Zahl des Tages (16.04.10): 99%

"Wir tun Gottes Werk" sagte Goldman Sachs Chef Blankfein einmal (auch wenn er sich kurz danach für diesen frechen Satz entschuldigt hat). Das sehen Beobachter allerdings ganz anders ...

Erst wollte ich über den Fast-Totalverlust eines Immobilienfonds von Goldman Sachs (Spiegel: Goldman Sachs schockiert Anleger mit Horrorverlust) schreiben, der sein Vermögen um 98,3% von 1,8 Milliarden auf 30 Millionen eingedampft hat (was zahlenmäßig ja auch gepasst hätte). Nun droht Goldman Sachs aber noch ein deutlich größerer Schaden.

Die amerikanische Börsenaufsicht SEC hat nämlich gegen Goldman Sachs geklagt. Dabei geht es um CDOs, diese hochkomplexen Finanzkonstrukte, bei denen Hypotheken gebündelt wurden und in Scheiben geschnitten an die Anleger verkauft wurden. Die Zahlungsausfälle (also die Risiken) verteilen sich dabei nicht auf alle Anleger gleichmäßig, sondern fressen sich von unten durch die schlechtesten Scheiben. Wenn die schlechteste Tranche aufgebraucht ist, wird die zweitschlechteste angegriffen. Ziel war es, die oberste Scheibe qualititiv so gut zu bekommen, dass diese quasi nie angegriffen werden kann.

Wie dick die Scheiben mit den unterschiedlichen Risiken waren, hing maßgeblich vom Emittenten und der Ratingagentur ab, die bei der Gestaltung der Bedingungen dabei war. Die Ratingagentur hatte dabei einen Interessenkonflikt. Sie verdiente am Rating und der Gestaltung der Bedingungen. Sie konnte also quasi selber die Bedingungen so festlegen, dass das AAA für einen möglichst großen Teil der CDO erteilt wurde. (Ganz nebenbei hat einee Ratingagentur immer einen Interessenkonflikt, wenn sie vom Subjekt bezahlt wird, das beurteilt werden soll. Die Ratingagentur darf nie zu streng sein, weil sie damit den nächsten Auftrag riskiert). Das alles war schon kritisch genug und hat den Ratingagenturen viel Kritik und auch Ermittlungen eingebracht.
Aber auch der Emittent (also z.B. Goldman Sachs) hat einen Interessenkonflikt, da er einen möglichst großen Teil als Triple-A deklarieren möchte, weil er diesen am einfachsten verkaufen kann.

Das Geschäft von Goldman Sachs, das jetzt von der SEC zur Anklage gebracht wird, war aber noch viel abgebrühter ...

Goldman Sachs hat sich nämlich scheinbar mit dem Hedgefondsmanager John Paulson zusammengetan. Dieser hat gegen eine Zahlung Einfluss auf die Dicke der Scheiben genommen. Diese wurden dann so konstruiert, dass Goldman Sachs den Anlegern die Scheibe mit einem bestimmten Rating und entsprechendem Zins als gute Anlage anpreisen konnte. Gleichzeitig waren sich Paulson und Goldman Sachs aber so sicher, dass das Rating eigentlich viel zu gut ist, dass Paulson auf den Totalverlust des CDOs gewettet hat.

Kurz: Er hat dafür gesorgt, dass die Qualität der Papiere möglichst schlecht war und direkt auf den Totalverlust spekuliert.

Und das hat fantastisch funktioniert!

Der Fonds im Visier namens Abacus wurde im April 2007 aufgelegt. Bereits im Oktober waren 83% der Papiere herabgestuft worden. Bis Januar 2008 wurde sogar für

99%(!)

aller im Fonds enthaltenen hypothekenbesicherten Papiere (RMBS) das Rating gesenkt!

Schon 9 Monate nach der Auflegung entpuppten sich 99% der Papiere als nicht so werthaltig wie bei der Auflegung angespriesen. Wow!

Da sind solche "Details" wie die Lüge, dass Paulson selber in Abacus investiert habe, schon fast nicht mehr erwähnenswert.

Übrigens sitzt im Boot der Geschädigten auch die deutsche (Fast-Pleite-Bank) IKB, die etwa 150 Millionen Dollar mit Abacus verloren hat. Der Gesamtverlust soll mehr als 1 Mrd. Dollar ausmachen. MBIA und einige andere Ex-Investoren in Abacus profitieren heute (Marketwatch: MBIA shares climb after SEC sues Goldman over CDO). Schließlich könnte die Anklage dazu führen, dass Goldman Sachs Schadenersatz leisten muss. Das erklärt auch den Verlust von Goldman Sachs Aktie von aktuell etwa 13%, was gut 14 Mrd. Dollar weniger Marktkapitalisierung ausmacht. Auch die CDS auf Goldman Sachs haben sich um über 40 Basispunkte von 90 auf über 130 verteuert. Immerhin hat Goldman Sachs CDOs im Gesamtwert von 62 Mrd. Dollar unterschrieben (Platz 4 nach Merrill Lynch (107 Mrd.), Citigroup (80 Mrd.) und der Credit Suisse (64 Mrd.) siehe Top CDO Underwriters, 2002-2007). Bei weiteren Klagen könnte ein beachtlicher Gesamtschaden für die Banken entstehen. Noch ist aber überhaupt nicht klar, ob es ein Einzelfall ist oder es zu einem Flächenbrand kommt.

FTD: SEC klagt Goldman Sachs an
FAZ: Börsenaufsicht SEC verklagt Goldman Sachs

Tja, John Paulson der in der Forbes Liste der reichsten Menschen der Welt auf Platz 45 steht (siehe  WARREN BUFFETT IST REICHSTER NICHTMONOPOLIST DER WELT) und den ich in ZAHL DES TAGES (03.04.10): 25.333.000.000 so beschrieben habe:

Ein echter "Held" ist allerdings John Paulson, der im dritten Jahr in Folge auf der Liste auftaucht. Er hat 2007 3,7 Mrd. Dollar mit Spekulationen auf fallende Kurse bei Subprime-Kredite verdient, 2008 2 Mrd. mit Spekulationen auf fallende Aktienkurse bei den Banken und 2009 2,3 Mrd. mit Spekulationen auf steigende Bankenkurse. Auch George Soros ist erneut in der Spitzengruppe. Das sind die Leute, auf die man hören sollte. Permabären und Permabullen sind verdammt langweilig für die eigene Meinungsfindung.

Da habe ich dem Mann wohl zu viel Lob zukommen lassen. Mit Beschiss dauernd auf die Liste zu kommen, kann ja jeder ...

Allerdings muss der Vollständigkeit halber gesagt werden, dass Paulson sich keiner Schuld bewusst sei. Er habe kein Insiderwissen über Abacus gehabt und daher sei an seiner Spekulation nichts Böses. Auch die SEC hat gesagt, dass gegen Paulson nicht geklagt werde.

FT Alphaville: Paulson: ‘It’s our money now’
Marketwatch: Paulson & Co. not charged in SEC suit against Goldman

Ich fand es beim ersten Lesen ziemlich seltsam, dass Goldman Sachs verklagt wird, Paulson aber nicht.

Zum Glück hat sich der gute und von mir sehr geschätzte Edward Harrison genau die gleiche Frage gestellt und die Antwort schon gefunden: Die SEC ermittelt NUR wegen der Falschdarstellung der Wertpapiere, die in Abacus gepackt wurden. Um es als juristischer Laie mal zu sagen: Wahrscheinlich ist der Ansatz "Prospekthaftung". Alles andere ist wahrscheinlich eher eine Sache für den Staatsanwalt bzw. weitere Ermittlungen, nicht für die SEC.

Kleine hämische Randbemerkung von FT Alphaville geklaut: The Greatest Trade Ever: How John Paulson Bet Against the Markets and Made $20bn ;-)

Ed hat auch noch ein paar interessante Pressereaktionen und jede Menge Links zu Originalquellen zusammengetragen und in einen sehr lesenswerten Artikel gepackt:

Creditwritedowns: Vampire squid alert: Goldman is clearly being singled out

Ein schönes Fundstück hat auch Paul Kedrosky ausgegraben. Es stammt von einem der Abgeordneten, die Blankfein zur Finanzkrise befragt  haben und dessen dumpfer Eindruck der folgende war:

Für mich hört sich das so an, als würde ein Autoverkäufer ein Auto mit kaputten Bremsen verkaufen und danach eine Lebensversicherung auf das Leben des Käufers abschließen.

Infectious Greed: Blast from the Goldman Testimony Past: CDOs and Bad Brakes

Wer am Wochenende nix zu tun hat, der kann sich die Anklage durchlesen. Wenn er noch was Interessantes findet: Her damit!

Scibd: SEC complaint against Goldman Sachs

Und wem das noch nicht reicht, liefert FT Alphaville noch ein paar weiter Links zum Lesen:

FT Alphaville: SEC/Goldman linkfest

Und noch eine interessante Randbemerkung:

Der Goldkurs fällt heute, weil Paulson eine große Goldposition hat und Anleger befürchten, dass er diese (teilweise) verkaufen muss ...

Kommentare :

  1. Guten Abend!

    Ein kleiner Nachtrag zu einem bereits einige Tage alten Post (und daher an dieser Stelle eigentlich nicht ganz passend):

    Die FTD bringt einen Ausschnitt aus einem Interview mit EZB-Chefvolkswirt Stark. Der fühlt offenbar mit steigenden Zinsen am Markt vor - wegen aus seiner Sicht drohender Stagflationsgefahr. Er begründet dies übrigens in der vor wenigen Tagen hier besprochenen Weise: Rasch anziehende Konjunktur in den Schwellenländern treibt die Rohstoffpreise und damit die Inflation. Verbunden mit einem verzögerten Aufschwung im Euro-Raum könnte das aus seiner Sicht eben Stagflation bedeuten.

    Anmerkung: Immerhin haben wir für März Inflationszahlen geliefert bekommen, die eigentlich nicht sonderlich typisch für die aktuelle Konjunkturlage sind. Das bekräftigt meiner Meinung nach die Theorie vom wesentlichen Einfluss der Rohstoffe.

    Was dem häufigen inflationskritischen Argument "freie Industriekapazität" noch entgegenzusetzen ist: Die gegenwärtige Krise dauert nun schon eine ganze Weile. Und je länger diese dauert, desto stärker schrumpft diese freie Kapazität - weil sie gewollt oder ungewollt zurückgefahren wird. Zusätzlich wird es mit Fortdauer der Krise immer schwieriger, die noch vorhandene freie Kapazität im Bedarfsfall auch zu aktivieren.

    Ich bleibe daher - mit jetzt prominenter Unterstützung - dabei: Stagflation ist am wahrscheinlichsten!

    lg - urriegel

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  2. zieht euer geld ab16 April, 2010 23:40

    Die kleinen Privatanlager müssen es langsam merken , das Sie bei dem Casino immer Leer ausgehen . Nur betrogen,bestohlen werdne ,wer sein Geld den Banken anvertraut verschenkt es !!

    Dieses Schneeballsystem ist ja noch Legal bei den , während andere in den Knast kommen , nach Neuermarkt , Dt. Telekom und Lehman,Mandrof... sollten wirklich alle Ihr Geld abziehen

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  3. @urriegel

    Die wichtigste Inflationstreibende Ressource ist aber die Arbeitskraft. Und die ist und wird nicht knapp. Das ist mein Hauptargument gegen die Inflation.

    Es kann anders kommen, wenn nämlich der Inflationsbremser China ausfällt, weil dort die Löhne 10% oder mehr steigen und auf diesen Preisanstieg noch ein stärkerer Yuan kommt. Noch ist davon aber nicht viel zu sehen.

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