Zahl des Tages (20.06.10): 73

Bekanntlich sind ja alle Leute, die auf irgendetwas spekulieren, was Politikern nicht in den Kram passt, böse. Im anderen Fall bekommt es der Politiker auch gar nicht mit, egal wie viel Geld der Spekulant damit verdient.

Wenn sich in den USA eine riesige Immobilienblase aufbläht und die Hauspreise in völlig unverantwortliche Höhe getrieben werden: Schweigen. Im Gegenteil: Die Unterstützung der Politik war sogar garantiert. Mit Fannie Mae und Freddie Mac wurde das Programm "a home for every American" angeschoben. Davon will natürlich heute niemand mehr etwas wissen.

Im Fall von Griechenland sind es ja auch wahlweise Spekulanten und die Ratingagenturen, die für die Fastpleite Griechenlands verantwortlich sind. Zumindest sehen die Politiker das so.

Im Fall der Ratingagenturen war mir dieses Urteil schon immer suspekt. Denn so wie sie im Fall der US-Hypothekenkredite dafür getadelt wurden, zu gute Noten vergeben zu haben, wurden ihnen im Fall Griechenlands zu schlechte Ratings vorgeworfen. Hmmm, warum machen die Politiker nicht einfach mal selber eine Ratingagentur auf, wenn sie doch genau wissen, wo die Ratings sein sollten?

Im Fall der Spekulanten ist mir das Urteil der Politiker noch suspekter. Der Spekulant, der auf fallende Kurse griechischer Anleihen wettet, ist böse. Was ist aber dem Anleger, der sich vorher die Anleihen ins Depot gelegt hat, weil diese 0,7 Prozentpunkten mehr Rendite versprachen? Ist das nicht auch ein böser Spekulant? Und was ist mit diesem Anleger, wenn er dann aus Angst seine griechischen Anleihen verkauft? Ist der dann auch böse? Und was ist mit dem Anleger, der die griechischen Anleihen in der Hoffnung auf einen Euro-Bailout mit Steuerzahlergeld bei 10% Rendite abgegriffen hat? Der soll gut sein?

Mit dem Gewinn hat die Unterscheidung in guter Anleger oder böser Spekulant nichts zu tun. Es geht nur darum, in die Richtung zu spekulieren, die den Politikern in der Kram passt.

Immerhin können sich die bösen Spekulanten trösten. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg rechnen nämlich satte

73%

der befragten Investoren mit einer Pleite von Griechenland.

Und das ist schön: Jetzt wissen wir endlich, was Sache ist: 27 % der Spekulanten sind gut und 73% sind böse. So einfach kann die Welt sein.

Bloomberg: Greek Default Seen by Almost 75% in Poll Doubtful About Trichet

(Mir kommt es irgendwie so vor, als hätte ich die Umfrage schonmal gebracht, finde es aber nicht. Wenn es doch ein Doppler ist - Sorry)

Kommentare :

  1. Ich finde auch die umstrittenen Leerverkaufsverbote ulkig. Bestimmte Titel darf ich also nicht verkaufen, wenn ich sie nicht im Bestand habe. Ich darf sie aber sehr wohl kaufen, obwohl ich die dafür nötigen EURONEN nicht habe, also auf Kredit. Warum wird dann nicht auch das verboten? Irgendwie erinnert mich das an Pakistan (?) da soll es im Zuge der Lehmannpleite auch ein Gesetz gegeben haben, welches sinkende Kurse verboten hat.

    lg - urrigel

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  2. Schöner Artikel!

    Mich nervt schon lange die "Spekulanten sind böse, Spekulanten sind schuld"-Debatte. Die lenkt nämlich nur unnötig ab. Anleger, Investoren und Spekulanten sind nämlich das Gleiche, der Unterschied liegt lediglich in der Risikobereitschaft.

    Übrigens hatte das Anheizen des Häuslekauf-Booms in den USA System, wie man sehr schön in den Protokollen der Fed nachlesen kann: http://weltmachtgeld.com/wiki/index.php5?title=Dollarkrise,_2._Akt_(2008):_Wo_ist_das_Geld%3F#.E2.80.9EBubbles_made_in_USA.E2.80.9C_als_Exportschlager

    Der Rest des Buches "Welt Macht Geld" ist übrigens auch sehr zu empfehlen: http://weltmachtgeld.de/

    Ergo: "Analysten" und "Rating-Agenturen" sind die Anheizer in einem Spiel. Gute Spieler wissen das, und ignorieren sie. Bessere Spieler bringen gleich ihre eigenen Anheizer mit. Und die besten Spieler, ja das sind die Veranstalter :).

    Also ist der Spieler (und damit der Anleger, Investor oder "Spekulant") nur das letzte, und schwächste Glied in der Kette.

    Schön, wenn man die Aufmerksamkeit und damit den Volks-Zorn auf die Spieler lenken kann. Oder zur Not auf die Anheizer. Die Veranstalter, bleiben dann praktischerweise von der Kritik unberührt...

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  3. Ich denke, dass haat auch jede Menge mit der Vollkaskomentaliatet in Deutschland (und anderswo) zu tun: Anleihen werden um jeden Preis gesichert, das konnte der arme Kleinanleger ja garnicht ahnen, was der boese Bankberater ihm da verkauft hat. Anders bei Aktien und Optionsscheinen: Wer so etwas handelt, ist ein boeser Kapitalist und selbst schuld.

    Solange diese Mentalitaet nicht stirbt und der Grundsatz "Eigentum verpflichtet" (zu Verantwortung und Recherche) aus dem Grundgesetz auch fuer Anleihenanleger gilt, werden die Maerkte nicht gesunden, weil klar ist, dass Mama Staat selbst fuer die dummsten Fehler ihrer Kinder die Zeche zahlen wird.

    Solange "stupid money" in Fallen laeuft und spaeter auch noch meint, ein Recht darauf zu haben, dass andere dafuer einstehen, wird es keine nachhaltige Erholung geben: Dafuer ist die Liquiditaet zu gross und sorgt dafuer, dass das Kapital weiter spekulativ genutzt wird und der Realwirtschaft vorenthalten bleibt.

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  4. Mich nervt oder vielmehr kotzt die Stimmungsmache von "der Kapitalismus ist Schuld an der Krise" extrem an. Was Kapitalismus ('böser Kapitalismus' = Tautologie) eigentlich genau ist, weiß kaum einer zu erklären. Wäre sehr dankbar, wenn mir die Politik, insbesondere die hetzende Linke, den Unterschied zwischen 'Marktwirtschaft' und 'Kapitalismus' erklären könnte.
    Den Schlamassel, den wir jetzt haben, daran ist nicht zuviel 'Kapitalismus' Schuld, sondern provokant formuliert

    - zu wenig Marktwirtschaft (weil Manager für eingegangene Risiken nicht gerade stehen müssen; ist ja nicht ihr Geld)

    - zuviel Staat, in Form unverantwortlich handelnder Notenbanken, namentlich insbesondere Greenspan und eine Politik, die ein immenses Interesse an (zu) niedrigen Notenbankzinsen hat

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  5. Es ist doch wohl klar, dass die Politiker, die den Euro gegen den Willen des Wahlvolks und derart schlecht eingeführt haben, nun einen Sündenbock brauchen, um von ihrer eigenen Unfähigkeit abzulenken.
    Die Banker und Ratingagenturen sind da ideal: Reich, angloamerikanisch und häufig irgendwie mit jüdischem Namen, so dass man auch historisch auf Sündenbock-Linie bleibt.
    Bei den Ratingagenturen ist die Lage aber auch kurios: Wie sollen sie eine Situation beurteilen, wenn ihr Urteil die Situation weitgehend bestimmt?

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  6. genau das wollen die Politiker: Eine eigene Rating-agentur. Diese wird zwar eine Totgeburt sein (weil sie offensichtlich politische Abhängigkeiten hat), aber das interessiert Politiker nicht. Hauptsache eine neue Behörde.

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