Zahl des Tages (22.03.10): -8.900.000.000

Es wird ja gerade eine relativ breite Diskussion geführt, ob Deutschland mit seiner (zu?) hohen internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Grund für die Krise der Eurozone ist.

Ich habe schon an mehreren Stellen geschrieben, dass ich diese Meinung nicht teile. Denn es ist ziemlich schwierig zu sagen, ob die Griechen die Löhne zu stark (+32% von 2001- 2008) oder die Deutschen zu wenig (+3,x%) erhöht haben. An was will man das festmachen?

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, die Frage ist nur wo.

Einen IMHO guten Anhaltspunkt liefert die Außenhandelsbilanz der Eurozone. Denn hier zeigt sich, ob die Eurozone wettbewerbsfähig ist oder nicht. Und hier bieten die Januardaten ein wenig eindeutiges Bild. Die Handelsbilanz ist nämlich negativ. Zwar war das Loch im Januar 2010 mit

8.900.000.000 (8,9 Milliarden) Euro

nicht sonderlich groß, aber es ist halt ein Minus.

Wenn nun so getan wird, als sei Deutschland Schuld, dass die Griechen nach 30% Lohnerhöhung und einem äußerst komfortables Rentensystem an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit geraten sind, komme ich da nicht ganz mit. Auch wenn nun gefordert wird, Deutschland solle seine Löhne erhöhen, um damit den Griechen quasi eine Chance zu geben, ist das im Hinblick auf das Handelsbilanzminus an den Grenzen der Eurozone eine ziemlich gewagte Forderung. Soll am Ende etwa der Euro als Nachfolger der Drachme oder der Lira in die Geschichte eingehen?

Eurostat: Euro area external trade deficit 8.9 bn euro

Update (23.03.10):

Zahlen popahlen:


Kommentare :

  1. Du fragst "An was will man das festmachen?"

    Die einfache Antwort: An der Entwicklung der Reallöhne.

    Und da ist es eben so, daß in Deutschland die Reallöhne seit vielen Jahren stagnieren oder sogar sinken:
    http://www.netzwerk-regenbogen.de/sozloh070924.html

    Damit steht Deutschland in der EU alleine da:
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,579103,00.html

    Und das, obwohl in der selben Zeit die Unternehmen zum Teil satte Gewinne gemacht haben.

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  2. Naja, so ist das mit den Zahlen ... Wenn man genug sucht, findet man passenden ...

    Ich habe "meine" im Artikel ergänzt. Die Löhne sind mit der Preissteigerung verrechnet, also inflationsbereinigt.

    Die Studie nimmt die Bruttolöhne, denn diese sind in der Diskussion über die Wettbewerbsfähigkeit relevant. (Platt gesagt, kann der Unternehmer nix dafür, wenn der Staat mehr wegbesteuert).

    Man sieht in der Grafik sehr schön, wie nahe beeinander die Lohnentwicklung im alten D-Mark-Block ist. Ob man Österreich mit 13% Plus in 8 Jahren da als Ausreißer bezeichnen kann, ist schon zweifelhaft. Die restlichen Abweichungen sind statistisches Rauschen.

    Und dass die Griechen als Minination sich hier ein ganz eigene Politik geleistet haben, ist wohl unstrittig.

    Daher: Mein Ankerpunkt ist die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Eurozone. Die ist jetzt nicht so doll, sonst hätten wir kein Handelsbilanzdefizit. Die Leistungsbilanz ist übrigens auch negativ, wenn auch etwas weniger als die reine Handelsbilanz.

    Was sollen wir jetzt machen? Die Politik der Griechen fahren?

    Wenn "wir" die Löhne erhöhen, senkt das Wettbewerbsfähigkeit der Eurozone. Das Handelsbilanzdefizit wird steigen (oder glaubt jemand, dass Griechenland bei höheren Löhnen in Deutschland irgendetwas auf dem Weltmarkt mehr verkauft wie vorher). Der Euro wird abwerten. Im schlimmsten Fall wird der Euro so eine Graupenwährung wie die Drachme, die Lira oder die Peseta. Und? Hat diese Weichwährung irgendjemanden in Griechenland, Spanien oder Italien reich gemacht? Neeh, deshalb wollten doch alle beim Euro mitmachen. Niedrige Inflation, niedrige Zinsen, stabile Währung, mehr Auslandsinvestitionen. Während (vor allem) Iren und zum Teil Italien und noch weniger Spanier diese Eurodividende genutzt haben, hat Griechenland das Geld fast ausschließlich für Konsum verpulvert.

    Wenn jetzt die deutschen Löhne höher wären, hätten wir dann mehr Ouzo gekauft? Was zum Teufel sollen wir denn dort kaufen? Die produzieren doch nix. Warum gehen deutsche Firmen wie VW nach Tschechien und Spanien, aber nicht nach Griechenland? Griechenland ist korrupt, hat ein nur teilweise funktionierendes Steuersystem, ist in der PISA Studie in allen vier Bereichen auf den letzten 5 Plätzen (2006 war sogar schlechter als 2000), ...

    Versteh mich nicht falsch: Wenn Italien oder Spanien aus der Euro-Zone kippen, haben wir ein Problem. Aber für den Fall Griechenland ist der Hauptschuldige Griechenland.

    Das heisst auch nicht, dass sich an der deutschen Lohnpolitik nicht auch was ändern muss, das heisst auch nicht, dass Brüderle mit seinem Credo "mehr Export" recht hat und es heisst überhaupt nichts für die Politik der nächsten 10 Jahre. Aber im Rückblick ist für mich die Prognose klar.

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  3. Was die Bewertung der Situation in Griechenland angeht, stimmen wir überein denke ich.

    "An was will man das festmachen? - An der Entwicklung der Reallöhne."

    Da ist ja auch Griechenland mit gemeint. Die hatten seit dem Beitritt zur Eurozone eine niedrige Inflation, aber trotzdem mehr als 30% Lohnsteigerung seit 2001 - offensichtlich sind deren Reallöhne wesentlich stärker gestiegen als unsere.

    Da wird man den Gürtel jetzt halt um einiges enger schnallen müssen.

    Trotzdem kann es nicht sein, daß in Deutschland auch in wirtschaftlichen Boomzeiten die Arbeitnehmer real immer weniger verdienen.

    Das hat ja dann auch Auswirkungen auf den Tourismus in anderen Ländern Europas (u.a. Griechenland).
    http://www.zeit.de/online/2009/33/deutschland-urlaub-wirtschaftskrise

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  4. Mit dem Tourismus allein retten sich die Griechen aber auch nicht ...

    Aber die deutschen Löhne müssen natürlich rauf. Nur soo viel Spielraum ist da auch nicht, dass wir gleichzeitig in Deutschland einen Haufen konsumorientierte Arbeitsplätze schaffen (und so den Binnenkonsum stärken), gleichzeitig den ganzen Mittelmeerraum mit unserem Konsum retten und dabei den Euro nicht zur Weichwährung zermatschen.

    Nur um mal eine Idee zu geben: Ich halte Lohnerhöhungen wie in Österreich durchaus für vertretbar (da waren's glaube ich 12% im Zeitraum). Dass in Deutschland die Löhne so schwach steigen liegt aber auch immer noch an der Wiedervereinigung, die 15 Mio. mehr Einwohner mit geschätzten 2 Mio. wettbewerbsfähigen Arbeitsplätzen gebracht hat. Daher sind sowieso alle Vergleiche im Moment schwierig ... Ich schätze, dass der Westen die 12% aus Österreich auch bekommen hätte ... Aber das ist Spekulation.

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