Ratingagenturen am Ende?

Interessante Detailentwicklung.

Scheinbar sehen die Ratingagenturen Probleme mit dem US-Reformpaket für den Finanzsektor. Dabei geht es um erweiterte Haftung, die droht, sobald man den sogenannten "Expert Status" bekommt.

Dies würde bei der aktuellen Interpretation wohl dazu führen, dass eine Ratingagentur für das Rating eines Wertpapiers haftet, sobald dieses im Emissionsprospekt genannt wird. Daher empfiehlt die Ratingagentur Fitch jetzt, genau das nicht mehr zu machen.

Das Problem dabei: Ein großer Teil des Geschäfts der Ratingagenturen stammt genau aus diesem Bereich. Man erstellt ein Rating für eine Anleihe, damit die potenziellen Käufer das Papier besser beurteilen können und einen passenden Risikoaufschlag vornehmen. Wenn der Emittent der Anleihe dieses Rating nicht mehr in das Emissionsprospekt schreiben darf, wird er der Ratingagentur wohl keinen Auftrag mehr geben. Wofür auch?

Und so finanzierte sich halt das Modell: Bezahlt wurden die Ratings nicht vom Käufer der Anleihe, sondern vom Emittenten. Klar, genau das hat zu den bekannten Interessenskonflikten geführt: Im einfachen Fall haben die Ratingagenturen "nur" tendenziell zu gute Ratings vergeben, um den Kunden nicht zu verärgern und den Auftrag für die Bewertung der nächsten Anleihe zu bekommen. Im komplizierten Fall haben die Ratingagenturen sogar bei der Gestaltung der Bedingungen von komplizierten Papieren wie CDOs beraten und so quasi selber alle Einflussparameter für die Bewertung in einer Hand gehabt.

Jetzt kann man mit Recht sagen, dass dieser möglicherweise unbedachte Nebeneffekt des Reformpakets den Ratingagenturen endlich das Handwerk legt. Denn Schuld auf sich geladen haben die Ratingagenturen sicherlich genug. Allerdings wäre die Frage auch, ob die Welt wirklich besser wäre, wenn niemand mehr Ratings erstellen würde.

Ich hingegen vermute eher, dass die Interpretation übervorsichtig und voreilig ist und später noch klargestellt werden wird, dass die Ratings in den Emissionsunterlagen wie gehabt genannt werden dürfen, ohne dass die Ratingagentur in eine erweiterte Haftung kommt. Oder es wird mit einem 43-seitigen Disclaimer die Haftung ausgeschlossen.
Oder ein vielleicht noch einfacherer Workaround: Man baut ein Internetportal, das Emissionsprospekte und Ratings sammelt, so dass jeder Interessent in Sekundenbruchteilen das gewünschte Rating zum Papier finden kann. Dann steht es halt auf einer Seite bei Reuters oder im Netz und nicht direkt im Emissionsprospekt ...

Wenn das doch alles nicht so kommt und die Ratings damit wirklich ihre Existenzberechtigung verlieren sollten, bleibt die spannende Frage, ob die Änderung wirklich absichtlich so kam. Ich habe bei den Reformen immer das Gefühl, dass die Änderungen, die eine Wirkung entfalten, gar nicht Absicht waren, sondern eher so eine Art Kollateralschaden darstellen. Dazu sind mir in letzter Zeit einfach zu viele Sachen untergekommen, um die ein Riesenbrimborium gemacht wird, deren Wirkungen aber eher symbolisch bleiben werden (Bankenabgabe, Bonibesteuerung, EU-Banken-"Stress"test, ...).

Verlorene Generation: Rating-Agenturen vor dem Aus?
Weissgarnix: Vom Ende eines Geschäftsmodells

Update (17:29):

Beim aktuellen Stand der Dinge erwarten die Experten der Royal Bank of Scotland (RBS) übrigens nicht mehr und nicht weniger als ein (nahezu) vollständiges Versiegen des Stroms von Neuemissionen verbriefter Papiere ...

FT Alphaville: Rating agencies, Dodd-Frank and the ABS market

Update (22.07.10):

Im Spekulantenblog gibt es noch ein interessantes Posting zum Thema "Verantwortung" der Ratingagenturen und dort fragt man sich, was in anderen Berufen passieren würde, wenn diese die (mangelnde) Qualität ihrer Arbeit einfach mit einem Disclaimer abfangen würden. Zum Beispiel bei einem Statiker, der eine Brücke baut ...
Den Punkt wollte ich eigentlich auch erwähnen, habe es aber leider vergessen. Aber "da drüben" steht auch alles, was ich geschrieben hätte:

Spekulantenblog: Ratingagenturen, Angst vor der Verantwortung

Update (22.07.10):

Und heute auch in der FTD:


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