Ich habe mich ja mit meinem Posting
WARUM IRLAND NICHT GRIECHENLAND IST weit aus dem Fenster gehängt. So weit, dass ich angesichts der aktuellen Lage ziemlich deppert aussehe ...
Ich muss auch zugeben, dass ich mich in einem geirrt habe: Ich habe übersehen, dass die Banken Irlands die offene Flanke des Landes sind. Genauer: Mangelndes Vertrauen in diese Banken, wobei das Vertrauen in die Banken am Ende ja auch nur ein Vertrauen in die Staatsgarantie ist, die die Banken am Leben hält.
Und da sind nicht unbedingt Zahlen gefragt, sondern da geht es hauptsächlich um Psychologie. Gibt es einen Bankrun, wird es eng. In jedem Land der Welt.
Aber davon völlig unabhängig sprechen weiterhin ein paar Dinge für Irland.
Die Staatsverschuldung Irlands enthält in den offiziellen Zahlen *alle* Assets, die an die Bad Bank NAMA ausgelagert wurden. Also die Assets, die jetzt mit ungefähr 50% Abschlag in der Bad Bank liegen, sind nicht nur mit diesen 50% Abschlag in der Staatsverschuldung berücksichtigt (was ja unstrittig ist), sondern mit der anderen Hälfte ebenfalls. (So berechnet die EU halt die Schulden). Da spielt es keine Rolle, dass die Ratingagentur Moody's keine weiteren Abwertungen erwartet (und sogar Gewinne schätzt) oder dass Independent Strategy selbst im Worst Case "nur" weitere Belastungen von maximal 7% des BIPs errechnet (siehe Link unten).
Die Iren haben mit der Bad Bank und der möglichst weitgehenden Transparenz die Verluste heute und vor allem ziemlich vollständig offengelegt. Jetzt sehen die Finanzmärkte das ganze Desaster (sind aber gleichzeitig zu doof, sich daran zu erinnern, dass die andere Hälfte der Assets der Bad Bank als Schulden zählen, obwohl die definitiv noch was wert sind). Die Höhe der Staatsverschuldung und auch die dauernd genannten 32% Haushaltsdefizit sind eigentlich nicht richtig.
Vielleicht sollte ich in Zukunft aufhören, maximale Transparenz zu fordern. Vielleicht ist ein Verstecken der Probleme (indem man z.B. die Bilanzierungsrichtlinien aufweicht) oder die Immobilien zu überhöhten Preisen in die Bankbilanz holt (um den Kredit nicht abschreiben zu müssen, Stichwort Dación en pago, siehe
SPANIEN - GENAUSO WAHNSINNIG WIE DIE USA?) wirklich der sinnvollere Weg. Sobald du Schwäche zeigst, werden dich die Finanzmärkte angreifen ...
Aber ich wollte bei den Punkten bleiben, die für Irland sprechen ...
Die irische Bevölkerung ist jung, gut ausgebildet und spricht Englisch. Damit ist die irische Bevölkerung sehr flexibel. In einer Krise wie der aktuellen wandern die Iren auf Jobsuche wesentlich schneller aus als in anderen Ländern. Jetzt kann man über den Brain Drain jammern, Fakt ist aber auch, dass die schnelle Auswanderung das irische Sozialsystem schnell entlastet. (Und Jammern sollte man eh nicht zu laut, denn Irland hat im Boom auch problemlos Arbeitskräfte angezogen und wird das im nächsten Aufschwung auch schaffen, im Notfall durch Rückkehrer). Einen schnellen Bericht zum Thema hat man aber trotzdem zusammengestrickt (
Tagesschau: Junge Leute wandern aus Irland aus).
Irland hat einen deutlichen Exportüberschuss, der in den letzten Jahren noch deutlich gewachsen ist. Durch die Sparmaßnahmen wird er noch weiter wachsen. Irland wird weniger im Ausland kaufen (das Geld geht halt für Zinsen drauf), aber die Exporte wird das nicht beeinträchtigen. Es strömt also fortlaufend Geld ins Land (im Gegensatz zu Griechenland, wo dauernd Geld abfließt).
Irland wird als erstes Krisenland Europas einen sanierten Bankensektor haben, in dem die Werte in den Bilanzen auch die wirklichen Werte korrekt widerspiegeln. Die irischen Politiker haben sich für einen ähnlichen Weg entschieden, wie ihn auch die Schweden vor knapp 20 Jahren gewählt haben. Die Schweden haben damals den gesamten Bankensektor verstaatlicht. Im Endeffekt hat Irland das gleiche gemacht: Mit der Staatsgarantie ist die Haftung an den Staat übergegangen, komischerweise im Gegenzug nicht auch 100% der Anteile (wenn auch die Mehrheit). Das jetzige Gehampel mit der EU, ob jetzt die irischen Banken oder der Staat Geld vom Stabilitätsfonds bekommen sollen, ist daher albern. Vor allem wenn man weiss, dass die EZB eh die einzige Bank ist, der den irischen Banken noch Geld gibt (die These, dass die anderen Banken die irischen Banken "schneiden" ist Murks, die geben den irischen Banken schon länger kein Geld mehr ...). Der irische Bankensektor hängt sowieso schon an der EU.
Die Iren sind jetzt aber in einer aussichtslosen Lage und werden Hilfen annehmen müssen. Es wird über einen Bankrun diskutiert und das reicht, um ausreichend große Mengen Geld abfließen zu lassen, und die Löcher muss dann jemand stopfen.
Dass die Kapitalmärkte eine Attacke auf Irland versuchen, war abzusehen. Dass die Attacke jetzt aber durch die eigene Bevölkerung über einen Bankrun erfolgt, aber nicht. Und dass die Politiker in Brüssel Irland die Hilfe geradezu aufzwingen, hätte ich ebenfalls nicht erwartet. Zumindest den Politikern hätte Irland die eigene Lage doch erklären können.
Naja, wer weiss, vielleicht gab es gestern Abend keine Hilfe, weil die Iren das doch geschafft haben. (ich schätze aber nicht, denn das Vertrauen war wohl nur geheuchelt. Im Moment gehen alle von Hilfe für Irland aus und damit wird die wohl auch kommen ...)
FT Alphaville: Standing up for Ireland ♣
(Übrigens habe ich nie gesagt, dass Irland ohne Hilfe auskommt, ich habe nur gesagt, dass Irland eine größere Chance hat, ohne Hilfen auszukommen. Und wenn man ganz genau liest, habe ich nicht über die Hilfe spekuliert. Ich habe vielmehr gesagt, dass ich Irland eine höhere Chance für einen Turnaround gebe als Griechenland. Also wenn man es in eine Wette fassen würde, hieße die: Wenn Irland Pleite geht (Definition: CDS wird getriggert), geht es Griechenland erst Recht (bzw. ist es wahrscheinlich vorher schon gegangen).
Update (17:24):
Einen Kommentar in der FTD würde ich an dieser Stelle gerne noch empfehlen. Der schafft es zwar genausowenig die Lage umfassend auszuleuchten wie mein leicht wirrer Diskussionsbeitrag, aber immerhin kommt ein Kritikpunkt gut heraus, der bei mir untergeht: Die Kritik an der Politik der anderen Länder, also Merkel und Sarkozy, die sich mitten in der Krise hinstellen und eine Beteiligung der Gläubiger bei der nächsten Pleite fordern. Was dann die letzten treuen Anleger aus den irischen Anleihen vertrieben hat: Rendite vor der Ankündigung 6%, jetzt 8,x%.
FTD: Lasst die Iren in Ruhe
Dass die Ankündigung einer Beteiligung Großbritanniens am Rettungspakets in Irland mit wenig Wohlwollen aufgenommen wird, ist ein anderer Aspekt, der nicht ganz unwichtig sein könnte (auch wenn die Briten nur ihre eigene Bank, nämlich die RBS retten ... (siehe
Jetzt fallen schon die britischen Banken wegen Irlands Problemhypotheken …)
Update 2 (20:52):
Ein Kommentar vom Standpunkt Irlands aus bei der BBC:
BBC: Viewpoint: Ireland's robust economy knocked off course
Ich habe mich ja mit meinem Posting
WARUM IRLAND NICHT GRIECHENLAND IST weit aus dem Fenster gehängt. So weit, dass ich angesichts der aktuellen Lage ziemlich deppert aussehe ...
Ich muss auch zugeben, dass ich mich in einem geirrt habe: Ich habe übersehen, dass die Banken Irlands die offene Flanke des Landes sind. Genauer: Mangelndes Vertrauen in diese Banken, wobei das Vertrauen in die Banken am Ende ja auch nur ein Vertrauen in die Staatsgarantie ist, die die Banken am Leben hält.
Und da sind nicht unbedingt Zahlen gefragt, sondern da geht es hauptsächlich um Psychologie. Gibt es einen Bankrun, wird es eng. In jedem Land der Welt.
Aber davon völlig unabhängig sprechen weiterhin ein paar Dinge für Irland.
Die Staatsverschuldung Irlands enthält in den offiziellen Zahlen *alle* Assets, die an die Bad Bank NAMA ausgelagert wurden. Also die Assets, die jetzt mit ungefähr 50% Abschlag in der Bad Bank liegen, sind nicht nur mit diesen 50% Abschlag in der Staatsverschuldung berücksichtigt (was ja unstrittig ist), sondern mit der anderen Hälfte ebenfalls. (So berechnet die EU halt die Schulden). Da spielt es keine Rolle, dass die Ratingagentur Moody's keine weiteren Abwertungen erwartet (und sogar Gewinne schätzt) oder dass Independent Strategy selbst im Worst Case "nur" weitere Belastungen von maximal 7% des BIPs errechnet (siehe Link unten).
Die Iren haben mit der Bad Bank und der möglichst weitgehenden Transparenz die Verluste heute und vor allem ziemlich vollständig offengelegt. Jetzt sehen die Finanzmärkte das ganze Desaster (sind aber gleichzeitig zu doof, sich daran zu erinnern, dass die andere Hälfte der Assets der Bad Bank als Schulden zählen, obwohl die definitiv noch was wert sind). Die Höhe der Staatsverschuldung und auch die dauernd genannten 32% Haushaltsdefizit sind eigentlich nicht richtig.
Vielleicht sollte ich in Zukunft aufhören, maximale Transparenz zu fordern. Vielleicht ist ein Verstecken der Probleme (indem man z.B. die Bilanzierungsrichtlinien aufweicht) oder die Immobilien zu überhöhten Preisen in die Bankbilanz holt (um den Kredit nicht abschreiben zu müssen, Stichwort Dación en pago, siehe
SPANIEN - GENAUSO WAHNSINNIG WIE DIE USA?) wirklich der sinnvollere Weg. Sobald du Schwäche zeigst, werden dich die Finanzmärkte angreifen ...
Aber ich wollte bei den Punkten bleiben, die für Irland sprechen ...
Die irische Bevölkerung ist jung, gut ausgebildet und spricht Englisch. Damit ist die irische Bevölkerung sehr flexibel. In einer Krise wie der aktuellen wandern die Iren auf Jobsuche wesentlich schneller aus als in anderen Ländern. Jetzt kann man über den Brain Drain jammern, Fakt ist aber auch, dass die schnelle Auswanderung das irische Sozialsystem schnell entlastet. (Und Jammern sollte man eh nicht zu laut, denn Irland hat im Boom auch problemlos Arbeitskräfte angezogen und wird das im nächsten Aufschwung auch schaffen, im Notfall durch Rückkehrer). Einen schnellen Bericht zum Thema hat man aber trotzdem zusammengestrickt (
Tagesschau: Junge Leute wandern aus Irland aus).
Irland hat einen deutlichen Exportüberschuss, der in den letzten Jahren noch deutlich gewachsen ist. Durch die Sparmaßnahmen wird er noch weiter wachsen. Irland wird weniger im Ausland kaufen (das Geld geht halt für Zinsen drauf), aber die Exporte wird das nicht beeinträchtigen. Es strömt also fortlaufend Geld ins Land (im Gegensatz zu Griechenland, wo dauernd Geld abfließt).
Irland wird als erstes Krisenland Europas einen sanierten Bankensektor haben, in dem die Werte in den Bilanzen auch die wirklichen Werte korrekt widerspiegeln. Die irischen Politiker haben sich für einen ähnlichen Weg entschieden, wie ihn auch die Schweden vor knapp 20 Jahren gewählt haben. Die Schweden haben damals den gesamten Bankensektor verstaatlicht. Im Endeffekt hat Irland das gleiche gemacht: Mit der Staatsgarantie ist die Haftung an den Staat übergegangen, komischerweise im Gegenzug nicht auch 100% der Anteile (wenn auch die Mehrheit). Das jetzige Gehampel mit der EU, ob jetzt die irischen Banken oder der Staat Geld vom Stabilitätsfonds bekommen sollen, ist daher albern. Vor allem wenn man weiss, dass die EZB eh die einzige Bank ist, der den irischen Banken noch Geld gibt (die These, dass die anderen Banken die irischen Banken "schneiden" ist Murks, die geben den irischen Banken schon länger kein Geld mehr ...). Der irische Bankensektor hängt sowieso schon an der EU.
Die Iren sind jetzt aber in einer aussichtslosen Lage und werden Hilfen annehmen müssen. Es wird über einen Bankrun diskutiert und das reicht, um ausreichend große Mengen Geld abfließen zu lassen, und die Löcher muss dann jemand stopfen.
Dass die Kapitalmärkte eine Attacke auf Irland versuchen, war abzusehen. Dass die Attacke jetzt aber durch die eigene Bevölkerung über einen Bankrun erfolgt, aber nicht. Und dass die Politiker in Brüssel Irland die Hilfe geradezu aufzwingen, hätte ich ebenfalls nicht erwartet. Zumindest den Politikern hätte Irland die eigene Lage doch erklären können.
Naja, wer weiss, vielleicht gab es gestern Abend keine Hilfe, weil die Iren das doch geschafft haben. (ich schätze aber nicht, denn das Vertrauen war wohl nur geheuchelt. Im Moment gehen alle von Hilfe für Irland aus und damit wird die wohl auch kommen ...)
FT Alphaville: Standing up for Ireland ♣
(Übrigens habe ich nie gesagt, dass Irland ohne Hilfe auskommt, ich habe nur gesagt, dass Irland eine größere Chance hat, ohne Hilfen auszukommen. Und wenn man ganz genau liest, habe ich nicht über die Hilfe spekuliert. Ich habe vielmehr gesagt, dass ich Irland eine höhere Chance für einen Turnaround gebe als Griechenland. Also wenn man es in eine Wette fassen würde, hieße die: Wenn Irland Pleite geht (Definition: CDS wird getriggert), geht es Griechenland erst Recht (bzw. ist es wahrscheinlich vorher schon gegangen).
Update (17:24):
Einen Kommentar in der FTD würde ich an dieser Stelle gerne noch empfehlen. Der schafft es zwar genausowenig die Lage umfassend auszuleuchten wie mein leicht wirrer Diskussionsbeitrag, aber immerhin kommt ein Kritikpunkt gut heraus, der bei mir untergeht: Die Kritik an der Politik der anderen Länder, also Merkel und Sarkozy, die sich mitten in der Krise hinstellen und eine Beteiligung der Gläubiger bei der nächsten Pleite fordern. Was dann die letzten treuen Anleger aus den irischen Anleihen vertrieben hat: Rendite vor der Ankündigung 6%, jetzt 8,x%.
FTD: Lasst die Iren in Ruhe
Dass die Ankündigung einer Beteiligung Großbritanniens am Rettungspakets in Irland mit wenig Wohlwollen aufgenommen wird, ist ein anderer Aspekt, der nicht ganz unwichtig sein könnte (auch wenn die Briten nur ihre eigene Bank, nämlich die RBS retten ... (siehe
Jetzt fallen schon die britischen Banken wegen Irlands Problemhypotheken …)
Update 2 (20:52):
Ein Kommentar vom Standpunkt Irlands aus bei der BBC:
BBC: Viewpoint: Ireland's robust economy knocked off course
Zur Verteidigung Irlands ...