Es ist für meine Stammleser keine wirklich überraschende Nachricht: Ich bin ein Fan von Gold und das aus einem großen Grund: Wir haben zu viele Schulden und die naheliegendste Lösung dafür ist Inflation. Inflationäre Zeiten waren bisher immer gut für Gold. (Auch wenn ich glaube, dass aktuell noch nicht klar ist, ob wir in den nächsten Jahren Inflation oder Deflation bekommen, siehe
Zahl des Tages (18.02.10): -16,6%).
Aber der Reihe nach, ich fange ja mit der Conclusio an ...
Beim ewigen Kampf zwischen Inflation und Deflation ist ja die herrschende Ansicht, dass eine stabile, aber niedrige Inflation das Optimum darstellt. Damit können Sparer leben, aber auch Arbeiter (weil die Löhne ja leicht mitsteigen).
Deflation hingegen wird allgemein als gefährlich angesehen. Warum ist Deflation eigentlich so schlimm? Die Theorie dahinter wird oft so dargestellt: Wenn die Preise fallen, schieben die Verbraucher Kaufentscheidungen in die Zukunft, weil man dann die Produkte ja billiger bekommt. Das wäre aber schlecht für die Wirtschaft. Dann sinken Löhne und/ohne Anzahl der Arbeitskräfte. Das senkt die Nachfrage erneut und dann müssen die Preise weitersinken und zack steckt man in der gefürchteten deflationären Spirale.
Ich teile diese Meinung nicht unbedingt, denn erstens ist das Gegenteil auch nicht gut (alles auf Schulden sofort haben zu wollen, wie wir gerade sehen) und zweitens gab es lange Phasen in der Geschichte, in denen sich Inflation und Deflation mehr oder weniger regelmäßig abwechselten, ohne dass sich die deflationären Phasen unbedingt als die schlimmeren herausstellten. Für mich liegt der Grund für die Vermeidung von Deflation woanders: Eine Wirtschaft, die vor allem auf Schulden basiert, braucht Geldentwertung, also Inflation, um die Schulden schleichend zu entwerten. Bei Deflation würden die Schulden immer mehr wert und damit würde jede Hoffnung auf Rückzahlung sterben. Aber das ist eher ein Thema für eine eigenes Posting.
Allgemein gilt Deflation also als unbedingt zu vermeiden. Daher ist das Team um den IWF Chefökonomen Olivier Blanchard jetzt zu der für viele ziemlich überraschenden Erkenntnis gekommen, dass man doch einfach das Inflationsziel (sofern die Notenbank denn eins hat) erhöhen solle. Blanchard schlägt als neue Richtgröße
4%
statt wie bisher etwa 2% vor.
Beim aktuellen Inflationsziel ist laut Blanchard der Abstand zur Deflation zu gering. Sobald nur leichte deflationäre Tendenzen auftreten, kann sich die Deflation sofort in wirklich (sprich sichtbar) sinkenden Preisen niederschlagen. Und dann kann die gefürchtete Spirale nach unten in Gang kommen.
Bei 4% bestünde aber ein viel größerer Puffer. Die Notenbank kann z.B. die Zinsen auf Null senken, was bei 4% einen extrem negativen Realzins ergäbe und das ist es, was die Wirtschaft antreibt. Aktuell liegt der Zins in den USA zwar bei nahezu Null, allerdings ist die Inflation auch sehr niedrig. Heute wurde die Kernrate der US-Verbraucherpreise zum ersten Mal seit 1982(!) mit einem Minus gemeldet (
BLS: Consumer Price Index Summary) (das auch nochmal als Update zum These, dass der Kampf zwischen Inflation und Deflation noch lange nicht entschieden ist).
Bei sinkenden Preisen hat die Notenbank aber keine Chance mehr, für einen negativen Realzins zu sorgen. Der Zins kann ja nicht unter Null gehen, zumindest nicht der am freien Markt (es würde ja niemand sein Geld zur Bank bringen, wenn die Bank dann garantiert, dass man weniger zurückbekäme ...). Die US-Notenbank ist jetzt - wie die Japaner schon seit knapp 2 Jahrzehnten - am Ende. Deshalb haben die Amerikaner und Briten auch zum unkonventionellen Mittel des Quantitative Easings gegriffen, das direkt zwei Ziele erreichen sollte: a) Die Zinsen sollen schnellstmöglich auf breiter Front sinken und b) die Geldmenge soll möglichst stark steigen, damit es zu Inflation und bloß nicht zu Deflation kommt.
Bei einem höheren Inflationsausgangsniveau bräuchte man solche Tricks aber womöglich nicht. Wenn das normale Inflationslevel bei 4% läge und das Zinsniveau 2 oder 3% darüber, könnte die Notenbank im Notfall mit einem Nullzins einen deutlich negativen Realzins erzeugen und die Wirtschaft so viel kräftiger anschieben als aktuell. (Übrigens könnte man mit einem Jahr Nulllohnerhöhung auch sofort für 4% sinkende Reallöhne sorgen. Das wird den Gewerkschaften kaum gefallen ...)
Das naheliegende Kontra zu dieser Idee ist die natürlich Inflationsangst (vor allem in Deutschland mit zwei inflationsbedingten Währungsreformen), allerdings hat Blanchard an diesen Einwand natürlich gedacht. Blanchard hat daher versucht zu belegen, dass nicht die absolute Höhe der Inflation das Problem ist, sondern die Schwankungen in den Inflationserwartungen. Wenn also bei 4% Inflation 6% Zinsen gezahlt würden, die Löhne um 6% steigen und die Renten ebenfalls, was wäre daran schlechter als wenn bei 2% Inflation 4% Zinsen gezahlt würden und Löhne und Renten um 4% steigen würden (ich weiss, dass die Zahlen mit der Realität zu tun haben, es geht um Beispiele).
Ich muss gestehen, dass ich im ersten Moment auch geglaubt habe, dass Blanchard jetzt scheinbar durchgeknallt ist. Aber an der Idee, den Sicherheitsabstand zur Deflation zu erhöhen, ist natürlich was dran. Genau wie an der Idee, dass die Stabilität der Inflation wahrscheinlich wichtiger ist als die Höhe.
Aber ich muss trotzdem sagen, dass mir jede Politik, die der Notenbank noch mehr Macht einräumt, als diese eh schon besitzen, Angst macht. Mir wäre viel lieber, man bräuchte ein Konstrukt wie die Notenbank gar nicht erst. Aber damit wären wir bei einer goldgedeckten (oder wasweissichgedeckten, Hauptsache das wasweissich wächst nicht beliebig) Währung, bei der Zinsen und Geldmenge mehr oder weniger konstant wären. Was ich aber nicht für so schlimm halten würde. Ein wenig Deflation tut halt nicht weh. Computer und Software, eine Branche, in der seit Erfindung dieser Geräte die Preise fallen, wachsen jedes Jahr. Zufall, dass genau in dieser Branche die Firmen mit wenigen Schulden und viel Cash agieren (Microsoft, Apple, Oracle alle mit 20 oder 30 Mrd. Cash und quasi Null Bankschulden)?
Aber ich mache mir nichts vor. Mit der Überlegung, dass Deflation nix Schlimmes sei, stehe ich ziemlich weit neben allen Mainstreamüberlegungen. Auch wird man die aktuell schuldenbasierte Wirtschaft kaum vernünftig auf ein solches System umstellen können.
Und zum Schluss bin ich mir nicht einmal sicher, ob jetzt noch jemand bis hierher durchgehalten hat und ich die Ideen von Blanchard (und meine dazu) vernünftig und verständlich beschrieben haben. Wenn nicht, fragt. Dann bekommen wenisgten die Leute, die erst am Montag hier lesen, einen besseren Artikel ...
IWF: Rethinking Macroeconomic Policy (PDF!)
Update (23:37)
Sehe gerade, dass das Handelsblatt auch dazu was geschrieben hat:
Handelsblatt: IWF will mit „Schnapsidee“ zu mehr Wachstum
Update (25.02.10):
Zwei Meinungen dazu:
i) Axel Weber (natürlich) dagegen:
FTD: Der IWF spielt mit dem Feuer
ii) Patrick Welter:
FAZ: Währungsfonds auf Irrwegen
Es ist für meine Stammleser keine wirklich überraschende Nachricht: Ich bin ein Fan von Gold und das aus einem großen Grund: Wir haben zu viele Schulden und die naheliegendste Lösung dafür ist Inflation. Inflationäre Zeiten waren bisher immer gut für Gold. (Auch wenn ich glaube, dass aktuell noch nicht klar ist, ob wir in den nächsten Jahren Inflation oder Deflation bekommen, siehe
Zahl des Tages (18.02.10): -16,6%).
Aber der Reihe nach, ich fange ja mit der Conclusio an ...
Beim ewigen Kampf zwischen Inflation und Deflation ist ja die herrschende Ansicht, dass eine stabile, aber niedrige Inflation das Optimum darstellt. Damit können Sparer leben, aber auch Arbeiter (weil die Löhne ja leicht mitsteigen).
Deflation hingegen wird allgemein als gefährlich angesehen. Warum ist Deflation eigentlich so schlimm? Die Theorie dahinter wird oft so dargestellt: Wenn die Preise fallen, schieben die Verbraucher Kaufentscheidungen in die Zukunft, weil man dann die Produkte ja billiger bekommt. Das wäre aber schlecht für die Wirtschaft. Dann sinken Löhne und/ohne Anzahl der Arbeitskräfte. Das senkt die Nachfrage erneut und dann müssen die Preise weitersinken und zack steckt man in der gefürchteten deflationären Spirale.
Ich teile diese Meinung nicht unbedingt, denn erstens ist das Gegenteil auch nicht gut (alles auf Schulden sofort haben zu wollen, wie wir gerade sehen) und zweitens gab es lange Phasen in der Geschichte, in denen sich Inflation und Deflation mehr oder weniger regelmäßig abwechselten, ohne dass sich die deflationären Phasen unbedingt als die schlimmeren herausstellten. Für mich liegt der Grund für die Vermeidung von Deflation woanders: Eine Wirtschaft, die vor allem auf Schulden basiert, braucht Geldentwertung, also Inflation, um die Schulden schleichend zu entwerten. Bei Deflation würden die Schulden immer mehr wert und damit würde jede Hoffnung auf Rückzahlung sterben. Aber das ist eher ein Thema für eine eigenes Posting.
Allgemein gilt Deflation also als unbedingt zu vermeiden. Daher ist das Team um den IWF Chefökonomen Olivier Blanchard jetzt zu der für viele ziemlich überraschenden Erkenntnis gekommen, dass man doch einfach das Inflationsziel (sofern die Notenbank denn eins hat) erhöhen solle. Blanchard schlägt als neue Richtgröße
4%
statt wie bisher etwa 2% vor.
Beim aktuellen Inflationsziel ist laut Blanchard der Abstand zur Deflation zu gering. Sobald nur leichte deflationäre Tendenzen auftreten, kann sich die Deflation sofort in wirklich (sprich sichtbar) sinkenden Preisen niederschlagen. Und dann kann die gefürchtete Spirale nach unten in Gang kommen.
Bei 4% bestünde aber ein viel größerer Puffer. Die Notenbank kann z.B. die Zinsen auf Null senken, was bei 4% einen extrem negativen Realzins ergäbe und das ist es, was die Wirtschaft antreibt. Aktuell liegt der Zins in den USA zwar bei nahezu Null, allerdings ist die Inflation auch sehr niedrig. Heute wurde die Kernrate der US-Verbraucherpreise zum ersten Mal seit 1982(!) mit einem Minus gemeldet (
BLS: Consumer Price Index Summary) (das auch nochmal als Update zum These, dass der Kampf zwischen Inflation und Deflation noch lange nicht entschieden ist).
Bei sinkenden Preisen hat die Notenbank aber keine Chance mehr, für einen negativen Realzins zu sorgen. Der Zins kann ja nicht unter Null gehen, zumindest nicht der am freien Markt (es würde ja niemand sein Geld zur Bank bringen, wenn die Bank dann garantiert, dass man weniger zurückbekäme ...). Die US-Notenbank ist jetzt - wie die Japaner schon seit knapp 2 Jahrzehnten - am Ende. Deshalb haben die Amerikaner und Briten auch zum unkonventionellen Mittel des Quantitative Easings gegriffen, das direkt zwei Ziele erreichen sollte: a) Die Zinsen sollen schnellstmöglich auf breiter Front sinken und b) die Geldmenge soll möglichst stark steigen, damit es zu Inflation und bloß nicht zu Deflation kommt.
Bei einem höheren Inflationsausgangsniveau bräuchte man solche Tricks aber womöglich nicht. Wenn das normale Inflationslevel bei 4% läge und das Zinsniveau 2 oder 3% darüber, könnte die Notenbank im Notfall mit einem Nullzins einen deutlich negativen Realzins erzeugen und die Wirtschaft so viel kräftiger anschieben als aktuell. (Übrigens könnte man mit einem Jahr Nulllohnerhöhung auch sofort für 4% sinkende Reallöhne sorgen. Das wird den Gewerkschaften kaum gefallen ...)
Das naheliegende Kontra zu dieser Idee ist die natürlich Inflationsangst (vor allem in Deutschland mit zwei inflationsbedingten Währungsreformen), allerdings hat Blanchard an diesen Einwand natürlich gedacht. Blanchard hat daher versucht zu belegen, dass nicht die absolute Höhe der Inflation das Problem ist, sondern die Schwankungen in den Inflationserwartungen. Wenn also bei 4% Inflation 6% Zinsen gezahlt würden, die Löhne um 6% steigen und die Renten ebenfalls, was wäre daran schlechter als wenn bei 2% Inflation 4% Zinsen gezahlt würden und Löhne und Renten um 4% steigen würden (ich weiss, dass die Zahlen mit der Realität zu tun haben, es geht um Beispiele).
Ich muss gestehen, dass ich im ersten Moment auch geglaubt habe, dass Blanchard jetzt scheinbar durchgeknallt ist. Aber an der Idee, den Sicherheitsabstand zur Deflation zu erhöhen, ist natürlich was dran. Genau wie an der Idee, dass die Stabilität der Inflation wahrscheinlich wichtiger ist als die Höhe.
Aber ich muss trotzdem sagen, dass mir jede Politik, die der Notenbank noch mehr Macht einräumt, als diese eh schon besitzen, Angst macht. Mir wäre viel lieber, man bräuchte ein Konstrukt wie die Notenbank gar nicht erst. Aber damit wären wir bei einer goldgedeckten (oder wasweissichgedeckten, Hauptsache das wasweissich wächst nicht beliebig) Währung, bei der Zinsen und Geldmenge mehr oder weniger konstant wären. Was ich aber nicht für so schlimm halten würde. Ein wenig Deflation tut halt nicht weh. Computer und Software, eine Branche, in der seit Erfindung dieser Geräte die Preise fallen, wachsen jedes Jahr. Zufall, dass genau in dieser Branche die Firmen mit wenigen Schulden und viel Cash agieren (Microsoft, Apple, Oracle alle mit 20 oder 30 Mrd. Cash und quasi Null Bankschulden)?
Aber ich mache mir nichts vor. Mit der Überlegung, dass Deflation nix Schlimmes sei, stehe ich ziemlich weit neben allen Mainstreamüberlegungen. Auch wird man die aktuell schuldenbasierte Wirtschaft kaum vernünftig auf ein solches System umstellen können.
Und zum Schluss bin ich mir nicht einmal sicher, ob jetzt noch jemand bis hierher durchgehalten hat und ich die Ideen von Blanchard (und meine dazu) vernünftig und verständlich beschrieben haben. Wenn nicht, fragt. Dann bekommen wenisgten die Leute, die erst am Montag hier lesen, einen besseren Artikel ...
IWF: Rethinking Macroeconomic Policy (PDF!)
Update (23:37)
Sehe gerade, dass das Handelsblatt auch dazu was geschrieben hat:
Handelsblatt: IWF will mit „Schnapsidee“ zu mehr Wachstum
Update (25.02.10):
Zwei Meinungen dazu:
i) Axel Weber (natürlich) dagegen:
FTD: Der IWF spielt mit dem Feuer
ii) Patrick Welter:
FAZ: Währungsfonds auf Irrwegen
Zahl des Tages (16.02.10): 4