Zahl des Tages (21.10.10): 20

Also heute stehen die Zahlen Schlange ... Riesensparprogramm in Großbritannien mit der Streichung von 500.000 staatlichen Arbeitsplätzen. Fannie Mae und Freddie Mac brauchen wieder einen Haufen Geld. Griechenland hat sein Staatsdefizit 2009 nochmal nach oben korrigiert. Und aus dem Foreclosure-Skandal könnte man locker neue Zahlen ziehen und ein interessantes Posting daraus machen. Wenn ich nur genügend Zeit hätte ... Vielleicht nehme ich davon morgen irgendwas ...

Ausgewählt habe ich dann noch was anderes, weil es ein Thema ist, das seit mehr als zwei Jahren in diesem Blog (und natürlich einigen anderen) behandelt wird: Warum werden bei den Bankenpleiten die Gläubiger immer so gut behandelt und warum bekommen sie immer 100% ihres Kredits zurückgezahlt? Warum werden die Banken so anders behandelt als jedes andere Unternehmen? Da schauen im Fall der Pleite auch immer Leute in die Röhre. Bei vielen Banken waren die Löcher in den Bilanzen so gering, dass ein Verzicht von wenigen Prozent der Forderungen viele Banken saniert hätte. Ohne einen einzigen Cent vom Staat.

Warum dürfen die Banken ihren Schrott in staatlich gestützte Bad Banks auslagern und so defakto an den Steuerzahler "outsourcen"? Nur damit nachher wieder eine (hoffentlich) gesunde Bank übrig bleibt und die Gläubiger beruhigt sind.

Dass das am Anfang der Krise gar nicht anders möglich war, weil sonst keine Bank der anderen Bank mehr vertraut hätte, ist klar. (Wobei diese Rechnung ja gar nicht aufging, denn es vertraute ja trotzdem niemand mehr dem anderen). Aber inzwischen sollte das Risikobewusstsein in die Köpfe zurückgekehrt sein. Schließlich sehen die Anleger bei Ländern wie Griechenland ja durchaus ein Ausfallrisiko und lassen sich das über höhere Zinsen entlohnen. Warum nicht auch bei Banken?

Nun sehen wir einen ersten Versuch. Zumindest bei den nachrangigen Gläubigern, die ja *nach*rangig sind, also bewusst auf den ersten Rang der Forderungen verzichtet haben, wird nun die Axt angelegt. Und zwar in Irland bei der Sanierung der Anglo Irish Bank. Eigentlich ist es auch keine Axt, sondern eher eine Motorsäge, 'ne gute von Stihl ... Denn die nachrangigen Gläubiger sollen nur


20 Cent pro Euro 

bekommen, also auf satte 80% ihrer Forderungen verzichten.

Erwartet wurden eher 30 Cent. Die alten (nachrangigen) Anleihen sollen in neue, staatliche garantierte umgetauscht werden (natürlich nicht 1 zu 1, sondern 5 alte zu einer neuen).

In Summe geht es um 1,27 Milliarden Euro, auf die die nachrangigen Gläubiger jetzt verzichten sollen. Das ist angesichts von Restrukturierungskosten von insgesamt etwa 30 Milliarden Euro nicht sonderlich viel.

Bei den Haltern von nachrangigen Anleihen anderer kritischer Emittenten sorgt die Entscheidung natürlich für eine gewisse Unruhe. Aber das ist auch nur normal. Wer eine höhere Rendite sucht, bekommt diese nur für höheres Risiko. Und das bekam (und bekommt) man mit nachrangigen Anleihen.

Ob es bei den 20% bleibt oder ob sich ein paar Gläubiger querstellen und mehr verlangen, wird sich zeigen. Angesichts der Gesamtkosten für die Restrukturierung dürfte das Drohpotenzial aber nicht sonderlich hoch zu sein. Anders gesagt könnte der Staat den Laden auch komplett abwickeln und dann würden die nachrangigen Anleihen wohl mit hoher Wahrscheinlichkeit komplett wertlos ausgebucht werden.

Drei Fragen sind jetzt spannend:

a) Warum hat das noch niemand vorher die nachrangigen Gläubiger mit ins Boot genommen?
b) Wird das zu Verwerfungen auf dem Markt der nachrangigen Anleihen führen und es Banken u.U. unmöglich machen, so Geld einzusammeln?
c) Ist das jetzt eigentlich ein Pleitefall im Sinne der Kreditausfallversicherungen (CDS) oder nicht?

FT Alphaville: Anglo Irish unveils sub-debt exchange
FTD: Irland lässt Bürger und Gläubiger bluten
Marketwatch: Anglo Irish bondholders share ‘burden’ of losses

Im FTD Artikel steht auch noch eine Menge über das neuerliche Sparprogramm Irlands. Das ist ähnlich radikal wie das in Großbritannien. Und wenn die Iren oder die Briten Franzosen wären, würden die Inseln schon brennen. Denn gegen die Vorschläge aus London und Dublin sind die Sparmaßnahmen in Frankreich ein Witz ...

Kommentare :

  1. zur Frage b) Ich denke der Markt der Nachranganleihe von Banken wird in Zukunft dünner werden, aber nicht wegen Anglo Irish. Bisher konnten imfo Nachranganleihen als fast Eigenkapital bilanziert werden. Mit Basel III wird das nicht mehr möglich sein und damit ein guter Grund weniger überhaupt Nachranganleihen zu begeben.

    zu C Die ISDA wird das wohl entscheiden. Aber soweit ich informiert bin ist eine Restructurierung ein Grund den CDS zu triggern auch wenn man das hier Umtausch nennt.

    AntwortenLöschen
  2. Ich bin echt gespannt was mit der Konjunktur in Deutschland passiert, wenn jetzt alle anfangen zu sparen...

    Aber ist ja auch egal. Die Wirtschaft brummt im Moment und alle sind den über den XXXXXXXXXXXXXXXL-Aufschwung am bejubeln, da sollten das denken abstellen und mitmachen.

    Das niemand einen Zusammenhang zwischen den ganzen Konjunkturprogrammen in aller Welt und dem Aufschwung in Deutschland sieht, verwundert mich doch schon etwas. Übersehe vielleicht ich etwas?

    AntwortenLöschen
  3. @ m106

    Nö. Der deutsche "Aufschwung" ist ausschliesslich exportgetrieben. Binnenkonsum ist nach wie vor rückläufig (schreibt nur keiner drüber).

    Warum wohl verlangen CDU (!) und FDP (!) jetzt hohe Lohnabschlüsse? Hätte nicht gedacht, dass ich das noch mal erlebe.

    Die Aufregung bei den Chinesen, Amerikanern, Franzosen und noch ein paar anderen wegen der Untätigkeit unserer Regierung in Sachen Ankurbelung Binnennachfrage ist nicht unberechtigt.

    Exkurs: Wobei ich mir nicht sicher bin, ob wir ein Wirtschaftswachstum haben, so schnell wie sich die Zahlen ändern. Innerhalb von fünf Monaten zusätzlich mehr als 2 Prozent Wachstum? Lesen die alle nur noch Kaffeesatz oder haben die am Ende noch nie etwas anderes getan?

    AntwortenLöschen
  4. @Usedomspotter

    Die Ökonomen haben bisher nichts anderes getan. Ich hatte mal vor einigen Monaten von einer Studie im Handelsblatt gelesen, dass eigentlich Ökonomie nichts anderes als Kaffeesatzleserei ist ;)

    Wenn ich sowas lese wie: "Der Konjunkturmotor läuft stabil und rund", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

    Dann wird mir ehrlich gesagt schlecht. Was muss noch passieren, dass dieser Mann und das Ifo-Institut seine Glaubwürdigkeit verliert? Wie lange hat eigentlich Sinn noch vor der tiefen Rezessionen gepredigt, dass es keinen BIP Rückgang geben wird?

    AntwortenLöschen
  5. @m106:

    Ich wäre übrigens nicht so skeptisch, was den Anteil des Konsums am BIP-Plus in Deutschland angeht. So schlecht sieht das gar nicht aus. Der Einzelhandel hat z.B. gerade die beste Stimmung seit 1991(!) für das Weihnachtsgeschäft gemeldet.

    AntwortenLöschen
  6. Stimmungen. Hm. Das statistische Bundesamt sagt was anderes. Danach liegen die Umsätze im Einzelhandel immer noch unter dem Niveau von 2005.

    Und die Umsätze im Gastgewerbe sind rückläufig.

    AntwortenLöschen
  7. @egghat

    Das sind Stimmungen. Bei den ganzen Jubelmeldungen ist es doch ganz normalen, dass der Einzelhandel auch optimistisch ist! Die Binnennachfrage in Deutschland wird niemals die Milliarden aus den ganzen Konjunkturpaketen auffangen können!

    AntwortenLöschen
  8. Private Konsumausgaben

    Nur das 2. Quartal 2009 war 0,7% besser, alle anderen 2 Quartale waren schlechter.

    Deutschland ist konsumschwach, keine Frage. ABER das ist die letzten Jahre nicht schlechter geworden ...

    AntwortenLöschen
  9. @m106:

    Aber wenn Börse zu 80% Psychologie ist, dann ist es Wirtschaft zu mindestens 50% ebenfalls.

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für Deinen Kommentar.

Sorry. Es sind leider keine anonymen Kommentare mehr möglich. Ich werde von mehr als 50 Spamkommentaren pro Tag geflutet und habe keine Lust, diese von Hand zu scannen, um darin alle drei Tage einen anonymen Kommentar zu finden, der veröffentlicht werden kann. Meldet Euch bitte an. Sorry für die Umstände.

Related Posts with Thumbnails

egghats Amazonstore