Zahl des Tages (15.11.09): 15%

Es war tendenziell ein Link, der auch gut und gerne einer unter vielen in einem "Lesetipps zum Wochenende" hätte werden können. Das habe ich am Freitag aber nicht fertig bekommen und da ich sonst nichts Spannendes gefunden habe, hebe ich die Zahl jetzt auf den Thron.

Wenn man von Firmen hört, die große Teile des Handels an der Börse beherrschen, denkt man zuerst an Goldman Sachs, JP Morgan und die anderen Großkopferten der Wall Street. Wenn aber eine Firma namens Getco, von der auch Börseninteressierte noch niemals was gehört haben, satte

15%

des Handelsvolumens an den US-Börsen verursacht, ist das schon einen zweiten Blick wert.

Getco ist ziemlich geheimniskrämerisch. Was nicht gänzlich überrascht, sobald man weiss, dass Getco auf dem Feld des High Frequency Tradings agiert. Dazu habe ich schonmal ein paar Hinweise gegeben: Zahl des Tages (03.10.09): 43.000. Die 43.000 darin ist die Miete für einen Quadratmeter Fläche in einem der Rechenzentren, die die schnellste (sprich kürzeste) Verbindung zu den Rechnern der Börse haben. Denn das Ganze ist so extrem zeitkritisch, dass die Kabellänge entscheidend sein kann. Wer die Information als Erster bekommt, kann als Erster handeln und kann die Order auch als Erster platzieren. So wird versucht, kleinste Ineffizienzen in den Märkten auszunutzen. Insbesondere wenn es mehrere liquide Börsen gibt, an denen ein Papier gehandelt wird, gibt es immer - unter Umständen nur für Bruchteile einer Sekunde - Preisdifferenzen, die man ausnutzen kann. Auch wenn Privatanleger (fast) nur an den offiziellen Börsen handeln, gibt es für die richtig großen Player an der Börse noch eine Reihe rein elektronischer Börsen, an denen auch nur die großen Player große Positionen handeln. Dabei sparen sie vor allem die Börsengebühren.

(Übrigens könnte man hier noch kurz über *die* Geschäftsidee der letzten 20 Jahre sprechen: Gründung einer elektronischen Börse. Dazu stellt man die Technik, besorgt sich 3 oder 4 große Partner mit richtig großen Handelsvolumina, beteiligt diese an der neuen Börse, wickelt die Umsätze über die eigene Börse ab, präsentiert die unglaublichen Wachstumszahlen der Welt, erklärt der renommierten Börse die eigene Börse als riesige Gefahr, bietet sich zum Kauf an und kassiert beim Verkauf Hunderte von Millionen. Die etablierte Börse zieht den Umsatz auf die eigene Börse, will dafür natürlich mehr Gebühren haben und schon kann man wieder eine neue elektronische Börse gründen und die  Geschichte geht von vorne los ...)

Die Gewinne aus dem Bereich High Frequency Trading werden auf

21.000.000.000 (21 Milliarden) Dollar

jährlich geschätzt, einige Trading Firmen setzen über 1.000 Trades pro Sekunde ab. Die NASDAQ hat bestimmten Händlern schon eine bevorzugte Behandlung eingeräumt: Für höhere Gebühren bekommt man schnelleren Zugriff auf das System. Man sieht, dass das Phänomen nicht zu unterschätzen ist.

Der Forbes-Artikel nennt zwar die Probleme, betont den positiven Effekt aber (IMHO zu) stark: Durch die permanente Arbitrage sinkt der Spread (der Unterschied zwischen An- und Verkaufskurs) und erhöht sich die Liquidität. Es gibt also auch für Normalanleger häufiger Kurse, die sogar besser sind. Auch wenn sich andere dabei eine goldene Nase verdienen, werden nicht zwangsläufig die anderen über den Tisch gezogen.

Zumindest geht so die Theorie. Spätestens wenn Teilnehmer wie Goldman Sachs, die auch Unmengen von Kundenorders abwickeln, beim HFT mitspielen, liegt der Verdacht sehr nahe, dass dort auch die Information über Kundenorders ausgenutzt wird. Denn wenn man weiss, dass gleich eine Kauforder ausgeführt werden soll, kauft man diese Aktie einfach schonmal selber. Dann steigt der Kurs um 1 oder 2 Cent, die Aktie wird wieder in den Handel gestellt und der Kunde kauft die Aktie dann zu diesem leicht höheren Kurs. Wirklich weh tut das dem Kunden nicht, aber wenn die Umsätze hoch genug sind, verdient sich der Broker dabei eine goldene Nase. Risikolos.

Andere Beobachter monieren die unglaubliche Effizienz der Handelssysteme, die beim HFT eingesetzt werden. Immerhin könnten bei einem Handelssystem, das "ausrastet" oder gehackt wird, in kürzester Zeit 100.000 falscher Orders den Markt fluten.

Man hätte dann das Gleiche wie beim Crash 1987. Damals sorgten die ersten Anfänge des computerisierten Börsenhandels dafür, dass bei fallenden Kursen immer weitere Stop-Loss-Limits ausgelöst wurden und weitere Verkaufsorders auf den Markt kamen. Diese Spirale drehte sich dann immer schneller und am Schluss lagen die Kurse 30% unter dem Vortag. So etwas Ähnliches könnte heute drohen, nur dass das theoretisch in wenigen Minuten passieren könnte ...

Forbes: The New Masters of Wall Street

Update (17.11.09):

Olaf von Traders Quest weist mich darauf hin, dass die Handelsbeschränkungen, die für die großen Börsen gelten (max. 30% Minus am Tag, im Laufe des Tages wird bei kleineren Einbrüchen bereits der Handel unterbrochen) auch für die elektronischen Börsen gelten. Es kann also dort nicht zu einem unkontrolliertem Absturz kommen, der weitergeht, auch wenn die normalen Börsen bereits dicht sind. Ob mich allerdings ein Minus von 30% in wenigen Minuten unbeeindruckt lassen würde, bezweifle ich dann doch ...

Kommentare :

  1. -30% innerhalb von Minuten aber nur zu Handelsende, oder wenn die Circuit Breaker Trigger Points and Trade Halt Durations aufgrund einer Computerpanne nicht greifen.

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  2. Das gilt aber nur für die NASDAQ, oder? Was ist, wenn die eBörsen einfach weiterhandeln?!?

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  3. Ist es so schwer, nach nyse circuit breakers zu googlen? ;-) Nee, die Richtlinien gelten für alle Börsen. Da sie sich aber am Dow Jones orientieren, wäre es für die Algorithmen natürlich möglich, die 30 Dow Aktien künstlich hoch zu halten und alles andere abzuladen... Zumindest in der Theorie.

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  4. Ist es so schwer, mein Posting zu lesen ;-) ? Ich sprach von den elektronischen Börsen, also nicht NYSE oder NASDAQ, sondern die ganzen anderen: ECN

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  5. Da die ehemals wichtigsten ECNs sowieso von der NYSE und der NASDAQ übernommen wurden, bleibt als einzige relevante Alternative nur die BATS Exchange, Inc., die in ihrem Regelwerk unter Rule 11.18 die gleichen Dow Level für eine Handelsunterbrechung vorsehen. Das ganze ist eine gemeinsame Aktion der wichtigsten Börsen:

    "The major securities and futures exchanges have procedures for coordinated cross-market trading halts if a severe market price decline reaches levels that may exhaust market liquidity. These procedures, known as circuit breakers, may halt trading temporarily or, under extreme circumstances, close the markets before the end of normal close of the trading session."

    Circuit Breakers and Other Market Volatility Procedures (SEC)

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  6. OK, ich habe den Artikel ergänzt. Allerdings bezweifle ich, dass mich ein Minus von 30% in 2 Minuten unbeeindruckt lassen würde ...

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