millionen Kleinanleger am Neuen Markt zocken oder 4 Investmentbanken ist volkswirtschaftlich auch ziemlich egal.

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  6. @Yamakazi:

    Eine wasserdichte Definition von Spekulationsgeschäft gibt es nicht. Es geht auch nicht darum, dass komplett zu verbieten. Es geht nicht darum, jeden Missbrauch auszuschließen. Jetzt machen wir aber genau das Gegenteil: Wir pumpen Geld in die Banken und haben keinerlei Einfluss darauf, ob das auch einen Nutzen entwickelt. Und wir versorgen die Banken, die nur spekulieren mit genau dem gleichen billigen Geld wie die Geschäftsbanken, die noch einen volkswirtschaftlichen Nutzen entfalten.

    Übrigens glaube ich nicht, dass Geschäftsbanken (selbst wenn sie dürften) das Geld zu 2% an Investmentbanken verleihen würden, wenn die bei Unternehmen für den Kredit 8% bekommen könnten. Das würde schon teurer werden.

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  7. "Übrigens glaube ich nicht, dass Geschäftsbanken (selbst wenn sie dürften) das Geld zu 2% an Investmentbanken verleihen würden, wenn die bei Unternehmen für den Kredit 8% bekommen könnten. Das würde schon teurer werden."

    VW kann den Audi A3 für 30.000 an den Kunden bringen. Zusätzlich wird die gleiche Karre aber unter dem Namen Skoda für die Hälfte verkauft - einfach, weil der Skodakäufer keine 30.000 EUR für den Audi bezahlen will, VW diesen Käufer aber nicht der Konkurrenz überlassen will. Übertragen auf die Bank:
    Was hindert die Geschäftsbanken daran, Kredit für 8% an Unternehmen und für 2% an Investmentbanken zu vergeben? Die Investmentbank hinterlegt halt die mit dem Kredit gekauften Papiere als Sicherheit, schon kann die Geschäftsbank Kredit ohne Ende schöpfen, während die Investmentbank die Rendite für die hinterlegten Papiere einstreicht. Diese Papiere reicht die Geschäftsbank dann für neuen Kredit bei der Zentralbank ein, die nehmen ja mittlerweile alles.
    Aber selbst, wenn nur AAA-Anleihen als Sicherheit akzeptiert würden, das machts nur umso besser. Dank Risikogewichtung kann man auf die AAA-Papiere ja mehr Kredit vergeben als auf Junk-CDOs... Dann kauft die Investmentbank vom Kredit eben zum Teil AAA-Anleihen als Sicherheitsleistung und zur Kompensation der Minderrendite dann umso riskantere Papiere als eigentliches Investitionsgut.

    Wenn es eine solche Regulierung geben sollte, dann beschäftigen die Banken eben noch mehr Juristen, die in den Gesetzen Schlupflöcher suchen.
    Drei Paragraphen reichen:
    - kein Eigenhandel
    - keine Verbriefung von Krediten
    - Spin off, sobald eine Bank die Größe X überschreitet. Dass sowas geht, zeigt Gore(tex). Da hat jede Niederlassung eine Maximalgröße. Wird die überschritten, wird ein neues Werk eröffnet. Bei Gore soll das die Innovationskraft erhalten, bei Banken verhindert es ein "Too big to fail".

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  8. Man sollte den Gedanken aber weiter führen: Ein Staat sollte nicht im Besitz von Investmentbanken sein. Ansonsten macht die Argumentation mit Geschäftsbanken/Notenbanken vs. Investmentbanken keinen Sinn, sondern vermischt sich wieder.

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  9. @anonym.

    Ich weiß garnicht, was alle Leute gegen Verbriefung haben. Investoren sind ja auch schön doof, wenn sie sich Tranchen von einem Vehikel A und B zu Par kaufen, die wiederum in sehr ähnliche/dieselben Assets investieren. Klar ab einer bestimmten Größe des Investor wird sich das nicht vermeiden lassen. Aber am Ende darüber rummeckern, dass man etwas zu teuer gekauft hat... Ja ja... Es gibt ja auch einen Grund warum durch Verbriefung die Finanzierungskosten sinken...

    Eigenhandel sollte wirklich nur die Ausnahme sein. Aber unterbinden kann man das per Gesetz auch nicht, weil man dann das Vertragsrecht so umbasteln müsste, dass am Ende sich noch nicht mal eine Kiste Schrauben kaufen dürfte. Man müsste schon formulieren, dass Firmen mit Bankenlizenz keine Verträge untereinander mehr abschließen dürften. Sobald sie dabei eine Ausnahme machen, wird das was heute als Eigenhandel bezeichnet wird über die Ausnahme laufen. Nachteilig wäre es eh nur für Großunternehmen, die dann wohl kaum noch ihre riesen Finanzierungsgeschäfte wuppen könnten - Wäre eigentlich nicht schlecht.

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  10. @nigecus

    Zum letzten Punkt: Die großunternehmen haben doch alle FInanzierungstöchter (in Holland, den Antillen, ...), die weiterhin mit Banklizenz Geld besorgen könnten und an die Mutter weiterverleihen.

    Das wäre als weiterhin möglich, selbst wenn Eigenhandel und Handel unter Banken verboten wäre ...

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