Zahl des Tages (11.10.10): 9,27

Ich versuche ja immer, nicht nur die Zahlen aus der Hölle zu bringen (auch wenn das mehr Drama Drama Baby und (spürbar) mehr Leser bringt), sondern auch bei guten Zahlen oder bei Erholungen wieder auf's Thema hinzuweisen.

Am Wochenende hat sich IWF Strauss-Kahn in einem Interview gemeldet und laut überlegt, ob man die bisher geplanten Rückzahlungsfristen für Griechenland im Zweifelsfall nicht verlängern könne bzw. müsse. Falls sich die EU dazu entscheiden sollte, so versicherte Strauss-Kahn, würde der IWF diese Entscheidung mittragen.

Jetzt könnte man diese Nachricht negativ bewerten und sagen: Obacht, die Griechen schaffen es also trotz aller Sparmaßnahmen nicht, ihre Schulden beim IWF und der EU fristgerecht zurückzuzahlen. (Das Wort "Obacht" wollte ich schon immer mal benutzen ....).

Die Finanzmärkte sahen das aber anders und zwar komplett. Die Renditen der griechischen Staatsanleihen gingen kräftig zurück. Die Rendite der zweijährigen Anleihe sank um 32 Basispunkte auf 7,57%, die Rendite der zehnjährigen Anleihe sogar noch kräftiger um 50 Punkte auf

9,27%.

Die Kosten für Kreditausfallversicherungen auf griechische Staatsschulden sanken ebenfalls um etwa 30 Punkte.

Warum die positive Reaktion? Die Märkte waren der Meinung, dass mit dem IWF Angebot einer Verlängerung der Schuldenrückzahlung die Wahrscheinlichkeit für eine Restrukturierung der griechischen Schulden gesunken ist.

Vor einer Pleite gibt es nun scheinbar noch einen Ausweg. Zusammen mit den Aussagen, dass die griechische Regierung auf dem richtigen Weg sei, sorgte diese Überlegung für einen Kursgewinn (=Renditerückgang) der griechischen Anleihen wie seit Langem nicht mehr.

Business Week: Greece Leads Drop in Sovereign Debt Risk as IMF May Extend Loan

Aus Deutschland gab es zwar ein Nein zu diesen Überlegungen, aber angesichts des Gehampels bei der ersten Rettung ("Madame Non") maß niemand diesem Dementi eine wirkliche Bedeutung bei. Deutschland wird im Zweifelsfall am Ende eh zustimmen.

Griechenland: Germany Opposes Extending Greek Repayment Schedule

Auch die Nachricht, dass die europäischen Statistikbehörde Eurostat die griechischen Bücher und Schulden erneut unter die Lupe nimmt, beeindruckte nicht mehr. Auch wenn dort mit einer Erhöhung des Haushaltsdefizits auf 15,1% des BIPs im Jahr 2009 und einem Gesamtschuldenstand von 127% des BIPs (letzte Schätzung 115%) gerechnet wird.

Griechenland mit 15,1% Defizit in 2009
Handelsblatt: Griechenlands Schuldenberg größer als bisher bekannt

Update (12.10.10):

Heute geht es mit der Rendite der Zehnjährigen übrigens nochmal kräftig nach unten: Mit 22 Punkten Minus liegt sie jetzt "nur" noch knapp über 9 Prozent.

Kommentare :

  1. Ich will mal mit einer Zahl antworten:

    ca 3,5% vom BIP

    Dies war die Reparationszahlung Deutschlands nach dem 1. Weltkrieg, welche unter anderem die Inflation 1923, den "Ruhrkampf" und die Überschuldung und Instabilität 1929 ausgelöst und bestärkt hat.

    Das Griechenland mehr als 10% vom BIP als Reparation (angerichteter Kreditschaden) an das Ausland abführen kann, halte ich für illusorisch. Jede Verbesserung hier ist nur ein kurzes Aufatmen, der Konkurs (Restrukturierung, Haircut wie auch immer man das nennt) meiner Meinung nach unausweichlich. Insbesonders da die Verschuldung immer noch steigt und die Wirtschaftsleistung zwangsläufig sinkt.

    10% und mehr vom BIP an das Ausland abzuführen ist historisch dauerhaft nur während einer militärischen Besetzung möglich - mit entsprechenden Aufständen. Tributzahlungen dieser Höhe haben immer zu Aufständen geführt.

    Es handelt sich halt nicht um Japan, wo die Zinszahlungen zu 90% im Land bleiben und dort wieder ausgegeben oder dem Staat wieder zur Verfügung gestellt werden können, sondern das Geld fließt ins Ausland ab.

    Als Anhaltspunkt: Griechenland exportierte 2008 Waren im Wert von ca 25Mrd Euro.(http://www.indexmundi.com/de/griechenland/exporte.html) Dieses Geld müßte komplett beschlagnahmt werden, um die Zinsen zu bezahlen und ein paar Rückzahlungen anzufangen. Bei komplett 9,27% Zinsen würde es noch nicht einmal für die Zinsen reichen.

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  2. Der Rückblick auf 90 Jahre in die Geschichte hilft nicht unbedingt, auch wenn es ein Orientierungspunkt sein kann ... Waren es damals wirklich nur 3,5% des BIPs? Quelle? (Hab gegoogelt, aber finde dazu nichts)

    Du hast natürlich Recht, wenn du auf das Handelsbilanzdefizit der Griechen hinweist. Das habe ich auch oft genug getan. Wenn sich da nichts tut, ist Griechenland ohne Hoffnung. Ich kenne aber keine aktuellen Zahlen aus 2010 und kann nicht beurteilen, wie weit das geschrumpft ist. Denn es wird geschrumpft sein, weil die Griechen weniger im Ausland einkaufen werden (nicht weil sie mehr exportieren).

    Und ebenfalls keine Frage: Bei 9% Zinsen hat Griechenland keine Chance. Selbst bei 6% nicht. Aber dank EU und IWF finanziert sich Griechenland zu 4,5%. Das ist eine andere Größenordnung.

    Um die Möglichkeit einer Sanierung Griechenlands beurteilen zu können, muss man ins Jahr 2012 oder 2013 kucken. Und schauen, was dann an Haushalts- und Handelsbilanzdefizit übrig bleibt. Dass die Jahre davor keine nachhaltige Basis liefern (und 2009 und 2010 sogar ein komplettes Desaster sind) ist klar.

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  3. Die Zahl hab ich aus:
    http://www.bmwi.de/BMWi/Navigation/mittelstand,did=302282.html?view=renderPrint

    Bei 4,5% Zinsen sind es immer noch ca 6-7% vom BIP( je nachdem wieviel das noch schrumpft), die nur für Zinsen draufgehen - da ist noch nichts bezahlt.

    Die 25Mrd. waren die reinen Exporte - von dem Geld müssen (müßten) die Importe bezahlt werden, sowie die Zinsen für Auslandskredite. Sie reichen aber nur für die Zinsen bei deinem "Best Case"-Szenario. Dann kann z.B. kein einziger Liter Benzin mehr importiert werden, nur Schulddienste geleistet werden. Alles andere erzeugt wieder eine schiefe Handelsbilanz. Das ist jetzt grob gerechnet, verdeutlicht aber, das der "Point of no return" schon weit hinter uns liegt.

    Eine Expansion von Exporten ohne Investitionen (= neue Schulden) ist auch schwer.

    Lohndumping führ zwar zu leicht steigenden Exporten (vielleicht), aber auch wieder zu stark schrumpfendem BIP -> Schuldenquote steigt.

    Wenn wir bei "Best Case"- Szenarien sind: Wenn es eine echte Wirtschaftserholung weltweit geben würde, sind 4,5% Zinsen zu niedrig, da dann doch starke Zinserhöhungen der Zentralbanken anstehen würden -> Pleite nach ein paar Jahren. Die Welt verträgt es dann, und es wird dann wohl durchgezogen werden.

    Andererseits sind in einer Niedrigzinswelt mit "double-Dips" oder Mini-Wachstum auch keine großen Exporterfolge zu erzielen -> Pleite wenn das IWF / EU keine Billigkredite mehr finanzieren wollen. Oder durchschleppen auf anderer Länder Kosten, um den Banken den "Tag der Wahrheit" zu ersparen. Solange können dann die Zinsen durch Neukredite bezahlt werden.


    Also eine Catch 22 - Situation. Dabei ist die Höhe der Schulden das Problem, bei einer Staatsverschuldung von 50% vom BIP oder weniger kann so eine "Roßkur" mit Sparen und temporären IWF-Krediten helfen.

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  4. Nee, ich meinte die andere Zahl: Die Reparationszahlungen nach dem ersten Weltkrieg. Die müsste IMHO höher als 3,5% des BIPs gewesen sein.

    Ich will ja auch nur sagen, dass die Nummer für Griechenland unmöglich wird. Allerdings schon verdammt schwierig. Es gab schonmal Länder, die so grob vor 20 Jahren 12% Haushaltsdefizit/BIP hatten und heute AAA sind (Norwegen). Diese hatten allerdings - das sei nicht verschwiegen - eine frei Währung, sie konnten also abwerten und darüber massiv an Wettbewerbsfähigkeit zulegen. Das Mittel fehlt den Griechen. Die sind quasi in der Eurozone gefangen. Das ist IMHO auch der entscheidende Unterschied ...

    Die Diskussion ist nicht einfach, deshalb kommt sie hier ja auch so oft. Griechenland hat zwar eine hohe Staatsverschuldung (neg.), aber eine vergleichsweise niedrige Verschuldung um Privatsektor (pos.). Die Nettoinvestmentposition gegenüber dem Ausland ist tief rot (neg.), die Leistungsbilanz ist tief rot (wenn auch stark sinkend) (neg.), allerdings hat der Staat auch nur zurückhaltend besteuert (allein bei einer Erhöhung der Steuerquote auf den EU-Durchschnitt sinkt das Haushaltsdefizit um ca. 5% des BIPs) (pos).
    Die gesamten Schulden des Staatssektors sind aber hoch (>103% des BIPs) (neg.)

    Es sieht also nicht gut aus, aber lass nochmal 2 oder 3% des BIPs über Förderprogramme der EU nach Griechenland fließen (die Iren haben zeitweise mehr als 4% ihres BIPs aus Brüssel bekommen) und dann ist eine Konsolidierung trotz aller negativer Punkte noch drin. Wie gesagt: Die unwahrscheinlichere Version, allerdings mit einer Chance deutlich über Null.

    ZAHL DES TAGES (06.05.10): 15

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