Zahl des Tages (28.11.10): 85.000.000.000

So wahnsinnig spannend ist die Zahl nicht mehr, weil sie in der letzten Woche schon mehrfach genannt wurde. Jetzt ist sie immerhin bestätigt und außerdem weit genug weg von meiner ersten Spekulation, dass ich sie hier nochmal festzurren kann.

85.000.000.000 (85 Milliarden) Euro

schwer wird das Rettungspaket für Irland. Das sind 22 Milliarden Euro mehr als ich mal spekuliert hatte. Basis für meine Spekulation war der Refinanzierungsbedarf Irlands in den nächsten drei Jahren plus evtl. Kosten für bisher unbekannte Löcher bei den irischen Banken (siehe ZAHL DES TAGES (21.11.10): 63.000.000.000).


Aber wenn ich jetzt ganz ehrlich bin: Eigentlich habe ich die 85 Milliarden nur zur Zahl des Tages gemacht, um auf eine gute interaktive Grafik beim Guardian hinzuweisen:

Guardian: Ireland bailout - who is paying?
Der Guardian geht übrigens von 100 Mrd. Euro aus, etwa 63 Mrd. Refinanzierungsvolumen für den Staat Irland und cirka 37 Mrd. für die Banken.

Gut, bis hierher war es noch relativ unspannend und so geht es auch weiter ... Denn auf der zweiten großen spekulativen Baustelle ging es nicht weiter. Denn über eine mögliche Aufstockung des EFSF (Europäische Finanz-Stabilitäts-Fonds) drangen keine neuen Nachrichten an die Öffentlichkeit. Vielleicht sind die Politiker auch alle mit den Wikileaks-Enthüllungen beschäftigt (die ich ganz nebenbei ziemlich lame finde, aber vielleicht kommt da noch was ...).

Aber im wirtschaftlichen Umfeld gab es dann doch noch eine zur Zahl passende Nachricht ... Und zwar haben sich die europäischen Politiker grundsätzlich auf eine Neuregelung zur Beteiligung der Gläubiger bei einer Staatspleite geeinigt.

Dafür wurde das Modell gewählt, das zuvor vor allem viele Länder der Emerging Markets gewählt haben. Aber selbst in Europa sind diese durchaus üblich, allerdings nur für den sehr überschaubaren Markt der Fremdwährungsanleihen. Auch die Dollaranleihen Deutschlands enthalten diese Regeln schon heute.

So ganz neu ist das also nicht, aber man kann ja ruhig auf Bewährtes zurückgreifen. Aber nun zu den Bedingungen. Sie heissen Collective Action Clauses. Diese ändern vor allem eine Regel bei der Umstrukturierung von Schulden im Pleitefall. Und zwar muss der Schuldner nicht mehr mit allen Gläubigern eigene Verhandlungen führen, sondern sie verhandeln nur noch mit einer Gläubigerversammlung. Diese muss der Umschuldung dann mit einer Mehrheit von (überlicherweise) 75% zustimmen. So werden extrem langwierige Verhandlungen und Gerichtsverfahren vermieden, wie sie beispielsweise auf die Pleite Argentiniens 2001 folgten. Diese sind zum Teil selbst heute noch nicht beendet.

Die CACs sollen diesen langwierigen Prozess abkürzen. Und das wird wohl auch gelingen.

FTD: Diese Klauseln sollen die Währungsunion retten

Update (22:30):

Gerade wenn man auf Publish gedrückt hat, findet man doch noch ein paar Details, die eigentlich ganz spannend sind.

Von den 85 Milliarden stammen 17,5 aus Irland (scheinbar aus einem Pensionsfonds). Die 67,5 Mrd. von "außen" kommen 45 Mrd. aus Europa, der Rest vom IWF. Von den 45 Mrd. kommt nur die Hälfte aus den EFSF, die zweite Hälfte kommt aus dem neuen EFSM (Europäischer Finanz-Stabilisierungs-Mechanismus). Dieser speist sich zwar auch überwiegend aus dem EFSF, aber immerhin 3,8 Mrd. kommen aus Großbritannien, 0,6 aus Schweden und 0,4 Mrd. aus Dänemark.

FT Alphaville: Distribution of loan to Ireland

FT Alphaville: EU/IMF Irish bailout – the details

Update 2 (22:35):

Ach so: Die Iren haben sich auch offiziell aus der Finanzierung des Rettungsfonds verabschiedet. Das ist die Stelle, an der alle anderen Länder wieder ablehnen können (wenn ich es damals richtig verstanden habe).

Kommentare :

  1. Gut, dass die sich aus dem Fonds verabschieden war klar; wer's in der Situation nicht macht... lassen wir's... Aber was mich wundert: Die Angelsachsen haben nach Portugal nicht etwa Spanien sondern Belgien,e.g.hier: Radar oder hier auf'm Kiecker. Wieso liest man hierzulande nix (oder kaum was)?

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  2. also wenn sich das jetzt die Iren auch noch gefallen lassen dass ihr Pensionsgeld im schwarzen Bankenloch versenkt wird, dann weiss ich auch nicht mehr. Das ist ja Wahnsinn.

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  3. @devvull: Belgien hat die höchste Staatsverschuldung, ist aber sonst ganz OK. (Bis auf die fehlende Regierung ;-) ). Zumindest am Rande kam das aber schonmal:
    Belgien.

    Die interessante neue Flanke für Belgien ist das hohe Exposure in Irland. Das müsste eigentlich auch hier mal gekommen sein. Die belgischen Banken haben ungefähr ein Drittel der Schulden der deutschen, sind insgesamt aber wesentlich kleiner. Prozentual auf's BIP gerechnet, sind die Belgier also höher in Irland engagiert als Deutschland. Defakto läuft das auf einen Namen hinaus: Dexia.

    Darüber kann man ja mal einen Angriff versuchen ...

    In Spanien hingegen wurde bisher relativ erfolgreich unter den Teppich gekehrt. Aber eigentlich sehe ich die Lage in Spanien genauso kritisch wie in Irland. Die Immobilienblase war ähnlich groß, die Verschuldung der Verbraucher ebenfalls. Das verdampft nicht einfach alles ...

    @Tubl:

    Man darf nicht *nur* auf die Banken schimpfen ... Die Iren haben immerhin massenhaft Häuser zu völlig irren Preisen gekauft und die Banken haben das "nur" finanziert. Aber immerhin sind die Käufer daran nicht ganz unschuldig ... Es geht zwar nicht das gesamte Ausmaß der Krise auf diese Immobilienfinanzierungen zurück (der Rest was haltlose Spekulation), aber ganz unwichtig ist der Anteil auch nicht.

    Du hast natürlich Recht, dass das Wahnsinn ist. Aber die Immobilienkäufe 2007 waren es auch ...

    Im Januar sind Wahlen. Da kann sich jede Partei, die in den letzten Jahren an der Macht war, die Wiederwahl wohl abschminken ... Ich bin gespannt, ob Irland da irgendwelche (neuen) Radikalen wählt. Wäre angesichts der dramatischen Lage zu erwarten ... Eine europafeindliche Partei sollte es dort einfach haben. Selbst in guten Zeiten haben die Iren den EU-Vertrag abgelehnt ... Da wird's noch rummsen ..

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  4. @egghat

    Na ja, ich finde es schon gerechtfertigt eher den Banken und den politischen und wirtschaftlichen Entscheidern die Schuld zu geben, welche den Menschen in Irland die Kredite noch auf dem Höhepunkt der Immobilienblase hintergeschmissen haben. Die Fachleute und nicht der "einfache" Mann hätte wissen müssen und zumindest erahnen müssen was für ein Risiko damit verbunden war.
    Dass jetzt auch das Altersgeld zur Rettung der Banken riskiert wird ist daher ein Skandal, denn nicht alle Pensionäre sind schuld an dieser Krise. Aber sie werden jetzt zusätzlich zu den anderen Kürzungen infolge des Sparprogramms mit in Haftung genommen.

    Ja, ich denke auch dass die jetzige Regierung abgewählt wird und dass dann der Kurs Richtung Ausstieg aus dem Euro geht. Ich sehe nicht die geringste Chance dass sich Irland von diesem Desaster auf absehbare Zeit erholen kann. Vor allem wenn man ihnen noch einen Zins von 5.8% auf den Buckel drückt.

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  5. Ich sage ja nicht, dass die Banken unschuldig sind. Allerdings ist meine Definition von "kleiner Mann" eine andere als ein Käufer einer 300.000 Euro Immobilien in Dublin.

    Mit dem Pensionsfonds hast du natürlich Recht. Da darf der Staat eigentlich nicht rangehen ...

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  6. devvull, ieek, typo. Danke fuer die Infos. Zusaetzlich Welt und nochmal. Damit haben "Maerkte" nix mehr mit Logik oder Mathematik zu tun... Glaskugeln?
    Und die Spanier sollten mal Staubsauger kaufen statt Besen. Das scheint ein interessanter Winter zu werden...(naja)

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