Zahl des Tages (10.10.10): +0,88

Eigentlich hiess der Artikel "Wenn die Zinsen fallen, steigen die Aktienkurse.  Oder auch nicht." Aber irgendwie ist der Artikel noch online gegangen. Und ich habe mich schon gewundert, dass der Artikel keine Kommentare gebracht hat ... Naja, und weil's schon so spät ist, mach ich daraus einfach mal eine Zahl des Tages ...

Es ist eins der gängigsten Modelle zur Aktienbewertung: Man nimmt das Aktien-KGV und das Renten-KGV. Das Renten-KGV ist dabei der Kehrwert der Rendite: Also wenn der Zins bei 2% liegt, ist das Renten-KGV 50.

Nun gilt die Regel, dass die beiden KGVs direkt vergleichbar sind und man immer das kaufen sollte, was gerade am billigsten ist (also das niedrigste KGV hat).

Die Begründung ist plausibel: Wenn die Zinsen fallen, ist das gut für Aktien, weil damit die Anleihe als  Konkurrenz der Aktie uninteressanter wird. Nach diesem Modell sind Aktien im Moment unglaublich preiswert, weil die Renten-KGVs sehr hoch, im Fall von Japan (0% Leitzins) sogar unendlich hoch sind.

Ich habe dieses Modell schon immer kritisch gesehen. Es war mir (auch wenn der grundlegende Zusammenhang plausibel ist) zu einfach und ganz nebenbei sind die Werte bei niedrigen Zinsen schon auf den ersten Blick kompletter Schmarrn.

Und es zeigt sich nun, dass es nicht nur Phasen gibt, in denen dieser Zusammenhang nicht nur nicht gilt, sondern es sogar Phasen gibt, in denen sich dieser ins Gegenteil umkehrt. Es gibt also Phasen, in den Aktien UND die Zinsen sinken. Und zwar ganz schön lange Phasen ...

Im Beispiel wird bei Creditwritedowns nicht das KGV genommen, sondern das Kurs-Buchwert-Verhältnis (ein anderer Parameter, mit den man Aktien bewerten kann). Das KBV hat u.a. den Vorteil, dass es wesentlich stabiler ist als die stark schwankenden Gewinne. Das KBV wird mit der Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe verglichen.

Im Zeitraum von 1993 bis 1998 verhielten sich die beiden Werte wie im Aktien-vs-Renten-KGV-Modell beschrieben: Die Korrelation war stark negativ (-0,73), sprich fallende Zinsen sorgten für steigende Aktienbewertungen. (Eine Korrelation von -1 heisst, dass sich die Kurse *exakt* entgegengesetzt verlaufen, bei +1 laufen die Kurse genau gleich).

Im Zeitraum von 1999-2009 hat sich der Zusammenhang aber komplett ungekehrt: Jetzt ist die Korrelation auf einmal

+0,88!

Mit fallenden Zinsen fallen also auch die Bewertungen! Das ist natürlich ziemlich unlogisch und macht eigentlich nur Sinn, wenn wir in einer Deflation stecken würden (denn dann sinkt alles).

Auch wenn ich es nicht erklären kann, ist es mMn wichtig, sich zu merken, dass man sich die Simpel-Strategie mit dem Aktien-KGV und dem Renten-KGV knicken kann. Und jedem Experten, der das als Begründung für steigende Aktienkurse liefert, sollte man den Artikel bei Creditwritedowns um die Ohren hauen ...

Shifting Correlations | Credit Writedowns

(Update 22:22):

Habe ich damit jetzt eigentlich was Böses über den Herdentrieb geschrieben? (war nicht meine Absicht ...)

Herdentrieb: Niedrige Anleiherenditen machen Dividendenwerte attraktiv

Kommentare :

  1. Für die Konjunktur sind fallende Zinsen jedoch nicht zuträglich. Aus diesem Grund erwägt auch die EZB die Anhebung des Leitzins von derzeit 1,00 %.

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  2. In der klassischen Ökonomie sind fallende Zinsen gut, weil sie für niedrigere Kapitalkosten sorgen. Doofes Beispiel: Wenn du 5% Rendite erwartest, wirst du bei 6% Zins die Investition nicht machen. Bei 4 vielleicht, bei 3 ziemlich sicher.

    Oder: Wenn du 800 Euro Miete bezahlst und für 200.000 ein eigenes Haus kaufen kannst, wirst du das bei 8% Zinsen nur machen, wenn du unbedingt ein Haus haben möchtest. Bei 3% Zinsen wärst du aber doof, wenn du nicht umziehen würdest ... Das Haus bezahlt sich dann ja von selbst ...

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  3. Also von Finanznachrichten.de Spam-Kommentaren hätte ich eigentlich mindestens erwartet, dass sie
    a wenigstens etwas Ahnung von Wirtschaft haben und b) mein Blog mit ihren NoFollow-Links in Ruhe lassen, weil es sich eh nicht lohnt. ...

    Dilettanten mal zwo?

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  4. was echte unternehmerische Investitionen betrifft, also nicht irgendwelche mitunter auch noch satt gehebelten Finanzmarktinvestitionen, wage ich zu bezweifeln, ob solche Investitionen durch Herunterschleusen des Zinsniveaus von 3% auf 1% (wie in den letzten zwei Jahren geschehen) wesentlich befördert werden können. Wenn ein Unternehmer eine gute und nicht nur eine lauwarme Idee hat, dann wird er die Investition auch bei 5%, 8% oder sogar noch bei höheren Kapitalkosten machen. Investitionen, die unterbleiben, weil die Zinsen mit 2% zu hoch sind, aber mit 0,5% satte Gewinne versprechen, entspringen eher der Giftküche der Finanzindustrie. Führt dann zu einer kurzen Scheinblüte, wo sich ale freuen, wie toll die Konjunktur wieder angesprungen ist

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  5. Naja, das von mir gebrachte Beispiel eines Immobilienkaufs würde ich schon echt nennen. Und da ist der Zins entscheidend. Und natürlich hören bei 8% nicht alle auf ein Haus zu kaufen und bei 3% kauft immer noch nicht jeder. Aber was niedrige Zinsen bewirken können, hat die Immobilienblase in den USA glaube ich gerade beeindruckend gezeigt ...

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  6. um meinen Kommentar nicht ausufern zu lassen habe ich die Einschränkung mit dem Immobilienkauf weggelassen. Zehntelprozente spielen eine Rolle bei Investitionen, wo die künftigen Zahlungsströme ziemlich genau prognostiziert werden können. Immobilien sehe ich im Grunde auch nicht als 'echte Investitionen', denn mal ehrlich, Häuser zu bauen, das bringt uns gegenüber dem Rest der Welt was Wettbewerbsfähigkeit, technischer Fortschritt, hohes Lohnniveau betrifft, nicht so richtig voran. 'Echte Investitionen' haben nach meiner Ansicht sehr oft ein hohes unternehmerisches Risiko mit hohem Unsicherheitsfaktor. Deshalb sind die Zinsaufschläge bzw. die Diskontierungssätze eher üppig bemessen. Eine solche Investition scheitert nicht, weil die Notenbankzinsen mit 3% zu hoch wären und mit 1% gerade richtig.

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  7. Es ist ja richtig, dass ein großer Teil der Investitionen nicht vom Zins abhängt. Aber ein Teil tut es doch. Wenn jetzt der Immobilienmarkt in den USA trotz der niedrigsten Hypothekenzinsen aller Zeiten nicht in Schwung kommt, liegt das aber weniger daran, dass der Zinszusammenhang weg ist, sondern dass die potenziellen Käufer noch weiter sinkende Preise erwarten. Und keinen Zinsanstieg. Also wartet man ab. Eine Drohung mit steigenden Zinsen *könnte* Wunder bewirken ... Vielleicht aber auch nicht, wenn das Angebot so hoch ist, dass die potenziellen Käufer erwarten, dass die Preise schneller fallen als die Finanzierungskosten steigen ...

    (Und klar, es gibt auch grundsätzlich gegenläufige Effekte. In Japan sieht man es auch. Die japanischen Haushalte hatten so hohe Ersparnisse, dass die niedrigen Zinsen die Einkommen der Haushalte sogar gesenkt haben.)

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  8. Zinsabhängig schon. Mich stört nur der Riesenbohei, der seit Menschengedenken um 'zu hohe Notenbankzinsen' gemacht wird. Immer wieder liest man von Unternehmern, dass sie sich nicht über zu hohe Zinsen beklagen, sondern mehr über eine übertrieben restriktive Kreditvergabe von seiten der Banken. In den Ohren mit angeblich zu hohen Zinsen liegt uns regelmäßig die Finanzindustrie mit ihren auf Hundertstelprozent gerechneten Giftmüllinvestitionen, die uns scheinbaren Wohlstandszuwachs vorgaukeln.

    Ketzerische Forderung: wäre es nicht angesichts einer boomenden deutschen Wirtschaft (3%?) höchste Zeit für moderate Zinserhöhungen durch die EZB? Die Lohnforderungen werden neuerdings ja sogar durch FDP-Minister befeuert. Wenn China noch seine Währung aufwertet, ist ein Inflationssprung eher eine Frage von Monaten als von Jahren ... :D

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  9. Ind er EU findest du nie ein passendes Zinsniveau. Griechen, Iren und Spanier bräuchten Null Prozent, Deutschland wahrscheinlich eher 3%.

    Das ist ja eines der Grundprobleme der EUrozone: Völlig unterschiedliche Volkswirtschaften, unterschiedliche Wirtschafskonzepte, völlig unterschiedliche Probleme, aber ein einheitlicher Zins.

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