Juchu: Die USA hat keine Inflation mehr

Eine Zahl muss ich zur BIP-Meldung noch nachtragen: Der Preisdeflator, also die Inflationsrate, die bei der Errechnung des BIPs zugrunde gelegt wird, lag bei sehr mageren

0,3%.

Zwar liegt die Inflationsrate in den USA auch nach anderen Berechnungsmethoden deutlich niedriger als in Europa (der Dollar war im 4. Quartal vergleichsweise stark), aber 0,3% Inflation wirken doch etwas arg unglaubwürdig ...

Um den Preisdeflator kurz zu erläutern: Das BIP, das in den Überschriften gemeldet wird, ist immer inflationsbereinigt. In der Berechnung des Brutto-BIPs werden einfach nur der Wert (=Preis) aller Waren und Dienstleistungen addiert. Darin steckt natürlich auch immer der Preisanstieg. Da aber nicht steigende Preise gemessen werden sollen, sondern nur die (hoffentlich) steigendeWirtschaftsleistung, wird davon dann der Preisanstieg abgezogen. Das ist der Preisdeflator. Ist dieser hoch, wird das gemessene Wirtschaftswachstum dadurch gedämpft, ist der Preisdeflator hingegen niedrig, wird das Wirtschaftswachstum höher ausgewiesen. Der aktuelle Preisdeflator von 0,3% ist außergewöhnlich niedrig und daher lohnt eine etwas intensivere Betrachtung (auch wenn das etwas arg nerdig ist ...).

Die USA weisen zwar eine deutlich niedrigere Inflation als Europa aus, diese zog zum Jahresende aber auch in den USA deutlich an. Allein im Dezember gab es ein Plus der Verbraucherpreise von 0,5% im Vergleich zum November. Da auch die beiden Monate vorher im Plus (+0,2 und +0,1) waren, war das Plus schon klar höher als beim BIP angesetzt. Zum Glück rechnet das BLS die 3-Monatssteigerung auch auf das Gesamtjahr hoch und das wird dort mit 3,5% (!) angegeben (BLS.gov, Consumer Price Index News Release (Tabelle 2). Das *müsste* eigentlich im BIP erfasst sein ...

Gut, die Verbraucherpreise bilden jetzt nicht die gesamte Wirtschaft ab. Es werden ja auch jede Menge Produkte hergestellt, die nicht an den Endverbraucher verkauft werden. Diese liegen dann erstmal auf Lager, werden exportiert, etc. pp. Also lohnt sich ein Blick auf die Großhandelspreise, die die Preissteigerung bei solchen Produkten besser erfassen sollten. Wenn wir uns die Dezemberzahlen anschauen, sehen wir +1,1% gegenüber dem Vormonat und eine Jahresrate von +4,0% bei fertigen Produkten, bei den halbfertigen Produkten sogar eine Jahresrate von 6,5%. Also noch mehr als bei den Verbraucherpreisen.

Nun bin ich einigermaßen verwirrt. Ich weiss zwar, dass solche Statistiken oft auf sehr unterschiedlichen Wegen errechnet und aus unterschiedlichen Datenquellen gespeist werden, aber die Differenz zwischen dem extrem niedrigen Preisdeflator bei der BIP Berechnung und den andere Preisindizes ist schon außergewöhnlich groß. Ich bin genauso überrascht wie die Analysten, die vor der Veröffentlichung einen Preisdeflator von 1,6% erwartet haben.

Edward Harisson von Creditwritedowns ist ebenfalls ein wenig ratlos, hat aber wenigstens ein paar Grafiken aus den Zahlen gemacht. Man sieht darin schnell, dass das Nettowachstum nicht so toll war und mit einem "normalen" Preisdeflator auch ein unterdurchschnittliches Wachstum herausgekommen wäre (siehe Creditwritedowns: Really Nominal GDP). Edward meint, dass der extrem niedrige Deflator auf die Tatsache zurückgeht, dass im Deflator die Importe (z.B. Öl) nicht enthalten sind.

Ich hatte in der Ursprungsmeldung folgendes geschrieben:
"Die Importe hingegen gingen stark zurück und sanken um 13,6%. Daraus entstand ein Beitrag zum BIP-Plus von 3,44 Prozentpunkten. Diese Tendenz ließ sich an den sinkenden Handelsbilanzdefiziten der USA schon vorhersehen, das Ausmaß überrascht mich dann aber doch ... Hat wahrscheinlich was mit der Inflationsbereinigung zu tun (Annahme: sinkender Ölimporte bei steigenden Ölpreisen: damit sinkende Importe *nach* Inflationsbereinigung im BIP, aber stabile Importe in der Handelsbilanz, weil da nur die Summe berechnet wird, die aber trotz sinkender Ölmengen durch den steigenden Preis konstant bliebt. Ist aber nur ein Erklärungsansatz, keine Ahnung, ob's stimmt)."
Das war eine wilde Spekulation. Ist die jetzt schlüssiger geworden? Irgendwie finde ich das nicht. Wenn die Ölpreise steigen und die USA deswegen die Ölimporte drosseln, führen die sinkenden Ölmengen zu niedrigeren Importen (und damit einer Steigerung des BIPs), ohne dass der Preisdeflator das BIP wieder drückt? Hä?

Hat jemand eine bessere Erklärung (gefunden)? Ist das eine der statistischen Abweichungen, die sich nicht vermeiden lassen? Hängen am Ende der extreme Lagerabbau  und die stark sinkenden Importe zusammen und beides geht auf die Preisbereinigung zurück?

Kommentare :

  1. Sorry, dass einzige, wofür ich manchmal gut bin, ist nach widersprüchlichen Aussagen innerhalb eines Textes zu suchen. Ich würd dir gerne helfen, aber da geht wohl nix.

    Lustig finde ich übrigens deine Überschrift, da du weiter unten ja schreibst, dass die Verbraucherpreise mit einer Jahresrate von 3,5% gestiegen sind. Und überhaupt, ist Inflation nicht ein Aufblähen der Geldmenge und hat daher mit Teuerung nichts zu tun, außer dass erstere sich in letztlich in letzterer ergießt, sofern nicht die reichen Säcke die Geldmengen in ihren Geldspeichern versickern lassen....

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  2. Die Überschrift bezog sich natürlich nur auf den Deflator, den ich als Zahl des Tages ja auch fett gemacht habe. Dass der nicht ganz widersprichsfrei ist, ist ja klar geworden.

    Zu Inflare: Klar, heisst aufblasen, aber ich benutze den Begriff so wie der Mainstream als Preissteigerung. Ich will ja auch, dass die Leute mich verstehen. Und die Profis wissen halt, dass der begriff eigentlich falsch (hergeleitet) ist, verstehen mich aber trotzdem ;-)

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  3. Inflation ist mit die wichtigste wirtschaftliche Zahl, und am allerschwersten zu messen, da dies nur mit einem Warenkorb geht, welcher sich über die Jahre auch ständig ändert.

    Deswegen ist sie auch am anfälligsten für Manipulationen absichtlicher und unabsichtlicher Art.

    Z.b. die Inflation ex Nahrungsmittel und ex Treibstoffpreise zu betrachten ist für Verbraucher komplett irrsinnig. Auch die Anstiege privater Krankenversicherungen (in den USA und hier) belastet Verbraucher stark(meine persönliche Inflation ist darüber alleine über 1% gestiegen).

    Da Zahlen wie das BIP-Wachtum direkt an der Inflation hängen, halte ich diese Zahlen insgesammt nur für grob geschätzt - genaueres kann man nur für einzelne Branchen sagen (z.B. isoliert Autos).


    Ansonsten sehen die USA-Zahlen recht normal aus: Das vorletzte Quartal mit Lageraufbau (Einkauf der ganzen Chinaartikel), das letzte Quartal mit Lagerabbau und weniger Import (Abverkauf der Chinaartikel im Weihnachtsverkauf, und weniger Nachbestellung da diese Artikel ja erst wieder nächstes Jahr zur selben Zeit gefragt sind). Wäre zumindest ein Erklärungsmodell, das diese Zahlen recht gut erklären würde - ein ganz normaler Weihnachtskaufrausch (mit kleinem Kreditanteil auf der Verbraucherseite). Arbeitsplätze bringt diese ganze Konsum nicht, das sieht man ja an den Zahlen auch deutlich.

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  4. Hallo allerseits,

    Erhellendes gibts (auch) hier:

    http://www.querschuesse.de/eine-gute-portion-heise-luft/

    Grüße,

    Hardy

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  5. ...und hier:

    http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/marktberichte/:das-kapital-wachstumsbeschleunigung-in-amerika/60005746.html

    Gruß,

    Hardy

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  6. @Hardy:

    Tja, die finden viele andere Inkonsistenzen. Die aus meinem Posting erklären die aber auch nicht.

    Ich schätze, dass das irgendwie mit der Inflationsbereinigung zusammenhängt. Bei der Inflation rechnet man scheinbar auf ein Jahr hoch. Die Ölpreise sind 10% im Quartal und damit über 40% im Jahr gestiegen. Sind die Lager nun etwa so hoch wie vorher, wird die (hochgerechnete) Inflation abgezogen und der Lagerbestand sinkt. Genauso bei den Importen: Importe etwa gleich, dann Preisbereinigung darüber und zack: Importe gesunken.

    Bis hierher finde ich das sogar einigermaßen logisch (auch wenn ich nicht verstehe, wieso man eine Inflation auf ein Jahr hochrechnen muss ...). Was ich dann aber nicht verstehe: Warum tauchen diese steigenden Ölpreise im Deflator nicht auf? Man kann die Ölpreissteigerung doch nicht bei Importen und beim Lager berücksichtigen, beim Deflator aber nicht. Oder sehe ich da was nicht?

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  7. @Egghat

    Man kann die Ölpreise(und Lebensmittel) beim Deflator nicht berücksichtigen, weil wir sonst >5% Inflation aufs Quartal gerechnet hätten. Und dann könnte die FED ihre Niedrigzinspolitik, geschweige die QE2-Politik nicht mehr rechtfertigen(die letztendlich die Rohstoffhausse mit ausgelöst hat).

    Außerdem hätten wir sonst womöglich wenig bis kein Wachtum - und das ist schlecht für das Konsum und Investitionsklima.

    So lieber ein bissl mit den Zahlen tricksen, merkt eh niemand.

    PS: Letztendlich ist die Ägypten-Revolte auf QE2 und Niedrigzeins zurückzuführen - ohne die stark gestiegenen Lebensmittelpreise wäre das Tunesische Unruhepotential erst später zur Zündung gekommen. Es hängt viel Zusammen, ohne das man irgendwelche Verschwörungstheorien braucht.

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  8. Das stimmt doch gar nicht. Die USA hat ja schon in den 70ern die ganze Welt verarscht wenn sie vom Goldstandard weg giengen.

    Hier ist eine Egnlische Seite die voll Sinn macht:

    http://www.wtffinance.com

    Da war erst vor ein paar Tage ein Artikel der beschrieben hat wie die USA die Formel zur kalkulierung der Inflationsrate kontinuierlich aendern damit es gut aussieht.

    Hier ist der direkte link:

    http://www.wtffinance.com/2011/02/don%E2%80%99t-be-fooled-by-official-inflation-numbers-and-anticipated-future-inflation/

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