Zahl des Tages (19.01.09): -17%

Solarworld Chef Asbeck erwartet Massenpleite in der deutschen Solarindustrie, wenn die Förderung wie jetzt wohl geplant um

17% 

gesenkt wird.

Das ist natürlich kompletter Unfug. Wenn der eigene Branchenverband BSW schon ausgerechnet hat, dass die Fotovoltaik-Anlagen im letzten Jahr um 26% billiger worden sind (Zahl des Tages (05.01.10): 26%), tut eine (außerplanmäßige) Senkung um ca. 17% (zusätzlich zu normalen von 11%) nicht weh, sondern ist sogar fast exakt die richtige Kürzung. Die Marge ist dann ja wieder fast genau wie in 2008 und damals ging es der Solarenergie auch schon gut.

Und die angeblich wegfallenden 50.000 Arbeitsplätze sind natürlich auch Murks. Innerhalb der Branche dürfte die Zahl schon übertrieben sein, aber egal. Die Förderung der Solarenergie kostet jetzt schon mehr als 3 Mrd. Euro pro Jahr. Wenn die Verbraucher die 3 Milliarden nicht für Strom ausgeben würden, sondern für irgendwas anderes, würden in anderen Bereichen ja wieder Arbeitsplätze entstehen.

Ich kann jetzt nicht sagen wie viel, aber vielleicht hat einer meiner Leser ja mal eine Faustregel gesehen nach dem Motto: 1 Mrd. Euro mehr in den Taschen der Verbraucher bringt 10.000 zusätzliche Arbeitsplätze. Weiss das jemand?

Absatz: Solarworld-Chef: Kürzungsplan wird Solarherstellern Genick brechen - dpa-Ticker - Unternehmen - Handelsblatt.com

Update (20.01.10):

Jetzt scheinen den endgültigen Zahlen raus zu sein. Danach gibt es einer außerplanmäßige Kürzung Anfang April um 15% für Dachanlagen und um 25% für Freiflächenanlagen. Dazu kommt eine dynamische Komponente: Der "Zielbereich" liegt bei Neuinstallation von 2.500 bis 3.500 Megawatt. Steigt die installierte Leistung darüber sinkt die Förderung um zusätzliche 2,5% je zusätzlichen 1.000 Megawatt, also um 17,5% bei 3.500 bis 4.500, 20% bei 4.500 bis 5.500 ... Liegt die installierte Leistung unter 2.500 Megawatt, wird die Vergütung um 2% angehoben. Wann die Förderung angepasst wird (dauernd im Laufe des Jahres oder nur zum Jahresende) weiss ich noch nicht. Ich weiss auch nicht, ob sich die Leistungsgrenzen auf Dachflächen + Freiflächenanlagen bezieht oder nur auf Dachanlagen.

Im Prinzip ist der dynamische Teil eine gute Idee, aber meine Idee ist trotzdem besser:

Vorschlag: Einspeisevergütung für EEG dynamisch und automatisch anpassen

Denn die 2,5% sind wieder nur ein statischer Wert. Und die jährliche Kürzung um 10% ist ebenfalls weiterhin ein statischer Wert. Wenn man die installierte Leistung kennt (und die kennt man ja scheinbar auf einmal, woher auch immer. Bisher war offenbar nur die Fachzeitschrift Photon in der Lage die Zahlen zu erheben. War der Gabriel so ein Ausfall oder hat der die Zahlen absichtlich nicht erfasst/bekanntgegeben?), kann man auch den Ertrag messen und dynamischer kürzen. Das einzige, was man zusätzlich erfassen muss, sind die Installationskosten der Anlage (und selbst da hat man über die KfW schon die meisten Daten). Auch bietet das Verfahren keine Möglichkeit, auf langsamer sinkende Preise zu reagieren. Es wird ziemlich stur weiter gesenkt.

FAZ: „Haushaltsstrom zu Normalpreisen“
tagesschau: "Wir wollen keine Traumrenditen garantieren"

Update 2:

Übrigens ist das Gejammer jetzt nur so groß, weil man zugelassen hat, dass durch zu hohe Förderung  die Blase erst so groß geworden ist. So ist das halt bei Blasen: So lang sie aufgepumpt werden, sind alle zufrieden (schlage nach bei Greenspan). Und je länger die Party geht, desto schlimmer ist der Kater danach ...

Update 3:

Das ist jetzt natürlich auch Schwachsinn. Sich darauf zu versteifen, dass die Förderung ja schließlich noch teurer wurde, ist natürlich Murks. Es wird dann ja auch mehr Strom erzeugt. Ich meine, mal ehrlich, Herr Schultz vom ehemaligen Nachrichtenmagazin: Drei Autos kosten auch mehr als eins und drei Kohlekraftwerke auch mehr als eins. So what? Wenn wir in diesem Jahr nach der Senkung um 10% und nochmal 15% wieder 3 Gigawatt auf die Dächer bekommen und dafür "nur" 1,0 Mrd. bezahlen müssen (statt 1,3 wie im Vorjahr), ist das schon ein Erfolg, immerhin hätte der Strom sonst ja auch knapp 300 Millionen gekostet. Und dann hat man die Kosten von 1 Mrd. auf 700 Millionen gesenkt. Das ist spürbar und nebenbei genau das, was erreicht werden soll: Die Kosten für den Strom so schnell wie möglich herunterzubekommen. Wenig relevant ist es da, zu sagen, dass die Kosten immer weiter steigen. Es hat nie jemand versprochen, dass durch die Solarenergie der Strom billiger würde. Wenn wir 10% des Stroms aus Solarenergie erzeugen, kostet das natürlich mehr als wenn man 1% daraus erzeugt. Das ist bei Kohle, Gas und Atom nicht anders.

Spiegel: Röttgen scheut Schnitt bei Solarsubventionen


Ganz nebenbei schafft es der Spiegel mal wieder, Falschinformationen von sich selber abzuschreiben. Da behauptet einfach mal jemand, dass die Solarenergie weniger als 1% des deutschen Stroms erzeugt, und dann schreiben die Autoren nachher das einfach ab. Obwohl in der Studie, die vorher zitiert wurde, dazu schon eine ganz andere Zahl steht. Ich schreib jetzt mal einfach von mir ab, das macht man als Journalist wohl so:

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Übrigens dürfte die Aussage im Spiegel, dass der Solarstrom weniger als 1% zur Stromversorgung Deutschlands beiträgt, nicht stimmen. Wahrscheinlich geht diese Zahl ebenfalls auf die falschen Schätzungen der Solarlobbyisten zurück. Blätter, such, google, aha:

"Solarstrom dürfte damit im nächsten Jahr bereits knapp zwei Prozent des deutschen Stromverbrauchs decken."

Aus der schon bekannten Photon Untersuchung, die auch den Zubau 2008 und 2009 korrigiert hat. Schwach recherchiert beim Spiegel ...

http://www.photon.de/presse/mitteilungen/PM_Solarstrom_Zubau_Photon_03-12-2009.pdf

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Kommentare :

  1. Schwierig. Da werden ja ständig Fantasiezahlen in die Welt geblasen. Eine neutrale Untersuchung ist mir nicht bekannt. Selbst bei den Wissenschaftlern muss man ja aufpassen nicht an einen Keynsianer zu geraten. Der würde vermutlich auch eine zu hohe Zahl nennen.

    PS: Die Rettung der HSH hat ja angeblich 100.000ende Arbeitsplätze gesichert...

    http://verlorenegeneration.de/2009/03/31/hsh-nordbank-rettet-100000-arbeitsplatze/

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  2. Wow! 100.000ende. Meine Güte. Bei einer vergleichsweise kleinen Bank ...

    Dann hängt an der Deutschen Bank ja quasi die gesamte Wirtschaft (ich übertreibe, aber es passt gerade).

    Mir würde übrigens selbst die Zahl eines Keyensianers schon helfen. Hat der Hickel noch nie sowas gesagt? Der sitzt doch überall rum und posaunt Zahlen in die Welt ..

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  3. Der bisher beste Treffer:

    "Nach einer Faustregel können mit 1 Mrd. Euro Investitionsausgaben je nach Grad der Arbeitsintensität der verschiedenen Investitionsarten zwischen 20.000 und 40.000 Arbeitsplätzen geschaffen werden."

    Finanzpolitik muss für Wachstum sorgen"

    Kernkeynesianisch, DGB. Aber immerhin eine Zahl.

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  4. Eine Rechnung auf dem Küchentisch:

    Bei einem BIP von 2,4 Bill. und 40 Mill. Erwerbstätige kommen auf jeden Erwerbstätigen im Mittel 60.000 an Wertschöpfung. Je nach Kapitalintensität verteilt sich die Wertschöpfung auf die Produktionsfaktoren. Wenn 1 zusätzliche Mrd. in den Taschen der Verbraucher landet werden unter Vorausetzung einer ausgeglichenen Handelsbilanz ca. 16 600 zusätzliche Erwerbstätige beschäftigt - bei durchschnittlicher Kapitalintensität und zu Durchschnittslöhnen. Wird das Geld in Branchen ausgegeben, die über eine höhere Kapitalintensität verfügen entsprechend weniger, in personalintensiven Bereichen entsprechend mehr. Es kommt aber auch auf die Qualifizierung und damit die Entlohnung der Beschäftigten an: Wird das Geld an Banken verteilt entstehen eher weniger Stellen, bei zusätzlichen Kita-Plätzen eher mehr. Gibt der Staat das eingesparte Geld z.B. für Bildung aus und stellt zusätzliche Lehrkräfte an bei einem Jahresgehalt von 50 000,- werden 20.000 Stellen geschaffen. Ich gehe nicht davon aus, dass die Solarbranche ein personalintensiver Bereich ist. Die Rechnung mit den Jobs sollte Asbeck nicht aufmachen, außer die Regierung finanziert statt dessen Bankerboni und mit der Nachhaltigkeit kann er nur kommen, wenn die Alternative in der Verschrottung von Autos besteht.

    Staatsausgabenmultiplikator kann man m.E. vernachlässigen. Es ändert sich ja nur der Empfänger. Schwieriger wird die Berücksichtigung der Nachfrageänderung...aber gut, dann wird dafür eben auch anderer Mist gekauft.

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  5. Hey Egghat, habe jetzt erst gesehen, dass Du bereits eine Zahl gefunden hast. Nach meiner Küchentischrechnung halte ich die Zahlen des DGB für übertrieben optimistisch. Die können nur mit Multiplikator deutlich über 1 und unter der Annahme, dass die zusätzlichen komplett in den Dienstleistungssektor fliessen gerechnet haben, zudem in den niedrigqualifizierten Bereich. Ich denke 20000 ist Maximum. Zecke

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  6. Man könnte mit den Verdoorn-Koeffizienten rechnen:

    1 Mrd. Euro entspricht ca. 1/2.500 des BIPs. Der Verdoorn-Koeffizient beträgt für Deutschland ca. 0,5.

    Demnach würde sich die Zahl der Erwerbstätigen um 1/2.500 * 0,5 erhöhen, wenn die eine Mrd. Euro jährlich vom Himmel fallen würden.

    Das würde bei ca. 40 Mio. Erwerbstätigen ein Zuwachs von 0,008 Mio. ergeben oder 8.000 Erwerbstätigen.

    Diese Berechnung ist aber umstritten.

    Siehe auch:
    http://www.iwkoeln.de/Portals/0/pdf/trends02_05_5.pdf
    http://de.wikipedia.org/wiki/Besch%C3%A4ftigungsschwelle

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  7. @Zecke (4 und 5?)

    Danke. Dass der DGB optimistisch rechnet, ist logisch.

    Allerdings habe ich eine Sache vergessen zu ergänzen: Der DGB redet über kommunale Ausgaben in die Verkehrsinfrastruktur. Das ist sicherlich ein Bereich, der erstens ziemlich beschäftigungsintensiv ist und zweites auch fast ausschließlich im Inland wirkt. Da wird die Wirkung also größer sein als im Schnitt über das ganze Land und alle Sektoren.

    @anonym (#6):

    Danke für die Kurzversion der Rechnung und die Pointer. Schau ich mir gleich mal an.

    Auf den ersten Blick scheint mir aber schon der Parameter Arbeitsintensität zu fehlen.

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  8. Nun rechne ich schon detailliert vor, was eine Wirkung 1 Mrd. Euro haben könnten und dann wird das Posting quasi ignoriert. *heul*

    Die Arbeitsintensität fehlt dort mit Sicherheit nicht.

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  9. Ich habe nix ignoriert. Außer ich antworte jetzt dem falschen anonymen (Zaunpfahl!). Das Fazit des IW Koeln Berichts war ziemlich ernüchternd, oder? Alles sehr umstritten. Und daraus konnte ich kein "1 Mrd. in die Wirtschaft kippen, schafft x.000 Arbeitsplätze" machen.

    Ich habe das im Hinterkopf und ich schreibe wohl auch nochmal was dazu.

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  10. Ich finde, dass das zumindest besser ist als die "Schätzungen" vom DGB, der HSH Nordbank oder Solarworld.

    Fast alle wirtschaftswissenschaftlichen Thesen sind eben stark umstritten. ;-)

    Aber im Gegensatz zu "Bauchzahlen" hat man mir wenigstens eine Diskussionsgrundlage.

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  11. @anonym:

    "Deine" Zahlen sind besser als die Lobbyisten-Zahlen.

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