Zahl des Tages (12.10.10): 1.000.000.000

Tja, gute Frage, die im Dealbook bei der NYT gestellt wird: Wo bleiben eigentlich die Gerichtsverfahren gegen die Verantwortlichen der größten Finanzkrise seit knapp 8 Jahrzehnten?
Bis auf ein paar kleinere Nummern (und offensichtliche Schneeballsysteme wie Madoff) ist verdammt wenig passiert. Wo sind die Verfahren gegen die Verantwortlichen bei den Ratingagenturen? Wo sind die Anklagen gegen die Banker? Wo sind die Ermittlungen gegen die Hypothekenvermittler? Gegen S&P, Moody's, Fannie Mae, Freddie Mac, Lehman, Hyporealestate, HSH Nordbank, WestLB, etc. pp. Oder einen Hedgefondsmanager wie Paulson, der aktiv an der Auswahl schrottiger Papiere für ein Wertpapier beteiligt war, gegen das er anschließend gewettet hat? Hier und da mal eine außergerichtliche Einigung, natürlich ohne Anerkennung irgendeiner Schuld. Aber das war's dann.

Bin ich zu ungeduldig und kommt da noch was? Sind die Ermittlungen zu komplex?

Dealbook: Where Are All the Prosecutions From the Crisis?

In der letzten Krise sind Enron und Worldcom Manager für kleinere Dinge in den Knast gewandert. Warum passiert dieses Mal nichts, bzw. so wenig?

Der Freitag hat vor etwa einem Monat die These aufgestellt, dass die Strafe um so milder sei, je komplizierter der Fall sei. Und ich befürchte, da ist verdammt viel dran. Bei Enron und Worldcom ging es um relativ ordinäre Bilanzfälschungen. Wer sich jedoch hinter komplexen, hochmathematischen Bewertungsmodellen verstecken kann, ist scheinbar nicht greifbar. Niemand im Rechtssystem traut sich zu, das zu beurteilen. Scheinbar kann man sich jeder Verantwortung entziehen, wenn man nur ein mathematisches Modell in der Hinterhand hat, das irgendwie mit einem der Wirtschafts-"Nobel"preisträger (1) zu tun hat.
Dass die Angeklagten in solchen Fällen ausreichend Geld haben, um sich einen guten Anwalt zu leisten, kommt noch strafmindernd hinzu ...

Freitag: Kampfsportler in Roben

Naja, immerhin will der US-Einlagensicherungsfonds FDIC jetzt Klagen im Gesamtwert von

1.000.000.000 (1 Milliarde) Dollar

gegen ehemalige Manager der Pleite gegangenen Banken anstreben.

Bisher hat die FDIC nur gegen die Verantwortlichen der Hypothekenbank IndyMac geklagt, wo es um 300 Millionen Dollar ging. Nun sollen Anklagen gegen etwa 50 weitere Manager folgen.

Macht das jetzt Hoffnung auf Gerechtigkeit? Nee, eigentlich nicht. Denn das sind Ermittlungen gegen Verantwortliche aus der zweiten, wenn nicht gar dritten Reihe. Und selbst von diesen Verfahren werden wohl ein Großteil im Sande verlaufen und nichts Großes passieren.

Mish: FDIC Authorizes $1 Billion Lawsuits Against Failed-Bank Executives; Token Search for Low-Profile Scapegoats

Aber was soll man sich noch aufregen? Hier in Deutschland werden auch 85 Mrd. von der WestLB oder 170 Mrd. von der Hyporealestate auf das Konto der Steuerzahlers umgebucht und niemand fragt, warum das ganze und zu welchen Bewertungen. Wo ist die verdammte Presse, wenn man sie mal braucht? Nee, die freut sich, dass die Umbuchung problemlos gelaufen sei, bejubelt, dass die Hyporealestate ihre Garantien reduzieren konnte und ansonsten ist Schweigen im Wald. (Übrigens eine tolle Leistung, wenn ich (mindestens) ein Drittel meiner Bilanz auf das Konto des Steuerzahlers umbuche und meine Garantie um gerade einmal 20% reduziere. Wobei die Reduzierung ja auch noch erlogen ist, denn für die ausgelagerten Papiere haftet der Steuerzahler doch genau wie vorher ...)

(1) Alberne Anführungsstriche, um zu verdeutlichen, dass ich weiss, dass das kein echter Nobelpreis ist.

Update (13.10.10):

Ein anonymer Kommentator empfiehlt übrigens folgendes Buch zum Themenkomplex "Wer was Illegales macht, soll was Kompliziertes machen, dann kommt man milde davon ...":

Update 2:

Die Blogs bei der NYT (Krugman, Freakonomics) könnten übrigens Anfang 2011 hinter einer Paywall verschwinden. Der Online-Bezahldienst Kachingle startet jetzt eine Aktion, bei der die User diese Blogs kachinglen sollen, damit die NYT die Paywall doch wieder ad acta legt. Bitte mitmachen und bei Gelegenheit mich auch kachingeln :-)

Die komplizierte Nummer mit der Browser-Extension braucht man übrigens nur für die Aktion. Um mich (und Carta.info, Pottblog, Neunetz und viele andere zu unterstützen, muss man sich nur anmelden).

Kommentare :

  1. sorry, offtopic... aber hier mal nen link
    http://www.dr-hankel.de/danksagung-an-die-spender-und-stand-der-klage/

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  2. Hi
    Besorg dir mal das Buch "Strafjustiz auf Abwegen". Da arbeitet ein Staatsanwalt auf, warum die Komplexität eines Prozesses negativ mit der Strafe korreliert ist. Wenn ich mich recht erinnere, dann läufts darauf hinaus, dass die Komplexität wirkungsvoll davor schützt, dass Wirkungsnachweise zu erbringen sind. Für eine Verurteilung muss zweifelsfrei nachgewiesen werden, dass auf Entscheidung A Wirkung 1 folgte und diese Wirkung durch andere Entscheidungen verhinderbar gewesen wäre.

    Der Autor bezog es auf sein Spezialgebiet Umweltthemen. Da lässt sich kaum Nachweisen, dass giftiges Holzschutzmittel nach 10 Jahren Wohnen in behandeltem Holzhaus für Krebs verantwortlich ist.
    Das gleiche dürfte aber auch für Investmentbanken gelten.

    Darum wird dann ein Ladendieb mit Schadenssumme 2,50 irgendwann zu zwei Jahren verurteilt, während der Milliardenschaden ungesühnt bleibt.

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  3. Staatsanwälte wollen Karriere machen. Dazu brauchen Sie einen Justizminister. Justizminister werden von Parteien gestellt. Parteien brauchen Geld. Geld geben die Banken. Noch Fragen?

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