Zahl des Tages (04.11.10): 20,8%

Dieses Posting sollte eigentlich eine Art "Warum Irland nicht Griechenland ist" Teil 2 werden, der im Wesentlichen auf einem Kommentar beruht, den ich hinter meinem Irland-Posting heute morgen hinterlassen habe ... Leider ist die Datenbank des IWFs down und ich finde nicht alle Zahlen wieder ...

Der Vorteil Irlands ist der Exportüberschuss. Der große Nachteil Irlands ist die hohe Verschuldung der Privathaushalte (>200% des BIPs). Der Nachteil Griechenlands ist das Exportdefizit, die sehr hohe Staatsverschuldung, der große Vorteil der vergleichsweise niedrig verschuldete Privatsektor (unter 100%/BIP).

Nun kann man jetzt seeeehr lange abwägen, was schlimmer ist. Ich helfe mir mit einem Blick auf die Netto-International-Investment-Position (NIIP). Diese gibt an, wie viele Schulden und Guthaben ein Land *als Ganzes* (Staat+Unternehmen+Private) mit dem Ausland hat. Diese NIIP ist in Deutschland und Japan und China (natürlich) positiv, aber in den meisten anderen Ländern negativ. Unter anderem in Irland und Griechenland. Die NIIP ist viel wichtiger als die Verschuldung des Staatssektors allein.

Die letzten Zahlen, die ich gesehen habe, zeigen in beiden Länder stark verschlechterte NIIPs. Grob in Höhe eines BIPs (leider ohne Quelle).

Dann haben wir zwei Länder, in denen die NIIP bezogen auf's BIP ähnlich hoch ist.

Aber ein Land (Irland) hat einen klaren Exportüberschuss. Das BIP Irlands betrug im zweiten Quartal 39,071 Mrd. Euro. Der Handels- und Dienstleistungsüberschuss lag bei 8,133 Mrd. Euro. Das sind

20,8% des BIPs.

Auch der absolute Wert des Exports (40,3 Mrd. Euro) war noch nie so hoch wie im 2. Quartal 2010).

Das andere Land (nämlich Griechenland) ein Handelsbilanzminus von etwa 5% des BIPs hat (allerdings schrumpfend).

Ich bleibe dabei :-) dass angesichts der vergleichbaren Vermögenssituaton der beiden Länder das Land mit dem Exportüberschuss (der ist prozentual auf's BIP gesehen wahrscheinlich sogar höher als der deutsche) bessere Chancen auf eine Rückzahlung bzw. Bedienung der Schulden hat als das Land, aus dem über Exportdefizite weiterhin Geld abfließt ...

http://www.cso.ie/statistics/imfsummaryire.htm

Hardy, du bist dran ;-)

Update (05.11.10):

So, jetzt bin ich im Büro und habe die offenen Tabs mit den griechischen Daten wieder ...

BIP 2. Quartal: 58,592 Mrd. Euro, Handelsbilanz 2. Quartal: -3,8 Mrd.  Euro, also 6,5% des BIPs. Das Handelsbilanzdefizit ist gegenüber dem Vorjahr um etwa 14% geschrumpft.

Wenn man allerdings das gesamte erste Halbjahr nimmt, ist keine Besserung zu erkennen. Wobei der Vergleich wahrscheinlich nicht richtig zieht, denn die Sparmaßnahmen beginnen ja erst jetzt zu wirken. Das dritte Quartal sieht in den Tendenz bisher ähnlich aus wie das zweite. Nach dem Juli und dem August ist aus einem Minus in der Handelsbilanz von 432 Millionen ist ein Plus von 182 Millionen geworden. Das Plus wird sicherlich nur temporär sein, weil Griechenlands Handelsbilanz dank des Tourismus im Sommer immer am besten aussieht, aber unabhängig davon ist der Wert halt besser als im Vorjahr.

Vielleicht hilft bei der Einordnung, ob das Handesbilanzdefizit durch die Krise sinkt, ein Blick in die Vorkrisenzeit. 2007 lag das Handelsbilanzdefizit im 2. Quartal bei 5,4 Mrd, 2008 sogar bei 7,5 Mrd. Euro. Man wird jetzt sicherlich noch ein paar Monate abwarten müssen, aber die Tendenz ist eindeutig. Das Minus schrumpft deutlich. Ob deutlich und vor allem schnell genug, wird sich noch zeigen ...

Auch die NIIP Griechenlands kann ich an dieser Stelle mal nachtragen: Ende des 2. Quartals lag sie bei minus 217,9 Milliarden Euro. Das BIP wird 2010 bei etwa 235 Mrd. Euro liegen. Es sind also knapp 93%.

Die NIIP Irlands liegt bei -157 Mrd. Euro, also ziemlich genau bei 100% des 2010er BIPs. Dummerweise sind die NIIP-Zahlen von Ende 2009 und die Zahl dürfte sich deutlich verschlechtert haben. (Ich habe leider keine Quartalszahlen gefunden).

Vielleicht sieht die Schuldensituation Irland doch ein ganzes Stückchen schlechter aus als ich ursprünglich dachte. Allerdings war die Handelsbilanz auch viel positiver als ich es im Kopf hatte ...

http://www3.mnec.gr/sdds/users.asp

Kommentare :

  1. Hallo,

    da bin ich :)

    Irland:
    Handelsüberschuss: 21%
    Haushaltsdefizit: 32%
    Summe: -11%

    Griechenland:
    Handelsüberschuss: -5%
    Haushaltsdefizit: 12%
    Summe: -17%

    Das sieht auf dem Papier besser aus für Irland, richtig. Aber: Ein Außenhandelsdefizit kann man erheblich (!) einfacher runterfahren als ein Haushaltsdefizit (ok, ok - DAS haben die Amerikaner auch noch nicht kapiert). Speziell im Fall Griechenland: Einfach weniger deutsche Rüstungsgüter kaufen. Hinzu kommt: Irland müsste für Einnahmenerhöhungen die Steuerbasis verbreitern, Griechenland nur die bestehende durchsetzen. Zuguterletzt: Die Griechen wissen, was zu tun ist - die Iren nicht.

    Gruß,

    Hardy

    PS: Mich ärgert übrigens sehr, dass die Verluste der HRE größtenteils bei der Irischen Depfa entstanden sind. Dort angesiedelt wegen - steuerlicher Gründe.

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  2. Endlich ;-)

    Das Haushaltsdefizit Irlands ist aber erstens einmalig (behaupte ich) und zweitens total verfälscht. Es zählen *alle* Assets, die in die Bad Bank ausgelagert wurde, als *Schulden*. Bei der Berechnung wird also so getan, als wäre das alles komplett wertlos.

    Das ist mMn genauso ein grober Unfug wie die Level 3 Asset Bewertung in den US-Bankbilanzen. Da wird einfach mit viel zu hohen Wertansätzen weiter gerechnet.

    Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen und ich schätze nach einer Abwertung von etwa 50% sind die Bewertungen in Irland ganz in Ordnung. Meint auch die Moody's (?). Die erwarten sogar Gewinne aus der Bad Bank NAMA.

    Deine Einschätzung, dass man ein Handelsbilanzdefizit einfacher wegbekommt als ein Haushaltsdefizit, teile ich nicht. Weil sich die Bevölkerung nicht steuern lässt. Die USA hatten auch in Zeiten des Haushaltsüberschusses massive Handelsbilanzdefizite. Die Bevölkerung hat einfach weiter auf Pump gelebt. Außerdem hat sie in bestimmten Bereichen gar keine Möglichkeit, auf Produkte aus dem Ausland zu verzichten. Wenn ein Land erst einmal ein richtiges strukturelles Handelsbilanzdefizit hat (weil es schlichtweg deindustrialisiert ist wie z.B. UK oder auch Griechenland), saniert man einen Haushalt über Einsparungen viel schneller als man die Handelsbilanz dreht.

    Ich habe an das Posting übrigens nochmal Zahlen rangehängt (weiss nicht, ob du das gesehen hast). Danach sieht die NIIP Irlands doch schlechter aus als ch ursprünglich erwartet habe ...

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  3. und nicht zuletzt, warum ich in Irland 100 mal mehr Vertrauen habe als in Griechenland: einfach nur mal ganz tief in die Ressentiment-Kiste greifen! Mit einem gesunden Maß an Mißtrauen gegenüber den Griechen lag man in der Vergangenheit immer richtig. Ich kauf mir auch keine Aktien wo ich ein dummes Gefühl habe.

    Ein Handelsbilanzdefizit, wie will man das ohne eigene Währung, ohne rigide Handels- und Kapitalverkehrskontrollen kurzfristig beeinflussen können??

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  4. @matsch:

    In einem Punkt musste ich mich ja korrigieren: Die NIIP Irlands ist inzwischen schlechter als die Griechenlands.

    Was das Misstrauen angeht, hast du natürlich Recht.

    Was die Handelsbilanz angeht, würde ich die teilweise zustimmen. Denn wenn ein Land ein hohes Haushaltsminus hat (und das vor allem für Konsum verballert, wie in Griechenland), kann der Staat mit seinen Sparmaßnahmen natürlich auch das Handelsbilanzdefizit beeinflussen. Tritt der Staat auf die Bremse, sinkt der Konsum. Damit sinken auch die Importe, während die Exporte von den Sparmaßnahmen ja fast unbeeinträchtigt bleiben (dafür zahlt jemand im Ausland). Deshalb sinkt ja jetzt auch das Handelsbilanzdefizit der Griechen. Es ist halt viel weniger Geld für Konsum da. Der Import sinkt, der Export bleibt im wesentlichen stabil.

    Was da am Ende bei rauskommt, kann ich dir aber auch nicht sagen. Ob die Griechen beim Erreichen der Maastricht-Kriterien (wenn sie dahin überhaupt kommen) eine ausgeglichene Handelsbilanz haben, muss man abwarten. Ganz ausgeschlossen ist das nicht.

    Wichtig war mir nur klar zu machen, warum ich den Iren die Wende zutraue (auch wenn ich selbst da skeptisch bin), den Griechen aber fast nicht.

    (Zugegeben: wenn die Iren Ende 2010 eine NIIP haben, die bei 150 % des BIPs liegt und die der Griechen bei 100%, sehe ich das vielleicht wieder anders).

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  5. Na? Was macht Irland? Noch alles im Griff?

    :)

    Grüße aus Istanbul,

    Hardy

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  6. Ich frage mich wer da was nicht im Griff hat. Die Hedgefonds greifen jetzt offensichtlich Irland über die Banken an, indem sie dafür sorgen, dass die irischen Banken keine Übernachtkredite mehr bekommen. Taktisch interessant, weil das eine offene Flanke ist, die ich auch nicht gesehen habe. Der Staat Irland hat ja kurzfristig kein Problem, sondern ist bis in den Sommer 2011 vollständig finanziert (ohne zusätzlichen Finanzbedarf für die Banken). Jetzt ist mir völlig schleierhaft, warum Irland Druck verspürt. OK, verspüren sie gar nicht. Den Druck macht die EZB. Warum? Wenn es wirklich Probleme bei den irischen Banken gibt, hat die EZB ausreichend Mittel, um den irischen Banken Geld zur Verfügung zu stellen. Wenn man genauer darüber nachdenkt, müssten die irischen Banken eigentlich jetzt schon "unlimited" auf die Gelder der EZB zugreifen können. Die EZB könnte auch mit Käufen irischer Staatsanleihen dagegen halten und so sogar noch Geld verdienen (zumindest kurzfristig).

    Die Politiker in Brüssel (oder die Notenbanker in Frankfurt?) lassen sich von den Spekulanten in den zweiten Bailout reinreiten, der IMHO komplett überflüssig, aber mindestens voreilig ist. Oder irgendjemand weiss mehr als ich ...

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  7. Die griechische Gesellschaft ist sowas von kaputt: http://www.vanityfair.com/business/features/2010/10/greeks-bearing-bonds-201010

    Andererseits kann es nur noch besser werden, die Frage ist dann aber wieder ob das überhaupt so einfach geht. Dort wird sich viel ändern müssen, und die Nachbarländer sind Konkurrenten mit billigen Arbeitskräften.

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