Zahl des Tages (15.12.09): 47

Heute war mir ausnahmsweise mal sehr früh klar, worüber ich in der Zahl des Tages schreibe. Auch wenn der Spiegel das schon gestern hatte. Habe ich zwar für's Späterlesen zur Seite gelegt, aber nachdem ich Don Alphonsos Blog bei der FAZ in den Kommentaren nochmal drauf gestoßen wurden, wusste ich: Geile Studie!

Erstens Zahlen OHNE ENDE, zweitens der Versuch, etwas zu quantifizieren, was eigentlich nicht berechenbar ist. Was aber den Versuch nicht direkt sinnlos macht.

Es geht um eine Studie der nef (the new economics foundation), die versucht hat zu errechnen, welcher Job bei welcher Bezahlung welchen Nutzen schafft. Sind also Kindergärtnerinnen unterbezahlt und Investmentbanker überbezahlt? OK, bei den beiden ist die Antwort naheliegnd und zweimal ein sonnenklares Ja. Aber einige andere sind schon etwas diffiziler ...

Einen Hinweis auf die Berechnungen liefert schon die Selbstbeschreibung der nef:

"We aim to improve quality of life by promoting innovative solutions that challenge mainstream thinking on economic, environment and social issues. We work in partnership and put people and the planet first."

People and Planet. Es werden also der Nutzen oder Schaden von bestimmten Handlungen auf Mensch und Umwelt berechnet. Insbesondere der Faktor Umwelt ist in den normalen wirtschaftswissenschaftlichen Berechnungen nur eine Randnotiz (auch wenn schon versucht wurde, zu berechnen, was zum Beispiel die gesamte Biosphäre der Welt wohl wert sein mag. Es ist übrigens etwa das Doppelte des Welt-BIPs).
Bei der nef spielt die Umwelt eine wichtige Rolle. Insbesondere die Berechnung des Schadens ist spannend, denn es gibt eine Reihe von Berufen, bei denen die Menschheit und Natur von der Abschaffung profitieren würden.

Die Studie ist ziemlich interessant und ich kann sie nur jedem, der bis hierhin durchgehalten hat, empfehlen. Daher möchte ich nur zwei Beispiele herauspicken und etwas detaillierter beschreiben (mehr in der Studie selber):

1) Manager in der Werbebranche:

Dieser erwirtschaftet - zu meiner Genugtuung - keinen positiven Beitrag zu Gesellschaft. Basis ist die Überlegung der Overconsumption, also des Konsums von Produkten, die niemand braucht. Produkte, bei denen den Menschen über Werbung eingeredet wird, dass man das kaufen müsse. Dieser Effekt ist nicht zu unterschätzen. Der Diamantenkonzern de Beers geht zum Beispiel selber von gut 20% Mehrnachfrage durch Werbung aus, Danone von gut 10%. Jetzt berücksichtigt man die Kosten für diese Überproduktion, insbesondere die Kosten für CO2 (51 Pfund pro Tonne CO2). Auch werden dabei andere, nicht ersetzbare (also endliche) Ressourcen verbraucht, was weitere Kosten verursacht.
Dazu kommen die sozialen Kosten:
a) Gesundheitskosten durch Übergewicht und Psychopharmaka
b) Kosten durch Überschuldung der Menschen

Auf der Habenseite stehen
i) die Einkommen in der Werbebranche,
ii) die Einkommen, der Leute, die die Produkte für den Überkonsum herstellen,
iii) die Steuereinnahmen.

Am Ende kommt dabei auf ein Pfund Nutzen ein Schaden von 11,50 Pfund. Woppa.

Man kann sicherlich über jeden Schritt diskutieren, aber so ganz unplausibel ist die Vorgehensweise nicht.

2) Steuerberater:

Steuerberater sind Zecken. Interessante Sicht, wo Don Alphonso doch heute so schön die Sicht der Besseren Kreise (tm) auf die andere Seite darstellt: Die Steuereintreiber (und -ausgeber) als Zecken ...

Vorgehensweise hier:

i) Wieviel Geld ersparen die Steuerberater den Steuerpflichtigen (25 Mrd. Pfund)
ii) Würde dieses Geld in Kinder gesteckt, beträgt der Nutzen grob das Doppelte.

Auf der Nutzenseite stehen nur die Einkommen der Steuerberater.

Wenn man das jetzt gegeneinander aufrechnet, bleibt ein desaströses Verhältnis von 1:47. Auf ein Pfund Nutzen kommen also

47 Pfund

Schaden.

Über diese Berechnungsweise kann man jetzt lange diskutieren. Vor allem ist die Annahme, dass der Staat sein Geld nur sinnvoll ausgibt, nur ein alberner Wunschtraum. Es werden ja schwachsinnige Maßnahmen wie Abwrackprämien, Kuh-auf-Wiesen-Prämien oder Hotelsubventionen bevorzugt. Allerdings könnte man den Schaden sogar noch höher treiben, wenn man davon ausgeht, dass das zusätzliche Geld bei den Verbrauchern wieder nur zu Überkonsum führt ... Oder was passiert, wenn man die Steuereinnahmen durch die Werbeindustrie in Kinder stecken würde ...

Ich lege bei der Studie auch gar keinen Wert auf die Zahlen, die dabei herauskommen. Auch wenn die nef versucht, ganz konkrete Maßnahmen daraus abzuleiten. Mich interessiert eher die Überlegungen dahinter.

Übrigens: Investmentbanker sind natürlich ebenfalls negativ: 1 Pfund Nutzen zu 7 Pfund Schaden.

Positiv sind z.B. KindergärtnerInnen: Auf 1 Pfund Lohn kommen 9,43 Pfund Nutzen. Putzfrauen im Krankenhaus generieren gut 2 Pfund Nutzen auf 1 Pfund Lohn. Und sehr positiv sind auch Mitarbeiter in der Recycling Branche: Diese generieren - vor allem durch die CO2 Vermeidung - über 11 Pfund Nutzen pro Pfund Lohnkosten.

nef: A Bit Rich: Calculating the real value to society of different professions

Spiegel: Ökonomen preisen die Putzfrauen (Die Überschrift ist schön doppeldeutig)

Kommentare :

  1. Zu den Steuerberatern muss man evtl bedenken, dass das gespaarte Geld sowohl von den Eltern (den Steuerpflichtigen) zum Wohl ihrer Kinder eingesetzt werden kann - vom Staat jedoch oft halt nicht zum Wohl von Kindern, Bildung oder Innovation eingesetzt wird. Ganz so einfach kann man das glaube ich nicht sehen!

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  2. Ich habe auch einen Steuerberater, aber eigentlich nicht um Steuern zu sparen (da ist nicht viel Gestaltungsspielraum bei mir), sondern um mir die Zeit und Mühe zu sparen sich mit Steuerrecht und Formularen abzugeben. Denn verpflichtet bin ich, eine Steuererklärung abzugeben. Dadurch habe ich dann mehr Zeit für meine Kinder. Es entsteht also ein großer Nutzen :-).

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  3. Anwälte wurden leider nicht untersucht:
    Für mich DER klassische Beruf der keine Werte schafft sondern sie nur umverteilt (und bei jeder Transaktion ordentlich etwas einbehält).

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  4. Nur anonyme? Alles Steuerberater ;-) ?

    Zum ersten Kommentar:

    Die Idee hatte ich beim Werbefuzzi angedeutet. Gilt beim Steuerberater natürlich analog. (Generell gilt soweiso, dass Wirtschaftsforschung erst dann spannend wird, wenn man diese Zweit- und Dritteffekte berücksichtigt.

    Zum zweiten:

    Wenn das alle so machen würden ...

    Zum dritten:

    Das stimmt. Auch alles Zecken! Zum Glück ist das deutsche Rechtssystem nicht ganz so wahnsinnig wie das amerikanische. Aber wahrscheinlich nur noch nicht ...

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