Zahl des Tages (05.09.10): 34%

Ich war noch nie ein großer Fan von Konjunkturprogrammen, weil mir die positiven Auswirkungen zu kurzfristig (Strohfeuer) und die Ausgaben zu hoch sind. Daher achte ich bei der Beurteilung auch eher darauf, wofür das Geld ausgegeben als wann und wie viel ... Energiesparmaßnahmen wie Gebäudesanierung zum Beispiel sind gut, weil sie neben dem konjunkturellen Effekt eben auch zu weniger Energieverbrauch UND besseren Gebäuden führt. Eine Abwrackprämie hingegen ist ziemlich Murks, weil dabei ein Haufen noch funktionierender Autos sinnlos vernichtet werden und die Gebrauchtwagenverkäufer die Zeche zahlen, weil diese bei einem Verkauf 1.000 oder 2.000 Euro weniger für ihr Auto bekommen.

Richtig kritisch werden Konjunkturprogramme vor allem beim Auslaufen. Zu häufig bricht der entsprechende Markt sofort zusammen, wie es gerade am US-Immobilienmarkt zu sehen ist (ZAHL DES TAGES (25.08.10): 276.000 oder ZAHL DES TAGES (24.08.10): -27,2%). Es ist halt ziemlich schwierig einen selbsttragenden Aufschwung künstlich zu inszenieren, exklusiver der staatlichen Förderung wächst die Wirtschaft in den USA wohl nicht (ZAHL DES TAGES (29.08.10): 1,7%).

Die USA sind jetzt genau an dieser Stelle: Die Wirtschaft ist immer noch wacklig und benötigt weiterhin Hilfen, die Löcher im Haushalt sind hingegen so groß, dass sich die US-Regierung überlegen muss, wann und wo sie aus den Konjunkturprogrammen aussteigt.

Denn die Löcher sind groß und können selbst mittelfristig wohl kaum so weiter finanziert werden. Das behaupte ich jetzt einfach mal frech, allerdings nicht ganz unfundiert: Die Frage wird in den Papers des IWF in Abschnitt IV ebenfalls gestellt und mit "Das Angebot an US-Staatsanleihen wird 29% höher sein als die Nachfrage" beantwortet.

Der IWF hat auch die andere Seite durchgerechnet, also wie massiv die Sparmaßnahmen oder auf der anderen Seite die Steuererhöhungen sein müssen, um den US-Haushalt wieder ins Lot zu bringen.

In dem Papier wird schon eine Zahl erklärt, die ich in dem Bloomberg-Artikel nicht glauben konnte, nämlich einem Financing Gap in Höhe von 14,4% des BIPs. Das habe ich aber falsch verstanden, denn es ging nicht um das Haushaltsdefizit, das lag in 2010 eher bei 11%. Auch die Steuereinnahmen fand ich mit 14,9% des BIPs viel zu niedrig. Zu niedrig stimmte, viel zu niedrig nicht. Aktuell werden die Steuereinnahmen für 2010 auf 16,8% des BIPs geschätzt. Das liegt etwas unter dem historischen Durchschnitt von 18,4%, was zu einem Teil an den Nachwirkungen der Rezession (Arbeitslosigkeit!), zu einem anderen an den Steuersenkungen der Bush-Ära liegt.

Man muss die 14,4% Finanzierungslücke aber als Worst Case sehen, denn dort wird ein vollständige Rückzahlung der Staatsschulden angenommen. Es sind einige anderen Szenarien durchgerechnet, die eine Rückführung der Schulden auf den Stand von 2008 (44% des BIPs) annehmen. Dabei wird ein Modell weiter durchgerechnet, das zu den "besseren" gehört und von einem Beginn der Anpassungen 2015 und einem Begrenzung der Gesundheitsausgaben (Medicare) ausgeht. Dabei beträgt die Finanzierungslücke 6,9% des BIPs (ohne Medicare-Begrenzung wären es schon wieder direkt 11,2%).

Im Fall der Finanzierungslücke von 6,9% müssten die Steuern in den USA um

34%

erhöht werden. Wohl gemerkt: Alle Steuern, die nach Washington gehen (Es gibt ja zB. auch noch die Mehrwertsteuer, die an die Bundesstaaten geht und z.B. Immobiliensteuern, die an die Kommunen gehen). Sollten nur Einkommensteuer und Lohnsteuer erhöht werden, müssten 40% aufgeschlagen werden, sollte nur die Lohnsteuer erhöht werden, müsste sich diese sogar mehr als verdoppeln (+119%).

34% sind natürlich heftig. Daher werden Kürzungen wohl kaum zu vermeiden sein. Im oben beschriebenen Szenario müssten selbst bei Kürzung aller Staatshilfen zu Medicare, Medicaid und sozialer Sicherheit die Steuern (alle!) noch um 18% steigen.

(Ich weise jetzt nicht nochmal darauf hin, dass das der 6,9% Fall ist und nicht der 11,2% Fall ...)

Allzu populär dürften solche Anpassungen nicht werden ...

Bloomberg: U.S. Is Bankrupt and We Don’t Even Know It: Laurence Kotlikoff

IWF: Selected Papers: VI. THE FINANCING OF U.S. FEDERAL BUDGET DEFICITS(PDF! ab Seite 52)

Zum US-Haushalt und den Steuereinnahmen:

Wikipedia: United States federal budget
About.com: U.S. Budget Taxes and Income Primer

P.S. Der Ökonom Laurence J. Kotlikoff errechnet übrigens auf Basis ähnlicher Zahlen ein US-Staatsdefizit von 202 Billionen (!) Dollar, was etwa 15 Mal so hoch wie das offizielle Defizit ist. Dazu muss man nur die versteckten Lasten aus dem Sozial- und Gesundheitssystem abdiskontieren.
Vielleicht hätte ich das zur Zahl des Tages machen sollen. So eine Hammerzahl wird immer gut verlinkt/getweetet/weitergemailt ...

Ähnliche Berechnungen (also inkl. Pensions- und Rentenverpflichtungen plus zukünftiger Sozial- und Gesundheitskosten gibt es auch für Europa: ZAHL DES TAGES (11.02.10): 884%)

Update (22:56):

Nach den nötigen Steuererhöhungen wären die Steuern in den USA übrigens fast so hoch wie in Deutschland. Ich glaube auch einfach nicht, dass es ohne Steuern in der Größenordnung, wie wir sie haben, ein halbwegs vernünftiger Staat mit Infrastruktur, Gesundheits- und Sozialsystem finanzierbar ist. Statt dauernd über die Frage zu diskutieren, wie hoch die Steuern sein sollten, sollte man über die sinnvolle Verwendung von  Steuergeld nachdenken.

Update (06.09.10):

Das wollte ich gestern eigentlich schon einbauen, habe es aber nicht wiedergefunden. Kein Wunder, hatte den Link im Büro offen.

Selbst bei einer Haushaltslage, die so desaströs ist wie zur Zeit in den USA, findet sich jemand, der "Tax cuts" fordert. FDP reloaded ...

Eigentlich geht es aber mehr um die globalen Ungleichgewichte, auch wenn Ferguson ein wenig konsistentes Bild entwickelt. Am Anfang lobt er Deutschland, weil es am wenigsten auf Konjunkturprogramme gesetzt hat und dann kritisiert er Deutschland dafür, dass es über zu viel Export auf Kosten seiner Nachbarn lebt. Hmmm ...

Kommentare :

  1. Geile Aussichten...ich würde mein Geld lieber in ein Aktienfonds anlegen als in US-Staatsanleihen.

    AntwortenLöschen
  2. Das vergessen die Befürworter der Konjunkturprogramme immer: Irgendwann muss irgendjemand die Rechnung bezahlen.

    Konjunkturprogramme finanzieren sich genauso wenig selber wie Steuersenkungen (was die FDP ja immer gerne behauptet).

    AntwortenLöschen
  3. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

    AntwortenLöschen
  4. Es ist nicht viel mehr eine Frage, wie das Geld investiert wird?

    Der Unterschied zur Verwendung von Steuern liegt bei Konjunkturprogrammen in erster Linie im (Zeit)Druck in dem über die Verwendung entschieden wird?

    Zumindest bringt die Verzögerung manchen Leuten die Möglichkeit ihr Geld zu verschieben..

    Das Problem scheint mir viel mehr, dass die zugrunde liegenden Probleme nicht angegangen werden.

    AntwortenLöschen
  5. Mein "wie" bezog sich übrigens nicht nur im Speziellen auf die Konjunkturprogramme, sondern auf alle Staatsausgaben generell.

    Tja, grundlegende Probleme? Als die wären?

    AntwortenLöschen
  6. Es wäre für dich sicherlich interessant dich mal mit der sogenannten Modern Monetary Theory (MMT) auseinanderzusetzen, das ändert das Weltbild doch enorm. Dafür ist allerdings ein wenig Zeit nötig, die die meisten Menschen nicht übrig haben.

    Zum Anfixen helfen die Posts in der Kategorie Debriefing 101 im folgenden Blog: http://bilbo.economicoutlook.net/blog/?cat=11

    Zum Einstieg hilft eventuell folgender Artikel mit den darin verlinkten Artikeln: http://bilbo.economicoutlook.net/blog/?p=8117

    Viel Spaß beim Lesen ;)

    Und deshalb: Konjunkturprogramme finanzieren sich (in den meisten nicht EUR-Staaten) dann doch gewissermaßen von selbst, da der Staat (wiederum nicht EUR-Staaten) sich nicht durch Steuern finanziert.
    Aber für diese Einsicht muss man notgedrungen leider ein wenig Zeit aufbringen, dann kommt sie aber ziemlich sicher.

    AntwortenLöschen
  7. Nicht nur, aber wegen dem Strohfeuer-Probems, würde ich das Geld an Eltern verteilen die ihr Kind zeugen während das Programm läuft. Ausgezahlt wird natürlich lange vor der Entbindung, Betrug wird halt bestraft, und der Arzt muss die Schwangerschaft bestätigen.
    Kinder ziehen Folgekosten und somit Ausgaben nach sich, und führen zu einer langfristigen Wachstumsperspektive.

    Immer vorausgesetzt man macht überhaupt ein Konjunkturprogramm. Letztlich ist es immer Geld das man anderen wegnimmt (Geldinflation).

    AntwortenLöschen
  8. Wenn der Gedanke, dass das Geld, das verteilt wird, immer das Geld ist, das ich jemand anderem vorher weggenommen habe, in allen Köpfen drin ist, wäre schon viel gewonnen. Bei den Leuten, die das Geld bekommen. Bei denen, die das umverteilen. Bei denen, die von der Umverteilung leben. (Auf der anderen Seite gilt das natürlich auch: Die Steuern sind nicht weg, es passiert damit etwas).

    Aufgabe bei der Umverteilung sollte konsequent gedacht nicht nur der soziale Ausgleich sein, sondern auch in die Investition in die Zukunft. Geld an (werdende) Eltern zu verteilen, finde ich übrigens nicht die cleverste Idee (OK, sie geben sie direkt wieder aus, der Konjunkturimpuls ist also da), sondern in der Betreuung der Kinder ist soviel noch offen, dass man da problemlos einen Haufen Geld investieren kann. Kostenlose, bessere KiTas, bessere Schulen, Ganztag überall und mit richtiger Betreuung durch Fachkräfte, ...

    AntwortenLöschen
  9. @Christian:

    Den BilBo habe ich schon auf meiner Reading List, aber so richtig den Dreh habe ich dazu noch nicht gefunden. Vielleicht hilft dein Hinweis jetzt, mich damit zu beschäftigen.

    AntwortenLöschen
  10. Zur leichten Einführung ins Thema eignet sich übrigens das Buch von Warren Mosler recht gut. Link zum PDF
    Das ist nicht sonderlich lang und lässt sich relativ gut lesen, obwohl ein wenig mehr Sorgfalt beim Lektorat nicht geschadet hätte.

    Für mehr Tiefgang ist das Billy Blog aber meines Erachtens besser geeignet, dort wie gesagt die Debriefing 101 Kategorie.

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für Deinen Kommentar.

Sorry. Es sind leider keine anonymen Kommentare mehr möglich. Ich werde von mehr als 50 Spamkommentaren pro Tag geflutet und habe keine Lust, diese von Hand zu scannen, um darin alle drei Tage einen anonymen Kommentar zu finden, der veröffentlicht werden kann. Meldet Euch bitte an. Sorry für die Umstände.

Related Posts with Thumbnails

egghats Amazonstore