Zahl des Tages (09.06.10): 50%

Über manche Zahlen bin ich immer wieder überrascht. So habe ich schonmal erwähnt, dass in Lettland (genauer in Riga) mehr als 80% der Immobilien über einen Fremdwährungskredit finanziert sein sollen, konnte aber nie eine wirkliche Quelle finden.

Fremdwährungsanleihen (in Euro oder noch schlimmer in Schweizer Franken oder japanischen Yen) nimmt man auf, um Zinsen zu sparen. Der Euro als Währung wäre noch halbwegs vertretbar gewesen, immerhin waren einige Währungen in Osteuropa schon an den Euro gebunden. Aber der Euro war noch nicht eingeführt und eigentlich hätte jederzeit noch eine Abwertung der eigenen Währung kommen können. Diese verteuert dann aber die Rückzahlung. Bei starken Währungsverlusten so weit, dass die Tilgung nahezu unmöglich wird. Kurz all die Probleme, die wir bei den Carry Trades (damals vor allem im Yen) vor drei, vier Jahren zu Tode diskutiert haben.

Heute habe ich in der FAZ gelesen, dass etwa 1,5 Millionen Ungarn Fremdwährungskredite aufgenommen haben. Leider ist der Artikel in der FAZ nicht online (tja, dann bekommt halt jemand anderes die Links), aber man findet in den österreichischen Zeitungen naturgemäß eh die deutlich bessere Berichterstattung.

Nach ein wenig Suchen bin ich auf einen älteren Artikel im Standard gestoßen, der die Zahlen belegt. In Ungarn sind etwa

50%

der Kredite in Fremdwährungen abgeschlossen worden. Und auch die Zahl aus Lettland wird bestätigt. Dort sind es (nicht nur in Riga, sondern im ganzen Land) sogar fast 90% der Kredite, die nicht in Lat, sondern in Euro, Franken oder Yen abgeschlossen wurden. Dazwischen liegen Albanien (~70%), Kroatien und Litauen (~60%) und Bulgarien (~50%). Die Ukraine und Rumänien liegen nur knapp dahinter (über 45%). In Polen ist der Anteil mit etwa einem Viertel vertretbar. Zum Vergleich liegt der Wert in Österreich (Euro-Mitglied) bei etwa 17%.

Wenn man das in Prozent des BIPs umrechnet, summieren sich die Kredite auf etwa 25% des BIPs der oben genannten Länder. Das stellt natürlich bei einer Abwertung der eigenen Währung eine ziemliche Gefahr für die gesamte Volkswirtschaft dar. Wenn die Währung wie in der Ukraine um 50% abwertet, haben sich die Schulden, die in der Fremdwährung aufgenommen wurden, "plötzlich" im Wert verdoppelt. Eine Rückzahlung wird dann verdammt schwierig.

Das Problem ist in Ungarn so drängend, dass dort sogar ein Rettungsfonds für die Fremdwährungskredite diskutiert wird (wurde?). Der Staat soll die Währungsrisiken von den Kreditnehmern übernehmen. Ob daraus was wurde, konnte ich nicht abschließend klären.

Die Behörden haben die großen Risiken der Auslandswährungskredite jetzt (wie immer zu spät) kapiert. In Ungarn wurden Obergrenzen für den Fremdwährungsanteil eingeführt. Maximal gut 50% dürfen in Euro aufgenommen werden, in Yen noch weniger.

Auch in Österreich, dessen Banken große Teil der Kredite vergeben haben, werden die Banken nun angehalten, keine weiteren Fremdwährungskredite mehr in Osteuropa zu vergeben.

Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) will ebenfalls keine Kredite mehr in Euro, sondern nur noch in lokalen Währungen vergeben.

Standard.at: Osten im Bann der Fremdwährungskredite
DiePresse.com: FMA: Keine Fremdwährungskredite im Osten

Übrigens interessant:

Ungarn hat heute das Sparpaket vorgestellt. Diese sieht Sparmaßnahmen bei den Staatsangestellten vor und - man höre und staune - Steuersenkungen. Die Körperschaftssteuer für kleine und mittlere Firmen sinkt von 19 auf 10%, die Einkommensteuer wird in eine Flat-Tax mit einem Satz von 16%(!) umgewandelt. Die Banken hingegen müssen eine neue Steuer bezahlen.

Also als Steuerzahler hätte ich so ein Steuersystem auch gerne ... Man fragt sich aber irgendwie schon, wie das den Staatshaushalt sanieren soll ...

Handelsblatt: Ein Sparpaket soll die Märkte besänftigen

Und ebenfalls interessant:

Auch in Deutschland (vor allem im Süden) und auch in Österreich wurde dieses Spiel mit den Fremdwährungshypotheken betrieben. Die beliebteste Währung dabei war wohl der Schweizer Franken.

FTD: Portfolio: Häuslebauer in der Franken-Falle

So was ist scheinbar ganz einfach zu bekommen. Man geht nach http://www.fremdwaehrung24.de/ (ich verlinke das absichtlich nicht, die sollen den Link nämlich nicht bekommen). Das wird dann nett beschrieben: Toll niedrige Zinsen und es bleibt "nur" das Währungsrisiko. OK, der übliche Disclaimer kommt auch: Man sollte schon Ahnung haben und man macht eine Spekulation auf bzw. gegen den Devisenmarkt.

Aber so wie das dort angepriesen wird, muss man sich nicht mehr wundern, dass in Osteuropa so viele Leute auf dieses scheinbar verlockende Angebot hereingefallen sind.

Update (10.06.10):

Die FTD meldet im Artikel übrigens (ich konnte den gestern Abend leider nicht abrufen und hatte die Zahl nicht mehr im Kopf), dass in Österreich in den letzten Jahren 40% (!) der Immobilienkredite in Schweizer Franken aufgenommen worden sind. Für Deutschland finde ich leider keine Zahlen, aber in Süddeutschland scheint das nicht total ungewöhnlich zu sein ...

Ebenfalls interessant: Die Kredite in Schweizer Franken wurden alle mit sehr kurzer Zinsbindung vergeben. Mehr als 12 Monate waren da wohl nicht drin. Die Häuslebauer haben also nicht nur ein Währungsrisiko, sondern auch ein Zinserhöhungsrisiko. Autsch.

1 Kommentar :

  1. so, endlich muss ich mich hier nirgends mehr anmelden und kann auch mal meinen Senf dazu geben. Erstmal: Toller Blog, weiter so :)

    Das Verhätlnis zu Fremdwährungskrediten ist in AT wirklich krass - zumindest für den deutschen Michel, der am liebsten 30 Jahre Zinsbindung hätte. Die letzten Jahrzehnte war das halt eine sichere Geschichte und wer glaubt schon, dass sich so etwas mal ändert. Ich meine aber, dass unser Model eher die Ausnahme ist und kürzere Laufzeiten in vielen Nachbarstaaten für Darlehen die Regel sind.

    Was die Ukraine angeht muss ich gerade aus leidvoller Erfahrung sagen, dass die Währung im Moment wieder deutlich aufwertet (bzw. der Euro abstürzt). Das zeigt auch der aktuelle Chart EUR/UAH:
    http://www.finanztreff.de/kurse_einzelkurs_charts,i,2079622.html

    Gruß, Jan

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