Zahl des Tages (14.03.10): 105

Die Story wurde zwar schon gut durchleuchtet, aber eigentlich ist sie so nah an dem Themenkern dieses Blogs, dass ich die auch noch bringen muss.

Es geht um die Pleite von Lehman Brothers, die (hoffentlich) für einige Zeit die größte Pleite der Wirtschaftsgeschichte bleiben wird. In der letzten Woche wurde der 2.200 (!) Seiten umfassende Untersuchungsbericht über die Pleite von Lehman vorgelegt.

Neben den bekannten Vorwürfen über eine zu spekulative Geschäftspolitik wurden auch - nicht ganz überraschend - Vorwürfe über Betrug in der Bilanz bekannt. Konkret ging es um das Verstecken von Abermilliarden Giftmüll, die in den Bilanzen von Lehman schlummerten. Damit sahen die Bilanzen wesentlich besser aus als sie in der Realität waren. Konkret hätte zum Beispiel der Eigenkapitalhebel zu einem Zeitpunkt bei 17,3 statt der gemeldeten 15,5 gelegen. Damit hätten die Ratingagenturen Lehman womöglich abgewertet.

Bei den deutschen Banken wurden schlechte Papiere (und andere hochspekulative Geschäfte) in sogenannte Zweckgesellschaften ausgelagert. Lehman hat einen anderen Trick benutzt. Repo-Geschäfte. Das sind normale Geschäfte, über die sich Banken finanzieren. Es müssen dafür bestimmte Sicherheiten hinterlegt werden und im Gegenzug erhält die Bank frisches Geld. Genau diese Geschäfte hat Lehman benutzt und dabei die Schrottpapiere als Sicherheit hinterlegt. Dabei musste man Papiere im Wert von

105 Dollar

abgeben und bekam dafür 100 Dollar Kredit. Dank einer im Nachhinein ziemlich seltsamen Buchhaltungsrichtlinie galten die hinterlegten Papiere als verkauft und tauchten nicht mehr in der Bilanz auf. Diese Repo105 genannten Geschäfte hat Lehman  schon seit 2001 durchgeführt, allerdings auf einen Umfang von etwa 25 Milliarden Dollar beschränkt. Im Rahmen der immer weiter wachsenden Menge an Schrottpapieren entdeckten jedoch die Buchhalter diese Möglichkeit und dehnten die Geschäfte deutlich bis auf ungefähr das Doppelte aus. Und das obwohl klar ist, dass ein Geschäft, bei dem ich 105 Dollar abgeben muss um 100 Dollar zu erhalten, eine ziemlich teurer Finanzierungsart ist.

Marketwatch: Examiner: Repo 105 helped disguise Lehman's ailing health

FTD: Lehman und die "Droge" Repo 105 

Die Verantwortlichen bei Lehman Brothers und der Wirtschaftsprüfungsfirma lehnen jede Verantwortung ab. Der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young hält die Geschäfte auch heute noch für legal und sehen auch kein Problem darin, dass die Geschäfte immer zum Bilanzierungszeitpunkt am Quartalsende ausgedehnt wurden, dass die Geschäfte über London abgewickelt wurden, als sich in New York kein Partner mehr für diese Geschäfte fand und auch kein Problem darin, dass die Werthaltigkeit der im Rahmen der Repo105 ausgelagerten Papiere nie überprüft wurde.

Gewagt! Einige Beobachter hingegen sehen schon das Ende von Ernst & Young näher kommen, sollte sich die Beurteilung aus dem Bericht durchsetzen und die Lawine von Schadensersatzklagen ins Rollen kommen.

Die Ausrede von Lehman Brothers ist allerdings noch etwas dreister oder lustiger, je nachdem in welcher Stimmung man gerade ist. Dick Fuld, der damalige Chef von Lehman habe von der Diskussion über die Zulässigkeit der Repo105 Geschäfte nichts mitbekommen, weil er "keinen Computer und nur einen Blackberry nutzt" und dieser keine E-Mail-Anhänge öffnen könne.

Dümmste Ausrede ever würde ich tippen ...

Telepolis: Was führte zur Lehman-Pleite?

Wenn ihr nur einen Artikel lesen wollt, nehmt den von Telepolis. Die schreiben zwar oft einseitigen Schrott, aber der Artikel ist wirklich gut.

Update (00:29)

Noch eine kleine Korrektur/Ergänzung: Die Repo105-Geschäfte wurden aus New York nach London verlagert, weil man diese in New York bilanzierungstechnisch nicht als "Verkauf" (und darum ging es ja) verbuchen konnten, in London jedoch schon.

FT Alphaville: The genesis of Repo 105

Update (00:35):

Übrigens sieht es so aus, als hätte Lehman nicht vorrangig versucht, Giftmüll aus der Bilanz zu bekommen, sondern vor allem die Bilanz zu verkürzen. Zumindest die offiziellen Bewertungen der bei den Repo105 hinterlegten Papiere lag zu über 90% bei A oder besser.

FT Alphaville:  What’s in Repo 105

Aber diese Interpretation ist auch keine schöne. Denn wenn man die verkürzte Bilanz sah, konnte man zur Einschätzung kommen, dass Lehman seinen Hebel deutlich reduziert habe und vor allem schlechte Assets verkauft habe. Dabei hatte Lehman am Ende aber weder wirklich signifikante Mengen schlechter Assets verkauft, noch hatte man den Hebel und damit das Risiko reduziert.

Wobei die Interpretation auch wacklig ist, denn wie wir heute wissen, waren die AAA auf vielen Papieren ja nur ein schlechter Scherz. Vielleicht wurde also doch Giftmüll versteckt ...

Update (17.03.10):

Die Fed hat von den Lehman Tricks natürlich nichts mitbekommen ...

Fed wusste von Lehman Buchführungstricks nichts

Update (18.03.10):

Das WSJ hat noch eine Info-Seite für alle, die mehr Details über die Repo105 Geschäfte wissen wollen:

WSJ: Lehman’s Repo 105: More Than You Ever Wanted to Know

Kommentare :

  1. @Egghat, durch dein gutes Beispiel angeregt, hab ich vor ein paar Wochen angefangen, selber die ersten Anfänger-Blog-Schritte zu unternehmen (bin noch in den Kinderschuhen).

    Deine Zahl des Tages war mir direkt nen kleinen Eintrag + einige Ergänzungen zum Thema wert (etwas lang für Kommentare hier).
    Bilanzfälschung für Fortgeschritte - Lehman Edition

    Wer Lust hat, kann ja mal vorbeisehen, über Besucher, Kommentare, Tips und Kritik würde ich mich sehr freuen.
    Ende der Werbesendung, ich hoffe der Hausherr nimmt mir das nicht krumm....

    P.S.: wie funktionieren Ping-Backs?

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  2. 14.03 = 03/14 = 3,14... = PI Day. im Vergleich zu PI find ich 105 ziemlich fad. Landsburg hat eine schönen Beitrag. Wenn die Banken in Zukunft unser Geld mit einer Rate in komplexen Zahlen verzinsen, dann schaut alles ganz gut aus. Für die Banken ;-) Das wär mal die nächste Finanzinnovation. Problem: ich glaub nicht mal die Banker wissen was eine komplexe Zahl ist.

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  3. Ich gebe zu, dass die 105 konstruiert war. Die logischere Zahl wäre natürlich die 50.000.000.000 gewesen. Aber nur die fetten Mrd.Summen nerven auch ...

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