Zahl des Tages (14.11.10): 19

Der G20-Gipfel ist zwar vorbei und bei den beiden Hauptpunkten - Exportüberschüsse und drohender Währungskrieg - ist nichts passiert. Vielleicht ein ganz guter Zeitpunkt, noch mal auf die Fundamentaldaten zu schauen.

Ich hatte bei der Problemwährung Yuan vor Kurzem schon auf zwei Berechungen hingewiesen (ZAHL DES TAGES (02.11.10): 40%). Da gab es den Big Mac Index des Economist, demzufolge sich eine Unterbewertung des Yuan gegenüber dem Dollar um 40% errechnet, auf der anderen Seite die Berechnung der Kaufkraftparität von HSBC Trinkaus, die nur eine ganz leichte Unterbewertung der chinesischen Währung ergibt.

Da kommt in diesem immer um Ausgleich bemühten Blog eine Berechnung gerade recht, die ziemlich genau in der Mitte liegt. Der Analyst Dominic Wilson von Goldman Sachs schätzt, dass der chinesische Yuan um

19%

aufwerten muss, um die massiven Exportüberschüsse Chinas auf ein "natürliches" Niveau zu senken. Als "natürliches" Niveau gilt dabei wohl die von US-Finanzminister vorgeschlagene 4-Prozent-Obergrenze in der Handelsbilanz. (Wobei ich immer noch nicht weiss, ob Geithner wirklich die Handelsbilanz oder die Leistungsbilanz meinte. Drüben beim Herdentrieb gab es in der letzten Woche einen langen Artikel, dass sich Deutschland bei einer 4%-Grenze in der Handelsbilanz doch gar keine Sorgen machen müsse. Nur hat Geithner mMn die Handelsbilanz gemeint und nicht die Leistungsbilanz (Herdentrieb: An unsere Jungs in Seoul: Keine Angst vor Tim Geithner). Weiss das jemand? Beim Herdentrieb habe ich keine Antwort bekommen).

Wenn  nur über einen schwachen Dollar das US-Exportdefizit gesenkt werden soll, müsste der Dollar im Schnitt 10% gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner der USA sinken.

Das würde einen Dollar von etwa 1,50 bedeuten. Die deutschen Exporteure dürften darüber wenig erfreut sein. Allerdings folgte auf den letzten Eurohöhenflug nicht wirklich eine Krise der deutschen Exporteure ...

Im Moment ist eine nachhaltige Eurostärke angesichts der Probleme in Griechenland und Irland nicht zu erwarten. Und wer weiss, wen die Finanzmärkte als nächstes attackieren. Portugal wäre nahe liegend, und sollten die Spekulanten im Fall Irland erfolgreich sein, könnte vielleicht sogar Spanien Probleme bekommen ...

Fortune: Goldman predicts deeper dollar drubbing

Kommentare :

  1. Hallo Egghat,

    warum sollte eine Entwertung des Dollars um 10% dazu führen, dass die Handelsbilanz ausgeglichen wird?

    Ein Großteil der Exporte besteht aus (quasi) immateriellen Gütern: Lizenzen, Filme, Musik, etc. Schau Dir mal die Entwicklung der exportierten Masse je 1.000 USD an. Während es in Deutschland damit relativ sanft bergab ging, ist die exportierte Masse je 1.000 USD in den USA stark rückläufig. Ein Indiz dafür, dass (neben der Entwertung des Dollars und auch des Euro) der Export sich zunehmend immaterialisiert.

    Dadurch wird aber eine Großteil der Produktionskosten recht unabhängig von der Währung.

    Natürlich, Lebensmittel, Machinen, Bergbauprodukten werden auch exportiert und sind auch abhängig von der Währungsrelation, aber ihr Anteil sinkt ständig. Ich kann mir keine Situation realistisch vorstellen, in denen die USA ein Exportüberschuss erzielen werden, jedenfalls nicht in den nächsten vier oder fünf Jahren.

    Die Abhängigkeit von Energieimporten ist ein weiterer Faktor, der eine Entwertung kompensieren dürfte.

    Arvid

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  2. Ich bin kein wirklicher Wirtschaftsexperte, aber meine Meinung ist die USA bräuchten auch erstmal gut ausgebildete Leute und andere Standortvorteile. Man muss sich immer überlegen, warum soll man in den USA produzieren und nicht in Rumänien, Mexiko oder Vietnam? Ok, Rechtssicherheit vielleicht, Nähe zu den Abnehmern, was noch?
    Ich denke die werden schon sehr viel bieten müssen, damit sich Firmen ansiedeln.

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  3. Ich weiss ja auch nicht, ob das reicht. Ich zweifle genauso daran wie Du. Zwar ist das Gerücht von einer deindustrialisierten USA stark übertrieben, aber doll sieht es natürlich nicht aus. Man darf z.B. nue vergessen, dass BMW, VW, Daimler, Toyota, Honda und Nissan Werke in den USA haben. Die (ehemals) drei Großen von Detroit auch, inkl. der ganzen Zulieferer bis hin zum Stahl. Und da helfen 10% Verschiebung in der Währung schon noch. Dann wird eben irgendwo in Europa die X?-Produktion von BMW dichtgemacht und in die USA verschoben. Ähnliches gilt für Toyota.

    Auch den Effekt der steigenden Preise darf man nie unterschätzen. 10 oder 20% mehr für Benzin machen sich auch in den USA bemerkbar. Da fängt dann selbst der Ami an zu sparen.

    Außerdem: Wirklich erschreckend ist das Handelsbilanzdefizit der USA auch nur in absoluten Zahlen (und in der Tendenz). Das Defizit liegt bei etwa 550 Mrd, das BIP bei 14.500 Mrd. Das sind "nur" knapp 4%. Ich will da nix beschönigen, weil das halt für riesige Ungleichgewichte sorgt, weil die USA sooo groß sind, aber prozentual gesehen ist das auch nicht soooo viel. Ich kann mir schon vorstellen, dass in den USA noch ausreichend Zeuchs hergestellt wird, das bei 10% Preisabschlag auf den Auslandsmärkten wieder interessant wird und die USA genügend Zeuch kaufen, das nach 10% Preisaufschlag dann nicht mehr (bzw. weniger) gekauft wird.

    Außerdem: Exportüberschuss muss nicht das Ziel sein. Die USA ziehen - allein weil sie die Weltleitwährung haben - immer Kapital an. Die Leistungsbilanz ist daher immer besser als die Handelsbilanz. Beim letzten Nachschauen war die etwa einen Prozentpunkt besser. Also Handelsbilanz knapp 4% im Minus, Leistungsbilanz knapp 3. Nochmal eine Halbierung (und die hatten wir in etwa seit 2008) und die USA können damit mMn leben ...

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  4. @R.E.

    Naja, in den USA sind schon Firmen (siehe Kommentar davor). Und ja, überwiegend aus zwei Gründen: a) Nähe zum Abnehmer (z.B. bei Autos) und b) Diversifikation in den Dollarraum. Bei BMW war das z.B. explizit ein Thema. BMW wollte mal dollarneutral werden, sprich genauso viel im Dollarraum herstellen bzw. einkaufen wie verkaufen. Weiss aber nicht, ob die das geschafft haben.

    Ansonsten sind die Löhne in den USA, spätestens wenn man mit 1,50 umrechnet, schon spürbar niedriger als in Deutschland ... Das gleiche gilt beim aktuellen Yen-Wechselkurs auch für die japanischen Hersteller.

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