Zahl des Tages (18.10.10): -0,39%

Das wollte ich noch nachtragen (und weil ich keine Zeit mehr habe, mache ich diese Zahl vom letzten Freitag doch noch zur Zahl des Tages ...).

Nach einem leichten Preisplus von 0,1% im September ist die Jahresrate der Verbraucherpreise in den USA nun auf 0,9% gesunken. Der Anstieg im September ging aber ausschließlich auf den Anstieg bei Lebensmittel- und Energiepreisen zurück. Ohne diese Komponenten lag die sogenannte Kernrate der Inflation im Vergleich zum Vormonat bei 0,0%, was die Jahresrate auf

0,8% (das sollte erst die Zahl des Tages werden)

sinken ließ. Das ist der niedrigste jährliche Preisanstieg in der Kernrate seit 1961.

Core prices lowest in decades as CPI edges up Economic Report - MarketWatch

Bei Calculated Risk wurden noch ein paar andere Inflationszahlen gesammelt, die eine ähnlich schwache Inflation anzeigen.

Calculated Risk: Inflation: Core CPI, Median CPI, 16% trimmed-mean CPI all very low

Befinden sich die USA womöglich doch auf dem Weg in die Deflation?

Das Ganze ist ziemlich überraschend, denn die Finanzmärkte haben ihre Inflationserwartungen in den letzten Wochen deutlich erhöht! Die fünfjährigen inflationsgesicherten US-Anleihen (TIPS) rentieren mit

-0,39% (*minus* 0,39 Prozent!)

Das kauft macht natürlich nur, wenn man mit einer deutlich anziehenden Inflation rechnet. Bei einer Rendite von 1,42% für die normalen fünfjährigen Anleihen kann man (pimaldaumen) eine Inflationserwartung der Finanzmärkte von (1,42-(-0,39)) etwa 1,8% ableiten. Am Anfang des Monats lag der Wert noch bei etwa 1,2%. (Danke an @lostgen für den Tweet, interessante Sache!)

Schon spannend. Die Inflation sinkt von Monat zu Monat, aber die Finanzmärkte werden sich auch Sicht von fünf Jahren immer sicherer, dass die Inflation steigen wird. Alles geht fest davon aus, dass die Fed ihre Ankaufmaßnahmen von Staatsanleihen deutlich ausdehnen wird, um die Zinsen am langen Ende zu senken. Die Schätzungen für das Volumen reichen von 250-500 Mrd. Dollar, Goldman Sachs rechnet weiterhin eher mit 1 Billionen. 

Bei dem bisher gewährtem Programm hat die Fed ja irgendwann den Schalter umgelegt hat und nutzt die Rückflüsse nicht (wie ursprünglich geplant) zum Ausstieg. Stattdessen wird das Geld direkt wieder  für Käufe von US-Staatsanleihen verwendet.

Das führte u.a. dazu, dass die Fed inzwischen der zweitgrößte Halter von US-Staatsanleihen ist (siehe WER HÄLT DIE MEISTEN US-ANLEIHEN? CHINA? JAPAN? NEIN!) und sich auf dem besten Wege befindet, die Spitzenposition zu erreichen. Bei der letzten Versteigerung heute hat die Fed über 6 Milliarden der verkauften knapp 22 Mrd. abgenommen, also gut 28% (siehe Marketwatch: Fed buys $6.26 bln in bonds; Treasurys stay up: Danke an Olaf für den Hinweis).

Was auf den ersten, flüchtigen Blick wie die Neuerfindung eines modernen Perpetuum-Mobile der Finanzmärkte aussieht, ist am Ende aber leider nicht mehr als das ordinäre Anwerfen der Notenpresse. Und das hat bisher immer zu Inflation geführt ...

(ist doch noch ein ganz schöner Artikel geworden ...)

Kommentare :

  1. Absolute Laienfrage aber vielleicht gar nicht dumm: Kann es nicht sein, dass wir deshalb keine Inflation sehen, weil die Fed durch das Anschmeißen der Notenpresse nur die Deflation ausgleicht? Mir kommt es so vor, als hätten sich in den letzten zwei Jahren Billionen Dollar einfach in Luft aufgelöst. Wenn dem so ist und die Fed durch das Anschmeißen der Notenpresse nur diesen Verlust ausgleicht, warum soll es dann Inflation geben?

    Oder mit anderen Worten, hat die Inflation, die viele erwarten, vielleicht schon vorher stattgefunden?

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  2. Also erstens weiss sowas niemand genau ...

    Die Vermutung, dass die Fed nur ausgleicht, ist sicherlich richtig. Anders gesagt: Ohne die riesigen Konjunkturprogramme und das Anwerfen der Notenpresse wären wir ziemlich sicher in einer Deflation+Depression.

    Dass die Inflation schon vorher da war: Klar. Z.B. bei Immobilien. Zustimmung.

    Dass wir deswegen keine Inflation mehr bekommen, würde ich aber nicht folgern. Die Notenbanken könnten, wenn sie im richtigen Moment vom Gaspedal gehen, eine Inflation vermeiden. Das Problem ist nur, dass dieser Zeitpunkt in der Vergangenheit fast immer verpasst wurde. Die Notenbanken blieben zu lange auf dem Gaspedal, wie zuletzt nach dem Platzen der Interblase und 9/11. Das gab dann die Immobilienblase.

    (Die größte Gefahr für Inflation sehe ich übrigens genau dann, wenn die Wirtschaft nochmal richtig schwach werden sollte und die Fed nochmal mit beiden Füßen auf's Gaspedal geht. Der Bremsweg wird dann immer länger und das Timing immer schwieriger ... Wenn wir jetzt Quantitative Easing II bekommen, könnte genau das passieren. Hängt aber vom Umfang ab ...)

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  3. Auf das Deflations-Geschrei der sog. Experten gebe ich nichts.

    Nicht nur manchmal habe ich den Eindruck, dass die sog. Experten den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Oder uns einfach dreist belügen, aus "Sorge" um das große Ganze, um es nicht zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommen zu lassen.
    Wenn unablässig Geld wie Heu gedruckt wird, dann wird das in Inflation enden. 1999/2000 konnte auch jeder sehen, dass der Neue Markt heillos überbewertet war, jeder wußte es. Nur, niemand wollte es sehen. So ist es auch dieses mal.

    Bei 0,9% kann man auch wirklich nicht von Deflation sprechen, wir haben gerade mal fast stabile Preise. Mal abgesehen davon, dass die Inflation natürlich systematisch zu niedrig ausgewiesen wird, aus naheliegenden Gründen: die Wohlfahrtsstaaten wie die Kreditjunkies der Finanzindustrie machen unablässig Propaganda für Geldschwemme und Niedrigstzinsen. Klar, dass die Gefahren der Deflation systematisch überzeichnet werden. Gleichzeitig erleben wir es wie von IWF, FED, EZB und vielen nahmhaften Wirtschaftsfachleuten ganz unverhohlen für Inflationierung geworben wird. Sie sagen es frank und frei, sie lassen es nicht nur bei Worten, sie handeln auch so. Ich keinen Anlass ihnen nicht zu glauben. Die Faktenlage ist evident. Falls Deflation kommen sollte, dann ist das ein sehr vorübergehendes Phänomen von kurzer Dauer. Meine Meinung.

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  4. @matsch:

    Konsens ist die Deflation nicht. Zumindest ist das men Eindruck.

    Ich schließe eine Deflation weiterhin nicht aus. Das Platzen einer so großen Schuldenblase wie der US-Immobilienblase löst starke deflationäre Tendenzen aus. Die Immobilienblase war nicht nur wesentlich größer als die Aktienblase 2000 (der Immobilienmarkt ist etwa doppelt so groß), sondern auch zu viel größeren Teilen schuldengetrieben. Die letzte große Blase vorher, die ähnliche Merkmale aufgewiesen hat, war nun mal Japan. Daher hinkt der Vergleich weiterhin nicht.

    Die Fed hat jetzt gut 2 Billionen in QE I gesteckt. Aber das reicht nicht aus, um den Rückgang der Schulden, den die Verbraucher vornehmen müssen, auszugleichen. Und die Frage ist ganz einfach, ob die Fed Programme auflegen kann, die die ganze Wertvernichtung der Immobilienblase und des anschließenden Deleveragings auffangen kann, ohne dass der Dollar krepiert ... Denn von Gläubigern im Ausland waren, sind und bleiben die USA abhängig. Ganz ohne Rücksicht auf deren Interessen können die Amerikaner nicht vorgehen ...

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  5. ich seh die Argumente wohl, nur ich blocke total ab ;)

    weil: den Propagandisten der Deflationsgefahr traue ich exakt 0,0 Millimeter über den Weg. Die haben allesamt ein immenses Interesse an einer Überzeichnung der Deflationsgefahr, der kreditfinanzierte Wohlfahrtsstaat wie die Finanzindustrie. Beide haben deckungsgleiche Interessen bzgl. der Notenbankpolitik, obwohl sie eine völlig gegensätzliche Klientel bedienen, und beide haben auf ihre ganz eigene Art die Medienhoheit. Dazwischen befindet sich der ohnmächtige Mittelstand, der das alles zu bezahlen hat.

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  6. Manchmal findet auch das blindeste Deflationistenhuhn das Korn ;-)

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  7. Könnte es sein, dass einige Leute hier und Experten anderswo eine kleine, aber sehr wichtige Feinheit in Sachen Inflationsentwicklung vergessen bzw. bewusst unterschlagen? Inflation entsteht erst dann, wenn auch eine gewisse Knappheit an Gütern vorliegt. Die US-Wirtschaft operiert aber mit ca. 75-80% Auslastung (je nach Quelle). Insofern wird voerst keine Inflation ausbrechen, auch nicht in fünf Jahren, egal was die Märkte pojezieren (der Markt hat nicht immer Recht!). Das sieht man am beispiel Japan bestens. Die haben auch gedruckt bis zum Geht-nicht-mehr... und? Inflation? Never ever!
    Dazu kommt: Wir haben keine geschlossene Volkswirtschaft, sind ja nicht mehr im 1. Semester VWL. In offenen Volkswirtschaften kann so ein Prozeß Jahrzehnte andauern, bis die Inflation ausbricht. Meine These, keine historischen Vorbilder..

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  8. Hatten wir in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts denn ausgelastete Kapazitäten?
    Wir hatten hohe Arbeitslosigkeit und hohe Inflation, auch 'Stagflation' genannt. Schwache Konjunktur und Inflation - warum soll das nicht zusammengehen? Es gab und gibt unzählige Länder, in Lateinamerika, Afrika, Asien, die nicht gerade Vollbeschäftigung haben, mit chronischer Unterbeschäftigung von 20-50% zu kämpfen haben und sehr wohl mit einer Tradition beachtlicher Inflationsraten aufwarten können.

    Das gebetsmühlenhaft vorgetragene Argument der Deflations-Falken, Inflation könne es wegen der unzureichenden Kapazitätsauslastung auf absehbare Zeit gar nicht geben, halte ich für eine arg simple Beruhigungspille.

    Das Japan-Argument sticht m.E. auch nicht. Die waren isoliert, als einziges Land, das in so einer Situation war. Die Yen-Schwemme der japanischen Notenbank musste wirkungslos bleiben, weil die Liquidität sofort in die Carry-Trades wegdiffundiert ist. Offenes System. Jetzt ist die ganze Welt (zumindest alle westlichen Staaten) in der Japan-Situation. Wir nähern uns einem geschlossenen System.

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  9. "Das gebetsmühlenhaft vorgetragene Argument der Deflations-Falken, Inflation könne es wegen der unzureichenden Kapazitätsauslastung auf absehbare Zeit gar nicht geben, halte ich für eine arg simple Beruhigungspille. "

    Das würde ich unterschreiben. Allerdings gibt die Kombination aus Arbeitslosigkeit und Kapazitätsauslastung schon einen ganz guten Indikator für Inflationsgefahren ab. Asien und Afrika geben keine guten Hinweise ab, zu unterschiedlich ist dort alles (wirtschaft, Bildung, Geld, Politik) konstruiert.

    Ich teile aber durchaus deine Meinung, dass man eine Stagflation nicht ausschließen sollte (wie ich generell wenig ausschließen sollte). Ich bin mir nur nicht sicher, ob wir eine Stagflation überhaupt nochmal sehen werden. Man nehme die 70er Jahre und rechne die Preissteigerungsraten damals so wie heute. Und Schwupps, sind der 70er wahrscheinlich gar keine Stagflation mehr (ohne Beweis, nur so ein Gefühl). Wenn man sich die Einkommen von 80% der Amerikaner anschaut, waren die letzten 10 Jahre übrigens auch schon Stagflation.

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  10. ja, gut möglich, dass man aus den damaligen Erfahrungen mit den optisch hohen Inflationsraten die Lehre gezogen hat, solche Inflationsraten wollen wir nie wieder sehen, wir machen jetzt hedonische Preisberechnung :-/

    eines sollten wir aus den Erfahrungen mit Dotcom-Blase 1999/2000 und der Beinahe-Kernschmelze 2008 gelernt haben: schließe nichts aus, halte alles für möglich, lass dich nicht einlullen, mißtraue den ach so wohlwollenden sog. Experten aus dem Wissenschaftsbetrieb, gebrauche deinen gesunden Menschenverstand. Übertrage historische Wirtschaftskrisen (Depression 1930) und isolierte Phänomene (Deflation Japan) nicht 1:1 in die Gegenwart.

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  11. Ja, nur selber denken hilft.

    Ansonsten: Geschichte wiederholt sich, man weiss nur nicht welche (ist mir der Spruch gerade wirklich selber eingefallen oder hat das schonmal jemand gesagt?)

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