Stimmen die Zahlen und Argumente von Münchau? IMHO nicht.

Münchaus Kolumne in der FTD wird heute viel verlinkt (Kolumne: Münchau - Problemzone Deutschland | FTD.de)

Die Argumentation im Artikel ist kurz zusammengefasst so: Griechenland ist kein Problem (mehr). Die EU hat eingegriffen, die Basis für eine Sanierung steht. Größere Probleme sieht Münchau in Spanien und das aus zwei Gründen: Spaniens Volkswirtschaft ist größer (und damit systemischer und gefährlicher). Außerdem ist das Leistungsbilanzdefizit das größte in der Eurozone.

Münchau wiederholt im Wesentlichen seine alte Leier: Auslöser sei Deutschland, weil Deutschland zu hohe Exportüberschüsse habe. Und das läge an der hohen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie, die auf zu niedrigen Löhnen basiert.

Nun hatte ich die Zahlen (wenn auch nur grob) anders im Kopf und die Rechnung ging in etwa so: Die Handelsbilanz zwischen Deutschland und Spanien sieht für Spanien übel aus. Soweit Zustimmung zu Münchau. ABER nach meiner Erinnerung hebt der Tourismus einen großen Teil davon wieder auf.

"Der hohe deutsche Anteil am großen Handelsbilanz-Defizit Spaniens wird zu einem beträchtlichen Teil durch die Ausgaben der rund 10 Mio deutschen Touristen ausgeglichen, die jedes Jahr Spanien besuchen."

Auswärtiges Amt

Hmm, soweit scheint meine Erinnerung zu stimmen. Genaue Zahlen, wie viel der Tourismus wieder aufhebt, habe ich leider nicht gefunden. Hat die zufällig jemand?

Allerdings steckt im Artikel noch eine andere Zahl: Das Auswärtige Amt meldet etwa 43,7 Mrd Euro Exporte von Deutschland nach Spanien, während nur 21,6 Mrd. in die Gegenrichtung fließen (das oben erwähnte Desaster). Allerdings hat Spanien ein Gesamtminus in der Handelsbilanz von etwa 85 Mrd. (gleiche Quelle wie oben). Es geht also nur etwa in Viertel des spanischen Handelsbilanzminus auf den bilateralen Handel mit Deutschland zurück.

Und dann sag ich jetzt einfach mal ganz platt: Wenn wie nur ein Viertel des Minus verursachen, kann ja wohl Deutschland nicht allein Schuld sein. Und dann kann es auch nicht an den (angeblich zu) niedrigen deutschen Löhnen liegen, sondern es könnte viel mehr an den zu hohen Löhnen in Spanien liegen. Ansonsten hätten die Spanier ja auch nicht im Handel mit vielen anderen Staaten ein Minus ...

Tja, und da fällt (wenn denn meine Überlegungen stimmen) die Argumentation von Münchau in sich zusammen. Oder übersehe ich was?

Update (18.02.10):

OK, ich habe (wenigsten grobe) Zahlen gefunden. Der Tourismus macht 5% des BIPs aus. Deutschland stellt etwa 1/5 der Touristen. Ich muss gestehen, dass ich aus dem Kopf heraus beide Zahlen ein ganzes Stückchen höher geschätzt hätte. Dass heisst die deutschen Touris sind für etwa 1% des spanischen BIPs verantwortlich. Das deckt das deutsche Defizit natürlich nicht.

Mein zweiter Punkt, dass das Exportdefizit Spaniens nur zu einem Viertel auf den Handel mit Deutschland zurückgeht, bleibt aber valide.

IMHO hat Spanien einen großen Fehler gemacht. Sie haben die Rendite durch die Einführung des Euros gerne mitgenommen aber die Kosten gescheut. Sie haben die niedrigen Zinsen, von denen das Weichwährungsland Spanien nur träumen konnte, "genutzt", um wie wild zu bauen. Der Bau. und Immobiliensektor in Spanien ist so wichtig wie in keinem anderen EU-Land. Allerdings hat man die Kosten einer Hartwährung, nämlich Lohnzurückhaltung und internationale Wettbewerbsfähigkeit, verdrängt. 

Ich glaube daher, dass Paul Krugman in seinem Artikel Anatomy of a Euromess eine richtige Diagnose stellt. Aber eben nur für eine Seite der Medaille.

Übrigens irrt Krugman, wenn er sagt, dass selbst die größten Euroskeptiker das nicht geahnt hätten. Eines der Hauptargumente gegen den Euro war immer die zu große Differenz in der Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften. Da wurde halt ein (höchst wettbewerbsfähiger) Hartwährungsblock um die alte D-Mark um einen Haufen klassischer Länder erweitert, die jahrzehntelang mit Weich- und Weichstwährungen den nötigen Anpassungsprozessen aus dem Weg gegangen sind.
Und dass die Anpassungsprozesse nicht so einfach in einem Jahrzehnt abzufackeln sind, zeigt sich jetzt. Das hat man aber auch schon beobachten können, als sich der DM-Block bildete und einige Länder abwerten mussten, obwohl sie es eigentlich nicht mehr vorhatten. Und auch in der Zeit des ECU mussten einige Länder noch mehrmals abwerten, obwohl sie eigentlich schon fixe Wechselkurse hatten. So ein Prozess dauert einige Jahrzehnte, nicht ein paar Jahre.

Kommentare :

  1. Real Madrids Einkaufspolitik leistet sicherlich auch einen Beitrag zum Leistungsbilanzdefizit ;)

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  2. Ich hatte vor zwei Wochen Krugmans Artikel dazu getwittert:

    http://krugman.blogs.nytimes.com/2010/02/09/anatomy-of-a-euromess/

    Demnach wäre es nicht die Leistungsbilanz als Auslöser sondern die Kapitalbilanz. Große inflows aus good old Germany und danach der crash ließen eine überteuert produzierende Wirtschaft zurück.

    Grüße
    ALOA

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  3. Der Tourismus wäscht DE rein? Da braucht man gar nicht die genauen Zahlen kennen und kann sehen, dass das Schwachsinn ist.

    Selbst wenn 10 Millionen Deutsche Touristen Orgien feiern und Sangria aus der Badewanne trinken geht sich das nicht aus.

    Wenn jeder 10.000 Euro in Espana lässt sind das 10 Milliarden. Also ca. 50% des Handelsbilanzdefizits.

    Kann auch nur die Empfehlung von Aloa unterschreiben. Der Krugman Beitrag bringt "it's a mess" auf den Punkt.

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  4. OK, ich habe (wenigsten grobe) Zahlen gefunden. Der Tourismus macht 5% des BIPs aus. Deutschland stellt etwa 1/5 der Touristen. Ich muss gestehen, dass ich aus dem Kopf heraus beide Zahlen ein ganzes Stückchen höher geschätzt hätte. Dass heisst die Deutschen Touris sind für etwa 1% des spanischen BIPs verantwortlich.

    Damit gehört ein Teil meiner These auf den Müll. Bevor ich jetzt noch mehr BS schreibe, lese ich besser mal den Krugman Artikel.

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  5. Zu den Konstruktionsfehelern des Euro gehört sicherlich die Idee, man könne eine gemeinsame Währung einführen mit einer "unabhängigen" Zentralbank, deren einziger Maßstab Inflationsbekämpung/Stabilität ist". Wenn man andere Fragestellungen wie z.B. einheitlich(er)e Währungs-, Industrie-, Sozial- und Umweltpolitik weglässt/später evtl diskutieren will, darf man sich über die auftretenden Probleme nicht wundern. An eine evtl. harmonisierte Steuerpolitik darf man gar nicht denken (s. die frühere Diskussion über Niedrig-Steuer-Paradiese wie Irland).
    Sagen wir besser, man hat den zweiten Schritt (Euro) gemacht, ohne den ersten Schritt(politische Wille zu einheitlicheren Regeln) zu durchdenken, geschweige denn anzugehen.

    @egghat:
    das ganze jetzt auf die Frage "Böse Deutsche mit ihrem Export-Überschuss" und "nicht wettbewerbsfähige PIGS (Griechenland,Spanien Portugal, I lass ich mal offen)" stellt m.E. eine ziemliche Verkürzung dar.
    Ohne die Begriffe "Globalisierung", "freier Welthandel","internationale Wettbewerbsfähigkeit" mal genauer zu durchdenken, werden/haben wirauch hier in Deutschland eine Menge Probleme. Wie stellst du dir denn auf Dauer Wettbewerb mit Ländern vor, die eine merkantilistische Wirtschafts-, Währungs- , Kapitalmarkt- und Exportförderungspolitik betreiben. Dazu noch minimale bis nicht vorhandene Umweltschutz- und Sozialstandards und das nebenbei noch mit Lohnkosten, die sich hier ja wohl nur Herr Westerwelle wünscht.
    Ich freu mich auf die Protektionismus-Diskussion in diesem Jahr (erste Anzeichen in den USA sind ja erkennbar). Man muss das ja nicht so nennen. Umwelt-CO2-Abgabe auf Importe aus China klingt ja schon etwas netter und ist besser verkaufbar.

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  6. nicht ganz zum Thema Spanien, aber passend zum Euro allgemein:
    Teil 1 (köstlich)

    http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/anleihen-devisen/:narhallamarsch-fuer-hellas-1-so-ermogeln-sie-sich-den-euro/50074964.html

    Teil 2 (Unfüg für Fortgeschrittene)

    http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/anleihen-devisen/:narhallamarsch-fuer-hellas-2-und-so-machen-sie-den-quatsch-zu-geld/50074954.html

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  7. @egghat
    Das mit den EURO Kritikern stimmt. Da irrt Krugman.

    Ob jetzt nur die Spanier einen Fehler gemacht haben, wage ich zu bezweifeln. Man könnte auch sagen Deutschland hat mit seiner Lohnzurückhaltung einen Fehler gemacht.

    Statt breite Bevölkerungsschichten am Produktivitätszuwachs und der starken Wettbewerbsposition teilhaben zu lassen, hat man dauernd "Gürtel enger schnallen" gepredigt und den nationalen Konsum stranguliert.

    Wenn es sich Herr Mustermann aussuchen könnte jetzt einen höheren Lebensstandard zu haben oder wegen der Lohnzurückhaltung jetzt die laxe Euro-Peripherie zu retten, dann hätte er wohl eher ersteres gewählt.

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  8. @Tera€ und @stephan

    Natürlich muss man das alles in einem größeren Kontext sehen. Aber man kann dann auch nie Teilaspekte diskutieren. Ich habe versucht über den Teilaspekt zu diskutieren, den Münchau angesprochen hat. Bei einer Zahl habe ich mich geirrt (Handelsbilanzdefizit wird von Tourismus wieder zum großen Teil aufgehoben), bei einer anderen (nur ein Viertel des Defizits kommt aus Deutschland) aber nicht.

    Daher steht meine These auch weiterhin: Nur auf Deutschland zu zeigen ist falsch. Das ist eben nur eine Seite der Medaille. Die andere ist aber auch, dass die Spanier schlecht gewirtschaftet und investiert haben. *Dass* die Spanier so viel Geld bekommen haben, war doch auch eines der Zwecke der Währungsunion. Es sollten eben auch die ehemaligen Weichwährungsländer für Auslandsinvestitionen interessant gemacht werden (was sie vorher nicht waren, was scheinbar auch viele vergessen haben). Dann kamen die Investitionen, liefen aber ziemlich ausschließlich in den Immobilienmarkt. Dumm. Aber vor allem Schuld der Spanier selber. Aber so ist halt die Demokratie: Wenn Boom ist, ist gut. Man betet als Politiker, dass die Blase noch lange genug wächst (meint bis zu nächsten Wahl). Alle haben Arbeit, alle werden reicher, alle sind glücklich. Frühzeitig auf die Brmse latscht da niemand. Trotzdem knallt es irgendwann.

    Die Medaille hat zwei Seiten. Krugman hat eine beleuchtet, ich wollte diese hinterfragen und auch auf die andere hinweisen ("Ich glaube daher, dass Paul Krugman in seinem Artikel Anatomy of a Euromess eine richtige Diagnose stellt. Aber eben nur für eine Seite der Medaille.")

    @Stephan:

    Man muss bei der Lohnzurückhaltung immer bedenken, dass wir Deutschen mit einer ziemlich hohen Bewertung der D-Mark in die Währungsunion gegangen sind. Daher war die Lohnzurückhaltung *am Anfang* IMHO vertretbar. Ob man daran dann nicht zu lange festgehalten hat, kann man aber diskutieren. (Wenn ich mir allerdings den Vergleich mit den außereuropäischen Staaten anschaue, habe ich das Gefühl, dass die deutsche Lohnentwicklung realistischer war als die spanische. Die deutschen Löhne mögen etwas zu wenig gestiegen sein, die spanischen sind aber mit höherer Wahrscheinlichkeit wesentlich zu stark gestiegen)

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  9. @egghat das könnte dich interessieren (grad zufällig gefunden)

    http://www.roubini.com/euro-monitor/258379/the_option_of_last_resort__a_two-currency_emu

    Habs erstmal überflogen, aber noch nicht alle Konsequenzen durchdacht.
    Sieht aber halbwegs durchdacht aus.
    Praktisch eine Aufteilung in einen Nord- und Süd-Euro, ohne das ganze Euro-Projekt total auseinanderfliegen zu lassen.

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  10. @egghat
    Hast ja recht. Wie's halt so ist: On the one hand and on the other hand.

    Bizarr find ich aber, dass genau das Gegenteil gemacht wurde zu dem was die Befürworter des Euro als theoretische Voraussetzung angeführt haben.

    Die haben sich ja immer auf Robert Mundell mit seiner OCA (Optimal Currency Area) berufen. Eine OCA liegt unter anderem vor wenn:

    (1) There should be a high degree of labor mobility and/or wage flexibility within the group of countries.

    (2) There is a common fiscal policy that can transfer resources from better performing to poorly performing countries.

    Ad (1) kann ich nur sagen. Mit der Mobilität wird's nix wegen Sprach- und Kulturbarrieren. Und statt das Löhne wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit runter gehen und vice versa rauf war's genau umgekehrt.

    Und ad (2) kann man jetzt nur mehr sagen ... Den Punkt haben alle bereits mit Maastricht ad acta gelegt und jetzt will sich partout keiner mehr daran erinnern.

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  11. @Stephan:

    Stimme zu. Ich glaube, dass viele den Aspekt der fehlenden "labor mobility" im vielsprachigen Europa massiv unterschätzt haben. Andere Sprache, andere Kultur, andere Sozialsysteme (Umzug in Ausland ist für die Rente oft ein Desaster, Krankenkassenwechsel mit 45 auch unlustig, etc.) Und die, die den Effekt nicht unterschätzt haben, saßen halt nicht in den Gremien. Die war ja schließlich "dagegen" ...

    @Tera€:

    Werde ich mir mal durchlesen. Über die Ausstiegsszenarien aus dem Euro scheint sich- bis heute!- scheinbar kaum jemand Gedanken gemacht zu haben. Komisch. Sollte man sowas nicht bereits vorher mal durchdenken? Ein Notfallplan, für den Fall, dass das Projekt scheitert?

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  12. > Man könnte auch sagen Deutschland hat mit seiner Lohnzurückhaltung einen Fehler gemacht.

    Oh bitte verschont mich wenigstens hier mit diesem Sozialismus-Geplärre.

    Deutschland hat auf den Wettbewerb korrekt reagiert, wenn andere schlechter sind dürfen sie nicht ihren Konsum und ihre Löhne erhöhen. So einfach ist das.
    Der Fehler Deutschlands ist nur, Konsumkredite an andere Staaten zu vergeben bzw. das in der Währungsunion zu erlauben.

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