Zwei Nachträge zur US-Arbeitslosigkeit

Als kleines Update zu den US-Arbeitslosenzahlen vom vergangenen Freitag (ZAHL DES TAGES (03.09.10): 9,6%) möchte ich noch zwei Links nachschieben. Es gibt ja einige, die die Zahlen für total manipuliert halten und quasi jeden Monat versuchen, die negativen Aspekte herauszupicken. Das ist aber mMn neben der Spur (ohne die Lage beschönigen zu wollen), ich glaube, dass die Daten plausibel sind.

a) Bei Econbrowser wird die Zahl aus dem Household-Survey und der Establishment Data verglichen. Danach ist die Anzahl der Arbeitsplätze aus der Household Survey stärker gestiegen als die Zahl der Arbeitsplätze aus den Establishment Data (die offiziell die Quelle für die Zahl der Arbeitsplätze ist).

Außerdem deckt der Anstieg der gearbeiteten Stunden die Erholungstendenz am US-Arbeitsmarkt. Das behaupte ich ja schon länger, es ist aber mal schön, das in einer Grafik zusammengefasst zu sehen.

Econbrowser: Snapshots of the Employment Situation, August 2010

b) Michael Shedlock (mish) ist (wie so oft) skeptischer und weist darauf hin, dass das Birth-Death-Model wieder 115.000 Arbeitsplätze aus dem Nichts erzeugt hat. Mit dem Birth-Death-Modell wird für jede aus dem Markt geschiedene Firma (sprich Pleite gegangen) eine neu gegründete mit neuen Arbeitsplätzen angenommen. Damit möchte man die neuen Arbeitsplätze erfassen, die man ansonsten über keine Datenquelle geliefert bekommt. Das ist im Prinzip nicht komplett schwachsinnig, allerdings auch ziemlich intransparent.

Ähnliches gilt für die Komponente NILF (not in labor force), bei der auch niemand die Schwankungen nachvollziehen kann. Was zu ziemlicher Verwirrung führt, denn oft sind die Änderungen im NILF genau so groß bzw. größer als die Änderungen bei der Anzahl der Arbeitsplätze.

Mish's Global Economic Analysis: Jobs Decrease by 54,000, Rise by 60,000 Excluding Census; Unemployment Rises Slightly to 9.6%; A Look Beneath the Surface

Ich gleiche die offiziellen Arbeitsmarktzahlen aus den USA immer untereinander ab: Die Zahlen aus der Household Survey mit der Establishment Data. Und die Entwicklung der Arbeitslosenquote mit der Wochenarbeitszeit. Die Entwicklung beim Birth-Death-Model und NILF. Die Zahlen von ADP. Dabei zeigten sich im Abschwung massive Divergenzen, die fast immer zu deutlichen, nachträglichen (Abwärts-)Korrekturen führten. Im Moment sehe ich solche Abweichungen aber nicht. Die Zahlen sind plausibel und stimmig und zeigen eine leichte Verbesserung an.


Trotzdem ist die Lage natürlich alles andere als berauschend, nur muss man für diese Analyse keine Manipulation der Zahlen unterstellen.

Allein die am weitesten gefasste Definition der Arbeitslosen U6, inkl. allen, die die Jobsuche aufgegeben haben, die zwangsweise nur Teilzeit arbeiten können (obwohl sie gerne Vollzeit arbeiten würden), zeigt mit einem Wert von 16,7% die ganze Schwäche des Arbeitsmarkts in den USA an.

Schlimmer ist noch, dass sich die Fähigkeit der US-Wirtschaft, im Aufschwung schnell Arbeitsplätze zu schaffen, scheinbar abgeschwächt hat. Barry Ritholtz schreibt darüber schon lange (siehe z.B. hier:
The Big Picture: The Mother of All Jobless Recoveries?). Man kann direkt in einer Grafik (die ja bei Calculated Risk auch immer kommt) sehen, dass die Zeitdauer nach der Rezession 2001/2003, die es braucht, um die verloren gegangenen Arbeitsplätze wieder neu zu schaffen, *viel* länger war als in den Rezessionen zuvor. Und die letzte Rezession sieht in dieser Hinsicht noch viel schlechter aus. Eine Studie der Rutgers Universität schätzt, dass erst 2017(!) wieder so viele Arbeitsplätze vorhanden sein werden wie vor der Krise.

Im Artikel bei Econbrowser gibt es dazu eine schöne Grafik mit der Korrelation zwischen BIP-Wachstum und Anzahl der Arbeitsplätze. Darin kann man leicht erkennen, was schon seit einigen Jahren als "jobless recovery" durch die Medien geistert. Die Anzahl der Arbeitsplätze in den USA ist schon in der Erholung 2003-2008 außergewöhnlich schwach gestiegen. Ein Trend, der sich seit 2008 noch verschärft hat. Die grünen Punkte in der Grafik (also ab 2008) sind allesamt weiter links unten als in den Jahren zuvor: Pro Prozentpunkt BIP-Wachstum werden also weniger neue Arbeitsplätze geschaffen als früher. Die USA brauchen also immer mehr Wachstum, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. Und wo dieses herkommen sollen, ist fraglich.

Und das ist das größte Problem, das die USA haben: Es wird mehr Wachstum benötigt als früher. Und das ist fraglicher als früher, denn einfach über mehr Schulden zu wachsen, funktioniert nicht mehr.

Wenn man die Analyse zu Ende denkt, kann das Ergebnis eigentlich nur Deflation bedeuten ...

Kommentare :

  1. Es wird tendenziell noch schlimmer als bei der Erholung nach 2001 / 2003.
    Wir haben jetzt nicht mehr die Geldmaschine der Häuser, und die Outsourcingtendenzen auch der uramerikanischen Firmen ist ungebrochen, z.B.:
    http://www.ftd.de/unternehmen/industrie/autoindustrie/:amerikanischer-arbeitsmarkt-us-autobauer-stuermen-nach-mexiko/50127411.html

    Deswegen sind vor allem die Beschäftigten in der produzierenden Branche immer noch stark unter Druck, bzw. haben in der Krise prozentual am stärksten verloren.

    Wie man das Land ohne neue Geldmaschine und nur mit Dienstleistungen wieder in einen Wachstumsmotor verwandeln kann, erschließt sich mir noch nicht.

    Infrastrukturmaßnahmen auf Pump (Staat) wären eine Möglichkeit, diese wurde schon in den 30ern gemacht und auch China generiert sein Wachstum ab 2008 auf diese Art und Weise. Allerdings hat China eine funktionierende Immobilienblase, um dies zu unterstützen.

    Ein Nachtrag zu der offiziellen Datenerhebung: Diese wird soviel ich weiß telefonisch durchgeführt?
    Damit fallen dann die obdachlos gewordenen 99er durch das Raster, genauso Arbeitslose die die Telefonrechnung nicht mehr begleichen konnten. Das sollten allerdings noch nicht so viele sein (etwas über 2 Millionen).

    Desweiteren betrachte ich gerne die Kurve der Foodstamps-Bezieher. Diese Kurve zeigt weiterhin nach oben, nur etwas langsamer:
    http://wirtschaftquerschuss.blogspot.com/2010/09/41275-millionen-mit-food-stamps.html
    Hier ist noch keinerlei Entlastung zu sehen, noch nicht einmal die Zensus-Einstellungen konnten hier einen kurzfristigen Knick einbauen. Erst wenn hier der Trend gebrochen ist, kann man von einem breiten Aufschwung reden.

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  2. Mish hat einen sehr langen Artikel zu U6, Food Stamps, etc und was sagen diese über Armut aus:

    Destitue Index

    Lesenswert (nicht verlinkt, weil ich das zuu weitergehend fand)!

    Tja und wie die USA wieder produzierend werden sollen? Das wird nicht einfach, weil man solche Entscheidungen nicht in ein paar Monaten wieder umbiegt. Eine einmal verlegte Produktion bleibt normalerweise verlegt. Fabriken werden ja nicht für drei Monate gebaut ...

    Obama hat jetzt zwei IMHO sinnvolle Programme angekündigt: a) 100% Abschreibemöglichkeit für Investitionen b) 50 Mrd. für Infrastruktur. Beides geht in genau die richtige Richtung

    Übrigens ist die USA auch nicht sooo deindustrialisiert wie man oft denkt. IIRC sind die immer noch größter Hersteller von Produkten auf der Welt (vielleicht inzwischen von China überholt). Honda, Nissan, Toyota, etc. produzieren z.B. alle in den USA.

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