Solarstrom ist tot, alle Arbeitsplätze weg, das ganze Geld für die Katz ...

Im European findet sich ein Artikel, der mal kurzerhand die gesamte deutsche Solarbranche vor dem Ende wähnt, weil die Einspeisevergütung für Solarstrom gekürzt wird. Wer meine alten Artikel zu dem Thema kennt, dass ich das völlig übertrieben finde. Ich habe beim European auch zwei längere Kommentare hinterlassen, die die Basis für diesen Artikel darstellen. Bin gespannt, ob da jemand reagiert ...

The European: Sargdeckel zu, Solarstrom tot (Danke an m106 für den Hinweis).

Der Artikel konzentriert sich auf eine Änderung, die (so meint der Autor) die anderen übersehen haben. Stimmt aber nicht, ich kannte das ;-) . Die neue Einspeisevergütung hat eine neue variable Komponente bekommen. Ähnlich zu meinen Vorschlägen einer variablen, automatischen Anpassung wird jetzt die installierte zusätzliche Leistung erfasst. Die Vergütung wird stärker gekürzt, wenn mehr als 3,5 GWhp im Jahr dazukommen (und schwächer, wenn's weniger ist). Jeweils in 1 GWhp Schritten wird die Förderung um einen zusätzlichen Prozentpunkt gekürzt. Dies wird ab 2012 allerdings auf drei Prozentpunkte erhöht (das ist der weithin übersehen Punkt). Sollten 2011 als z.B. 6 GWhp installiert werden, sinkt die Vergütung um die normalen 9% plus nochmal 9% aus den 3 GWhp-Stufen.

Das beschreibt der Autor im Artikel richtig und es stimmt auch, dass das in der Presse eher selten berichtet wurde.

Auf dieser Basis leitet der Autor direkt den Tod der Einspeisevergütung ab und sieht 90% der deutschen Arbeitsplätze als quasi sicher vernichtet an. Dabei macht er aber mMn direkt mehrere Fehler:

Erstens geht er davon aus, dass die Senkung um 13% oder 18% nicht zu verkraften ist. Fakt ist aber, dass wahrscheinlich erst die Absenkung Anfang 2011 die Renditen von Solaranlagen auf ein halbwegs vernünftiges Niveau senken werden. Aktuell liegen die Renditen immer noch sehr hoch (um ein Vielfaches höher als die Rendite einer Bundesanleihe, siehe ZAHL DES TAGES (06.08.10): 7,4%). Und das nicht nur, wenn man ultragünstig eine Anlage abstaubt und die in einer sehr sonnenreichen Lage in Deutschland (Süden/Osten) aufstellt.
Daher glaube ich nicht, dass die Solarenergie bereits 2012 am Abgrund steht, denn bisher konnten die Kosten für die Anlagen immer um 10% oder mehr pro Jahr gesenkt werden. Was allgemein auch als eines der Ziele genannt wird, das das EEG erreichen sollte.

Zweitens werden Freiflächenanlagen gar nicht mehr gefördert und ein paar andere Anlagen ebenfalls deutlich kräftiger gekürzt als die Aufdachanlagen, die scheinbar als einzige im Artikel als Zahlenbasis dienten.

Drittens wurden im 1. Halbjahr 3,8 GWhp Anlagen neu installiert. Mit den unter zweitens angesprochenen Kürzungen UND der Absenkung um 13% ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass im zweiten Halbjahr deutlich MEHR an neuer Kapazität dazukommt. Ich kenne die Zahl 10.000 auch (kam von der Verbraucherzentrale) und habe auf der Basis die Solarschulden einmal durchgerechnet (ZAHL DES TAGES (09.07.10): 4). Die 3.800 sind aber aktueller (Bundesnetzagentur), siehe "NUR" 3,8 GIGAWATT ZUSÄTZLICHER FOTOVOLTAIKLEISTUNG IM 1. HJ 2010).

Viertens ist in das neue Gesetz eine DEUTLICH erhöhte Förderung des *selbstverbrauchten* Solarstroms eingearbeitet worden. Diese sorgt dafür, dass (neben der Einsparung von gut 20 Cent je KWh) noch weiteres Geld als Subvention fließt. Es wird also BEI WEITEM nicht nur das Geld für die Netzparität gezahlt, sondern wesentlich mehr. Der Artikel ignoriert diesen Punkt scheinbar komplett (oder kennt der Autor das nicht oder ist das noch aus dem Gesetz gestrichen worden und an ich habe das verpasst?)

Und ich würde ein paar Sachen, die zwar schon gesagt wurden, nochmal aufgreifen:

a) Wenn nach 60 Mrd. Euro (oder mehr) Solarschulden die Solarenergie immer noch nicht wettbewerbsfähig ist, hat man was falsch gemacht (ich kann auch sagen was: Man ist viel zu früh viel zu massiv in die Herstellung gegangen statt weiter erstmal weiter zu forschen (und vorher das Geld in Wärmedämmung etc. zu stecken, wo die CO2 Einsparung UND die Anzahl der entstehende Arbeitsplätze pro Steuereuro ein Vielfaches höher ist)
b) Die Solarlobby ist eine genausoschlimme Lobbysürge wie die Atom-/Kohle/etc-lobby.
c) Wenn nach der Kürzung der DEUTSCHEN Fotovoltaikeinspeisevergütung 90% der deutschen Arbeitsplätze wegfallen, kann der Exportschlager Fotovoltaik wohl auch als große Lüge abgeheftet werden. Ich dachte, wir verkaufen unsere tollen Solarzellen in die ganze Welt. Und jetzt fallen, nur weil EIN Land auf der Welt die Vergütung kürzt, 90% der Arbeitsplätze wieder weg?
d) Der Exportschlager EEG ist in den Ländern, die mir bekannt sind, immer mit einem Deckel versehen worden. OK, nicht von Anfang an, sondern erst dann, wenn die Kosten zu hoch waren. In Spanien liegt der Deckel für 2011 (IIRC) bei 500 MW, einem Bruchteil der in Deutschland geförderten Leistung. So einen Schwachsinn wie unbegrenzt Geld in die Fotovoltaik zu pumpen, hat sich nur ein Land geleistet. Am Ende wurde damit nur eine ziemlich große Blase aufgepumpt. Und jetzt jammern alle, wenn diese zu platzen droht.
e) Kein einziges Wort zu den Kosten der Solarenergie (Stichwort Solarschulden in einem hohen zweistelligen, wenn nicht gar dreistelligen Milliardenbereich)? Ernsthaft? Das soll Journalismus sein? Die Einspeisevergütung wird doch nicht aus Spaß und ohne Grund so massiv gekürzt.

Dass im Forum bei European fast ausschließlich Zustimmung zum Artikel kommt, überrascht mich nicht. Solarenergie ist in Deutschland extrem positiv besetzt. Fast jeder meiner Beiträge bei Telepolis zu dem Thema wird rot bewertet. Inhaltlich kommt da meistens nichts. Das letzte und beste Argument ist immer "Atomenergie wurde auch so stark gefördert". Dazu fällt mir nur ein, dass alle Menschen Fehler machen, der Intelligente aber jeden nur einmal ...

Dabei argumentiere ich ja gar nicht gegen die Solarenergie. Ich argumentiere auch nicht gegen das EEG. Ich argumentiere ausschließlich gegen eine *zu hohe* Vergütung. Denn die sorgt nur für hohe Kosten, ohne das Ziel zu erreichen, den Solarstrom so schnell wie möglich wettbewerbsfähig zu machen. Wenn man zu viel fördert, bekommt man nur hohe Stromkosten (Schulden) für den Verbraucher und hohe Gewinnmargen für Anlagenhersteller, Dachbesitzer und Solarfondskäufer.
Am Ende hat man eine so große Blase erzeugt, dass alle Angst vor dem Platzen bekommen. Ist halt das übliche Problem: Statt 30 oder 50 Tausend nachhaltiger Arbeitsplätze hat man dank künstlich überhöhter Subventionen jetzt eine Blase mit 100 Tausend geschaffen. Und dann fällt das Argument mit den wegfallenden Arbeitsplätzen auf fruchtbaren Boden.
Dass diese Arbeitsplätze deutlich mehr Subventionen verschlungen haben als die Kohlesubventionen für die Zechenarbeiter und genau so wenig wettbewerbsfähig sind, interessiert da scheinbar niemanden ...

Update (20.09.10):

Ich bin nicht der Einzige, dem der Artikel zu ähem einseitig war.

logicorum: Panikmacher bei der Arbeit – hier: Solarförderung und TheEuropean

Bemerkenswert ist dort die Stellungungnahme eines Mitarbeites von The European:
"Wir möchten uns (als Magazin) gar nicht inhaltlich mit Ihnen streiten, aber auf eine Kleinigkeit hinweisen: The European ist ein Debattenmagazin, das gerne auch Gegenmeinungen von bedeutenden Stimmen eine Plattform bietet. Im Autorenprofil ist auch der Hintergrund des Verfassers nachzulesen , damit sich kritische Leser eine Meinung bilden können."
Wir sind ein Debattenblatt, Fakten spielen keine Rolle?

Irgendwie erinnert mich das fatal an die Merkelsche Meinungsbildung zu Sarrazin, die auch weissgarnix und Frank Schirrmacher von der FAZ zum Nachdenken gebracht hat (auch wenn es beiden mehr um Meinungs*freiheit* als um die Meinungs*bildung* geht:

weissgarnix: Schirrmacher ist baff

Kommentare :

  1. Habe gestern den Artikel auch gelesen und bin dem Autor auch auf dem Leim gegangen.

    Danke für die genauere Betrachtung des ganzen.

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  2. zum Punkt a):
    Ich denke es wäre sinnvoll eine weitere Komponente der Förderung einzubauen. Und zwar, dass für die Höhe der Subvention einer Anlage neben dem allgemeinen Fördersatz, der gesamtwirtschaftlich verbauten Leistung und der Größe der jeweiligen Anlage auch ein verstärkter Anreiz für die Verbauuung von neuer Technologie gegeben wird. Afaik gibt es das (zumindest beim Biogas, wie es bei Photovoltaik aussieht weiß ich nicht genau) auch schon in Form von innovationsabhängigen 2 ct/kWh. Vielleicht ist das schwer zu operationalisieren, was als innovativ gilt. Ich könnte mir die Einführung einer abgwandelten Form des japanischen "Top-Runner" Prinzips vorstellen, sodass man indirekt die Innovationstätigkeit der Hersteller forciert.

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  3. Oh, jetzt bringst Du das Meinungsfreiheitsthema auch noch. Aber weder Schirrmacher noch WGN müssen die Meinungsfreiheit schützen. Sarrazin war auf jedem Sender zu sehen und zu hören, jeder Zeitung und fast jedem Blog zu lesen und seine hunderttausenden Bücher hat der Zensor auch nicht wiedereinsammeln lassen. Das er als Vorstandmitglied der Buba mehr Aufmerksamkeit erzielt als bei einem Karnickelzüchterverein und dass er in so einem politischen (!) Amt keine private Meinung haben kann, wenn er sie hunderttausendfach veröffentlicht, darauf hätte er auch so kommen können. Er wird auch nicht aufgefordert seine Meinung zu ändern. Aber er darf das Tablett nicht weiter nutzen, welches ihm solche Popularität ermöglicht. Staatsräson heisst nicht, die andere Wange hinzuhalten, sondern Stellung zu beziehen.

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  4. @anonym (3):

    Ich hab doch nur was zum Aspekt der Meinungs*bildung* geschrieben ... ( Ich stimme dir nämlich eigentlich zu, auch wenn es nicht für wirkliche Meinungsfreiheit halte, wenn man zwar alles sagen darf, aber nachher seinen Job los ist ...)

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  5. @Uli:

    Das droht aber zu einem bürokratischen Monster zu werden. Und öffnet den Lobbyisten eine riesige Spielwiese.

    Technische Innovationen fördert man auch, in dem man die Förderung nicht zu großzügig macht. Dann kann nämlich nur die modernste und kostengünstigste Technologie überleben.

    Was du mit Toprunner bezeichnest, war die Basis für einen älteren Artikel von mir:
    VORSCHLAG: EINSPEISEVERGÜTUNG FÜR EEG DYNAMISCH UND AUTOMATISCH ANPASSEN. Allerdings geht das rein über das Geld, nicht über eine technologische Bewertung.

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  6. Finde beide Ansätze nachdenkenswert.
    Weißt du ob jemand so ein dynamisches Degressionsmodell mal durchgerechtnet hat?
    Ich kam von der neuen endogenen (neoklassischen) Wachstumstheorie auf den Innovationsaspekt. Wäre ja nett, wenn man neben der Verbreitung von erneuerbaren Energien auch noch über positive Spillover-Effekte (nachhaltiges) durch F&E vorangetriebenes Wachstum schaffen könnte. ;-)

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  7. ja, ich glaueb schon, dass dein Modell noch besser sein könnte. Aber a) ist mir das aktuelle Anpassungsverfahren (ok, das ist schon besser als das davor) noch so schlecht, dass mein Vorschlag da eine signifikante Verbesserung darstellen würde, b) ist der Effizienzunterschied zwischen einem Euro Staatsgeld für Wärmedämmung und Solarenergie immer noch riesig und c) ist die technische Beurteilung schwierig. Ich bringe ein Beispiel: Es war vor zwei, drei Jahren für mich sicher, dass die Dünnfilmtechnologie (z.B. First Solar) der Markt der polykristallinen plättet. Es war einfach so viel billiger, dass der niedrigere Wirkungsgrad mehrfach kompensiert wurde. Dann aber brachen die Preise für Reinstsilizium ein, die Chinesen kamen mit billigeren Anlagen auf den Markt und in D-Land ist Dünnschicht immer noch kaum sichtbar. Hätte ich nie erwartet. Wer will sowas beurteilen? Ich halte das zwar eingentlich für erstrebenswert, ich halte nur die Umsetzung für sehr schwierig.

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  8. Ich meinte meinen letzten Post eigentlich auch nicht unbedingt als Widerspruch zu der von dir vertretenen Position, sondern meinte, dass ich sowohl den Rendite- als auch den Technologieansatz nachdenkenswert finde. :-)
    Deinen kritischen Einwand bezüglich der Schwierigkeiten bei der Operationalisierung von technologischem Fortschritt (durch die Regierung) finde ich sinnig.

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  9. Hab ich auch so verstanden. Als Ergänzung, nicht als Widerspruch.

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  10. Guter Artikel. Für Interessierte hier noch zwei Artikel zum grünen Lobbyismus, einer sehr lang:

    http://www.novo-argumente.com/magazin.php/dfa/artikel/novo108_28/
    http://www.novo-argumente.com/magazin.php/archiv/novo108_78

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