Zahl des Tages (30.11.09): 2

Heute nur ein kurzes Posting.

In einem Kommentar zu einem meiner Artikel bin ich (glaube ich von Olaf von Traders Quest) darauf hingewiesen worden, dass die japanischen Verbraucher geradezu amerikanische Verhältnisse eingeführt haben. Der ehemals so sparsame Japaner (quasi der Schwabe Asiens ;-)) hat inzwischen seine Sparquote auf nur noch

2%

zurückgefahren. Ich muss gestehen, dass mir das neu war und ich mir das noch nicht wirklich erklären kann.

Ist das vielleicht eine Reaktion auf die jetzt schon fast 2 Jahrzehnte alte Dauerkrise Japans? Steigern die Japaner vielleicht einfach ihren Konsum jetzt nicht mehr über mehr Arbeit und Lohn, sondern auf Kredit? Oder haben die Japaner beschlossen, dass es sich bei den Niedrigzinsen nicht lohnt, sein Geld zu sparen? Habt ihr Ideen?

Der Artikel im Guardian enthält noch ein paar andere spannende Zahlen, u.a. die Staatsverschuldung, die inzwischen 220% des BIPs erreicht hat und damit etwa dreimal so hoch ist wie in Deutschland.

Das ist nicht ganz unbemerkt an den Märkten vorbeigegangen. Die Kreditausfallversicherungen für japanische Staatsanleihen sind inzwischen teurer als die für Großbritannien! Japan steht bei 78, Großbritannien bei 70 und Deutschland bei 29 (Zahlen sind von Markit vom vergangenen Freitag, im Guardian-Artikel stehen ältere).

Ein zitierter Ökonom glaubt gar, dass Japan den Point of No Return, den Punkt ab dem ein Staat die Schulden nicht mehr zurückzahlen kann, weil die Zinslast den Etat erdrückt, bereits überschritten hat.

Wie Weissgarnix vor kurzem betont hat, ist die Verschuldung in BIP aber nicht allein aussagekräftig. Denn den Schulden stehen ja auch Vermögen gegenüber. Im Fall von Deutschland übersteigen die Auslandsvermögen die Auslandsschulden deutlich, die NIIP (Net International Investment Position) ist positiv, die der USA übrigens (nicht überraschend) negativ. Japan war lange Zeit größter Gläubiger der USA, bis Japan von China abgelöst wurde. Daher ist nicht auszuschließen, dass die 220% wesentlich weniger dramatischer sind als der erste Blick aussagt. Die aktuellsten Studie der Bank of Japan (Ende 2007), die ich finden konnte, unterstützt diese Überlegung: Ende 2007 war die Nettovermögensposition von Japan so hoch wie noch nie zuvor (Bank of Japan: Japan's International Investment Position at Year-End 2007 (PDF!). Daher habe ich diese Zahl auch nicht zur Zahl des Tages gemacht (was ich eigentlich vorhatte). Kennt jemand aktuellere Zahlen?

Guardian: It is Japan we should be worrying about, not America

Kommentare :

  1. Naja die Japaner haben gespart, gespart, gespart in Form Rentenversicherungen und Sparbüchern die wiederum das Geld in Staatsanleihen angelegen mussten! Die Rentenkasse hält 12% der Anleihen und die staatliche Postbank unglaubliche 31% (300 Bio. Yen/2,2 Bio. €)

    Man kann sich ja denken, welche Rendite das Sparen den Japanern gebracht hat. Sie werden mehr oder weniger vom Staat enteignet und deshalb geben sie wohl das Geld jetzt lieber aus.

    Was ich mich noch Frage: Wie will die japanische Notenbank die Zinsen je wieder erhöhen, ohne das die Zinslast für den Staat explodiert? Schon heute fließen 23% des Haushaltes in Zinsenzahlungen.

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  2. ... also, ohne irgendwo nachgeblaettert zu haben, wuerde ich sagen, dass die Zunahme der Arbeitslosigkeit eine wichtige Rolle spielen duerfte; diejenigen die davon nicht betroffen sind, mussten ueber Boni-Kuerzungen betraechtl. Einkommenseinbussen hinnehmen; die Zinsen von 0 % sind auch kein Anreiz, vom Einkommen Geld zurueckzulegen (zumindest nicht auf einem Yen-Konto), die ehedem unbegrenzte Einlagensicherung durch den Staat ist seit 2002 oder 2003 auf 10.000.000 Yen beschraenkt, was (auch in meinem Bekanntenkreis)mit einer Aufwertung des Sparstrumpfs u. der Entdeckung auslaendischer Geldanlagen einherging.

    Die Staatsverschuldung ist sicher ein Hammer,aber neben den bereits erwaehnten US-Anleihen sind wohl auch die generell niedrigen Steuersaetze zu bedenken (Mwst. 5 %).
    Das aus dem Stand u. ohne Gewaehr.

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  3. @Egghat: Danke für die Info. War mir auch neu, aber Anonyms Erklärung klingt logisch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich plötzlich das Sparwesen der Japaner geändert hat.

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  4. Wie es im verlinkten Telegraph-Artikel selbst steht, die niedrige Sparquote ist auch ein Resultat einer alternden Gesellschaft. Denn die, die im Arbeitsleben stehen, sparen in der Regel Vermögen an, während Rentner es tendenziell wieder aufgebrauchen.

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  5. ... ob das Aufbrauchen von angespartem Geldvermoegen durch Senioren in der Sparquote verrechnet wird, weiss ich nicht (glaube es nicht). Renten- u. Pensionssaetze liegen in Japan deutlich unter denjenigen in Deutschland; da duerfte in den wenigsten Faellen am Monatsende etwas uebrig bleiben, allerdings ist das auch kein neues Phaenomen.

    G. Schoenbauer

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  6. Die Gesamtverschuldung von Japan ist seit 1998 in Wirklichkeit rückläufig. Anderenfalls wäre Japan wohl das erste Land, wo die gesamte Verschuldung ansteigt und trotzdem Deflation sowie Stagnation herrscht. Das wäre meiner Meinung nach nicht möglich.

    Japan hat gerade die Probleme, weil die Verschuldung abgebaut wird.

    Der Privat- und Unternehmenssektor baut Schulden ab und der Staat versucht das mit Konjunkturprogrammen etc. abzufedern und nimmt dabei zusätzlich Schulden auf. Insgesamt gesehen sinkt aber die Verschuldung.

    Hier ist eine Grafik dazu:
    http://www.marketoracle.co.uk/images/2009/July/debt-deflation-14-5.gif

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  7. @Wirtschaftswende:

    Die deutsche Gesellschaft ist aus demografischer Sicht vergleichbar. "Wir" haben aber >10%, die Japaner nur noch 2% Sparquote. Noch vor ein paar Jahren lagen beide Länder auf einem ähnlichen Level.

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  8. @m106:

    Wenn die Zinsen explodieren, sind die Japaner am Ende. Ich sehe da keinen Ausweg. MwSt. auf 20% rauf? Geht das, ohne die Wirtschaft abzuwürgen?

    Hast du adhoc eine Quelle für die 23%? Die Zahl hatte ich schonmal gesucht.

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  9. @Anonym:

    Die Arbeitslosigkeit könnte eine Rolle spielen. Aber wie bei der Demografie gebe ich zu bedenken, dass Deutschland ähnlich ist (aus Sicht der Arbeitslosigkeit sogar schlechter), aber trotzdem deutlich mehr spart.

    Vielleicht ist uns Japan auch einfach nur 10 Jahre voraus und wir bekommen das alles noch wie in Japan.

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  10. @anonym (der mit dem marketoracle-Grafik):

    Interessante Grafik. Sehr interessant. Da ist die Sparquote ja mglw. der völlig falsche Indikator. Vielleicht sparen die Japaner ja nicht, sondern reduzieren in erster Linie ihre Schulden.

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  11. Habe leider gerade sehr wenig Zeit, deshalb nur kurz: die deutlich hoeheren Lebenshaltungskosten in Japan duerften auch zu Buche schlagen, die Arbeitslosenquote waere wohl hoeher als in Deutschland, wenn man sie nach der deutschen Formel berechnete, u. Japan ist mit Blick auf Einkommen ein Hort der Gleichheit (an 2. Stelle nach Schweden beim gini-Koeffizient, wenn ich mich nicht irre).

    Soweit so gut?

    G. Schoenbauer

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  12. ich hab mehrmals http://www.jjahnke.net/ angeschrieben

    wie das sein kann das japan in Deflation ist obwohl Sie mit 220% Bip Verschuldet sind und die Sparquote 1990 12% seit 2000 am fallen un nur noch 2-2,2% sein kann.

    DIe Japaner verschuldet sich ja bei Ihrer Sparer, die nehmen einfach das Geld von den banken wo die Sparer lagern, die Japanische Kultur sagt wir haben Wohlstand Arbeit (4,0% arbeitslosenquote) aber 50% sind Zeitarbeiter. Die würden gerne den Staat etwas zurückgeben also sind sie zufrieden mit dieser Taktik. Das Problem wäre , wenn plötzlich viele Japaner Ihr Geld zurück haben wollen :

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  13. Das Statistische Bundesamt hat ermittelt, dass die Bundesbürger derzeit so viel Geld sparen wie lange nicht mehr. Umgerechnet 11,3 Prozent der verfügbaren Einkommen würden sie beiseite legen. Das ist die höchste Sparquote seit 1994

    http://www.manager-magazin.de/geld/artikel/0,2828,587012,00.html

    Die Sparquote in Deutschland bewegt sich traditionell eher am oberen Rand des für die westlichen Industrieländer typischen Niveaus. Sie schwankte in den Jahren 1991 und 2006 zwischen ca. 9 und 13 Prozent.

    China 45%

    USA war teilweise -2% 2% nach Krise war 7% nun sollen es 4-5% sein


    Sparquote der privaten Haushalte bei 15,6% in der Eurozone und 13,8% in der EU27

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  14. Ebenfalls ein ganz interessanter Artikel zum Thema:
    http://www.dbresearch.com/servlet/reweb2.ReWEB?addmenu=false&document=PROD0000000000242944&rdLeftMargin=10&rdShowArchivedDocus=true&rwdspl=2&rwnode=DBR_INTERNET_EN-PROD$NAVIGATION&rwobj=ReDisplay.Start.class&rwsite=DBR_INTERNET_EN-PROD
    Die 3m möglichen Auswege aus der Verschuldung des japanischen Staates sind:
    -Weitermachen wie bisher mit der Folge eines abnehmenden Wohlstandes
    -Steuererhöhungen, welche als unwahrscheinlich gelten wegen Fairness innerhalb der Generationen (mir persönlich ein suspektes Argument)
    -Bürokratiereform, welche schwierig durchsetzbar, aber lt. Artikel zwingend notwendig ist

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  15. Japan ist Deutschland in Sachen Demographie in der Tat 10 Jahre voraus. Die hatten ihren Babyboom 10 Jahre früher als die Deutschen

    @m106

    Meiner Meinung nach wird die japanische Notenbank die Zinsen nie wieder erhöhen. Übrigens auch die EZB nicht, zumindest nicht über 4-5% hinaus. Zinsen wie in den 80ern oder in den Jahren nach der Wiedervereinigung wird es nicht mehr geben. Die Steuern müssten brutal erhöht werden um die dramatisch anwachsende Zinslast finanzieren zu können. Stark steigende Steuern würden aber die Wirtschaft abschnüren. Die Staatsverschuldung der westlichen Länder ist an einem Punkt angelangt, wo nichts Dummes mehr passieren darf, sonst Staatsinsolvenz. Offenbar sind sich auch institutionelle Großadressen dessen bewußt, dass die Notenbanken die Zinsen nie wieder markant erhöhen werden. Sonst würden nicht Billionen von Staatsanleihen mit einer kümmerlichen Verzinsung von 3% gekauft werden, einer Verzinsung, die niemals risikoadäquat ist. Eben weil die institutionellen Käufer um dieses offene Geheimnis wissen.

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  16. ... lasst mich mal nur die Prozedur nachliefern, mit der in Japan die Arbeitslosenquoten bestimmt werden: Grundlage ist eine 1%-Haushaltsumfrage, die allmonatl. durchgefuehrt wird. Als "arbeitslos" gilt, wer von den befragten im Erhebungszeitraum (stets die Woche eines Monats) entweder gar nicht oder weniger als 1 Stunde beschaeftigt war u. auf Arbeitssuche war. Im Nenner des Quotienten werden alle Erwerbstaetigen beruecksichtigt, auch die Selbststaendigen.
    Gruss
    G. Schoenbauer

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  17. @Matsch:

    "Meiner Meinung nach wird die japanische Notenbank die Zinsen nie wieder erhöhen"

    Yepp, geht nicht. Teile übrigens auch die Einschätzung, dass das der Grund ist, warum institutionelle so agieren. Neben dem quasi verzweifeltem Kauf von niedrig rentierenden, aber sicheren Anleihen gehen sie halt auch noch in Sachwerte.

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  18. @Schoenbauer:

    Das ist ja eine abenteuerliche Methode.

    Man darf aber nicht vergessen, dass die Amerikaner auch einen großen Teil der Daten aus der Household Survey ziehen, also ebenfalls einer simplen Telefonumfrage. Ohne ausgeprägtes Sozialsystem gibt es auch keinen Grund, sich beim Staat zu melden. Gerade die NILF (not in labor force) Zahlen schwanken extrem und die kommen ausschließlich aus den Telefonumfragen.

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  19. ne, ich denke nicht, dass es ein mangels Alternativen "verzweifelter Kauf" von lausig rentierenden Staatsanleihen ist, sondern ein raffiniertes Kalkül, ähnlich dem 'too big to fail' Kalkül.
    Die laufende Verzinsung ist viel zu niedrig angesichts des Staatsinsolvenzrisikos, die großen Player wissen allerdings, dass die Notenbanken alles, wirklich alles tun werden um einen Anstieg der Renditen von langlaufenden Staatsanleihen über ein oberes Maximum von ~2% im Falle von Japan und 4-5% bei US-Treasuries und westeuropäischen Staaten zu verhindern.

    Was macht man dann wenn man als Big Player um dieses offene Geheimnis weiß? Man kauft beschissen rentierliche Staatsanleihen, refinanziert sich quasi für umsonst bei der Notenbank und streicht die 3% Zinsdifferenz ein. Das ist meine Mutmaßung.

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