Gerechtigkeit in Deutschland nur mittelmäßig

Wenn ich schon in meinem Zweitblog schon einen kritischen Artikel über das Steuersparmodell Bertelsmann Stiftung (und die dadurch finanzierte INSM) bringe (siehe UTS #8: Die Bertelsmann Republik Deutschland - egghat's not so micro blog), bin ich geradezu gezwungen auf diese Studie der Bertelsmann-Stiftung, die so gar nicht in die übliche INSM "Propaganda" passt, zu erwähnen.

Die Studie gibt es scheinbar noch nicht online, nur einen (allerdings sehr ausführlichen) Artikel darüber in der FAZ kann ich verlinken.

Und daraus kann man schon jede Menge interessante Fakten ziehen.

Im Gesamtranking liegt Deutschland auf Platz 15 ziemlich genau in der Mitte der 31 untersuchten Staaten und mit einem Wert von 6,89 leicht über dem Durchschnittswert von 6,55. Erster ist Island mit 8,54 (auch wenn man hier zweifeln muss, wie lange Island das noch finanzieren kann) vor Schweden (8,41) und  Dänemark (8,36). Am Ende Mexiko (5,05) vor Griechenland (5,03) und der abgeschlagenen Türkei (3,85).

Interessanter aber noch die Details. Denn Deutschland liegt wie so häufig in solchen Untersuchungen genau da unter dem Durchschnitt, wo sich eigentlich die Zukunft eines Landes entscheidet.

Im Punkt "Zugang zu Bildung", einem der 5 untersuchten Hauptaspekte, belegt Deutschland nur Platz 22 (5,59 Punkte, 6,20 im Durchschnitt). In den anderen 4 Punkten liegt Deutschland über dem Durchschnitt, aber auch dort zeigt sich zum Beispiel im Teilaspekt "Kinderarmut", wo in Deutschland der Schuh am kräftigsten drückt.

Das ist alles nicht Neues und daran hat sich in den letzten zwei oder drei Jahrzehnten erschreckend wenig geändert ...

FAZ: Lücken in der sozialen Gerechtigkeit

Update (03.01.11):

Die Studie ist jetzt auch online (und wird breit berichtet): Bertelsmann Stiftung: Soziale Gerechtigkeit in der OECD - Wo steht Deutschland (PDF!)

Es ist u.a. sehr schön beschrieben, wie der Gesamtindikator und die Unterindikatoren berechnet wurden. Sieht durchaus sinnvoll aus. Ein Beispiel zum Punkt Bildungszugang (in dem Deutschland unterdurchschnittlich abschneidet):

Tabelle 3: Dimension II: Bildungszugang
  • Indikator B1: Bildungspolitik 
    • Politikleistung hinsichtlich der Bereitstellung hochwertiger, effizienter und gerechter Bildungsangebote 
    • Quelle: Sustainable Governance Indicators 2011 (i. E.), Expertenurteil „To what extent does education policy in your country deliver high-quality, efficient and equitable education and training?“ (Indikator S19.1). 
  • Indikator B2: Sozioökonomischer Hintergrund 
    • Produkt aus der Stärke des sozioökonomischen Gradienten und dem Anstieg des sozioökonomischen Gradienten 
    • Quelle: PISA 2009 Results: Overcoming Social Background, Table II.3.2: Measures of the relationship between socio-economic background and reading performance. 
  • Indikator B3 Frühkindliche Bildung 
    • Öffentliche Ausgaben für vorschulische Bildung in Prozent des BIP 
    • Quelle: OECD Online Education Database; Griechenland, Luxemburg: eigene Schätzungen
Update (31.01.10):

Ich würde gerne einen großen Kritikpunkt der Studie nachtragen, auch wenn es niemand mehr liest: Die Bertelsmann-Studie lässt das Gesundheitssystem komplett außen vor. Das ist natürlich eine ganz schon heftige Lücke ...

Kommentare :

  1. Aha. Wirst du auf deine alte Tage ein linkes Arschloch wie ich?

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  2. Ich habe Silvester mit einem EU-Beamten gefeiert, den ich mal darauf ansprach, ob er denn Steuern zahlen müsse.

    Zunächst meinte er, er zahle ganz normal Steuern, allerdings an die EU. Ein bisschen Nachhaken zeigte allerdings folgendes:

    - Von seinem Gehalt wird ein gewisser Teil einbehalten (er sagte etwas von 20%)
    - Er muss keine Steuererklärung machen!!!
    - Er kann ein Auto ohne Mehrwertsteuer kaufen.

    So ganz hatte er nicht verstanden, dass er ziemlich priviligiert ist, denn er meinte weiterhin, ganz normal Steuern zu zahlen. Nach seiner Aussage seien die Diplomaten die eigentlich Privilegierten.

    Wie kann man von solchen Leuten, die völlig abseits der Realität leben, Gerechtigkeit erwarten?

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  3. Jaja, wenn ihr Deutschen in den letzten Jahrzehnten in den die Zukunft eines Landes bestimmenden Faktoren eher hinten gelegen seid, warum exportiert ihr dann wieder mal die ganze Welt in Grund und Boden?

    Übrigens, in einer Welt der Sklavenhändler geht es nicht darum, den nettesten Händler zu küren, sondern darum, den Handel zu beenden. Deswegen bin ich gegenüber internationalen Vergleichen und den daraus gezogenen Schlussfolgerungen skeptisch.

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  4. Was nützt es, wenn wir die Welt in Grund und Boden exportieren und das Geld dann bei den Unternehmen und Kapitaleignern landet, die es auf der Suche nach Rendite in Staatsanleihen in Griechenland oder dem spanischen und irischen Immobilienmarkt investieren?

    Nix.

    Da ist mir das skandinavische Modell um einiges sympathischer ... (Schweden hat einen Leistungsbilanzüberschuss, relativ niedrige Staatsschulden, ist AAA UND hat ein gutes Sozialsystem. Und das ebenfalls als relativ rohstoffarmes, sprich vergleichbares Land. (Norwegen ist ein unfairer Vergleich, weil die so viel Öl haben).

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  5. @Stephan:

    Nee, habe ich nicht vor. Aber fast jede Medaille hat zwei Seiten. Und ich möchte gerne beide bringen.

    Es gibt ja durchaus Argumente, die für einen Mindestlohn sprechen, aber eben auch einige, die dagegen sprechen. Da wird man mich nicht in das klassische Links-Rechts-Schema pressen können ...

    @Anonym:

    Dazu müsste man mal was schreiben. Habe aber keine Quelle ...

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  6. Wieso, die Spanier, Iren und Griechen haben einige Jahre gut gelebt, ist denn das kein Nutzen? ;-)

    Ich finde die Norweger insofern beachtlich, dass sie anscheinend die Ausnahme von der Regel sind, dass Rohstoffreichtum der Bevölkerung mehr schadet als nützt.

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  7. Norwegen hat sich damals von einem intelligenten VWLer beraten lassen. Der hat diesen Fonds vorgeschlagen, in den die Ölerlöse fließen. Damit ist sichergestellt, dass da nicht Unmengen an Geld ins Inland fließen und dort eine Megablase erzeugt. Ein Großteil des Geldes fließt nämlich erstens ins Ausland (und verhindert, dass die norwegische Währung massiv anzusteigt) und zweitens landen nur die Dividenden und Zinsen im Sozialsystem.
    Und vielleicht noch wichtiger: Der Fonds ist dem direkten Zugriff der Politiker entzogen. Da würde nämlich früher oder später einer kommen, der das Geld verprasst, um die nächste Wahl zu gewinnen.

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  8. Ich glaube zwar auch, dass Deutschland in Sachen sozialer Gerechtigkeit mehr tun könnte, an den Wert des Bertelsmann'schen allgemeinen Gerechtigkeitsindikators glaube ich aber nicht. Wie ich auch in meinem Artikel Soziale Gerechtigkeit zusammengerührt schreibe, sind einige Einzeldaten, die in diesem Indikator drinstecken, viel interessanter.

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  9. Ja klar, jeder Indikator hat ein Problem. Das gilt allerdings auch für fast jeden Teilindikator. Die sind auch subjektiv, du weisst auch nicht, was wichtig ist, wie der errechnet wird, etc.

    Es ist eine Zahl und die ist immer eine unzulässige Verdichtung der Realität.

    Ich zweifle an dem Wert wenig. Oder zeigst du mir den Indikator, der sagt, dass die Skandinavier ungerecht und die Türkei gerecht

    Ernsthaft: Der deutsche Wert im Mittelfeld ist schon plausibel. Wir sind kein komplettes Ellenbogenland wie die USA, aber eben auch kein Musterschüler wie die Skandinavier.

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  10. Woher wissen wir eigentlich, dass die Skandinavier so viel gerechter sind als die USA und Deutschland dazwischen ist.

    Wissen wir das aus den Zahlen der Studie, wissen wir das aus Einzelberichten von Leuten, die herumreisen oder wissen wir das aus Fernsehsendungen und Zeitungsartikeln?

    Ich bin jedenfalls nicht parallel in den einzelnen Ländern aufgewachsen und kann mir daher keine eigenes Urteil bilden. Bei all den Gerechtigkeitsbegriffen (Verteilungs-, Leistungs-, soziale...) pickt sich wohl jeder raus, was ihm gefällt und sucht dann ein paar Beispiele, die seine (Vor-)Urteile unterstützen.

    Wirtschaftswurm, danke für deinen verlinkten Artikel!

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  11. Hallo,

    zum Thema Bertelsmann Stiftung gab es dieses Jahr auch einen Vortrag auf dem 27C3 (Choas Commnication Congress), leider ist da die Zeit viel zu knapp gewesen, daher reicht es nur als Einstieg.

    Die Folien als PDF gibt es hier:

    http://events.ccc.de/congress/2010/Fahrplan/events/4081.en.html


    Ein Audio Mitschnitt findet sich hier:

    http://events.ccc.de/congress/2010/wiki/Conference_Recordings

    Da sollte später auch ein Video Mitschnitt verfügbar sein.


    Karsten

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  12. Statt aber über das Original der OECD-Studie „Growing Unequal?: Income Distribution and Poverty in OECD Countries [PDF - 251 KB] zu berichten, erspart sich die ARD die Kosten von 70 Euro und vor allem die Mühe der Auswertung und übernimmt eine weichgespülte Interpretation der Bertelsmann Stiftung. Dabei hätte man den Kernsatz der OECD-Studie im Original sogar auf deutsch nachlesen können: ..

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=7884

    Sollte man dazu gelesen haben.

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  13. @Mylli:

    Woher willst du wissen, dass es nicht so ist?

    Skandinavien schneidet in so ziemlich allen Werten besser ab als Deutschland. Das ist kein Zufall.

    Was nützt es jetzt, wenn du dorthin fährst und drei Wochen in Stockholm lebst und versuchst deine Beobachtungen zu machen? Meinst du ernsthaft, du könntest nachher irgendwas besser beurteilen als die Zahlen, die aus zig Studien von zig Organisationen herausgefallen sind? Wie willst du Einkommensungleichheit messen? Außer in Zahlen von Statistikern?

    Klar, man kann alles anzweifeln. Und man sollte auch alles hinterfragen. Aber der Gini Koeffizient in Skandinavien ist niedriger als in Deutschland, was vor allem an einem nicht existierenden Niedriglohnsektor in Skandinavien liegt. Das ist eine simple Zahl und die hat schon eine Bedeutung. Als einzige Zahl ist mir das zu wenig, aber genau deshalb macht sowas wie die Studie der Bertelsmann-Stiftung doch Sinn: Schauen, ob aus all den Studien ein konsistentes Bild herauskommt.

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  14. @Anonym:

    Die Nachdenkseiten lese ich ebenfalls häufig, nur muss man auch wissen, dass die ebenfalls nicht gerade aus der Ecke kommen, wo man versucht, beide Seiten zu beleuchten.

    Dort wird alles immer nur in eine Richtung interpretiert.

    Zum Beispiel ignoriert der Artikel völlig, dass in die Bertelsmann-Studie VIELE Studien auf VIELEN Quellen eingegangen sind und reitet ausschließlich auf Teilaspekten (Lohnungleichheit) herum.

    Außerdem ist das ganze seeehr subjektiv. Die Formulierungen bei der Bertelsmann-Stiftung finde ich z.B. nicht wirklich verharmlosend. Ich könnte auch aus der gelobten OECD Studie einen Satz dagegensetzen:

    "Er [Der Anstieg des Gini-Koeffizienten] ist allerdings wesentlich weniger dramatisch als in den Medien häufig dargestellt."

    Da könnte ich jetzt genauso ein "verharmlosend" hinterherwerfen.

    Bei den Nachdenkseiten ist jeder, der nicht 24 Stunden am Tag über das Ende des Sozialstaats und die kommenden Straßenrevolten lamentiert direkt ein neoliberales Arschloch.

    Das ist mir zu einfach.

    Ich hätte mich an der Stelle der Nachdenkseiten mal darüber gefreut, dass selbst die Bertelsmannstiftung jetzt eine Gerechtigkeitslücke in Deutschland sieht. Und nicht einzelne Formulierungen auf die Goldwaage gelegt. Das wirkt doch etwas arg wadenbeisserisch ... (oder sagen wir mal so: Das scheint mir die Gruppe Menschen zu sein, mit denen ich eher KEIN Bier trinken möchte). Lese da trotzdem, weil sie oft ein interessantes Licht auf die Dinge werfen. Man muss nur wissen, dass die Lampe immer von der gleichen Seite aus leuchtet ...

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  15. @ egghat

    Halt, ich habe nie gesagt, dass es nicht so ist. Ich habe nur überlegt, auf welche Weise wir erfahren, wo es wie ist.

    Es nützt wohl nicht viel, wenn ich zwei, drei Wochen in jedem Land lebe und mir am Lebensende dann eine eigene Reihung zusammenbastle. Und ich bin auch nicht parallel in allen Ländern der Erde in allen Schichten mit alle unterschiedlichen Vorraussetzungen, die man haben kann, aufgewachsen. Keiner ist das, keiner kann das. Das wollte ich nur feststellen.

    Sicher, den Gini Koeffizienten kann man messen. Aber steht der für soziale Gerechtigkeit? Je mehr ich über Gerechtigkeit nachdenke, desto mehr entschwindet sie mir.

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  16. @Mylli:

    Ich habe ja auch nur zugespitzt.

    Ich finde das, was die Bertelsmannstiftung in diesem Fall gemacht hat, durchaus plausibel und schlüssig ist.

    Klar, auch der Indikator wird die Welt nicht alleine erklären. Aber immerhin hilft er.

    IMHO belegt der Indikator, dass Deutschland für ein so reiches Land ziemlich ungerecht ist ... Und das man das anders, sprich besser machen könnte (siehe Skandinavien oder auch die Niederlande).

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  17. @ egghat

    IMHO belegt der Indikator, dass Deutschland für ein so reiches Land ziemlich ungerecht ist

    Interessant finde ich die Beziehung zwischen "reich" und "gerecht". Ist Reichtum (Wohlstand über den täglichen Kampf ums Überleben hinaus) Vorbedingung für die Entwicklung eines Gerechtigkeitsgefühls oder werden gerechtere Gesellschaften allgemein reicher oder ist das nur Zufall?

    Eigentlich wollte ich in meinem ersten Beitrag ja nur darauf hinweisen, dass heute so gerne gesagt wird "Unsere Zukunft steht auf dem Spiel, wenn...", "Das Wichtigste ist..." oder ähnliches und ich wundere mich, woher wir das eigentlich wissen.

    Island führt übrigens beim Bildungsunterindex, ist in PISA selbst aber nur Mittelmaß. Aber ich selbst scheitere ja an PISA:

    Wann ist Nicht-Tun eine Tun?

    http://www.n-tv.de/politik/Lesekompetenz-Handysicherheit-article2090581.html

    Der Abschnitt "Wenn du ein Handy benutzt..." ist faszinierend.

    Bei Tu dies steht: "Trage das Handy nicht am Körper, wenn es im Stand-by-Modus ist."

    Bei Tu dies nicht steht: "Benutze dein Handy nicht, wenn der Empfang schwach ist, weil es dann mehr Strom benötigt, um mit der Netzantenne in Verbindung zu stehen, wodurch die Strahlung stärker wird."

    Ich soll das Handy also nicht am Körper tragen, wenn ich es nicht benutze. Aber bei schlechtem Empfang soll ich es nicht nicht benutzen? Also muss ich es bei schlechtem Empfang benutzen.

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  18. Ein Test meinerseits zum Hyperverlinken.

    Link zum PISA Test

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