Zahl des Tages (26.09.10): 449,06

Wir trauern. Toxie ist von uns gegangen.

Allerdings freue ich mich schon, dass ich das mitbekommen habe. Denn ich fand das Experiment der Sendung "Money Planet" auf NPR (National Public Radio) toll, einfach mal eines der Giftmüllpapiere zu kaufen und die Entwicklung zu verfolgen. Den Namen Toxie haben übrigens die Hörer gewählt (siehe ZAHL DES TAGES (02.04.10): 337)

Anfang des Jahres wurde ein Papier für 1.000 Dollar gekauft, das bereits knapp 99% Kursverlust hinter sich hatte (Nennwert 75.000 Dollar).

Toxie war ein CDO. Das waren die tollen Papiere, bei denen ein Haufen Hypotheken von unterschiedlicher Qualität in einen großen Topf geworfen wurden. Diese wurden dann in Scheiben geschnitten. Die Zinszahlungen wurden gleichmäßig über die Scheiben verteilt (was ja normal bei Verbriefungen ist), die Verluste (=Ausfälle) aber nicht. Wenn eine Hypothek ausfiel, weil der Gläubiger nicht mehr zahlen kann (oder will), schlug der Verlust zuerst allein in der untersten Tranche zu. Wenn diese Scheibe aufgebraucht ist, verfällt diese und die nächsthöhere Tranche wird angegriffen.

Ziel dieser Art von Verbriefung war es, die Verluste in der besten, obersten Tranche so unwahrscheinlich zu machen, dass die Ratingagenturen darauf ein AAA Rating kleben konnten. Die unteren Tranchen waren schlechter bewertet, die unterste natürlich am schlechtesten. Trotzdem hatte man aus viel Müll ein Papier gebastelt, das zumindest zu einem großen Teil AAA war und damit für viele Pensionskassen interessant wurde.

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die schlechten Tranchen viel zu dünn und die AAA-Tranche viel zu breit war. Und dass das ganze Konstrukt weder darauf vorbereitet war, massenhaft Schrott zu verbriefen, noch darauf, dass die Immobilienpreise im Schnitt um 30% einbrechen.

In den ersten zwei Monaten des Jahres trafen 337 Dollar Zinszahlungen ein, es sah also eigentlich ganz gut aus. Noch ein paar Monate mit Zahlungen und der Einsatz wäre wieder hereingeholt. Im März gab es eine weitere Zahlung und ein Stand von

449,06 Dollar

wurde erreicht. Im April kündigte sich aber schon das Ende an, denn da ging kein weiteres Geld ein. Nun wurde im neuen Halbjahresbericht deutlich, dass die Gerüchte vom Tod nicht übertrieben waren. Die Verluste haben Toxie aufgefressen und ab April knabbern die Zahlungsausfälle die nächsthöhere Tranche an.

Hauptgrund für den schneller als erwartet eingetretenen Tod sind übrigens die Loan Modifications. Darunter fallen zum Beispiel die Geschäfte, bei denen sich die Bank das Haus sichert, die Hypothek platzen lässt, aber im Gegenzug den ehemaligen Besitzer gegen Miete in der alten Immobilie wohnen lässt. Der Besitzer von "Toxie" hat bei diesem Geschäft scheinbar kein Mitspracherecht.

Hier zeigt sich wieder eines der Grundprobleme in der Verbriefung: Solange eine Hypothek bei einer Bank lag, gab es ein klares Vertragskonstrukt zwischen zwei Parteien, dem Immobilienkäufer und der Bank. Das war sauber. Nun aber wurde die Haftung, die Verträge, die Zinsen und die Ausfälle auf unterschiedliche Parteien und Konstrukte verteilt.
Nun kann eine Bank mit dem Hausbesitzer einen neuen Vertrag aushandeln und der Besitzer von Toxie schaut in der Röhre. Das ist natürlich genauso bescheuert wie die Hypothekenvermittlung vor drei oder fünf Jahren, als auch schlechteste Schuldner eine Hypothek bekommen konnten, weil der Vermittler oder die Bank das Risiko nicht in den eigenen Büchern halten mussten (dann hätten sie die Hypothek nie abgeschlossen), sondern das Risiko schnell weiterverbriefen konnten.

NPR: Toxie's dead

Und weil die Leute beim NPR ziemlich cool sind, haben sie den Tod von Toxie auch in ein Stück Musik gegossen: And now sing along: "She's Toxie, the toxic asset. We love every complicated facet. She's your pet ZMO, but you'll never know if this cash flow is your last get."

The Toxie Song. Lyrics by Andrew Breton. Music and recording by James Gammon.

Kommentare :

  1. Toller Beitrag, auf die Idee muss man zuerst kommen.

    AntwortenLöschen
  2. I heart NPR. Und egghat, wenn er einen Podcast machen und Lieder über toxische Wertpapier schreiben würde.

    AntwortenLöschen
  3. Dem Ersten stimme ich zu. Dem Zweiten nicht. Das halten deine von guter Musik verwöhnten Ohren nicht aus ;-)

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für Deinen Kommentar.

Sorry. Es sind leider keine anonymen Kommentare mehr möglich. Ich werde von mehr als 50 Spamkommentaren pro Tag geflutet und habe keine Lust, diese von Hand zu scannen, um darin alle drei Tage einen anonymen Kommentar zu finden, der veröffentlicht werden kann. Meldet Euch bitte an. Sorry für die Umstände.

Related Posts with Thumbnails

egghats Amazonstore