Verlierer des Jahres 2010

Nach Frau Schaeffler 2009, die mit der geplatzten (weil größenwahnsinnigen) Übernahme von Conti einen großen Teil ihres Vermögens verloren hat ( VERLIERER DES JAHRES 2009) und Georg Funke von der Hyporealestate (VERLIERER DES JAHRES 2008) habe ich lange überlegt, wen ich dieses Jahr küre. Denn im Nachhinein hätte ich 2009 doch lieber Frau Schickedanz wählen wollen. Diese hat immerhin auch fast ihr komplettes Vermögen verloren, aber wichtiger: ich hätte einen Kandidaten aus einem der drei größten Korruptionssümpfen Deutschlands gewählt. Und daran hätte man immer wieder Artikel aufhängen können ...

Vielleicht mache ich dieses Jahr den gleichen Fehler. Denn ich habe mich gegen Jens Nonnenmacher entschieden, obwohl er demnächst seinen Job als Chef der HSH Nordbank los ist und in seiner Amtszeit einige sehr merkwürdige Dinge passiert sind (u.a. die untergeschobenen Kinderpornos auf dem Rechner des Geschäftsführers in den USA, den die HSH Nordbank loswerden wollte). Und ich bin mir sicher, dass da noch einige weitere interessante Informationen auftauchen werden. Aber ich bringe es nicht über mein Herz, einen Menschen als Verlierer des Jahres zu bezeichnen, wenn er sein komplettes Gehalt für die ursprünglich vereinbarte Zeit und die gesamten Altersbezüge behalten darf (ZAHL DES TAGES (19.12.10): 4.000.000).

Der ganze Komplex BayernLB - Hypo Group Alpe Adria ist zwar ein noch größerer Korruptionssumpf als die beiden oben genannten Themen, allerdings fällt es mir schwer, darin bis jetzt einen großen Verlierer auszumachen. Da wird wohl noch viel Spannendes kommen, aber bis jetzt ist bis auf ein paar Anklagen noch nicht viel passiert. Und die Beteiligten in Deutschland, z.B. aus dem Aufsichtsrat der BayernLB, kommen bisher scheinbar alle ungeschoren davon. Vielleicht findet sich da 2011 ja noch einer, der hinter Gitter wandert und Verlierer 2011 wird ...

In der Wirtschaft würde sich sicher noch der ehemalige Chef von BP anbieten, aber ehrlich gesagt ist mir das Thema etwas weit weg.

Daher bin ich am Ende zur Entscheidung gekommen, dass ich angesichts eines historischen Verlusts beim Wählerzuspruch eigentlich nur

Guido Westerwelle

nominieren kann.

Ja ich weiss, nicht die originellste Wahl und auch nicht aus meinem eigentlichen Themenschwerpunkt Wirtschaft. Aber eine Partei, die sich in etwas mehr als einem Jahr von 15% auf 3% schießt, wird es so schnell nicht wieder geben. Das haben nicht einmal unkoordinierteste Rechtsaußenausleger in den diversen Landtagen geschafft ... (egal ob NPD, DVU oder Schill (u. Ä.).

Mein Problem mit der FDP würde ich am einfachsten in einem platten Dialog zusammenfassen, wie es ihn schon zig Male gegeben hat:

Ich: Ich glaube, Deutschland braucht eine liberale Partei, die nicht nur staatsgläubig ist, wie die anderen.
Gegenüber: Stimmt, aber nicht DIESE liberale Partei.
Ich: Stimmt.

Eine moderne, sozialliberale Partei, die die Freiheit liebt und Wirtschaft und Internet verstanden hat, fehlt Deutschland. Aber das wird die FDP nie mehr werden. Und die Grünen auch nicht. Und die Piraten werden eine Art Grüne 2.0. Aber wo ist da die Lücke im Parteienspektrum, die es zu füllen gilt?

Update (02.01.2011):

Ein guter, langer Artikel zum Liberalismus in Deutschland in der FAS:

Niedergang der FDP: Grabrede auf den Liberalismus - Wirtschaftspolitik - Wirtschaft - FAZ.NET

Update (04.01.11):

Vielleicht noch ein Grund mehr, doch den Nonnenmacher zu wählen: Das Zitat des Jahres ist mMn von ihm:

"Eine falsche Bilanz ist keine gefälschte Bilanz"


Kommentare :

  1. Vizewelle passt schon. Von 15% auf 3% ist ein Argument.

    Der Zuspruch für die FDP war ja eine Bundestags(-protest-)wahl, wo Wählerstimmen von CDU zur FDP gingen (Die SPD hat sich vorher schon selbst zerfleischt). Nun sind wohl ein Großteil dieser Stimmen zu den Grüne abgewandert. Das Problem ist eigentlich die (Merkel-)CDU, weil die sich von niemanden reinreden lässt. Egal ob von der SPD oder nun der FDP. Nun werden die Grünen bestimmt nicht mit der CDU anbandeln. Und eines kann sich die CDU wohl abschmicken: Dies beachtlichen Wanderstimmen wollen ihr Kreuzchen irgendwo, aber nicht bei der CDU des Status-Quo machen.

    Mal gucken wohin diese Stimmen bei der nächsten Wahl hinwandern. Das einzige wo ich mir sicher bin, dass diese Wanderstimmen ziemlich sensibel gegenüber Großenwahn, Kungelei, falschen Versprechen, Absurditäten ist. Also das schlimmste Klientel, was sich Politiker vorstellen können.

    Du hast Recht, die Partei die damit umgehen kann, muss erst geboren werden...

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  2. Ich stimme dir vollständig zu. Und: Wir haben noch viel zu wenig Wähler, für die dieser korrupte Klumpatsch nicht mehr wählbar ist und die versuchen, dagegen zu gehen. Deutschland hätte IMHO durchaus eine Basis für eine Antikorruptionspartei ... Die Piraten könnten das durchaus werden (aber sie versauen es halt, weil sie sich lieber als "Geld-für-alle"-BGE-Partei aufstellen. Dabei sollten sie viel mehr bei den Themen Freiheit, Transparenz, etc. bleiben.

    Sehr froh bin ich übrigens über deine "Gesunder-Menschenverstand"-Analyse, die sagt, dass die 15% für die FDP natürlich mindestens zur Hälfte Stimmen gegen eine große Koalition waren. Und sonst nix. Das wird sich eine Partei natürlich nie eingestehen und irgendwann glauben die ihre eigenen Lüge (toller Wahlkampf, tolle Leute, Stimmen für mehr Privatkassen und private Altervorsorge, etc.). Dabei waren das alles nur Stimmen gegen die große Koalition.

    In NRW war das ähnlich: Nach 40 Jahren SPD waren die Leute den Filz soooo satt. Dazu kam dann noch Hartz IV, die bei den Kernwählern Stimmen gekostet hat. Als dann noch 4 (oder 5) Jahren rauskam, dass die CDU genausoviele Skandale produziert und an Hartz IV eh nichts zu ändern ist, war die CDU wieder weg.

    Komisch fand ich nur, dass die Simpel-Analyse so gut wie nirgendwo zu lesen war.

    Es ist halt gefährlich, wenn man tagtäglich mit einem Thema in allen Details umgeht. Man verliert den Überblick. Das gilt für die Journalisten genau wie für die Parteien ...

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