Zahl des Tages (29.11.09): 30

Inzwischen ist das Thema überall bekannt. Es gibt Banken, die zu groß sind. So groß, dass sie nicht mehr Pleite gehen können, ohne das gesamte Weltfinanzsystem mit in der Strudel zu reissen. Die Bank of England prägte dafür den Begriff "Large Complex Financial Institution" (LCIF). Ich befürchtete schon damals, dass man sich diesen Begriff merken müsse. OK, der Begriff LCIF setzte sich nicht wirklich durch, aber was damit gemeint war, schon, wenn auch eher unter dem Begriff "too big to fail".

Als ich zum ersten Mal darüber berichtete, was das aber noch ziemlich exklusives Wissen (was sich durch mein Schreiben an damals geschätzte 20 Leser auch nicht wirklich geändert hat ...). Und ich musste mir die Finger wund schreiben gegen die Leute, die damals meinten, man könne eines der Unternehmen einfach Pleite gehen lassen. (Die Banker hätten es schließlich verdient, die Pleite sei der Selbstreinigungsmechanismus der Marktwirtschaft, etc.). Ich hatte eher das Gefühl, dass das ein Experiment ist, auf das ich lieber verzichten würde. Zurecht: Die Rettung von Lehman wäre sicherlich billiger gewesen als nachher alle anderen retten zu müssen ... Aber genug der Besserwisserei ...

Damals (2007) waren es noch 16 Banken und Versicherungen:

ABN Amro, Bank of America, Barclays, BNP Paribas, Citigroup, Credit Suisse, Deutsche Bank, Goldman, HSBC, JP Morgan Chase, Lehman, Merrill, Morgan Stanley, RBS, Societe Generale, and UBS.
 
US-Immokrise: Ein paar Zahlen zu Verschuldung

Schon interessant, was aus denen geworden ist: ABN und RBS sind ganz oder fast ganz verstaatlicht, Merrill und Morgan Stanley wurden geschluckt, und mindestens die UBS, BoA, Citigroup und Credit Suisse hätten ohne Staatshilfe nicht überlebt. Und bei allen anderen hat der indirekte Bailout der AIG (die übrigens auf der Liste wie auch Bear Stearns fehlt) wohl maßgeblich geholfen, dass sie indirekt doch einen Bailout bekommen haben.

An diesem Wochenende kam eine neue Liste ans Licht. Erstellt hat sie das Financial Stability Board, das als Reaktion auf die Krise gegründet wurde. Das FSB soll eine länderübergreifende Kontrolle des Finanzsektors basteln und hat jetzt in einem der ersten Schritte die Institute herausgefiltert, die so wichtig, so international und so stark mit den anderen Instituten vernetzt sind, dass sie das weltweite Finanzsystem gefährden könnten.

Ingesamt geht es um


30

Firmen, davon 24 Banken und 6 Versicherungen.

Aus Deutschland sind zwei Firmen vertreten. Die Deutsche Bank dürfte dabei keine Überraschung darstellen, die Allianz schon. Diese steht in Deutschland wohl mehr für Solidität als jedes andere Unternehmen aus dem Sektor. Ebenfalls eine Überraschung, dass der weltgrößte Rückversicherer Munich Re fehlt genau wie die Commerzbank, die nach der Übernahme der Dresdner Bank fast so groß wie die Deutsche Bank ist.

Die gesamte Liste sieht laut Informationen der Financial Times so aus:

Aegon
JP Morgan
Allianz
Mitsubishi UFJ
Aviva
Mizuho
Axa
Morgan Stanley
Banca Intesa
Nomura
Bank of America
Royal Bank of Canada
Barclays
Royal Bank of Scotland
BBVA
Santander
BNP Paribas
Société Générale
Citigroup
Standard Chartered
Credit Suisse
Sumitomo Mitsui
Deutsche Bank
Swiss Re
Goldman Sachs
UBS
HSBC
Unicredit
ING
Zurich

Bereits verstaatlichte Unternehmen wie die AIG oder Fannie Mae und Freddie Mac fehlen irgendwie. Da die Ergebnisse nicht öffentlich sind, kann man leider nur spekulieren, warum (was ich jetzt aber nicht mache).

Alle 30 Firmen müssen jetzt einen Abwicklungsplan erstellen, in dem sie erklären müssen, wie das Institut im Fall der Fälle abgewickelt werden kann, ohne dabei bleibende Schäden für das Weltfinanzsystem zu hinterlassen. Das ist natürlich vergleichsweise utopisch. Immerhin haben schon kleinere Institute für hohe Wellen gesorgt. IMHO geht im Fall der Fälle nichts an einer Verstaatlichung vorbei.

Ob aus der internationalen Bankenaufsicht dann irgendwann mal mehr wird und die betroffenen Unternehmen wirklich strenger überprüft werden und/oder sich die Institute höheren Transparenz oder gar Eigenkapitalanforderungen unterwerfen müssen, wird man sehen. Das wäre natürlich zu hoffen, aber viel Hoffnung habe ich nicht. Selbst wenn man aktuell eine Chance hat, relativ strenge Regeln einzuführen, werden diese über die Jahre von den Lobbyisten nach und nach verwässert werden, bis sie wie vor der Krise wirkungslos sind. Wir werden das Märchen von "besserer Risikokontrolle" hören, die Gerüchte von der Verteilung der Risiken auf mehr Schultern durch neuartige Finanzinstrumente, etc. pp. Wie vor 2 Jahren auch ...

FTD: Aufsicht zielt auf 30 Finanzfirmen

Update (30.11.09):

Die Credit Suisse hat keine Staatshilfe bekommen. Ich habe sie oben aus der Liste gestrichen. Bei der Credit Suisse zeichnete die Kapitalerhöhung überwiegend Katar. Das ist zwar auch ein Staat, aber das zählt trotzdem nicht als Staatshilfe. Da habe ich bei der Credit Suisse irgendwas verwechselt. Sorry.

Update (01.12.09):

Club der Unsterblichen gefällt mir gut ...

Sueddeutsche.de: Einfach zu groß - der Klub der Unsterblichen

Kommentare :

  1. Die Credit Suisse hat keine Staatshilfe beansprucht...

    AntwortenLöschen
  2. Danke, ist korrigiert. Es war Katar, hatte ich irgendwie anders im Kopf.

    AntwortenLöschen
  3. Morgan Stanley geschluckt? Nicht dass ich wüsste. Wer soll das gewesen sein?

    Find die Idee auch etwas utopisch. Darzulegen, wie man zerlegt werden kann im Fall einer noch unbekannten Krise... Der genaue Sinn erschließt sich mir durch die Presseartikel nicht.

    AntwortenLöschen
  4. Boh, war zu spät. Morgan Stanley ist natürlich nicht geschluckt worden, sonst wären die ja auch nicht mehr auf der neuen Liste ...

    AntwortenLöschen
  5. Den Sinn verstehe ich auch nicht.

    Es kann doch eigentlich nur darum gehen, dass die Banken den Nachweis, dass sie unkritisch sind und sich im Notfall abwickeln lassen, eben NICHT erbringen können und dann reguliert werden müssen.

    Scheint mir eine völlig überflüssige Übung zu sein. Aber wer weiss, vielleicht entkommt durch einen gelungenen Nachweis doch noch der eine oder andere der "verschärften Überwachung". Was IMHO nur zeigen würde, dass das ganze Verfahren schon am Anfang nix taugt.

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für Deinen Kommentar.

Sorry. Es sind leider keine anonymen Kommentare mehr möglich. Ich werde von mehr als 50 Spamkommentaren pro Tag geflutet und habe keine Lust, diese von Hand zu scannen, um darin alle drei Tage einen anonymen Kommentar zu finden, der veröffentlicht werden kann. Meldet Euch bitte an. Sorry für die Umstände.

Related Posts with Thumbnails

egghats Amazonstore