Zahl des Tages (12.12.10): 1,8%

Eigentlich wollte ich ja nochmal eine Zahl aus dem Flow-of-Funds-Köcher ziehen, aber ich habe was anderes Schönes gefunden. Schön weniger, weil die Zahl an sich irgendwie in Stein zu meisseln wäre, sondern weil man darüber schön streiten kann (OK, über den Euro könnte man auch streiten und Zahlen gäbe es in dem Zusammenhang auch ausreichend, z.B. die 17 Milliarden Euro, die Deutschland mehr an Zinsen zahlen müsste, wenn der Eurobond käme: Eurobonds: Wir Deutsche sollen noch mehr zahlen - Euro-Krise - Wirtschaft - FAZ.NET).

Ich habe aber eine andere Zahl gefunden, eine die mir so richtig gut gefällt, weil sie einen der großen Irrtümer der 70er-Jahre gerade rückt. Damals wurde - auch unter dem Eindruck der Ölkrise - ziemlich groß über die Grenzen des Wachstums diskutiert (Wikipedia). Ein Thema, das bis heute nicht totzukriegen ist, obwohl sich das BIP seit Mitte der 70er Jahre in etwa verfünffacht hat.

Auf der anderen Seite in der Diskussion sitzen immer die "Wachstum über Alles" Fetischisten, denen alle Kollateralschäden des Wirtschaftswachstums egal sind. Umweltverschmutzung? Zersiedelung? Gesellschaftliche Unruhen, weil nur noch Investitionen getätigt werden, die sich lohnen (und dazu gehören viele Sozialprogramme eben nicht)? Für die alles kein Thema.

Wirklich weiter führen diese Extrempositionen natürlich nicht. Die Wahrheit liegt wie so oft irgendwo in der Mitte.

Wie Weissgarnix schön ausführt, geht ohne Schulden im Kapitalismus nichts. Und nennt damit einen wesentlichen Grund für weiteres Wachstum. Ohne Rendite (und die ist ohne Wachstum (außer in Ausnahmefällen) nicht darstellbar) gibt es keine (verzinsten) Kredite. Und ohne Kredite gibt es kein Wachstum. Also ist allein über diese Schiene schon klar, dass es Wachstum geben muss. (Amazon: Thomas Strobl: Ohne Schulden läuft nichts: Warum uns Sparsamkeit nicht reicher, sondern ärmer macht)

Dazu kommt noch technischer Fortschritt, der ebenfalls zu Wachstum führt (und auf den will ja wohl kaum jemand verzichten). Und nicht zuletzt möchte man auch etwas Wachstum haben, um die Anzahl der Arbeitsplätze konstant zu halten (man bräuchte ja bei stagnierender Wirtschaft sonst dank der steigenden Produktivität jedes Jahr weniger Arbeiter). In Deutschland wird die Schwelle zur stabilen Beschäftigung bei ungefähr 1 bis 1,5% Wachstum gesehen.

Im Endeffekt geht es darum, das gute Wachstum (Fortschritt) vom schlechten Wachstum (Umweltzerstörung) zu unterscheiden.

Das hat nun Professsor Hans Christoph Binswanger versucht. Klar, kann man eine solche Rechnung nie machen, ohne am Ende große Ungenauigkeiten drin zu haben. Was aber meiner Meinung nach den Versuch nicht entwertet ...

Binswanger kommt auf jeden Fall auf ein Wachstum der Weltwirtschaft von

1,8%,

das für die Welt und die Natur zu verkraften wäre. Zum Vergleich: Die Weltwirtschaft wird 2010 wohl mit etwa 5% wachsen.

Für die reichen Länder würden die 1,8% Wachstum natürlich viel viel weniger bedeuten. Wie viel steht im Artikel vom Spiegel nicht genau. Und das hat Binswanger möglicherweise auch gar nicht ausgerechnet, aber es würde mich nicht wundern, wenn eine Null vor dem Komma stünde.

Vielleicht sollte ich mir mal das Buch shoppen ...

Amazon: Hans Christoph Binswanger: Vorwärts zur Mäßigung: Perspektiven einer nachhaltigen Wirtschaft

Spiegel: "Die deutsche Wirtschaft wächst zu schnell"

Kommentare :

  1. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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  2. Es gibt weder gutes noch schlechtes Wachstum. Wachstum ist eine mathematische Größe und wird generell über kurz oder lang zu einem Problem werden, das eine endliche Erde nicht bewerkstelligen kann.

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  3. Sorry f.d. Doppelpost. (ggf. bitte den ersten Post löschen)
    /Meola

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  4. Was wird denn mit Wachstum in diesem Zusammenhang gemeint? Mehr "Umsatz"?

    Schneller wegschmeißen und damit mehr produzieren ist aktuell "Wachstum" oda?
    Gleiches gilt für ungesunde Menschen, die mehr medizinische Leistungen in Anspruch nehmen?

    Anderseits gibt es viele Bereiche, wo viel mehr Menschen beschäftigt werden könnten - es werden dafür nur die Ressourcen nicht bereit gestellt.

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  5. @Meola:

    Doch, natürlich gibt es gutes Wachstum und schlechtes.

    Gutes Wachstum ist z.B. wenn ich einen sparsameren Motor entwickle, ein neues Medikament oder ein Internet.

    Schlechtes ist es, wenn ich in Thailand alte verseuchte Schiffe auseinanderschweisse und dabei die Umwelt und die Arbeiter vergifte.

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  6. Wie kann dauerhaftes Wachstum, z.B. Bevölkerungswachstum, auf dieser Erde funktionieren? Mathematisch gesehen ist die Erde irgendwann 'voll'. Darauf wollte ich hinaus. Und Bevölkerungswachstum schließt natürlich alles andere an Problemen mit ein.

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  7. jaja, die These hatten wir in den 70er auch schon ... Woher sollen die ganzen Nahrungsmittel kommen? Und sie kamen doch ...

    Außerdem kann die Weltwirtschaft auch ohne Bevölkerungswachstum wachsen. Deutschland wächst auch und hat relativ konstant 40 Millionen Arbeitsplätze. Das selbe gilt für Japan.

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  8. Die (mathematische) These ist sogar noch älter.

    Dass die Bevölkerung global nicht mehr wächst, ist bislang nicht der Fall gewesen.

    Wenn die Bevölkerung um 1% jedes Jahr wächst, tritt nach 70 Jahren eine Verdoppelung der Bevölkerung ein. Bislang wuchs die Bevölkerung von 1970 3,7 Mrd. bis 2000 6.06 Mrd. , also um weniger als 2 %. Dies stellt ein Problem auf Dauer, mehr sag ich ja nicht. Nur: mit Wachstum, gutem, schlechtem oder nachhaltigem Wachstum kommen wir diesem Problem nicht bei.

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  9. Verzeiht mir - doch etwas platt und oberflächlich bisher eure Argumente jeweils.

    Empfehlungen:


    1) E..U.v. Weizsaecker, 3.12.1995, "Faktor vier"

    Ernst Ulrich von Weizsäcker, "Faktor Vier. Doppelter Wohlstand - halbierter Naturverbrauch". Wie kann Energie effektiver genutzt werden? Welches Wachstum ist umweltverträglich? Können die Industrieländer Vorbilder sein?

    http://pcast.sr-online.de/play/sr2-fragen-klassiker/2009-09-02_weizsaecker3121995.mp3


    2) E. Weizsaecker, 3.10.10, "Faktor Fünf"

    Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker, "Faktor Fünf. Die Formel für nachhaltiges Wachstum". Ökosteuern und planmässige Verteuerung der Energiepreise. Passivhäuser und Gebäudesanierung. Wie kann der Bumerang-Effekt vermieden werden?

    http://pcast.sr-online.de/play/fragen/2010-10-04_weizsaecker31010.mp3


    3) egghat bei 'When the Rivers Run Dry' von Fred Pearce sieht man sehr gut die Hintergründe wie wir uns die temporären Ertragssteigerungen erkauft haben und die sich ins Gegenteil jetzt umkehren.
    Ob und in wie weit Züchtung oder gentechnische Veränderung da Aushelfen kann, wird sehr kritisch gesehen (gemessen an den Herausforderungen und den gleichzeitig möglichen negativen Auswirkungen).


    Alleine durch das Thema Chemikalien und deren Einfluss auf die Gesundheit der Menschen, Tiere, Pflanzen und Natur kann man derzeit diverse gute Dokus und Beiträge im Rahmen der EU Verordnung nachvollziehen.

    Gar nicht von den riesigen Herausforderungen unser allumfassenden Erdölabhängigkeit oder sich anbahnende Klimaveränderungen sprechend.


    Klar sollte sein, dass gewaltige Anstrengungen notwendig werden und um diese umzusetzen Aufwand betrieben werden muss ("Wachstum").

    Insofern ist die Frage viel mehr in welche Bereiche Ressourcen gesteckt werden und was dabei jeweils als Output raus kommt.


    PS: Ein 'neues Medikament' ist kein Fortschritt oder Vorteil an sich.
    Richtig würde sein "ein Medikament welches Kostenvorteile oder neue Heilungsweisen" vorweist. Hast du wahrscheinlich auch gemeint egghat.

    Mit anderen Worten viele der neu zugelassenen Medikamente haben gar keinen medizinischen Nutzen oder Vorteil (und sind meist sogar teurer als existierende oder ehemalige Produkte). Müsste hier drin auch vorkommen.


    4) C. Walter, 26.9.10, "Patient im Visier"

    Caroline Walter (Alexander Kobylinski), "Patient im Visier. Die neue Strategie der Pharmakonzerne". Wie wird verbotene Werbung gemacht, wem schadet sie? Gibt es gekaufte Berichterstattung? Wie gefährlich ist das Verschweigen von Risiken?

    http://pcast.sr-online.de/play/fragen/2010-09-20_kuchenbecker190910.mp3

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  10. PS: Ein 'neues Medikament' ist kein Fortschritt oder Vorteil an sich.
    Richtig würde sein "ein Medikament welches Kostenvorteile oder neue Heilungsweisen" vorweist.

    Mit anderen Worten viele der neu zugelassenen Medikamente haben gar keinen medizinischen Nutzen oder Vorteil (und sind meist sogar teurer als existierende oder ehemalige Produkte). Müsste hier drin auch vorkommen.

    4) C. Walter, 26.9.10, "Patient im Visier"

    Caroline Walter (Alexander Kobylinski), "Patient im Visier. Die neue Strategie der Pharmakonzerne". Wie wird verbotene Werbung gemacht, wem schadet sie? Gibt es gekaufte Berichterstattung? Wie gefährlich ist das Verschweigen von Risiken?

    http://pcast.sr-online.de/play/fragen/2010-09-20_kuchenbecker190910.mp3

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  11. Meola eine simple Hochrechnung ist unseriös und unrealistisch. Auch wenn dies heute meist propagiert wird.

    Ohne Frage gibt es viele Entwicklungen, die bisher exponentiell verlaufen. Nur irgendwann wird ein Trend durch Ereignisse oder Entscheidungen gebrochen.
    Kann natürlich zu diesen Zeitpunkten sehr unschön werden ..

    Jedoch hat Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Forschung, etc zu einem gewissen Grad Möglichkeiten im Vorfeld Entwicklungen zu beeinflussen.
    Ob wir diese Chancen nutzen, werden wir sehen.

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  12. Absolut richtig, auf mehr wollte ich ja auch nicht hinweisen. Ich habe allerdings Zweifel, dass dieses Problem überhaupt erkannt wurde, wenn von Wachstum oder gar von nachhaltigem Wachstum die Rede ist.

    Im übrigen sind meine 1 % - Annahmen des Bevölkerungswachstums weit unter dem (ca. die Hälfte), was allein im letzten Jahrhundert an Bevölkerungswachstum stattgefunden hat. Aber geschenkt, wissenschaftlich seriös ist das nicht.

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  13. Wen wir die Erde als geschlossenes System betrachten (in etwa ist sie dies), dann wird kla, das jede positive Wachstumrate zu einer Erschöpfung ihrer Ressourcen führen muss.

    Es wäre also interessant zu berechnen, wie Wachtum in einer vollkommenen Kreislaufwirtschaft aussähe. So wäre dann ein, ohne den an anderer Stelle nicht kompensierbarem Ressourcenverbrauch, Wachstum möglich.

    Ein Beispiel liefert uns der Domainhandel, die Vermietung von Server"immobilien". Hier wird Wachtum ins fast virtuelle ausgelagert, die erforderlichen Ressourcen sind sim Vergleich zur Wertschöpfung eher gering.

    Da wir aber alle essen, heizen, uns anziehen und reisen wollen, wird ein solches Modell natürlich nicht beliebig ausdehnbar sein.

    Die Lösung bersteht in mehr Qualität (im Sinne besseren Ressourceneinsatzes, oder, besser noch, vermiedenen Ressourcenverbrauchs) denn Quantität (herkömmliches Wachstum).

    @egghat: Etwas Neues, und sei es ein Medikament, ist nie ein Wert an sich, schon gar nicht ein qualitativer. Neu ist nicht anderes als eine Information, ein Label. Und Vieles, was als neu gepriesen wird, war in der einen oder anderen Form schon mal da.

    Ich bezweifele sehr stark, dass ein Wachstum von 1,8 Prozent in irgendeiner Betrachtungsweise "neutral" oder "nachhaltig" sein kann.

    Arvid

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  14. Ich habe eine Studie im Kopf, die den Anteil des Fortschritts am Wachstum auf etwa 1% schätzt. Bessere Computer, bessere Medikamente, bessere Ideen, bessere Verfahren, ... Alles zusammen ergibt ein natürliches Wachstum ...

    Wir haben Länder, die deutlich stärker wachsen als z.B. der CO2 Ausstoß wächst. Das geht schon ...

    Ein Medikament, das eine Krankheit heilt bzw. die Folgen lindert oder nur das Leben um ein paar Monate verlängert, ist kein Wert?

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  15. jetzt hab ich mal eine und soviel mehr fragen:
    wenn mein gras keine schulden macht, kann es nicht wachsen?
    wenn kein schaf schulden macht, kann kein schaf mehr als ein lamm bekommen?
    könnte es sein das dein wachstum schuldenfrei zustande kam, nach deiner geburt?

    was ist wachstum?
    z.b.: populationswachstum, strömungszunahme, intensitätssteigerung, steigungszunahme, beschleunigung,...

    die wirklichkeit (das ist alles was dich umgibt, und ausmacht) kennt keine schulden und ändert sich dennoch (wachstum ist nur eine form der veränderung).

    könnte es sein, das deine bzw wgx`s definition von wachstum nur nonsense ist in einer realität die ausschließlich von erhaltungssätzen bestimmt wird?
    könnte es sein das die formulierung: "ohne schulden geht nichts" nur der plumpe versuch ist eine viel-dimensionale welt auf eine dimension zu reduzieren?

    warum ist die einheit von schulden nicht kanonisch bestimmt?

    was wächst? welche parameter ändern sich? in welcher kanonischen relation stehen diese zur wirklichkeit? wenn es keine menschen und damit keinen währungsraum bzw ein-dimendionalen schuldenraum gäbe, würde dann nichts wachsen? (z.b.: die vielfalt und die feinheiten des lebens oder der kosmos an sich)
    glaubst du wirklich: geld( oder schulden) bestimmt die welt?
    glaubst du wirklich: geld (oder schulden) ist?
    denn das ist der logische schluss aus der these: ohne schulden geht nichts.
    und wenn ja: was ist dann der rest mehr als sein?

    @ mealoa: es existieren keine mathematischen größen (physikalische schon), sondern nur größen, die mathematisch beschrieben werden können.

    und die globale bevölkerung wächst schon lange nicht mehr. wir erleben gerade das größte artensterben seit dem devon vor 420millionen jahren. außer natürlich man glaubt tiere existieren nicht. "und wachsen nicht, so ganz ohne dispo. geht ja gar nicht."

    bleibt die frage: was ist wachstum, und was hat das mit erhaltungssätzen zu tun?

    @egghat:"Ein Medikament, das eine Krankheit heilt bzw. die Folgen lindert oder nur das Leben um ein paar Monate verlängert, ist kein Wert?"
    natürlich, wenn du ihn bestimmen kannst, dann ist es einer, wenn nicht ist es mythologie von leben und tot und gott.
    und das bestimmbar zu machen ist fortschritt, der rest ist nur mehr auflösung, nur optimierung von vergangenem fortschritt.

    die folge ist mehr VERBRAUCH, denn das glaube ich verwechselst du mit wachstum und der andere auch,
    ich kann mich irren.

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  16. Naja, der Wert des Lebens?

    Wer will das bestimmen?

    Frag mal jemanden, der 50.000 Euro und Krebs hat, was dem drei Monate länger Leben wert sind. In den meisten Fällen mehr als das Medikament kostet. Und ins BIP geht nur der Preis für's Medikament ein.

    So ist das halt in der Wunderbaren Welt der Wirtschaft: Watt nix kost, ist nix wert.

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  17. Die aktuelle WDW ist nicht der Weisheit letzter Schluss.

    Siehe zB: Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress

    http://www.stiglitz-sen-fitoussi.fr/en/index.htm

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